Der Gefanqene von Der Plassenburg.
Eine Weihnachtsgeschichke.
Don Alfred Richard Meyer.
Ist in den Historien gar nichts davon verzeichnet, was sich vor vierhundert Jahren auf der Plassenburg oberhalb Kulmbachs an drei verschiedenen Weihnachtsabenden hintereinander begeben hat — nämlich mit des Markgrafen und Kurfürsten Albrecht Achilles zweitem Sohn, mit dem Markgrafen Friedrich dem Aelteren von Brandenburg. War derselbe nämlich von seinem ältesten Sohn Markgraf Kasimir, den ihm mit siebenzehn anderen Kindern die polnische Königstochter Sophia bescherte, zwölf lange Jahre in ein gar dunkles und enges Turmgemach getan — wie es in der Ent-- fagungsurkunde auf Pergament unterschrieben zu lesen ist, deshalb: „Aus merklicher Notdurft und Schwachheit seines Leibes, zur Ver- hütung ferneren Unrats und Schadens habe er bedacht, daß bisher seinem Fürstentum, Land und Leuten nicht ein kleiner, sondern ein großer Schaden zugewachsen und künftig noch größer gedeihen möchte; dem zuvorzukommen, aus Pflicht gegen seine Kinder, zum Besten des Allgemeinen habe er seinem Sohn Kasimir für sich und seine Brüder sein Fürstentum, Land und Leute recht und redlich mit wohlbedachtem Mut und zeitigem gehabten Rat übergeben, alle Untertanen ihrer Pflicht losgezählt und an ihn gewiesen" Ist die alte Kulmbacher Linie der fränkischen Hohenzollern bald darauf mit Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg erloschen; war die Plassenburg in einen elenden Schutthaufen verwandelt, von den Franzosen vollends 1808 geschleift, um als Zwangsarbeitshaus für männliche Sträflinge mit Teppichfabrik und Wollmafchinenspinnerei auf unsere Tage zu kommen; ist auch allhier das Archiv für das Fürstentum Bayreuth aufbewahrt worben.
Markgraf Friedrich von Brandenburg lauschte in seinem dunklen und engen Turmgemach auf. In der Stube der Landsknechte war wiederum ein Lärmen aufgestanden. Das war des Würzburger Jörgls Stimme und das der Langheinitz und das der Fetzer, die sich da anbrüllten. Muhte eben eine leere zinnerne Weinkanne derb an die Wand geflogen fein. Hatten sie wieder beim Würfeln das Keilen gekriegt — wie gestern, da sie den Markgrafen den Gulden abgewonnen hatten, den Gulden, den ihm der Schloßhauptmann Konrad Boß von Flachslanden, der gute, mitleidige Mann, ihm ausdrücklich zum Beispielen geschenkt hatte, etwas Kurzweil in feine schwere Einsamkeit zu bringen. Und da war auch des Schloß- Hauptmanns Helle Stimme wieder und zerbrach jäh den Zank der Streitenden: „Heute, da wir auf die Weihnacht Christi, unseres Herrn, ein fröhlich Lied anheben sollten ....“
Der Markgraf zuckte zusammen. Die Dunkelheit um ihn in dem finsteren und noch enger zusammengedrückten Turmgemach griff schmerzhaft mit Krallen nach ihm. Dor seinen weit aufgerissenen Augen flimmerte es bunt und ward ein Leuchten, das dennoch kein Licht, ein inbrünstig ersehntes, werden sollte. Herr Konrad Botz von Flachslanden — wenn er ihn rufen würde ... Näherten sich harte Schritte den Gang entlang. War es, die eiserne Klappe in der Tür für abendliche Speise und Trank zu öffnen? Klirrte der große Schlüssel im quietschenden Schloß. Fiel einer Fackel Schein hell in die Dunkelheit und auf einen glänzenden Gegenstand in des Schlohhauptmanns Hand. ,
„Markgraf — Weihenacht ist, deh sollt auch Ihr billig fröhlich sein, weil Er ist geborn, eur Fleisch und Blut. Er will und kann euch lassen nicht, setzt ihr auf Ihn eur Zuversicht — wie das gesungen hat Im neuen Ton Doctor Martinus Luther, Augustiner von Wittemberg. Ist kein Spiegel der Frauen, der Rhetorik, der Blinden, der christlichen Wallfahrt, was ich Euch da bringe, sondern
eine Purpurdecke auf dem Rücken. Auf ihm war wohl das herrliche Kind gekommen, das in der Krippe lag, vor der Frau Maria singend sah und über die sich Vater Joseph, der unseren Gartenzaun gezimmert und die Rohre unseres Brunnens geschnitzt hakte, sich beglückt und betend neigte.
Da zog der Hirte Anubis seinen großen Schlapphut vor dem Kinde, in dessen Auge schon alles Wissen und aller Schmerz der Welt zu liegen schienen. Der Hirte sprach: „Brüder, Hirten aus Judäa, wir haben den König gefunden!" Und die Engel, die auf dem Dache saßen, spielten in ihren Harfen und sangen Hosianna. Auch wir sangen Hosianna und gaben Herrn Joseph die Hand. Dann ließen wir dem Kinde, was jeder gerade in der Tasche hatte, als Spielzeug zurück. Anubis zog einen blutroten glatten Granatapfel aus seiner Hirtentasche, Sebastian hatte in seinem Lederbeutel ein gbtzerndes Goldkörnchen aus dem Jordansand und ich legte eine seidenweiße Wollquaste von meinem toten Lieblingslamm auf des Jesuknaben Wiegendeckchen nieder ...
Als wir heimkehrten, war die Sonne schon hoch am Himmel, der nächtliche Wunderstern leuchtete noch und der Wind, der uns entgegen« wehte, war wie ein Dufiftrom. Auf dem Jordan zog eine gelbe Segelbarke. Sie war voll Engel, die Hörner und Tuben bliesen und von der Spitze des Schiffes wehte eine blaue Fahne mit mit der Feuerschrift: „Hallelujah, das Christkind ist geboren. Und die Hirtenkinder spielten mit Bällen und Ringen im Gras, die ihnen die Engel auf dem Schiffe zumarfen. Mitten durch die Rosenfelder sprengten Kawalkaden von ■ Mohren vorüber, von den Pferdehufen flog der Staub, ihre Silberbänder flimmerten, ihre Zähne blitzten wie Elfenbein, sie tarnen weit her aus den Wüsten und Märchenstädten des Ostens, sie hatten Weihrauchfackeln angezündet, die sie durch die Luft schwenkten und fie riefen uns zu: „Wo ist der neugeborene König?"
„Im Stall zu Bethlehem", war unsere Antwort... §o voll Wunder und heiliger Dinge ist das Leben der Hirten und glücklich ist es, ein Hirte zu fein, Traumgesichte zu haben, Stimmen aus dem Himmel zu hören, den Gang der Sterne zu ergründen und Gott in der Weihnachtszeit zu finden ...
ein Wunder della vetrana veneziana e muranese der Brüder Dal Gallo, die das Geheimnis der gläsernen Spiegel von dem Matteo Redor erbten. Seid Ihr nicht so allein auf den heiligen Abend. Könnt Ihr ein Sermon von Angesicht zu Angesicht halten, einen Dialogus oder gar eine hübsche Disputation erregen, ein Prog- nosiication machen auf das neue Jahr, Paraphrases anstellen, ob Ihr noch dem Porträt gleicht, das einmal der Beit Hirschvogel von Euch malte, als der Kaiser Maximilian Euch die Derwaltung Veronas übertragen hatte."
DaS war die abendliche Weihnachtsstunde des Markgrafen Friedrich des Aelteren von Brandenburg, da er, so lange die Fackel knisternd wie Festkerzen blakte, höchst laute Zwiesprach mit seinem Spiegelbild hielt. Es gefiel ihm, sich selbst alle möglichen Rollen anklägerisch in den Mund zu legen, zuerst die des Abts Sebald Bamberger von Heilsbronn, dessen Kloster er jedes Jahr, wenn der eigenen Hofhaltung Mittel versiegten, mindestens einmal zu Überfällen Pflegte und mitten in die Prasserei seiner Hofleute im Abteigarten höchst weltliche Tänze anbefahl. Dann wieder hielt er sich selbstquälerisch die verhaßte Maske seines eigenen Sohnes Kasimir vor, und ließ in der Entlassungsurkunde furchtbare Worte sprechen, die Augen stets starr in das Quecksilber-Spiegelglas auf einen großen hageren alten Mann gerichtet, der nun bereits das zehnte Jahr im Gefängnisturm der Plassenburg sah und wohl nie wieder im Leben eine Türschwelle überschreiten durfte. Narrte ihn das zauberische Amalgam der Zinnfolie, das Flackern der Fackel, oder schwankte er wirklich? Krampfig griff seine Hand nach dem Tisch, kriegte ein Buch zu fassen, das der Schloßhauptmann auch noch als Geschenk dahingelegt haben mochte: „Etlich Christlich klein über / Lobgesang und Psalm, dem rainen Wort Gottes gemeh, aus der Hehlgen schrifft, durch mancherleh Hochgelerter gemacht, in den Kirchen zu fingen, wie es dann zum tayl berayt zu Wittenberg in Übung ist. / Wittenberg M. D. XXII1I.“ And da er das Buch aufschlug, war es just die Seite: „Dis find die Hehlgen zehn gebott“; und er las: „Du sollt ehrn und gehorsam seyn dem Vater und der Mutter dehn. And wo dehn Hand ihn dienen kan, so wirstu längs leben Han." Zerschlug der Markgraf, von der neuen lutherischen Lehre betroffen, den Spiegel, zog es vor, weiterhin in stummer Einsamkeit zu leben, die-Tage und Nächte zu zählen, bis wiederum eines Jahres träger Lauf beschlossen war.
War jetzt des öfteren, bedünkte es, zwischen den Mauern ein leises, seltsames Gewimmer, wie von Kinderlein ein Gewimmer, vielleicht von den orlamündischen Kindern, denen Kunigunde, Witwe des letzten Grafen Otto von Orlamünde, eine goldene Nadel durch das Gehirn stieß, um diese vier trennenden Augen für immer zu verlöschen und des Burggrafen Albrecht des Schönen von Nürnberg Gattin werden zu können. Hat seitdem Kunigunde, die weiße Fran über das Grab hinaus keine Ruhe finden sollen und ist stets in Erscheinung getreten, so ein Hohenzvller zum Sterben kam. Soll der Leichnam der Kinderlein unverweslich sich erhalten haben, und ihr Fleisch nicht den Weg der Dergänglichkeit von der Erden zum Himmel finden können und ihre Stimme immer wieder durch die Manern der Plassenburg anllagend gegen die Mutter bis zum jüngsten Tag rufen. Das mußte dieses Gewimmer fein, war es längst für Markgraf Friedrich zur beängstigenden Gewißheit geworden.
Da nun wiederum der Schloßhauptmann Konrad Boß von Flachslanden sich die Tür seines fürstlichen Gefangenen am Weihnachtsabend aufschlietzen ließ, ergoß sich ein ganz anderes, schier seraphisches Licht in des dunklen und engen Turmgemaches Einsamkeit: ein Mägdlein in ganz weißem Kleide war es, das ein kerzen- geschmücktes Tannenbäumchen in den Händen hielt, mild umflutet von einer Musik, die also zum Worte ward:
„Ein kindelein, so zart und fein, Das sol eur freud und Wonne fein.“
Ward es dem Markgrafen ganz anders weihnachtlich denn im Jahre vorher im Herzen. Beide Hände streckte er nach der lieblichen Erscheinung aus, fie fröhlich und herzlich an sich zu ziehen. Reichte ihm da aber der Schloßhauptmann, die Augen bewegt abgewandt, vom Markgrafen Kasimir einen Revers entgegen, von dessen Unterzeichnung die Freilassung abhängen würde: sollte sich der Dater verpflichten, auf die Regierung Verzicht zu leisten, sich an niemand wegen der Gefangenhaltung rächen, vom Hofe feines Sohnes nicht entfernen, ja ohne dessen Erlaubnis nicht aus dem Gemach gehen zu wollen, wogegen ihm der Sohn, damit der Dater lieber darin bleibe, ein gutes Mägdlein hineinlassen, darüber nicht zürnen und sich stellen wolle, als wüßte er's nicht. Bat der alte Markgras sich den schweren Entschluß bis zum anderen Morgen zu- rückstellen zu dürfen und ihm, da es ja Weihnachten sei, das Eng- lein auf die Festnacht gnädig zu belassen. Ging Herr Konrad Boß von Flachslanden stumm aus dem Turmgemach, wohl wissend, daß er am anderen Morgen die Revers-Ablehnung des alten Markgrafen empfangen werde ... mochte das Kindlein jenem für diese Nacht Freud und Wonne fein.
Kam ein noch schlimmeres Jahr über die Lande. Wie s in Hellers Bayreuther Stadtchronik geschrieben steht, ließ der Markgraf Kasimir etlich tausend Bauern durch fein Kriegsvolk hin und wieder im Lande umbringen, zog darnach gen Kulmbach, da ließ er in zweien Tagen vierzehn Mannen von Bayreuth, Pegnitz und Kulmbach die Köpfe abschlagen, ferners aber zu Kihingen ließ er zweiundsiebzig Bürgern und Bauern die Augen ausstechen. Den Weihnachtsengei aber, den er, allzu milder Gesinnung, einmal zu seinem Vater entsandt hatte, lieh er mit einem eben geborenen Kindelein so jart und fein lebendig in der Plassenburg einmauern. War wiederum zwischen den Mauern ein leises, seltsames Gewimmer, wie vor


