Ausgabe 
28.12.1928
 
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SieheimKnnilienblAter

Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger

Jahrgang <928 ßreitag, den 28. Dezember Nummer zor

Weihnachten.

Bon Christian Morgenstern

Das ist die tiefe Glocke, die einmal nur des Jahres schallt, daß fie die Herzen locke mit mahnender Gewalt.

Bis von den Bergen droben besuchen sie im Tal den Ort, das süße Kind zu loben und seiner Liebe Wort.

Das ist die tiefe Glocke, die einmal nur des Jahres schallt, daß sie die Gottheit locke in jeglicher Gestalt.

Hirten auf dem Felde.

Von Anton Schnack.

Hundert seidene und geduldige Lämmer weideten am Hügel im Schatten. Der alte Hirte, ein Vater der siebzig Jahre und der tiefen Scelenstille, stand auf seinen gekrümmten Palmstock gestützt an der zer­fallenen Weinbergmauer und schaute in das Land zu seinen Füßen.

Da lag Bethlehem und rauchte blau aus kleinen Schloten. Dort blitzte die grvßmächtige Stadt Jerusalem mit Glastempeln, Zaubergärten, schäumenden Fontänen, Kristallterrassen, Rosenholzpalästen und mar­mornen Türmen. Durch die kupfernen Tore sprengten die Mohren­könige mit rollenden Trommeln und blutroten Roßschweifen. Die römi­schen Kohorten sprühten Feuer aus den metallenen Brüsten und den gewölbten Schildern. Eine weiße Wüstenantilope jagte scheu und äugend durch die Sykomorengärten. Am Horizont seines Blickes lag der heilige Berg Gold in Wolken. Der fischreiche und legendenhafte Fluß Silber wand sich mit blauen Kreisen um die Olioenflanken. Eine Taubenwolke schattete und blitzte über den Weizengefilden der Täler. Langsam wurde des Hirtenvaters Betrachtung zu einem tiefen Traumgesicht.

. Der Hirtenknabe saß an der steinernen Zisterne, in der sich der Himmel spiegelte und in die der König der Molche mit einem purpurnen Feuerschweif und einer diamantenen Krone bis zu dem jahrtausendalten Kiesgestein des Grundes hinabtauchte.

Jakob war ein guter Hirtenknabe und er hatte Lieblinge unter seiner Lämmerschar. Das eine war das Lamm Schwarzfleck. Es war weiß wie der Schnee auf dem heiligen Berg und flammte wie eine Blüte, wenn es auf der Weide stand. Auf seiner Stirne war ein faustgroßes schwarzes Mal, das wie eine verfinsterte Sonne brannte. Das andere war das Schaf des hinkenden Fußes, das ein wilder Hund einst in den Knöchel gebissen hatte. Seitdem liebt es Jakob mit stiller Barmherzigkeit, da es einen Blick voll inwendiger Trauer zu ihm emporhob.

Die Hirten hatten ihre Hütten in der Jerichoebene. Dreißig Feigen­bäume warfen über den Hof breiten Schatten und auf dem Brunnen­stein saß dunkel wie Abendschatten das Mädchen Miriam und dachte an den Propheten Johannes, der mit gewaltiger Stimme das Tal her­aufgekommen war und die Ankunft eines himmlischen Königs vor­aussagte.

Sie haben ein glückliches Leben. Einmal werden sie von einer Grille beglückt, die am Nachmittagsrain ihre leichte Sommergeige spielt. Ein­mal stehen sie im Schilfgeröhr und Weidengebüsch des Morgenflusses: ein fremdes Schiff ist vor Anker gegangen. Mohren klettern durch die Segelschnüre und ein herrlicher Mohrenkönig steht am Bug und sein Goldschwert funkelt. Im Wasser ist das Spiel der Fische, die mit vio­letten Flossen und eisiggrünen Augen in stummen Rudeln und Ge­schwadern vorbeiziehen.

Manchmal weiden die Hirten in die Abenddämmerung hinein. Kennt ihr den Traumgeruch von Salbei und Lavendel? Am Abend ist er am süßesten und der Hirte steht mitten in den Kräutern und um ihn ist die Luft voll Windgeflüster und Schwermut. Im Himmel über ihm hängt das kristallene Mondhorn. Und der Splitter eines isiernes fällt mit Feuerlicht vor ihm in das hohe Korn.

Manchmal liegt der Hirtenvater in der Mittagshitze im Schatten des Aho nbaumes. Heber [einem braunen und gütigen Hirtengesicht liegt der breitgeränderte Hut. Neben ihm steht der Krug mit Wein in nasse Tücher gehüllt. Es ist Wein, dessen Trauben er selbst gepflanzt, dessen ®ur- Sein er selbst gedüngt und begossen hat. Im Herbste schnitt er Traube für Traube mit seinem geschwungenen Traubenmesser ab und warf sie lachend in die Bütte. Er stampfte sie selbst zu Maische, er preßte sie in der Kelter aus und überwachte das Gären in den Fässern und zog ihn ab, wenn er reif und klar war, in die Weinschläuche, die er sich aus

Esel- und Rindermägen gegerbt hatte. Was er gepflanzt, trinkt er wieder und so wird er immer geheimnisvoller verschwistert mit dem Herzen der Erde, mit den Weinstöcken unter seinen Olivenbäumen, mit den beit« kräftigen Kräutern seines Gartens und dem Gras seiner Weidewiesen.

*

Lächele nicht über seine Gedanken, nicht über sein sinnend hinge, neigtes Gesicht! Denn die Weisheit seiner Gedanken ist tief und von langen Jahren beschattet. Sie lächeln über den Ehrgeiz und verachten die Haft. Er weiß, daß alle Dinge sterblich sind und von kurzer Dauer und rote ein Schalten kaum in der Erinnerung zurückbleiben. Ach auf fernem Rücken Hegen schon siebzig Jahre. Und ihm sind sie wie ein Nichts, wie eine unbewegte Last, die oft und oft schmerzlich war. Zwi- schen Mensch und Natur steht er sagenumwittert, steinalt und verehrt, dessen Auge die Geheimnisse der Gräber und der Sterne enträtselt habe«, der mächtig ist heißer Beschwörungen und gewaltiger Zaubeifprüche.

In seinen Nachtgesichten treten Lichter auf, die noch kein Leuchter spendete, seine Träume sind mit Stimmen von oben erfüllt und mit Stimmen von unten. Sie sagen ihm die Zukunft und entschleiern ihm die Vergangenheit und machen seinen Blick erschreckt und verstehend.

So ziehen sie mit ihren Herden vom Anfang der Sonne bis zu ihrem yaebergang. Unruhig ist ihr Blut und bet aller Unruhe weise. Sie wisse« bte Brunnen mit süßen und heilsamen Wassern, sie wissen die Quelle« und fetten Grassäume, sie wissen die Felshöhlen, wo der Wind nicht hin kann und wo das Gestein wie Kristall und Azur leuchtet. Sie wissen die Gräber der heiligen Männer, die Propheten waren und gottüber- schattete Aufruhrer.

*

Einmal war eine Nacht voll unbegreiflicher Stille, die Grillen waren hinter den Grasbüscheln in einen trägen Schlaf gefallen, die Zikaden schlummerten auf den Feigenblättern und die großen Fledermäuse hatten ihren kreisenden und pfeifenden Flug eingestellt. Die Schafe in den Pferchen rumorten nicht, die Hunde liefe« nicht gespenstisch heulend wie sonst in den Nächten um die Ställe ...

Den Hirten Anubis rief eine Stimme.

Anubis richtete sich auf und horchte. Und zum zweiten Male hörte er wie von oben:Stehe auf, Hirte Anubis!" Durch das runde Dach­loch sah er die Hügel von Judäa unter dem schwarzen Nachthimmel mit Sternen besät, lieber dem Palmenwald sah er die Nacht sich erhelle«. L-cht und Silber flössen über die uralte Stadt Jerusalem, auf der die Pferdehufe der römischen und arabischen Reiter herüberklapperten.

Er erhob sich schnell und mit einem verwunderten Herzen: und al» er aus dem Stalle in die Nachtluft trat, leckte ihm ein Esel die Hand. Em wilder Hase, der an der.Hürde kauerte, machte vor ihm einen Sprung und folgte ihm wie gezähmt. Eine braune Wüstenantilope lief fmneHftcns vor dem Hirten her. Eine furchtbare Helle kam über die Nacht: mitten aus den Klaftern des Himmels stieg ein Stern von un- bekannter Schönheit und warf aus einem riesenhaft gezückten Schweif einen blendenden Schein über die ganze Erde. Der Hirte rief seine Bruder Jakob, Balthasar und Sebastian. Auch ich war aufgewacht und erhob mich, durch mein Bogenfenster flog der Pfeil eines heftigen Lichtes, das den Glanz der anderen Sterne und das Horn des Mondes ver­dunkelte.

Anubis sagte und sein Auge blickte glühend:Es ist der Leuchter eines Königs. Laßt uns feiner Heerstraße entgegenziehen!" Wir zogen voran und ließen die Trommel schlagen und die Hirtenflöten fingen und hinter uns her zog der ganze Troß der Frauen und Kinder auf dem Rucken der Esel und Dromedare. Der Thymian duftete uns entgegen, die Palmen glanzten wie versilbert, eine hochgezackte Stadt stieg in der Nacht auf und auf dem höchsten der Türme blies ein Wächter eine ge­waltige Posaune.

Was war das für ein süßes Jubilieren in der Lust? Unsichtbare Vogelgeschwader mußten die Nacht durchqueren. Nymphen und Zikaden mußten zu Millionen in den Bäumen hängen und ihre schwirrende« Flügel in unermüdlichem Spiel bewegen. Aber es war eine Wolke mm weißen und schneeglänzenden Engeln, wie wir sie manchmal in unsere» H:rtenträumen sahen. Sie kamen aus dem Sternentor und ließen de« Wind durch ihre Harfensaiten klingen. Wir waren weit gezogen, über uns die Geschwader der Engel und das azurene Licht des gewaltige« Sternenleuchters. Da sahen wir plötzlich den Stall von Bethlehem unter dem Olivengeäst und aus allen Türen und Fenster« drang Licht auf uns ein.

Was war das? Wir kannten diese zerfallene Hütte, aus der der Stein bröckelte und das Dachholz fiel. Wer hatte hier feinen Zauber» spuk getrieben? Sie war wie aus Rosenholz errichtet. Sie schien mir wie mit Seide überdeckt. Wer hatte sie warm gemacht mit Dogelflaum und blütenweißer Schafwolle? Ein Engel stand am Herd und buk Aepfel- küchlein. Auf dem Tisch stand ein hoher Krug, aus dem der rote Wein fortwährend überquoll und in die Decher floß. Herrn Josephs Esel halte