GiehenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang $928 Samstag, den 30. Juni Nummer 52
Sonett.
Von August Graf von Platen.
Wer wußte je bas Leben recht zu fassen, wer hat die Hälfte nicht davon verloren im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren/ in Liebesqual, im leeren Zeitverprassen?
Ja, der sogar, der ruhig und gelassen, mit dem Bewußtsein, was er soll, geboren, frühzeitig einen Lebensgang erkoren, muß vor des Lebens Widerspruch erblassen.
Denn jeder hofft doch, daß das Glück ihm lache, allein das Glück, wenn's wirklich kommt, ertragen, ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.
Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und tvageni Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache, und auch der Läufer wird es nicht erjagen.
„Pustekuchen!"
Meine erste Unterhaltung mit Hermann Löns. Bon Georg August Grote, Hannover.
„Verwandte Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande". Heinrich Heine wußte das auch. Aber wenn wir, Hermann Löns und ich, uns auch „nicht gleich im Kote fanden, um einander zu verstehen", so fanden wir uns doch bei den Objekten unserer besonderen Lebenspassion, den Tieren, und zwar erstmalig vor dem Käfige deS Königstigers „Hans" im Zoologischen Garten zu Hannover, dem damals der ernste Direktor vr. Schäff, Dozent für Zoologie an der „Tierärzllichen Hochschule", Hannover, und nachmaliger verdienstvoller Redakteur der „Deutsche«: Jägerzeitung" Vorstand. Und es wehte vor jenem Käfige immer eine scharfe Heinrich Heinesche kotige Ver- stäirdigungsluft. Ich stand mit meiner „Gildemeistcrschen" roten Sckuirdaner Mütze vor „Hansens^ Käfig und beschäftigte mich unter den ab itnb an argwöhnisch zu mit von dem, bei« Gang abkratzenden Reiserbesen auf- blickendeu Späheraugei« des kleinen schmächtigen, rotköpfigcn Raubtierwärters dainit, den rechten Arm hochzuwerfen, um meinen Freund, den Königstiger, zu veranlassen, sich in ganzer majestätischer Größe aufzurichten und seine Vorderprauker« gegen den oberen Steinbogen der Gitterwand zu stemmen. Hans war in seiner Lange dann, von den Hinter- zu den Vorderpranken gerechnet, gute drei Meter lang. Just glückte mir das Experiment, als sich hinter mir knarrend die von einem Schwebegewicht regulierte, innere zweite Tür des Raubtierhauses öffnete und ein schlanker, geschmeidiger Herr in grünem Hute, grünem Anzuge, mit feschem Durchzieher auf der Wange, cintrat und „Famos!" rief. Er beäugte den Tiger wohlgefällig, und ich rief dessen Namen: „Hans! Hans!" Ha««s antwortete, indem er heftig durch die Nase schnob, was sich wie das „Gusfeln" einer Wildsau anhörte und mit kurzen, «nehrinalS schnell aufeinanderfolgenden rhythmischen Luftausstößen verursacht ward. „Sie sind wohl gut Freund mit dem da!" meinte Löns; denn er war der elegante Herr, und als ich chn aublickte und bejahte, nannte er kurz seinen Namen und nahm mit einem leichten Kopfnicken meine korrekte, mützenschwenkende Vorstellung entgegen. „Kann der noch n«ehr?" fragte er mich, auf Hans deutend. „O ja," erwiderte ich, „aber dabei heißt's sich etwa? vorseheu!" Ich lachte ein wenig in inich hinein. „Wieso?" meinte er. „Werden gleich sehen." Ich ahmte Hansens zärtlichstes Rasengeschnaube nach, machte lieblich zischelnd: „Guff, guff, guff!" Hans drehte sich um, kratzte kurz mit einer feiner Hinterpranken den Boden, seine Flanke«« vibrierten unter einen« leichten Druck, und zisch! spritzte ein feiner „Wasserstrahl" zwischen Löns und mir hindurch. „Das «st die höchst verächtliche Visitenkarte des Dschungelprinzen an seine nord- deutfchen Bewunderer!" erklärte ich dem entsetzt znrückgewichenei« Löns. „Großartig"! kam es dann aus feinem Munde; er schlug sich mit der Hand auf den Oberschenkel und blitzte mich mit seinen Stahlaugen bewundernd an. „Kann er noch mehr?" — „O ja", antwortete ich, „schnurren kann er, verliebte, falsche Augen mache«« und sich spielerisch den Kopf an Wand und Gitterstäben reiben!" — „Vormachen!" kommandierte Löns. Ich nahm die Mütze von meinem krausen Wollschopfe, schwenkte sie, die rotlcuchtende, Hegen Hans, rief zärtlich ein ums andere Mal seinen Namen, guffelte, tzwg in gleichem Schritt mit ihm vor dem Käfig auf und ab. Hans reckte lenseits des Gitters lang ben Hals, schnob, schielte, wie verloren, ab unb an »on der Seite und rieb da«««« zärtlich seinen dicken, dreieckigen Riesen- wterkopf rasselnd an den Gitterstäben enüang. .„Jetzt sollen Sie dem ttstigen Schmeichler näherkommen", meinte Löns, „unb sich vor lauter Mbe auffressen lassen". - „Pustekuchen!" erwiderte ich, und Löns erwiderte lachend: „Pustekuchen? Was sind denn das für Drnger?" - „Kuchen, 0,e Fressen zu heiß sind und die man, um ranzukommen, erst bepustten
muß, weil sie einem sonst was pusten". — „Wie Sie dem da?" — „Ei wohl". — „Sagen Sie", forschte Löns, „was sind Sie fm?n Landsmann?" — „Schorfe heiß ich, bin also „Hannoveraner", echter Niedersachse, aber nicht mit Leine-, sonder«« Weserwasser e'dofft, das heißt getauft". — „Weiß ich", sagte Löns, „Schorfe heißt manch ein lustiger Kerl und „dofft" oder „bufft" sind se alle. Ich führe den Namen, den guten deutschen Name«« Hermann" . . . „Weiß ich", fuhr ich nun ebenso fort, „und Fritze auch, Fritz voi« der Seine", um ihm anzudeuten, daß er mir seit Gründung des „Hannoverschen Anzeigers" als dessen Chefredakteur und Woche««plauderer „Fritz von der Seine" längst bekannt war. Diese Kenntnis verdankte ich auf Umwegen einem Reporter namens „von der Sippe", den man fälschlich vielfach im Verdacht gehabt hatte, „Fritz von der Seine" zu sein. Alsdann war mir und meinen Freunde«« der stets „schneidig" daherkommende LönS, vielfach in der Begleitung des Zoo-Direktors oder am Arm einer schlanken und ranken Dame längst dem „Personale" nach aus Rimdfragenergebnisse» heraus bekannt. — Löns „biß" jedoch auf diese Stiftung des „Leinefritzen- Jnkognitvs" nicht, sondern markierte abweisende Verständnislosigkeit gegen meinen „Fürwitz", drehte sich kurz um und schritt zum Löwenkäfig weiter. Nach einigen Schritten fragte er aber doch über die Schulter weg: „Kommen Sie mit?" — Natürlich war ich gleich danach auch vor dem Löwenkäfige. Der alte „Pascha", so hieß der einzige würdige Insasse des Löwenkäfigs, schritt gewohnheitsgemäß auf und ab. „Soll er mal brüllen?" fragte ich SbnS. Er «lickte. Ich begann kurz unb stoßweise: „Ho, ho, ho" durchaus löwcnmäßig zu schmusen. Pascha blieb stehen, sah mich sehr groß an, bemerkte, daß ich nichts Wüstenkönigliches an mir hatte, und setzte seine aufgeregte Gitterpromenade fort. Ich nahm meine Mütze ab, streckte meinen krausen Haarschopf vor, wühlte mit beiden Händen darin und brüllte: „U—ah! nah!" Das zog immer. Pascha glotzte mich erst verwundert an, stellte sich alsdann in Gebieterpositur, senkte den Kopf, sog Luft ein, daß die Flanken schlenkerten, öffnete kreisförmig den Rachen, und gleich darauf erdröhnte, ohrenbetäubend von den Wänden widerschallend, fein majestätisches Gebrüll, dem zuletzt der „Abgesang" mit ruckweisem „Hö—hö—hö!" folgte. — „Blendend!" bemerkte Löns, „reagiert er immer auf den Anhieb Ihrerseits?" „Meistens", entgegnete ich, „mit den Schlußtönen der Löwen- n«ufik „hö—hö—hö", also gleichsam aus der Fermate eines „anderen" (eingebübeten) Brüllöwen heraus, zwinge ich ihn immer zur viel besseren eigenen Arie in den Konkurrenzkampf hinein!" — Löns sah mich eigentümlich nachdenkend an. „Versuchen Sie's, bitte, boch noch mal!" bat er. Ich wiederholte das Manöver, und Pascha brüllte abermals. Doch jetzt mischte sich verwarnend der Wätter ein: „Die Tiere dürfen nicht geneckt werden!" Löns meinte: „Na, weh tuts doch den« alten Herrn dort nicht, wenn er mal brüllt!" — Wir gingen, unb Löns fragte mich: „Nun sagen Sie mal, verehrter Tierpftichologe, wie sind Sie eigentlich auf die Tricks mit den beiden famosen Bestie«« gekomnien?" — „Ans Sympathie, Ueberlegung und Beobachtung: Bei „Hans" ergab sich das Spiel aus einer gewissen Freundschaft heraus; denn ich besuche ihn fast täglich. Bei „Pascha" sah ich, daß er beim Anblick eines Herrn mit starkem, krausem Vollbart zu brüllen auhob, als dieser sich gegen ihn neigte und auf keine Anregung hin „hö—hö—hö" schrie. Ich täuschte mit vorgehaltenen« Haarschopf später einmal die vermeintliche Mähne, ben Banschcbart jenes Herrn, vor, schrie ebenfalls „hö—hö—hö" und hatte Erfolg. Seitdem klappt's regelmäßig." — „Sie scheinen ein guter und echter Tierfreund und für Ihre Jugend ein selten scharfer Beobachter zn sein, das freut mich als Zoologen ganz besonders", bemerkte Löns. — Wir ließen den Waschbären alsdann einen kurzen, blanken Bleistift „ivaschen", de«« er immer wieder hin- und herzwirbelte und dennoch nicht genußfähig z«« gestalten vermochte. Darauf gings zur nächsten „Attraktiv««", z«« „Marlby", dem große«« weiblichen Elefanten, den ich „bitte schön"! und „danke schön!" mache«« ließ. Löns waren diese Experimente von „Fräulein Marlby", welche dabei ben Kopf fentie, ein Vorderbein zurückzog, die Ohren auf- und nieberllappte und vernehmlich durch den Rüssel schnob, ebenfalls gut bekannt. Marlbys Nachbar, Freundchen „Hypopott", das Nilpferd, bekam einige schnell vom Rande der Bassin- einfriebigung abgerissene Grashalme in gebührender, durch das Gitter bedingter gntfernung vor dem breiten Maule emporgeschwenkt unb zeigte uns gemächlich, wie erstaunlich weit es den Rachen zu öffnen vermochte, wobei es seine großen, runden, abgestumpften und recht vereinzelt stehenden, gelben Zahnstangen blicken ließ. — Löns sah nach der Uhr unb fragte habet: „Können die Affen auch was Besonderes?" — Ich erzählte ihm vom „alten Fritz" int runden Käsig, wie der sich Würfelzucker ins Wasser zu tauchen pflegte und aussog, gelegentlich auch ben Fontänenstrahl mit seinem Gesäß zuhielte, plötzlich abspränge und sich an dein darauf unverzüglich wieder emporschnellenden Wasserstrahl ergötzte; wie er, der Pavian, weiterhin Ordnung unter den jüngeren zänkischen Assen hielte, seine spezielleuFreunbe unter ben Besuchern des Gartens mit Handgeben durchs Gitter erfreue, auch mit freundlichem Zähnegefletsch und durch eigentümliches Reiben des Unterleibes mit beiden Borberhänben, wobei er aus kreisrundem Maule und mit vielsagenden Blicken „ö, ö, ö!" (ö kurz ausgestotzen I) riefe, seine ganz besondere Zuneigung auszudrücken beliebe. — „Das müssen Sie tmr gelegentlich auck einmal vorführen!" meinte Löns. „Leider habe ich «etzt


