Ausgabe 
28.12.1928
 
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Kinderlein ein Gewimmer. Werden die vrlamündischen Kinder sein, nun schon im dritten Jahrhundert lieh der alte Markgraf den ergrauten Schädel noch tiefer hängen und zählte immer wieder an den Strichen ab, wie viel Tage es wohl noch bis Weihnachten sein möchten. Dazwischen erfuhr er vom Schlohhauptmann, daß Mark­graf Kasimir in kaiserliche Dienste getreten unfi nach Ungarn ge­sogen sei. Und da faltete Markgraf Friedrich so inbrünstig zum Gebet die Hände, wie sie sich noch nie geschlossen hatten ... weil es hier eben um ein Gelübde ging. Und Gott schien an dem alten fromm gewordenen Mann Wohlgefallen zu finden. Roch im De- iftniber starb Markgraf Kasimir an der Duhr im fernen Ofen, einen Fluch auf den zerkrampften Lippen, nachdem sein Bruder Johann m Valencia, Gatte der Witwe Ferdinands von Aragonien, weil er deren' Liebesleidenschaft nicht mehr recht Genüge tun konnte, an heimlich beigebrachtem Gift dahingesiecht war. Die Plasfenburg vffnete sich für Markgraf Friedrich just zu Weihnachten.

Da er zaghaft seinen Weg durch die glockenklingende Schnee­landschaft feines Landes nahm, nach zwölf langen Jähren ein plötz­lich Befreiter, und es ihn nach Ansbach zog, wo er fürder einen bescheidenen Hofstaat halten wollte, falls ihm der Etat von seinem zweitältesten Sohne genehmigt würde, kam ihm ein seltsamer, sin­gender Zag entgegen, mit Geigen und Fiedeln, aber von Stecken geleitet. Es waren die zweiundsiebzig Bürger und Bauern von K-tzmgen, denen Markgraf Kasimir die Augen hatte ausstechen lassen. Was sie sangen und spielten, war das Kinderlieb auf die Weihnacht Christi von Martinus Luther, zu dessen neuer Kirchen- sich der alte Markgraf bekennen wollte, nachdem er dessen nützlich und fast tröstlich Predigt oder Unterrichtung gelesen, wie sich em Christenmensch mit Freuden bereiten soll zu sterben. All Viesen armen zweiundsiebzig Männern würde kein Spiegel mehr Dienste leisten, denn ein solcher der Blinden, wann Christus, der Herr, hat geredt: ich werd mein glorh vor den hochweisen ver­bergen und werd es den kleinen verkünden und offenbaren, denn «her mein glory und Ehr sollt untergehen, es mühten eher Stein und Holz reden lernen, auf solches ist aufgericht anzuschauen dieser Spiegel der Blinden, Gott woll uns erleuchten und entledigen von all unfern Sünden.

Kerzen erlöschen.

Bon Peter Warmund.

Dem groh en grünen Baum entströmte sein weihnachtlicher Atem, und die Menschen saßen in einer warmen, betäubten Schwüle; es toaren die Großeltern, die Eltern und der kleine Christoph. Es war yon em halbes Dunkel im Zimmer wie von Aufbruch und Ende. Die Erwachsenen sahen stumm in den Gipfel der Tanne, wo die ober­sten Kerzen schon verloschen waren; die unteren brannten noch, aber sie waren unruhig und flackerten angstvoll, als ahnten sie ihr Sterben, und die zuckenden Lichter fielen und schwanden, die Schatten wurden scharfer und schwächer. Der Abend kam zum Abschluß, die Span­nung des Geschenktifches und des flimmernden Lamettas hatte sich W «ne ruhige und müde Beschaulichkeit gekost.

Christoph lag auf der Erde und hatte sein Kinn vertrauensvoll auf die Wolle eines gewaltigen Teddys gestützt. Er verfiel nicht darauf, - , >-?annengtt>fe[ zu spähen, denn aus ferner Kleinheit war ihm

«ne solche Höhe noch unerreichbar; aber er starrte mit seinen großen, schwarzen Augen auf eins der untersten Lichter, welches ihm eben Vor fernem Gesicht stand. Diese Kerze, zu der er an diesem Abend nach dem Ueberraschungsjubel eine persönliche Freundschaft gefaßt gntte denn stolz und aufrecht behauptete sie sich an der auffälligen Spitze eines Astes verlor schon, und das war wunderbar, von ihrer Majestät. Sicherlich, ihre Genossen hielten sich nicht so wacker, sie hatten nachgegeben, sie tröpfelten und weinten wächserne Tränen. Dogen sich und versanken. Doch die Stolze hatte noch ein wenig von lhrer steifen Würde bewahrt, aber nun begann auch sie schon, zu zerschmelzen, sie wurde unregelmäßig, und von irgendwoher, vielleicht aus den Tiefen der Tanne, von dorther, wohin man nicht deutlich feiten konnte, wo alles in Dunkel und Schatten lag, war wohl eine Hand gekommen, die das Licht angetastet hatte: es krümmte, neigte such, verschied.

Aus, warf Christoph schwer atmend in die allgemeine Stille. Vie empfanden das kleine Wort, das jetzt so unerwartet in ihre Gedanken fiel, gemeinsam in feiner schicksalsvollen Schwere.

Ja. Christoph, ausgebrannt, bestätigte die Mutter, welche der Dichtung seines Blickes schon lange gefolgt war. Aber sieh nur, die anderen brennen noch.

Dieses aber schien dem Knaben nicht wichtig, die anderen küm­merten ihn nicht; traurig schob er sich an den Daum und knetete den Rest des warmen Wachses zu einem rundlichen Gebilde. Jetzt erinnerte nichts mehr an die stolze Schlankheit der Gestalt, es mußte Christoph bewußt geworden fein, denn er sah traurig auf das Werk feiner Finger. Endlich erhob er sich unzufrieden, stellte sich vor den Tisch der Erwachsenen, sah mit seinen großen Augen in die Runde und begehrte zu wissen, warum nun eben dieses eine Licht jetzt aus­gebrannt wäre, es seien doch alle Lichter von gleicher Gröhe ge­wesen?

Der Bater, maulfaul und festesmüde, sah zu den Großeltern hinüber, als wollte er sagen: da seht ihr, was Kinder alles fra- §«i ~ aber die Mutter strich über den schwarzen Scheitel des Knaben: Siehst du, einmal müssen alle Kerzen erlöschen, und es hat eine jede nur ihre Zeit.

Aha, Zeit, machte Christoph, was ist das?

Die Großmutter lächelte gütig über diesen Wissenseifer, die Mutter blickte mit einer kleinen Rührung umher, der Großvater sah starr vor sich hin und dem Bater schwirrten einige akademische Erinnerun- 8«i an Kant und aprioristifche Begriffe durch den Kopf das

Sonnte er aber doch dem Jungen nicht beibringen. Doch der stanV noch da und wartete. Zeit, begann der Bater, nun Zeit ist Leben.

Oder auch Tod, ergänzte der alte Herr.

Richtig, auch Tod, willigte der Vater ein, Zeit ist alles; alles was geschieht, geschieht in der Zeit.

Die Kerze, Christoph, fügte die Mutter hinzu und zog den Knaben an sich, hatte ihre Zeit, in der sie brennen durfte. Sanni mutzte sie versinken, und da war es aus mit ihr. Sieh, auch di« anderen verlöschen schon, so erlöschen sie alle.

Aha, meinte Christoph, ja, das ist Zeit.

Der Baum stand tote ein grauer Schatten vor ihnen, nur noch von unten her wurde er von einigen Lichtern durchschienen. Es rieselte letfe.

Die Radeln fallen, meinte jemand, er streut schon, er wird sich Nicht gut halten.

Aber auch diese prosaische Bemerkung fiel in die Stimmung dev verlöschenden Kerzen wie ein Pochen des Schicksals. Dis auf den Bater, der herzlich nach seinem Bett verlangte, hatte es ihnen allen geschienen, als seien die wenigen Worte, die sie in den letz­ten Minuten gewechselt hatten, von einer hinterhältigen Bedeu- tung gewesen. Sie sahen auf den Knaben, der, leise feinen Teddy streichelnd, großen Auges in die letzten Flammen blickte. Dielleicht bewegte ihn immer noch das Wunder der Zeit, das selbst die Er­wachsenen nicht begreifen konnten. Denn jetzt schien, unter dem Rie­seln der Radeln und dem letzten, verzweifelten Wehen der Achter, die Zeit selbst durch den Raum zu rauschen. Der Knabe saß ruhig und ahnte nichts. Er wußte nicht, daß die Zeit auch fein Haupt firetajelte, tote es die Mutter vorher geliebkost hatte, während et basaß und in die wachsende Dämmerung spähte jetzt war es noch «?,stündliches Streicheln, aber aus dem Streicheln wurde einmal F-mheln, Wehen, Stürmen; auch der Kleine wuchs heran, wie sie selbst gewachsen waren, immer war die Zeit um ihn. die jetzt die Ke^en erlöschen und die Radeln riefeln ließ, und vielleicht würde er spater einmal an diesen Weihnachtsbaum denken, unter dem sie Hm zuerst ihr unentschleiertes Antlitz gezeigt hatte. Sie fühlten die Zett über sich gehen, in zwei Augenblicken übersahen sie, was ge­wesen war und was noch blieb. Sie fühlten, tote die Zeit an ihnen zehrte, während jetzt ein leiser Guß von Radeln plötzlich zur Erde fiel.

llnb sie erinnerten sich: in einigen Tagen begann das neue Jahr aber das schien ganz nebensächlich in diesem Augenblick, in dem, nut Zeit war. Wie sie jetzt alle dasaßen auch der Bater sann ermüdet über das Wort nach, das er einmal gehört hatte: einmal müssen alle Kerzen erlöschen . . . wie sie da versammelt waren unter d«n Dust verzehrten Wachses, der aus dem rieselnden Baume wehte, da uberschlich sie langsam die feierliche Melancholie nach den Freuden des Festes, der fahle Abglanz der Dergänglichkeit. den die Ratur hinter alle Erregungen gestellt hat, tag über ihnen, die Menschen zu warnen, damit sie nicht zu verschwenderisch mit ihren Freuden und Leiden schalteten. Es war auch die große Traurigkeit, welche allem Ende voranschreitet, die aus dem Schatten des Baumes aus fie übergriff: nun war auch dieses Fest aus, der Alltag be­gann, die Zeit lief und zehrte.

fraß. Sie fühlten es plötzlich, als die letzte Kerze Der» flatterte unb fie in einer schweigenerfüllten Dunkelheit blieben, fie suhlten das Ragen des Todes an den Mauern des Hanfes, an den Steinen der Straße; in allen Stuben verlöschten jetzt die Bäume, überall faßen Menschen zusammen und sahen in die Vergänglichkeit der fressenden Flamme.

Dann, mit einem Ruck die Schwermut der Sekunde abschüttelnd, drehte der Vater das elektrische Licht an. Sie sahen sich in die Augen, blinzelnd und etwas verlegen lächelnd, als schämten sie sich dieser unziemlichen Festtagsgedanken ein wenig, und sie sahen auf den Knaben herunter, der sich wie von einem Banne schüttelte und langsam zu seinem Gabentisch ging.

Rein, der ahnte noch von nichts.

Die Silöefterglocfeen.

Von Charles Dickens.

(Fortsetzung.)

31tinertm' ®ir 3ofe^- »Herr Fish, wollen Sie so gut fein, auf«

n H«r ?ish ergriff augenblicklich seine Feder und schrieb, wie ihm Sir Joseph diktierte:

,Privat.

Mein teurer Sir!

' _. 3ch bin Euch für Eure Höflichkeit in der Sache dieses William Fern, von dem ich leider nichts Günstiges sagen kann, sehr verpflichtet. Ich habe mich ihm gegenüber stets im Lichte eines Vaters und Freundes gesehen, bin aber (wie es leider nur zu gewöhnlich der Fall ist) mit Undank und beharrlicher Opposition gegen meine Pläne belohnt worden. Er ist em unruhiger, rebellischer Geist. Sein Charakter duldet kein Er­forschen. Nichts wird ihn dazu vermögen, glücklich zu sein, da er es doch so gut konnte. Unter diesen Umständen gestehe ich, daß Ihr meiner An­sicht nach der Gesellschaft einen Dienst leisten und ein heilsames Beispiel in einem Land geben würdet wo, sowohl um derer willen, die im guten oder im bösen Rus eines Vaters und Freundes der Armen stehen als auch mit Rücksicht auf die irregeleitete Klaffe selbst, Beispiele so' notig sind wenn Ihr diesen Mann für einige Zeit als Vagabunden einsperren ließet, falls sich derselbe, wie er Euch in dem Verhör ver­sprochen hat (und ich zweifle nicht), daß er Wort halten wird), wieder bei Euch einstellen sollte. Ich verbleibe" usw.

Es kommt mir vor," bemerkte Sir Joseph, als er diesen Brief unter« zeichnet hatte und Herr Fish ihn eben versiegelte,als ob dies wahr­haftig eine Derordnung der Vorsehung sei. Am Schluß des Jahres kann