Ausgabe 
29.9.1928
 
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versprechen, die lebendige wilde Kaizen fraß. Sie guckte die armen wilden Kätzchen recht mitleidig an:Ach!" sagte sie,ihr armen Dinger? euch geht es nicht besser als mir" und gab ihnen etwas von dem Wildschwein zu fressenwenn es möglich ist, will ich euch erretten", und somit trug sie die Tierchen in einen entlegenen Teil des Hauses.

Als es dunkel ward, vernahm sie einige gräßliche Töne; sie wußte nicht, woher; aber auf einmal flatterte mit abscheulichem Geräusch und Gekrächze etwas den Schornstein herunter in die Stube. Willwischen sah mit Angst nach dem Winkel, da glühten ihr zwei runde Augen ent­gegen und knappte es entsetzlich mit dem Schnabel; es war eine unge­heure. riesenhafte alte Nachteule, sie raschelte auf Willwischen zu; aber die floh mit großem Geschrei zur Türe hinaus und schlug die Knochen­türe zu.

Scharmante Frau von Wellewatz!" rief die Eule ihr nach,wie schreckhaft und blöde sind Sie; hat der Herr von Wellewatz mich nicht gemeldet? ich habe Sie gewiß in süßen Schwärmereien gestört; kommen Sie doch wieder herein." Willwischen sagte:Ich will nur Licht an- zünden."Nein, das wäre mir zu naiv," schrie die Eule,ich habe kranke Augen, ich verbitte mir das Licht; allons! kommen Sie herein und bringen Sie mir mein Abendbrot mit." Willwischen goß den Wein, den ihr die Frau Woche gegeben, in eine Schüssel voll Brot und machte so eine kalte Schale, die schob sie zur Türe herein und sagte:Bedienen Sie sich einstweilen, gnädige Frau!" und hielt die Türe fest zu.Delikat! Delikat!" hörte sie die Frau von Euler sagen,aber eine kuriose scheue Person hat sich der Wellewatz geholt, sie muß vom Land sein." Heber solchem Geschwätz fraß die Frau von Euler die Weinsuppe aus und schlief berauscht ein.

Willwischen saß in rechter Herzensangst auf der Schwelle der Haus­türe. Ans einmal hörte sie Gesang im Walde, und der kam immer näher; da sah sie die Fran Woche anspaziert kommen mit ihren sieben Söhnen, und der erste hatte eine blaue Jacke an und sang recht handwerksburschen­mäßig vor den andern her:

Willwischen, liebstes Willwischen mein, Wann werden wir wieder beisammen sein? Am Montag!

Ei, so wollt' ich, daß alle Tag' Montag war'. Aus daß ich bei meiner Willwischen wär'!

Kaum waren sie heran, so sagte Frau Woche:Nun, ihr Bengels, da habt ihr endlich eure Prinzessin; jetzt zeigt eure Künste und macht, daß wir sie sicher nach Haus zum König Haltewort bringen." Dann sagte sie zur Prinzessin:Sieh, Willwischen, ich bin die Woche, und die Jungens sind der Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag."Erzählt nicht so lange," sagte der Montag,wir müssen fort; hast du dein Bündel geschnürt, Willwischen?"Ach, ich will nur die jungen Wildkützchen mit in den Wald nehmen", sagte sie und ging, das Nest zu holen.

Montag trat aber in die Stube, wo die Frau von Euler an der Erde schürf, und nahm sie auf den Rücken und schleppte sie vor den Knochen­palast und nagelte sie mit den Flügeln an das Tor und schrie ihr in' die Obren:Sie können dem Herrn Wellewatz nur alles erzählen, es liegt uns gar nichts dran." Nun wachte die Frau von Euler auf und zap­pelte und schrie gewaltig. Aber die Woche zog mit Willwischen, von den sieben Söhnen umgeben, den Montag an der Spitze, immer in den Wald hinein, und da Willwischen Katzen schreien hörte, dachte sie: das ist gewiß meiner Katzen Mutter, und stellte das Nest in eine Vaumhöhle.

So waren sie bis um zwölf Uhr der folgenden Nacht gegangen, als plötzlich die Frau Woche sich an die Erde legte und lauerte.Aufgepaßt, Montag!" schrie sie,Wellewatz ist nach Haus gekommen, die Frau von Euler hat ihm alles gesagt, er hat die Seine auf die Schultern genommen und wird gleich hier fein."

Kaum hatte sie dies gesagt, als sie auch schon ein Gekrache und ein Geräusch im Wald von Wellewatzens breiten Fußtritten hörten. Da sprang aber der Montag vor, nahm die Feder, die er Hinterm'Ohr hatte, tauchte sie in das Tintenfaß, das er am Gürtel hängen hatte, und spritzte die Feder aus: da entstand ein Tintenklecks zwischen ihnen und dem Wellewatz, wie ein kleines schwarzes Meer. Wellewatz wollte anfangs durchwaten, als es ihm aber zu tief ward, schrie er: ,',Jch komme ohne Laschpapier nicht durch", und lief nach Haus, solches zu holen.

Die Reisenden eilten immer fort, und Dienstag sang an der Spitze dasselbe Liedchen, wie gestern der Montag, nur daß er statt: Am Mon- tag! Am Dienstag! sang. Nachts um zwölf Uhr lauerte die Frau Woche wieder an der Erde und sprach:Dienstag! mache du nun dein Kunststück; der Wellewatz hat soeben sein großes'Löschpapier über den Klecks gelegt; gleich wird er da sein." Kaum hatte sie das gesagt, als sie den Wellewatz bereits ganz in der Nähe singen hörten:

Löschpapier und Fließpapier Und grüne Petersilien!

Da nahm der Dienstag seine Streusandbüchse und streuete sie hinter sich aus, und es entstand auf einmal ein so tiefes Sandmeer hinter ihnen, daß der Wellewatz bis an die Knie einsank.

Ich muß nach Haus und muß mir meine Chaussee holen", sagte er und kehrte wieder um. Nun ging der Mittwoch an der Spitze, und der Dienstag war der letzte. Der Führer sang wieder wie fein Vorgänger, nur sang er: Am Mittwoch! statt: Am Dienstag!

um zwölf Uhr lauschte die Frau Woche wieder und sprach: Geschwind, Mittwoch, mache deine Kunststücke! Wellewatz hat eben einen langen Steinweg über das Sandmeer geschlagen und fährt mit sechs 1tmPle*96t;ippen Extrapost an." Als sie dies gesagt hatte, hörten sie : ichon das Posthorn blasen und den Wellewatz dazu fingen:

* Fahr, fahr, fahr auf der Poft!

Frag, frag, frag nicht, was es kost't!

Spann mirs Willwischen ein, Ich will der Postknecht fein.

Da legte der Mittwoch fein Lineal hinter sich, und sieh da! ein un geheurer Schlagbaum lag quer über dem Weg, an dem die Schimms, gerippe so anrannten, daß sie zu tausend Knochensplittern zusammen­prasselten.

Holla!" schrie ein schnauzbärtiger Kerl, der hinter einem Baum hervortrat,Er fährt wie ein Narr! ich bitte mir den Wegezettel von bet letzten Station aus."Ich habe keinen Wegezettel", sagte W-llewatz Ja, da müssen Sie wieder zurück und sich einen holen " Wellewatz ärgerte sich abscheulich, und weil sein Fuhrwerk zertrümmert war, mußte er zu Fuß zurück. Als er umgekehrt war, kam der Zolleinnehmer z» Willwischen, und sie sah, daß es niemand anders war als der wilde Kater, dem sie seine Jungen gerettet hatte. Er freute sich, daß er ihr habe seine Dankbarkeit erweisen können, und sie zogen weiter.

Nun trat der Donnerstag an die Spitze, und alles ging wie bas vorigemal. Als sie nachts der Wellwatz wieder einholte, steckte der Don­nerstag feine Schreibfeder in die Erde, und es entstand daraus ein großer Wald von entsetzlich großen Gänseflügeln, die immer durcheinander- wehten, daß der Wellewatz nicht durch konnte und wieder nach Hau? mußte, um sich eine Axt zu holen.

In der folgenden Nacht führte der Freitag den Zug; die Frau Woche hörte den Wellewatz den Wald niederhauen.Jetzt, jetzt kömmt er" schrie sie,jetzt mache deine Künste, mein Freitag!" Der Freitag nahm sein Bleistift und machte einen langen Strich an den Boden, der warb sogleich ein breiter wilder Fluß. Der Wellewatz aber war schon entsetzlich ungeduldig, er riß die Kleider vom Leide und schwamm hinüber; aber das Wasser war reißend und trieb ihn weit hinunter.

In der folgenden Nacht, als der Samstag den Zug führte, schrie Frau Woche auf einmal:Er kömmt! er kömmt!" Da stieß der Samstag seine blecherne Federbüchse in die Erde, und es ward auf einmal ein ungeheuer hoher Turm daraus, auf welchen sie alle miteinander hinauf- ftiegen, und da Wellewatz ankam, lachten sie ihn von oben herunter brav aus. Er ließ sich aber nicht irremachen, sondern lief wieder nach Haus um eine große Leiter zu holen.

In der nächsten Nacht kam der Sonntag an die Spitze der Gesellschaft und als die Frau Woche ausrief:Ich höre den Wellewatz schon seine große Leiter heranschleifen", befahl er, daß alle den Turm verlassen unb sich verstecken müßten. Das taten sie; nun legte Wellewatz die Leiter an und stieg oben in den Turm hinein, da nahmen sie die Leiter weg unb machten den Turm zu, unb der Sonntag stieß an den Turm, der fiel um und mar nichts als eine entsetzlich große Federbüchse, worin der Wellewatz stak. Nun sagte der Sonntag:Liebe Prinzessin, liebe Mutter, liebe Brüder! Der Wellewatz ist glücklich gefangen, die Gefahr ist vor­über, lasset uns Gott danken."

Da knieten sie alle nieder und dankten Gott, und Willwischen weint- vor Freuden; denn sie hörten die Glocken ihrer Vaterstadt läuten, so nahe waren sie.

Sie setzten ihren Zug nun fort, und siehe da! der Wellewatz wälzte sich ihnen in der großen Federbüchse nach, was ihnen recht lieb war, denn so konnten sie ihn lebendig gefangen bringen.

Nun zogen sie in die Stadt hinein, und die Federbüchse rollte immer nach. Der König umarmte seine Tochter mit vielen Tränen der Freude; da sie ihm aber sagte, daß Wellewatz in der Federbüchse stecke, sagte er: Ei, ei, mein Kind, wenn er noch lebt, so mußt du wieder zu ihm, weil ich mein Wort halten muß"; ba tat die Prinzessin einen lauten Schrei vor Schmerz und bat den Vater, doch erst darüber nachdenken zu lassen. Das versprach der König Haltewort.

Nach Tisch waren sehr große Lustbarkeiten in der Stadt, alle Hcmd- werkszünfte brachten der Prinzessin Willwischen ein Geschenk; auch ließ der König ausrufen: Wer seine Tochter von dem Wellewatz freimachen könne, der solle begehren, was er wolle. Als die Bäckerzunft eben einen schönen großen gebackenen Husaren von Butterteig vor die Prinzessin zum Geschenk niedersetzte unb alle Über die große Aehnlichkeit mit dem seligen Hüpfenstich lachten, rief der Herold jene königliche Aufforderung aus. Willwischen sah mit trauriger Erinnerung auf den gebackenen Hu­saren und schrie auf einmal aus:O, mein Hüpfenstich! sie haben einen guten Mann in Butter gebacken, und mir war er mehr! O, wenn du noch lebtest, du wärest flink, mir zu helfen; ach, ich habe dich immer geliebt; Hüpfenstich, Hüpfenstich, abgeschiedener Geist, hilf mir!" Bei diesen Wor­ten der Prinzessin sprang der Kuchenhusar auf, und seine Wacholder- augen funkelten, und fein Mund von Rosinen sprach laut und vernehm­lich :Geliebteste Prinzessin! teuerster König! Hüpfenstich lebt noch. Als mir die Haut abgezogen wurde, floh meine Seele bei dem Hosbäcker vorbei, und da dieser gerade meine Figur zum Spott gebacken, kroch ich in den Teig hinein. Da habe ich den gräßlichen Anblick gehabt, wie der Wellewatz zwei Bäckerknechte morgens ohne Brot gefressen."

Da steht der Tod drauf," schrie der König,Viktoria! nun sind wir ihn los." Der Wellewatz sollte mit samt der Federscheide in das Wasser geworfen werden; weil er sich aber immer herumdrehte, so nahmen sie ihn als Mühlwelle, und hat er nachher lange Jahre die königliche Mühle getrieben. Das närrischste ist, daß er immer noch meint, er laufe hinter Willwischen her.

Weil der gebackene Herr von Hüpfenstich durch seine Angabe die Prinzessin gerettet hatte, fragte ihn der König Haltewort, was er zur Belohnung wolle.Die Prinzessin soll mich aufessen", sagte er. Willwis- cfjen wollte nicht, aber er bat so dringend, daß sie ein tüchtiges Stück aus ihm herausbiß. Aber kaum hatte sie es getan, als ein wunderschöner Prinz vor ihr stand unb sagte:Nun ist alles richtig."Ja, es ist mies richtig", rief Willwischen aus und umarmte den schönen Prinzen und der König war es zufrieden und schenkte ihm die Hälfte seines Reiches. Der alte König Haltewort aber heuratete die Frau Woche zur Belohnung ihrer ebeln Handlungen, und die sieben Söhne kriegten jedcr ein Regiment.

eraniwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck unb Verlag: Drühl'fche Aniversitäts-Duch. und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.