durchzuschlcichen. Es ist lautlos in ihnen. Mein Schritt ist ost allein. Ich komme zu Treppen und diese Treppen sind wie geschliffen und machen den Eindruck von Eis. Kaum setzt sich der Fuß darauf, rutscht a ab. Löcher die Türen. Löcher die Fenster. Wo sie offen sind, sticht der Blick in ein unabtastbares Dunkel. Wer auftaucht in einem solchen Höhlenquadrat, hat ein verschleimtes Gesicht, eine bleiche Farbe, ein traumloses Auge; so eine Grabesluft in den Lungen muh die Körper ver- «. Darüber der ruchlose Himmel, der auf die Dächer sich feuert und alkbewurf an den Mauern sengt.
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Ich schmecke Rauch. Ich schmecke ausgeschütteten und gärenden Wein. Ich schmecke Dung. Ich schmecke Zwiebelfaft. In meine Rase stopft sich Aasgeruch. Ueber die Zunge kommt ein Geschmack wie er in schlechten Herdlöchern hängt. Cs ist unglaublich, wie diese Stadt mit finsterer, ein- gä>rückter und schmutzbeladener Brust sich gegen den Saphirglanz der Bucht wirft, die bald grün wie Gletscherwasser ist, bald blau, und dem Himmel, ohne Wolkenzug, ohne Dunst und Nebelstreifen, in seiner Durchsichtigkeit nicht nachsteht.
Es ist unerhört, wie sich menschliche Energie an die Bergwand gehängt hat: von der Stadt an laufen die Mauern die Wand hinauf, in drohen Zickzacksprüngen hin und her, geradeaus und umkreisen in einer schwindelnden Höhe von dreihundert Meter den Berg, um sich wieder, mit Ausbuchtungen, Toren, Türmen und Kapellen fast senkrecht auf die andere Seite der Stadt zu stürzen. Ein riesenhaftes quadratisches Schwalbennest hängt in der Luft. Die verbissene und kalte Grausamkeit der Bergwand ist durch dreifache Mauergefüge noch unzugänglicher gemacht. Das hängt und fällt nicht ab, obwohl die Erdstöße mit ihren Hämmern schon darauf herumtrommelten. Das hängt einer chinesischen Mauer gleich, angesaucht von der Borawut, die rote ein Brodelbrei sich hier verschroächt, eine unverständliche Gewaltsarbeit. Nicht ausdenkbar das Blut, das über ihre Quadern geflossen ist, der Schweiß der Fron- vrbeiter, die Qualen von zerrissener Haut und zerschmetterten Knochen.
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Man hat sich hier abgeroürgt. Die Völker sind in diesen Feuer- und Felsenkessel geströmt, um sich zu peinigen. Unergründlich ist mir der Kampf, der durch die Jahrhunderte hindurch um dieses fahle, in die Ecke gedrückte, glanzlose Nest entbrannt ist. Eine lange Kette von Inter» essengegenjätzen, von Uebersällen, von Plünderungen, von Besitzergreifungen, von Brandschatzungen verbindet den römischen Legionssoldaten mit dem Infanteristen von S. H. S. Immer wieder ist hier Europa mit Asien zusammengeprallt. Römer, Griechen, Tartaren, Serben, Türken, Venezianer, Ungarn, Bosniaken, Oesterreicher. Franzosen, Russen, Engländer, Montenegriner warfen sich herein, warfen sich hinaus, zerstörten an der Stadt, bauten an der Stadt, sogen sie aus wie ein Polyp einen Fisch mit Genuß und Behagen vom letzten Blut- und Safttropfen tnüeert.
Drei Dinge erschrecken mich sehr: die Herden der Katzen, die Soldaten, die alten Frauen.
Kein Blick um eine Ecke, kein Blick empor an einer Hausroand, kein Blick in ein Fensterloch ohne von einem grünen, giftigen und blitzenden Tierauge getroffen zU werden. Diese Katzen haben nichts Gepflegtes, Deutschfamiliäres, Vertrauliches und Zahmes, es sind Gespenster, bei Subin zu Hause, die Begleiter irgendeines unsichtbaren Dämonen, der seinen Thron im Verfall hat. Die Treppen sind überlagert von ihnen, aus allen Fenstersimsen kleben sie wie Aussatz, es sind elende Körper, langgezogen von Hunger, fleckig und räudig, mit verklebte» Haaren und vom Grind gepeinigt, scheu, mit gesträubten Schwänzen, grau und schwarz wie die Asche, in der sie sich in den Schlaf buddeln; gedrückt und geduckt hüpfen sie die Treppen herunter, vorbei an den alten und sreudlosen Kindern, die mit wissendem Gesicht wortlos die Hand nach einem Dinar Hinhalten. Ein Blick in einen Brorladen: mitten auf dem Berkaufstisch, neben Brot, Papier und Mehlstaub, im Kringel eines Sonnenstrahls zieht eine Katze ihren Leib in die Länge. Die dicke und fahle Bäckerin daneben könnte sie mit einer Armbewegung hinweMegen. Sie tut es nicht. Die Katze reizt ein Flohstich zum kratzen, sie tut es nicht.
Die Stadt ist eine Wabe voll Soldaten. Tritt um Tritt. Um die Weintische haben sie sich mit breiten Armen herumgelegt. Das Schiff hat über hundert junge Mädchen an Bord. Sie können sich nicht satt an ihnen sehen. Sie hocken aus den Treppen, fie lümmeln an den Toren. Sie hängen ihre Köpfe aus den schmalen Mauerritzen. Am Quellbach kniet ein halbes Dutzend nieder und säuft. Alles Bauerngesichter, man Hai ihnen noch nicht viel abgeschliffen, ihr Tritt ist' groß und schwer wie der Tritt des Ochsen am Pflug, hinter dem sie hergingen. Ein Büschel Grün hinter dem Ohr. Eine Blume zwischen den Zähnen, Hand in Hand oft: ihre Naivität bezaubert, sie machen den Geist lächerlich, für den sie den Drillich anhaben. Ihre Knie hat die Hitze eingeknickt, sie haben keine Gebärde, die an Mars erinnert. Es find verkleidete Bauern, Hirten oder Holzfäller. .
Die Schlafenden, auf das Pflaster ausgestreckt, das Gesicht auf dem Stein, die Brust entblößt, zeugen dafür, daß man hier das Blut des Orients in sich trägt. Ich trete über sie und sie wissen es nicht. Ich komme nach einer Stunde wieder zurück und sie liegen noch immer am gleichen weö, Mumien, die in der Sonne zu einem Bündel Leder geworden sind.
Güter, Stacheldraht, Mauern. .
Cattaro macht den Eindruck eines Kerkers, einer hockenden Kase- mattc mit einem Wirrwarr von Dunkelkammern und Zellen. Nichts anderes scheint es gekannt zu haben, als sich zu schützen und zu verewigen. Gegen das Meer, das die Schiffe der Plünderer herantrug. "?9en die Bergpässe, die im Nachtschatten von Völkern überquollen, die Geprassel von Steinblöcken kamen.
„.zwischen Tor und Tor, zwischen Wasser und Wand, gepreßt und iUsammengeschoben, daß ihm fein Atem fast blieb, hat sich Cattaro,
heute wie ein Hunde- und Schalkallaui Kotor geheißen, aus Krieg unb' Erdboden wie ein dunkler Schlupfwinkel erhalten.
Ungetüme sind die Werke. Die Tore verrostet. Die Brüstungen mürb. Sprünge haben das Gesäß der Türme zerrissen. Erdbeben klappern immer wieder einmal und rollen ihren unterirdischen Donner durch die vertrocknete Stadt.
Ich sehe die Kathedrale (angeblich 809), zwei Türme, mehr einer Burg gehörend als der Heiligkeit einer Kirche, nicht hoch: ein Eindruck von Gestutztem; auch stürzt sich der Koloß des Berges vom Hintergründe so auf sie, daß sie aus dem Schatten des kleinen Platzes nicht herausragt. Unter dem alten zerrissenen Stein ihrer Gänge ruht der Heilige der Bucht: der Jünglkna Trifon, herübergerettet durch ein legendäres Martyrium. Einmal im Jahre wird der Heilige vulgarisiert. Sein Martertag schwelgt in einem Festknäuel auf von Maskeraden, Umzügen, Tänzen, Völlerei und Ketten von Gewehrsalven, die die Seeleute der Bocche ihrem Schutzpatron zu Ehren in die Wände der Berge knallen.
Am Kai ist die Markthalle. Haufen von Honigklumpen, bie sich als goldgelbe frischgepflückte Feigen entpuppen, aus denen die Sonne einen rosaroten zähen Saft gekocht hat. Kleine Berghügel von blauen und schwarzen Trauben. Körbe, die auseinandergeborsten find und weiße Trauben in perligen Kaskaden übereinanderstürzen, giftgrüne Kugeln der Wassermelonen, Latinja genannt, die, ausgeschnitten, ein wässeriges, lockeres rosanes Fleisch zeigt, durchzogen von Schnüren ebenholz- schwarzer glänzender Flachkerne.
Die Bauern dahinter sehe ich mir an: halbe Türken, riesige Hinterteile in den blauen Pluderhosen, mit dem Geruch von Ziegen und Böcken im Wams, schepp sitzt der rote Fez auf einem Ohr. Pflanzenhaft haben sich ihre Beine zur Hockerstellung verwickelt. Stoisch thronen sie auf dem Boden. Schweigend. Kaum bewegt. Manchmal ein wenig an der Zigarette fingernd, die sie blitzschnell wickeln. Ihr Bergauge schnellt aus dem Winkel wie ein Vogelblitz, verachtend, dumm, erstaunt, kalt, nicht abzutasten. Im rauschenden Bienen- und Fliegenschroarm schläft ein Bäuerinnengesicht, das aus dem Stein der »erweiterten Bergwand gehauen scheint. Einige kauen weißes Brot. Andere lecken an der schmierigen Haut einer Feige. Es ist eine Luft davor, als würde Obst gekocht.
Der Kai ist arm an vchiffen. Die Bucht liegt do, ein wenig unruhig in einem Nachmittagszug, der von den Berggipseln drückt, und blitzt, wo die toonne darübersteht, wie geschmolzener Bleifluß. Ein gestrandetes Schiff, Kiel oben, auseinanderbröckelnd, liegt im seichten Wasser. Ein riesenhafter Fischleib aus der Ferne, dem die Flossen abgeschlagen sind. Es liegt da feit Jahren. Es wird morgen da liegen. Es wird in einem Jahre noch da liegen. Niemand kümmert dieser Leichnam aus Rost und zersprungenem Holz. Das Wasser gluckst um es herum und die Buben der Schifssknechte werfen von ihm ihre Angeln aus.
An der Hafenstraße stehen die Autos für die hundertzweiunddreißig vtaubserpentinen über die Flanke des Loven und des Goto Brdo. Teuflisch verwegen ist die Fahrt nach Cetinje und über die wilde Sonnen- Hochfläche des Dorfes Njegos.
Ein bleierner Schlaf hat die Stadt eingeschwefell: die Häuser haben tote Augen, die Türen sind zu und andere scheinen es zu sein, weil sie ganz schwarze Gänge haben. Der wachhabende Soldat vor einem Tor kann sich kaum auf den Beinen halten. Die Ecksteine sind wie Schlacken, weißglühend, eben erst aus einem Kessel gespien. Das Bergmassio des Lovöen hat den unerträglichen schein einer Glaswand. Grausam, ein Ungeheuer, bereit zu einem Zuschlag, wölbt es seinen Tierbuckel aus Stein in die fahle, ausgekochte Lust.
Gut, daß das Schiff zur Abfahrt tutet. Ich sehe das andere Ufer, es ist grün und scheint mit seinen Gärten in das Meer zu fließen.
diesem Winterwetter nichts. Was hat er
Frechheit. Ich werde
im Wald erkältet. Ich über Gesundheittrinken es Bähet ganz gewiß
(Fortsetzung.)
was ist denn mit dir? Wie bist du blaß!
„Mein Himmel, Isaak, Du hast dich sicherlich bei werde dir gleich nach Tisch
„Nein, nein, mir fehlt gesagt?"
„Ach, das war ja nur
Die MuiLer.
Novelle von Maarten Maartens.
sagen."
„Mutter, ich wollte, du überließest mir die Sorge für die Forsten!
Ihre magere Wange rötete sich ganz wenig, aber fie rief nur nach dem Hund. Sie wußte sich Isaaks Benehmen nicht zu erklären. Statt behaglich am Sonntagsfeuer ein Schlummerstündchen zu halten, ergriff er die erste Gelegenheit, um auszuspringen und von bannen zu eilen. Die Witwe blieb gedankenvoll zurück und redete nur dann und wann mit der Elster, denn Beppo hatte sich nach beendetem Mahl seinem Herrn angefchlossen.
Nach einiger Zeit kam die lahme Frau Lonkebror herüber, um em wenig zu plaudern, und von ihr erfuhr die Witwe inmitten eines Stroms von Klatschereien, daß Tom Bunsing erklärt habe, er habe die Absicht, Christine Brodel zu heiraten. Denn Tom Bunsing war, obwohl er aus lauter Uebermut roilbbiebte, der Sohn eines kleinen, ober angesehenen Hofbesitzers. ‘
„Ah, jetzt versteh' ich!" sagte Mary Quint zu sich selbst.
Sobald Isaak ben marternd fragenden Blicken feiner Mutter entronnen war, stürmte er durch den stillen Wald nach seinem fernen Versteck Fiebernd vor Besorgnis kam er dort an und steckte die Hand in die Höhlung: sie stieß gegen die Flaschen. Also waren sie doch noch dal
Er lachte laut auf. Es hatte ihm Mühe gekostet, diesen Alkoholvorrat zusammenzubringen, ihn im Marktstädtchen in einer Gegend, in der er völlig unbekannt war, zu lausen und die Flaschen zu zweien oder dreien vorsichtig wegzuschaffen und zu verstecken. Im Dorf hatte keine


