Seele Ihn semaks mehr als einen Schnaps trinken sehen. Man -würde es ihm zwar keineswegs verdacht haben, wenn er es getan hätte, aber ihm kam es wie immer vor allem daraus an, die Seelenruhe seiner Mutter nicht zu gefährden. Es machte, wie er oft erbittert zu sich selbst sagte, wenig aus, daß er mit der Zeit ein verschriener Säufer werden würde, da das nun einmal sein furchtbares, unausweichliches Schicksal war — wenn nur das Grab sich vorher über dem Herzen schloß, das ihn liebte! Nur solange, solange, großer Gott!
Er öffnete eine Flasche und setzte sie an die Lippen. Doch sofort ließ er sie prustend fallen. Sie enthielt nichts als Wasser. Die Scherben lagen am Boden, und der Hund kroch herzu und leckte sie ab.
Entsetzt stand Isaak da und versuchte sich klarzumachen, was dieser Possen zu bedeuten hatte. Sein Geheimnis war in den Händen der Wilddiebe.
Eine ganze Weile blieb er so stehen, aber seine wirbelnden Gedanken wollten sich nicht klären. Der Hund drängte sich winselnd an ihn. Er bückte sich, um ihn zu streicheln.
Der trübe Rovembertag begann bereits auf die Neige zu gehen. Plötzlich tauchte wie ein schaudernder Windstoß ein Gedanke aus schrecklicher Ferne in ihm auf. Der Abend nahte — er war schon da — und er hatte keinen Tropfen zu trinken!
Da kam die Trinkertobsucht über ihn: die Angst vor der kommenden Begierde, vor dem marternden Durst. Er schrie laut auf und rannte quer durch den Wald nach der Landstraße, am Försterhüuschen vorbei, dem Dorf, bem Wirtshaus, der Linderung zu! Der Hund lief keuchend neben ihm her.
Als er die ersten Häuser erreichte, leuchteten schon im Zwielicht die Lampen auf. Die wilde Hast, die wachsende Gier hatten jede Fiber seines Wesens angespannt, bis er stöhnte, als ob er physische Schmerzen litte. Er eilte durch die menschenleere Straße nach dem Gasthof. Bor der Tür blieb er einen Augenblick, nach Atem ringend, stehen, dann trat er ein und sagte mit mühsam beherrschter Stimme: „Guten Abend, Herr Picker — einen Schnaps!"
Schallendes Gelächter ertönte aus einer Ecke des schlecht erleuchteten Raums. Um einen Tisch saß im Halbdunkel, umhüllt von Fusel- und Petroleumdünsten, ein halbes Dutzend auserlesener Geister.
Der Förster führ herum und bot ihnen mit krampfhafter Selbstbeherrschung die Stirn.
„Ich stoße dich auf ein Glas, Quint", rief Tom Bunsings Stimme.
„Danke, ich kann selbst bezahlen", entgegnete Isaak voll mühsam rlnterdrückter Wut. Er goß den Schnaps herunter und fühlte, wie sein Gehirn sich beruhigte. „Mit ehrlich verdientem Geld", setzte er hinzu.
„Das hast du auch nötig, um deinen Keller zu füllen", bemerkte eine andere Stimme aus dem Dämmerlicht.
„Pst!" sagte ein älterer Mann.
Isaak stand am Schenktisch, und seine ganze Seele strebte danach, sich der drohenden Schande zu entreißen.
„Geben Sie mir noch einen", sagte er. „Es ist heute abend sehr feucht."
Erneutes schallendes Gelächter begrüßte seine Worte.
„Sie sind heute ja ungewöhnlich durstig, Förster Quint", sagte der Wirt mit vielsagendem Lächeln.
Die Männer in der Ecke saßen lauernd da.
„Hör' mal, Quint." rief Tom Bunsing, „wir sind gute Freunde, weißt du, und meisten es nickt böse! Aber deine Mutter sollte lieber reinen Mund halten."
„Halt du den Mund", sagte Isaak.
Der Wilddieb sprang fluchend auf und kam auf ihn zu.
„Noch einen," sagte Isaak ruhig, „und dann gehe ich."
Aber diesmal lachte niemand. Die Männer hatten sich um dir beiden geschart.
„3d) sage dir," begann Bunsing, „deine Mutter —"
„Wenn du ihren Namen hier noch ein einziges Mal nennst, schlag' ich dich nieder", sagte Isaak und schob sein leeres Glas zurück.
Der andere lachte trotzig, obwohl er einen Schritt zurücktrat.
„Deine Mutter —"
„Hast du noch Wünsche?" fragte Isaak, als Tom Bunsing wieder auf die Beine kam.
„Hört mal, ich will hier keine Prügelei haben", schlug sich der Wirt zornig ins Mittel. „Macht alle miteinander, daß ihr rauskommt, und zahl' es ihm draußen heim, Tom!"
,Zch werd' es ihm. ein andermal mit Zinsen zurückzahlen", sagte der eingeschüchterte Held, indem er sich die Stirne rieb.
'Aber keiner wich vom Platz.
„Wenn du es willst, wirst du mich schon finden", entgegnete Isaak. „Hören Sie, Picker, wickeln Sie mir eine Flasche Genever ein! Hier ist das Geld."
Sie sahen alle zu, während der Wirt bei der Arbeit war. Isaak schob die Flasche in die Tasche seiner Jagdjoppe.
,Hört mich an, Jungens," sagte er mit leiser aber klarer Stimme, „ich — ich bin ein redlicher Mann. Ich habe keinem von euch jemals etwas zuleide getan. Meinetwegen will ich mich mit jedem von euch prügeln, der es wünscht, obwohl ich nicht weiß, warum. Aber ohne Messer!" Er wandte sich an den älteren Manin „Bost," sagte er, „sorg' dafür, daß sie ein Einsehen haben und meine Mutter verschonen. Sorg' dafür, daß es meiner Mutter «richt zrr Ohren kommt. Für euch ist es ein Spaß — ein Hauptspaß, mit dem ihr mich uzen könnt. Aber damit hat es Zeit. Sie ist eine alte Frau," — seine Stimme nahm einen verzweifelten Klang an — „bringt die Sache nicht herum — jetzt noch mw! Jungens denkt an eure eigene — nein, das ist etwas anderes. Hier steh ich, macht mit mir, was ihr wollt, aber laßt es ihr nicht zu Ohren kommen!" •
_ andern standen unbeholfen und boshaft lächelnd beiseite, aber Jan Bost trat vor.
Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl
„Es gibt in der ganzen Rachbarschaft kerne Seele, die deine Mutter nicht ehrt, Quint. Sie ist 'ne mutige Frau und hat nrich auf zwei Tage in, Lock- gebracht. Keiner wird das Herz oder den Mut haben, in ihrer Gegenwart auch nur 'n Wort gegen dich zu saqen. Hier, gib mir die Hand und geh nach Hause."
Der Förster trat schweren Herzens den Heimweg an. Er kaute beim Gehen Tabak, um den Alkoholgeruch niederzuhalten. Er mußte einen neuen Versteck für seinen Schatz suchen. Es war fast neun Uhr, als seine Mutter ihn einließ.
„Was für ein sonderbarer Sonntag!" sagte sie. „Wo bist du gewesen?" Um aber nicht den Verdacht von Mißtrauen ober Vorwurf zu erwecken, fuhr sie fort: „Glaube nicht, daß ich hinter dir herspioniere, Isaak. Lieber Gott, ick- weiß ja, daß du verliebt bist. Aber vielleicht ist das auch nur so ’n Einfall von mir. Sie ist ein liebes und gutes kleines Ding." Sie setzte das sorgsam warmgehaltene Abendessen auf den Tisch. „Sagen könntest bu’s mir aber eigentlich doch, Isaak", fügte sie mit sanfter Inkonsequenz hinzu. „Ich bin deine Mutter und habe das Recht, es zu wissen. Manchmal denke ich, daß du Angst hast, es mir zu sagen, weil du fürchtest, ich könnte es mir zu Herzen nehmen ober eifersüchtig sein. Junge, du solltest mich dock) wirklich besser kennen!"
„Aber Mutter, es ist ja gar nichts los", wandte er ein und tat, als' ob er äße.
Sie stellte sich vor ihn hin und stemmte die. Arme in die Seite. „Du bist gar nicht verliebt?" fragte sie.
Er hatte ihr niemals gerade ins Gesicht gelogen. „Ich sagte dir doch schon, daß ich nie heiraten werde", erwiderte er.
Sie lachte leise und beglückt. „Das sagen sie alle, achr ober vierzehn Tage eh' sie freien gehen", sagte sie. „Schön, Isaak, aber merke dir ein«: Laß ihre Mutter nicht vor mir wissen, baß bie Sache ab gemacht ist."
„Ich werd' es mir merken", entgegnete er. „Aber wenn ich dir das verspreche, mußt du mir auch etwas versprechen, Mutter."
„Schon gut", schrie die Elster.
. „Ra, was denn?" fragte die Witwe, sanft und befriedigt.
„Laß Tom Bunsing in Ruh'."
„Ich soll Tom Bunsing in Ruh' lassen!" wiederholte sie, und alle Fröhlichkeit verschwand plötzlich aus ihrer Stimme. „Meinst du damit, daß ich Baßet nicht sagen soll, ich hätte ihn mit zwei Fasanen angetroffen?"
„Ja."
Die Witwe stützte eine Hand auf den Tisch. „Mein eigener Sohn bittet mich, unfern Herrn zu betrügen?" sagte sie.
„Nein", erwiderte Isaak befangen. ,Zch werde melden, ich hätte ihn verwarnt. Auf deine Fasanengeschichte hin kann er doch nicht überführt werden. Mutter, ich möchte ihn nicht zur Verzweiflung treiben. 3d) bin bange vor ihm."
„Bange!" wiederholte sie voll unverhohlener Verachtung. „Bange vor deinem Nebenbuhler? Oh, Isaak, das ist es nicht — verzeih' mir, lieber Junge! Ich verstehe schon.. Dummes Zeug, mir wird er nichts antun, Isaak. All die Jahre hindurch hat ja keiner von ihnen mich auch nur angerührt."
„Laß ihn in Frieden, Mutter. Ich bin der Unterförster. Es ist meine Sache." Er sprach lauter als er wußte.
,Lsaak, so hast du noch nie mit mir gesprochen!" Ihr lebhaftes Auge blitzte.
„Ich will jetzt auch nicht ungebührlich mit dir sprechen. Es ist nicht meine Schuld, wenn du dich in meine Angelegenheiten mischst--’
„Schweig still!" Sie wartete einen Augenblick. .Ich gehe zu Beit", sagte sie und verließ das Zimmer.
3.
Schon nach wenigen Tagen wußte — mit Ausnahme einer einzigen Seele — die ganze Nachbarschaft, daß der hübsche, allgemein geachtete junge Unterförfter — Quint, der Sohn der alten Witwe, Isaak -Quint — sich "insgeheim dem Alkoholgenuß ergeben hatte. Nun wurde der Genuß geistiger Getränke zwar nicht als eine Sache, auf die man stolz war, aber andererseits doch auch nicht als Gegenstand allgemeinen Tadelns und Aufhebens angesehen: aber die Heimlichkeit, der versteckte Vorrat und der Streich, den man dem „Heuchler" gespielt hatte, gaben vereinten Anlaß dazu, ihn mit Hohn und Spott zu überhäufen. Besonders ergrimmt war der Gastwirt Picker, der sich als um einen gerechten Verdienst betrogen ansah und öffentlich die Ueberzeugung äußerte, Jsaa! habe den so sorgsam versteckt gehaltenen Alkoholvorrat gestohlen. Dieft Annahme wurde im Dors abgelehnt, dagegen war man der Ansicht, daß der Förster, den noch niemand berauscht gesehen hatte, sich von Kindesbeinen an dem Trunk ergeben haben müsse. Durch Wochen und Monate hindurch lebte der Missetäter in einer Atmosphäre zorniger Verspottung. Die lang befürchtete Enthüllung war eingetreten. Er trug R klaglos "und war zufrieden, wenn er abends bei der Heimkehr von der Arbeit nur auf dem Antlitz feiner Mutter den unveränderten Wilkommen gewahrte. ..
Wenn! — Daran hing die tägliche, bie stündliche Spannung, die sein Dasein zu einem ununterbrochenen Schrecken machte. Jeden Augenblick konnte der Schlag herniedersausen. Daran dachte er, wenn er auei im Walde ober mit seinen Kollegen bei der Arbeit war, wenn er ve Tagesanbruch seine Befehle empfing und wenn er in der Stille oe Nacht auf Wache stand. Eben jetzt, während er im lärmenden Min* haus über einen Witz lachte, konnte das verhängnisvolle Wort zu V> j fallen. Wem« feine Mutter unter vier Augen mit einer Nachbarin fprw zitterte er. Eines Abends, am Anfang feiner Qual, kicherte sie pto«< > über dem kleinen Lokalblatt, das die Leute „Alte Klatschbase" zu neu pflegten. „Dl), hier steht eine drollige Geschichte", sagte und las die für den Druck zurechtgestutzte Geschichte von dem „Betrogenen früger" vor.
_____________________(Fortsetzung folgt.)___________ ____ sche Unkversitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Giebe"-


