keine Zeit mehr — höchste Eisenbahn oder — Pardon' — wie heißt'S doch gerade?" Er sann nach: „Pustekuchen — es brennt!" Er lachte, winkte: „Servus!", und fort war er.
DaS war 1897 meine erste Unterhaltung mit Löns, den ich seit 1893 bereits als Chefredakteur des „Anzeigers" und vom Anfehen her kannte. Eine zweite Begegnung mit ihm trug mir, als ich sie neidischen Konpennälern erzählte, für einige Zeit den Spitznamen „Bulle" ein, weil es sich dabei um den Bison gehandelt hatte. —- Doch darüber mehr, wenn mir's gelegentlich paßt, weil man sich eigentlich mit Begegnungen späterer Berühmtheiten nicht „dicke" tun soll, anders denn, man sei auch berühmt, um nicht das Odium auf sich zu laden, man wollte durch Sichanhängen an die Rockschöße anderer steigen, und Löns selbst kann nicht mehr wahrheitsgemäß bekunden, daß ich ihm dieserhalb nicht nachgelaufen bin.
Course de Toros.
Von Hans Siemsen.
In Nimes ist Stierkampf.
Stierkampf? Das muh etwas außergewöhnlich Scheußliches sein! Nicht Weil mal ein Torero ums Leben kommt — viele Menschen kommen ums Leben, und kein Mensch braucht ja unbedingt Torero zu werden. Mit den Menschen habe ich weniger Mitleid. Sie kämpfen und setzen ihr Leben aufs Spiel für Ruhm und Geld. Sie wissen: weshalb. Aber die Stiere! Die werden nicht gefragt, ob sie kämpfen und sterben wollen. Und erst die Pferde, die armen alten Pferde! Ich weiß, daß es Schlachthäuser gibt. Aber Schlachthäuser als Amüsement?
Die sehfreudigen Maler, für die auch Blut bloß eine Farbe ist, und die so gern nach dem malerischen Spanien reisen, haben mir gesagt: „Ja, wissen Sie, scheußlich ist es. Aber schön ist es doch!" Wenn sie selber Nasenbluten haben, sind sie die ersten, die jammern. Plötzlich ist Blut doch mehr als bloß Farbe.
Nein, ich mag nicht, ich mag keine Stierkämpfe! Schönheit auf der Basis von Leiden (anderer Wesen), auf der Basis von Grausamkeit — solche Schönheit kann mir gestohlen bleiben! Aber wenn man über eine Sache reden oder gar schimpfen will, muß man sie wohl erst mal kennen, selbst gesehen haben. In Nimes sind Stierkämpfe? Auf nach Nimes!
Von Marseille über Tarascon nach Nimes, das sind immerhin ein paar Stunden Bahnfahrt. Also: früh heraus! Es ist Sonntagmorgen und der Zug ist proppenvoll. Alle diese friedlichen Bürger mit Frauen und Küidern, Butterbroten, Apfelsienen und Rotweinflaschen, alle wollen zum Stierkampf? Pfui!
Es war ein Irrtum. Das Ganze lvar ein Irrtum. Die friedlichen Bürger mit ihren Frauen und Butterbroten fuhren über Sonntag aufs Land zu Großvater, Großmutter, Schwiegereltern und Tanten. Und ich stand ganz allein in Nimes — ein Fremder, der nicht wußte, daß der Stierkampf längst abgesagt war, weil der erwartete spamsche Torero sich den Fuß verknaxt hatte, nicht in der Arena, nicht im Kampf, sondern ganz alltäglich auf der Straße.
Was soll ich am Sonntag in Nimes? Niemes ist eine französische Provmz- stadt mit Sehenswürdigkeiten. Ich kenne französische Provinzstädte-und ich kenne Sehenswürdigkeiten. Und die Provinzstädte ohne Sehenswürdigkeiten sind mir lieber als die mit Sehenswürdigkeiten. Die römische Arena, die riesige alte Ruine, in der auch der Stierkampf stattfinden sollte, naja, groß ist sie, sehr groß. Wieviel Menschen können hier sitzen? „Viermid- zwanzigtausend". Danke schön, Herr Baedeker! Sie ivissen wirklich alles. Bierundzwanzigtausend Sitzplätze. Die alten Römer waren größenwahnsinnig. Nie im Leben ist diese Arena vollbesetzt gewesen! Soviel Menschen gab es hier nie! Die Römer haben dieses Kolossalgebäude hierher gesetzt, um der eroberten Provinz, um den Barbarenvölkern zu imponieren. Künstler haben das nicht gebaut! Ingenieur-Architekten, Kolonial-Bau- meister. Mir imponiert das nicht. Das ist bloß äußerlich groß.
Ich klettere über viernndzwanzigtausend Sitzplätze (alles aus Stein) zu bcm obersten Rang oder Ring hinauf, sozusagen aufs Dach, und sehe in die Landschaft. Eine schöne Landschaft! Nicht von den Rö'mern und nicht von den Franzosen erfunden. Eine einfache, klare, ländliche Landschaft. Straßen, M g ■. Meinberge, Olivenwäldchen,! Felder, Gärten und kleine Häuser in d n erlmutterfarben: rosa, braun, blau, grau und wenig grün. Alles von Eez >e gemalt.
mzn ist nun die pompöse Arena gut, weil sie kein Dach hat, daß man von ihrem obersten Rang aus in diese schöne, klare Landschaft hineinsehen kann. Den Bahnhof sieht man auch. Was soll sch hier in Nimes? Ich werde nach Hanfe fahren, nach Marseille. Ohne Stierkampf.
In Beaucaire ist Aufenthalt und an der Bahnhofsmaner klebt ein Plakat: Grande Course Colossale.
Heraus aus dem Zug! Denn „Course“ heißt hier soviel wie „Course de Toros“. Und „Course de Toros" ist eine friedliche Abart des Stierkampfs. Kein Kampf, sondern ein Spiel.
Beaucaire liegt gegenüber von Tarascon auf dem andern Ufer der Rhone. Tarascon ist eine kleine französische Provinzstadt. Dreihundertundzwanzig Tage im Jahr scheint hier die Sonne. Ein Wein wächst auch. Das merkt man der Stadt, der Landschaft und den Leuten an. Tartarin stammt «es dieser Gegend und hat hier sein Wesen getrieben. Tartarin kennen Sie? Nun also: so ist das hier. Es ist hier, mit Sonne und Wein, Oliven und Tomaten, leichter zu leben als anderwo. Und ein roter Schlips genügt, um sich dicke zu tun. Vor den Toren von Beaucaire, an der Rhöne liegt ein Platanenwäldchen. Da geht am Sonntag nachmittag die Familie hin. Genau wie bei uns. Mutter sitzt im Sand, unterhält sich mit Madame Tartarin und paßt auf den Proviant auf. Die lieben Kinder spielen Räuber und Gendarm und quälen die Tiere, die sie erwischen können. Und Vater spielt Boccia mit Herrn Tartarin. Mitten in diesem Wäldchen liegt der Stolz Beaucaires: die Arena. Keine Ruine, nicht von den Römern erbaut, eine hübsche kleine Arena, vielleicht fünfzig Jahre alt und das ist für eine Arena sehr wenig. Ihr Portal leuchket unter den Platanenbäumen hervor und in ihrer ovalen Manege stehen Platanenbäume am Rand der Barriere entlang. Eine reizende kleine, ländliche Arena. Eine Arena, die in einem Platanenwäldchen liegt.
Hier finden Stierkämpfe statt. Aber ich habe cS besser getroffen. Heute ist nicht „Stierkampf“, sondern „Course de Toros“. Da gibt es keine armen, alten, dem blutigen Tod geopferten Pferde. Und auch dem Stier geschieht nichts Böses. Man hat ihm an jedem Horn eine Kokarde mit fliegenden Bändern befestigt. Er wird in die Arena gelassen. Und nun kann jeder kommen, der will und kann, und muß dem tvilden Stier eine dieser Kokarden abreißen. Wenn ihm das gelingt, dann bekommt er einen Preis und ist in Beaucaire und Umgebung ein berühmter Mann, ein Held. Ganz ungefährlich ist das nicht. Er muß sehr schnell und sehr geschickt sein. Denn der Stier ist böse wie jeder Stier, dem mau zu nahe kommt. ES gibt auch wohl mal eine Verwundung. Aber sie geschieht nicht einem armen, unschuldigen Pferd oder dem Stier, der auch nichts dafür kann, sondern schlimmsten Falls einem vorwitzigen Menschen. Und das ist nicht so schlimm, wie wenn' es einem unschuldigen Tier geschehe. Verletzen kann man sich bei jedem Sport, sogar beim Tisch-Tennis. Und Unfälle gibt es auf offener Straße.
Heute aber geschieht gar kein Unfall, nichts Böses, nichts Häßliches geschieht. Ganz Bemccaire und halb Tarascon sitzt schon in der Arena. „Was sagen Sie," sagt der Pistazienverkäufer zu mir, „hier auf den feinen Plätzen verkaufe ich weniger als unten im Parterre." — Also genau !vie bei uns! — Der Bürgermeister sitzt in der „Fürstenloge“, die es hier nicht gibt. Und neben ihm sitzt der Stadttrompeter. In der Arena stehen ein paar Dutzend Jungens, junge Männer und Familienväter. Die Familienväter halten eine Zigarre in der Hand, sehen zum Publikum hinauf und winken ihren Bekannten zu. „Na, was sagst bit? Hier stehe ich. In der Arena. Gleich kommt der Stier. Soll er kommen! Ich —"
Der Stadttrompeter trompetet einen gutgemeinten, aber etwas komplizierten Trompetenstoß. Eine Tür öffnet sich. Ein unwahrscheinlich kleiner, gefährlich schwarzer Stier erscheint — und die Familienväter sind ver- schwunden. Die Arena ist fast leer. 9hir ein Dutzend junger Männer bleibt übrig — und der Stier. Der Stier ist nur ein paar Schritte weit gelaufen. Nun steht er still, sieht vor sich hin imb ist böse. Er riecht wohl, suhlt ivohl, was da los ist. Er sieht es nicht. Eine Arena? Menschen? Lärm? Böse scharrt er mit seinen festen, kleinen Hufen den Erdboden, daß der Sand, wie man so sagt, aufstiebt. Dann hebt er den dicken, gewaltigen Kopf ein wenig, sieht ein paar Menschenbeine — und prescht los. Und nun begreift man, weshalb die Familienväter so eilig verschwunden sind. Dieser feste, kleine, gedrungene, schwarze Stier ist schnell wie eine Lokomotive, wie ein gutstartendes Auto. Er läuft nicht, er rast los wie eine Bombe, schnellt auf den Hinterbeinen herum wie eine Drehtür und ist im Nu ganz wo anders als man denkt. Eine schöne, gefährliche, kleine Bestie! Wenn er bloß besser gucken wollte! Wenn er den Kopf ein wenig höher heben wollte! Er sieht immer bloß die Beine. Und diese Beine können laufen •— na!
Der Stier ist eine wilde, kleine Tierschönheit. Aber die jungen Leute, die darauf lauern, ihnr seine Kokarden abzureißen, sind schnelle, gewandte, kleine Menschenschönheiten. Ihre Schnelligkeit sitzt nicht wie beim Stier bloß in den Beinen, sondern auch im Kopf. Hübsch haben sie sich zurechtgemacht, mit ihren weißen Hosen, weißen Turnerschuhen, weiß, blau, rosa Hemden, Baskenmützen und kokett wehenden Halstüchern. Lässig lehnen sie an der Balustrade, Helden, die mit dem Tode spielen, und lassen kein Ange von dem wilden, kleinen Stier. Wenn er auf sie zukommt, sind sie mit einem eleganten Schwung jenseits der Barriere. Wenn er nichts ahnt, ihnen den Rücken dreht, laufen, rasen, schnellen sie auf leisen Sohlen auf ihn los — strecken die Hand aus —, und wenn sie merken, daß er kommt, sich herumwirft auf sie zu, biegen sie in elegantem Bogen ab. Er, der Stier, hinterher! Und gerade im letzten Moment bringen sie sich vor seinen bösen Hörnern mit einem wunderbaren Schwung über die Barriere in Sicherheit. Seine Hörner fahren, den Bruchteil einer Sekunde später, krachend in die Balken. Aber schon ist ein anderer herangeschlichen, herangelaufen in kühnem Bogen, in einem wohlabgemessenem Bogen, der ihn, wenn er die Kokarde abgerissen hat, sicher zur rettenden Barriere bringen wird. Aber der Stier hat ihn gesehen, den Bruchteil einer Sekunde früher als vorgesehen war. Und nun geht ein Rennen los auf Tod und Leben. Es wurde vielleicht mit „Tod" enden, wenn nicht die andern wären, die Konkurrenten, die auch auf Preis und Kokarde lauern. Nie habe ich so hilfsbereite Konkurrenten gesehen. Es handelt sich nicht mehr um Kokarde und Preis, es handelt sich nm Tod und Leben. Schreiend, brüllend, mit ihren Halstüchern und Mützen winkend, rasen sie aus ihrem sicheren Versteck auf den Strer los, der dem Konkurrenten und Kameraden auf den Fersen sitzt. Sie bringen sich selbst in Lebensgefahr, um den Konkurrenten und Kameraden zu retten. Der dumme Stier läßt sich ablenken, verläßt seine Spur, verläßt die Spur der beiden Beine, die um ihr Leben rennen, schnellt wie ein Fisch herum, um zwei neue Beine zu verfolgen, die hell und blitzend auf ihn losgeschossen sind. Nun drehen sie ab, so schnell lvie er, und ihr klug, für einen Stier zu klug angesetzter Bogen endet hinter der rettenden Barriere, einen Moment, einen ganz winzigen Moment, bevor sich die gefährlichen Hörner krachend in die Planken bohren. Verdrießlich trabt der Stier von bannen, steht still und scharrt den Boden.
Und plötzlich löst sich aus einer ganz entfernten Ecke ein ganz junger, schlanker, federleichter Junge. Auf unhörbaren Sohlen läuft er geradeaus auf den wütenden Stier los. Ist er wahnsinnig? Will er geradenwegs in die Hörner rennen? Schon hat die schöne, wilde Bestie ihn gesehen, senkt den Kopf und — da schlägt der Junge einen Haken, steht einen Moment, den Bruchteil einer Sekunde, aufgereckt auf den Zehenspitzen, wie eine schlanke Säule, Seite an Seite neben dem Stier, erwischt die Kokarde, setzt mit einem wunderbaren Schwung über den Rücken des Stieres hinweg, kommt mit einem Saldo wieder auf die Füße, rast davon und endet mit einem Hechtsprung, Kopf voran, Füße hoch in der Luft, ein paar Zentimeter vor den Hörnern des heranrasenden Stieres, hinter der rettenden Barriere.
Ist das schön? Ob das schön ist! Sie kennen Fußball-, Box-, Eislwckey- kämpfe? Aber kaum jemals werden Sie dort so viel Schnelligkeit, Kühnheit und Anmut finden wie hier bei den „Coursee de Toros". — Nicht immer ist es so schön. Es ist auch nicht immer ganz harmlos. Aber im Vergleich zum Stierkampf ist es ein nobles, sportliches Spiel. Es werden nicht arme Pferde als Schutzchild mißbraucht, nicht Degen und Lanzen als Waffen/


