Ausgabe 
28.8.1928
 
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Man fühlt sich, je naher man sie kennenlernt, desto mehr angezogen und lieblich gehalten." Man bringt ihr dies Wort: sie ist beglückt, aber sie drangt erst recht ihn, nicht nach, zehn, zwanzig Jahre läßt sie vergehen ohne den schüchternsten Versuch einer Begegnung, und dabei fühlt sie in jeder Stunde, wie schwer es ist,solch liebende Bewunderung schwei- gend ein ganzes Leben hindurch in sich zu verhehlen". Inzwischen zeigt Cotta, ohne die Namen zu nennen, dem Meister Teile des Briefwechsels zwischen Rahel und Varnhagen: wieder rühmt Goethe in denkwürdigem Brief ihremerkwürdig auffassende, verneinende, nachhelfende Natur". Aber noch immer hält sie sich zurück, bei allem Stolz vor allen anderen sich zu gering fühlend vor ihm.Ich habe Unendliches von ihm ge­habt. er nichts von mir."

zwanzig Jahre bleibt sie ihm so fern und nah. Dann endlich kommt unvermutetnach so langjähriger Liebe und Leben und Beten" der große Augenblick: das Höchste ihrer Wünsche erfüllt sich, sie muh nicht zu ihm gehen Goethe kommt zu ihr, ungeladen, unvermutet, ein wahres Geschenk. Zufällig in Frankfurt, hat er von ihrer Anwesenheit erfahren, und um zehn Uhr morgens kommt er zu ihr.

Der Diener bringt die Karte herauf, Rahel ist im Schlafrock: sie er­schrickt vor dem Glück seiner Gegenwart, sie erschrickt bei dem Gedanken ihres Negliges, ihre Ungrazie. Eine Sekunde lang kämpft die Ehrfurcht der Beglückten mit der Eitelkeit der Frau: aber sie entscheidet aus lauterstem Gefühl undopfert sich" man darf Goethe nicht warten lassen. So kommt sie, nicht ganz convenabel und deshalb verwirrt, eilig herab, ihn zu empfangen fühlt (ganz wie Grillparzer), daß ihr alle die glühenden Dinge, die sie ihm zu sagen Härte, entgleiten. Der Augen­blick ist nicht genützt, nicht in dem höchsten Sinn, mit dem sie ihn erfüllen wollte aber doch, er ist gewesen, er lebt, er glüht ewig in ihr.In einer Sache bin ich in meinem tiefsten Innern gefolgt, mich von Goethe scheu zurückzuhalten. Gott, wie recht war cs! Wie keusch, wie unentweiht, wie durch ein ganzes unseliges Leben durch bewahrt, könnt' ich ihm nun die Adoration in meinem Herzen zeigen." Run hat sie, wie sie lagt,den Rittersckstag empfangen". Ein Leben lang Liebe ist bedankt durch diesen Augenblick.

Noch einmal dann darf sie ihn in Weimar sehen: dreimal begegnet ihm ihre irdische Bahn. Hätte sie nichts als diese Zurückhaltung in ihrer Liebe bewiesen, die mit feinem Herzen wüßten schon um ihren Wert, den hundertfach noch ihr (heute noch unvollkommen bekanntes) Werk bezeugt. Einmal schreibt sie, Goethe seiein Probierstein" und als Probe weiblichster Zartheit, geistiger Klarheit und sittlicher Gröhe hat sie wie keine sie bestanden, vorbildlicher ihrer ganzen Generation, die größte Erkennerin der Werte, die edelste Bindung weiblich wirkender Kräfte. Richt produktiv wie jener, aber in ihrer Rezeptivität ebenso umfassend wie ihr Meister spiegelt sie stärker sein Wesen als alle Dichter und Denker jener Zeit: immer drückt ja Liebe ein Konformes, eine geheime Affinität aus, die sich in höherer Bereinung voll verwirklichen wird. Und vielleicht ist die Zet nahe, wo man in dieser umfassendsten Emp­fängerin, in diesem weiblichen Genius die polare Ergänzung zur männ­lich produktiven, welterschaffenden Gestalt Goethes in reinerem Umriß «ls bisher erkennen wird nicht den Geist vergleichend, aber seine Formung, nicht die Gabe, aber den Sinn, in dem sie geboten war.

Wie es auch sei, das Leben, es ist gut."

Spülfommerglück auf der Dornburg 1828.

Von Dr. Hedwig Fischmann.

Hinter dem burgengekrönten Berge des Saaletales sank die Sonne. Aber als könne der scheidende Spätsommertag sich nur widerwillig lösen von der lieblichen Landschaft, schlang er, noch einmal verweilend, das Wunder eines farbigen Doppelbogens, im reinen Kreise geschlossen, über die unersättliche Lichtsehnsucht atmende Erde. Und das strahlende Auge des weltweisen Greises grüßte von des Lebens letztem, ragendem Gipfel das sinkende Gestirn des Lichtes und fein mystisches Zauberspiel, gesetz­gebundene Wirklichkeit und tiefstes Symbol in ihm erkennend, erahnend. Rückwärts schweifte der Blick über einen langen, wundersam reichen Lebenstag vorwärts in das aufdämmernde Dunkel der Nacht. Auch ihm rundete sich schließend der Kreis des farbenglutenden Lebensbogens.

Einsamkeit und innere Sammlung suchend, war der greise Goethe vor dendüstern Funktionen", mit denen sich das trauernde Weimar zur Leichenfeier des Großherzogs Karl August rüstete, in den grün umhegten Frieden der Dornburg geflohen.Ein wohlwollender Dä­mon" hatte ihm diese Stätte gewiesen, an der er mit seinem fürstlichen Freunde in den mehr als fünf Jahrzehnten gemeinsamer innigster Ver­bundenheit gar oft geweilt hatte. Hier löste sich der Schmerz zu milder Wehmut, besänftigt von der bestrickenden Anmut des Ortes, in seine Schranken zurückgewiesen von dem in eherner Selbstzucht waltenden Herr­schertrieb des Geistes: hier fand Goethe während seines vom 7. Juli bis 1. September dauernden Aufenthalts nach feinem eigenen Zeugnis alles, dessen er in jenen Tagen bedurfte,Zerstreuung der äußeren Sinne, Lange­weile und also Sammlung des Innern, Tagebreite genug, um sich dem Einzelnen zu widmen."

Aus den Räumen der drei Dornburger Schlösser aber, in dessen süd­lichem, erst vor wenigen Jahren vom Großherzog erworbenen, Goethe jetzt als rüstig schaffender Einsiedler hauste, aus den Baum- und Reben­gängen ihrer Terrassenanlagen, die der liebevollen Sorgfalt des auch ihn selber betreuenden Gärtners Stell unterstanden, traten ihm, die Einsamkeit fuß-wehmutsvoll belebend, die Bilder längst abgelebter seliger Stunden entgegen. Von hier war in jenen ersten, wildgärenden Weimarer Sturm- zahren manches leidenschaftlich hingewühlte Zettelchen zu Charlotte v o n s t e i n geflattert, auch sie war nun schon, ein versöhnter Schatten, durch Has dunkle Tor geschritten, das mit Wort und Zeichnung der geliebte« yroii von seinem sehnsuchterfüllten Leben fern von ihr berichten sollte. Dann wieder hatte erin dem überlieblichen Dornburger Schlößchen" Mischen den Rekrutenaushebungen einer mühseligen Dienstreise an den Figuren seinerIphigenie" geposselt, hatte Egmonts nachtwandlerisch am Abgrund schreitende Gestalt ihren Schicksalsweg weitergelritet. Und als der

Abend des Lebens sich langsam auch zu ihm herniedergeneigt, da hatte der alte Merlin", den Urelementen befreundet, sich einspinnen lassen vom Zauberkreis der Burg und in glücklichen Stunden mit den Steinen und Pflanzen dieses Tales Zwiesprache gehalten.

Nun war Goethe in schmerzvollsten Tagen zurückgekehrt zu der erinnerunggeweihten, heilungverheißenden Stätte. Durch das Tor des Schlosses war er geschritten, von dem, ihn im tiefsten ergreifend, die alle lateinische Inschrift den Wanderer grüßte:

Gaudeat Ingrediens, laetetur et aede recedens,

His, qui praetereunt, det bona cuncta Deus! 1608., die der Dichter mit dem deutschen Distichon übersetzte:

Freudig trete herein und froh entferne dich wieder!

Ziehst du als Wandrer vorbei, segne die Pfade dir Gott!" Doch als Goethe nach reich erfüllten Wochen den wundertätigen Bannkreis der Burg verließ, da wandelte er dankerfüllt die Worte in einen Segens­spruch für den neuen Schloßherrn:

Schmerzlich trat ich herein, getrost entfern ich mich wieder, Gönne dem Herren der Burg alles Erfreuliche Gott. 1828."

Und wie des alten Goethe ins Tiefe und Tiefste schweifender Blick dem gegenwärtigen Einzelfalle stets die letzte Symbolik seiner Bedeutung abfragte, so ward ihm hier, ausgehend von jener liebreich den Wanderer grüßenden Inschrift, der Bezirk der. gastlichen Stätte zum Sinnbild des nach endlichen Grenzen abgeschlossenen und doch segensreich fortwirkenden Schaffens des dahingeschiedenen Freundes und Herrn. In jenem tief er­greifenden Briefe, in dem der greife Goethe mit leise leideszitternder und doch so sicherer Hand die Summe dieses reichen Lebenswerkes zieht, zu­gleich dem jungen Fürsten das Gelöbnis treuer Gefolgschaft leistend, steigt ihm aus der ihn umgebenden, durch fünf Jahrzehnte sorgender Pflege emporgeblühten Umwelt die tröstliche Gewißheit empor, sich zum hohen Wort des Weifen erhebend:Die vernünftige Welt ist als ein großes unsterbliches Individuum zu betrachten, welches unaufhaltsam das Not­wendige beivirkt und dadurch sich sogar über das Zufällige zum Herrn erhebt."

Die Briefe desEremiten von Dornburg", dessen Klausur aber durch­aus nicht so streng war, daß sie nicht fast täglich von froh willkommen ge­heißenen Freunden aus Weimar und Jena unterbrochen worden wäre, werden nicht müde, das anmutige Landfchaftsbild mit feinen wohlgepflegten Gärten, den reichbehangenen Traubengeländen und feenhaften Rofen- lauben, aus dem Goethe jene siegreich aller Vergänglichkeit trotzende Ge­wißheit gewonnen, in immer neuenauf dem schwarzgrauen Grunde" dieser Tage erhöhtcren Farben zu schildern, wie fein Auge nicht ermattete, sich an ihm im Wechsel der Tageszeiten, der Witterung, der Beleuchtung satt zu trinken.Hier fragt sich's gar nicht, ob man luftig ist oder fein will, das Ganze ist heiter, munter, verständig, fchön, weitläufig und doch übersehbar", so preist Goethe das traute Asyl, in dessen Schutz er über die Schwelle seines 80. Lebensjahres trat. Was Wunder, daß hier wieder feinealte, wohlfundierte Leidenschaft", die Botanik, neben der Mineralogie und Meteorologie ihr Recht forderte und ihn beim Scheiden von dieser Stätte mit manchen reichen Gaben beschenkt entließ, darunter der mit S o r e t gemeinsam unternommenen französischen Bearbeitung feiner Metamorphose der Pflanzen".

Doch aud) wundersam leuchtende Blüten Goethescher Alterslyrik entwachsen diesem gesegneten Boden in leidvoll verklärten Spätsommer­tagen. Im Anblick des aufgehenden Vollmondes über der Dornburg ent­stehen jene aus tiefstem Schmerz und höchster Seligkeit geborenen Strophen, die, den Faden feines Daseins um Jahre zurückfpannend was bedeuten dem die Unendlichkeit durchfpähenden Seherblick zeit- gebundene Schranken!, anknüpfen an die wunderfcligen Tage, da sich toulcitas und Hatems Gedanken in der Betrachtung des lieblichen Nacht- geftirns zu treffen verschworen. Und so innig verfließt Goethe Gegen­wärtiges und Vergangenes in eins, daß er den fernen Freunden Jakob und Marianne W i l l e m e r die Verse mit der Frage zusandte, ob auch sie, des Entfernten gedenkend, den klaren Vollmond der Augustnacht be­trachtet hätten. Dann wieder formt die gestaltende Bildnerkraft des alten Goethe den Anblick des aus Morgennebelschleiern sich enthüllenden Saale­tales zu einem Naturbilde, in dem das schwingende, klingende Lichtspiel des Aethers in seinen leisesten Zuckungen nachzittert. Mit schönheits­berauschten Lynkeus-Augen geschaut, mit Faustischem Drange ins Letzte, Visionäre gesteigert, zum Rück- und Vorblick geweitet in dem über­schattenden Bewußtsein des nahenden Heimgangs so wachsen die Dom burger Gedichte in dem bedeutsamsten Stück der TrilogieDer Bräutigam" zu dem letzte Goethesche Lebensweissheit enthüllenden, von dankbare« Glücksjubel durchzittcrten Bekenntnis empor:Wie es auch fei, das Leben, es ist gut!"

Und der weife Einsiedler stieg hinab ins Tal von der Dornburger Höhe, sich noch einmal für eine kurze Spanne Zeit der menschlichen Endlichkeit zuzugesellen.

(Tattaro.

Von Anton Schnack.

Id) erschrecke: das Schiff hat angelegt, die irr- und wirrfälige Bvcche di Cattaro ist zu Ende und wird von den Bergen wie ein Sack ab- geschnurt. Der Eindruck ist jäh, fast schmerzlich; weißglühend zerreißen trostlose, brettartige und unerwartete Felswände den ausgekochten Hw' mel. Kaum ein Grün im Gerolle. Tiefe Rillen. Abfallend wie »W' platten. Jach herunterfchiehend. Unweigerlich kalt, nackt, fahl, weiß» Stein.

Dreiviertei des Jahres feuert die Sonne gegen die Glaswand oe- Felsgebirges, das grausam und fchön zugleich ist, Pfeil für Pfeil, " herunter in das düstere Cattaro Pech und Schwefel fallen lassen. ein. Riefenvogel hockt cs am Stock des Steins, greulich verrupft, allem Angesicht, ausgefogen, ausgelaugt, schwarz und schattenlos, e tote Stadt.

Eine Riefenspinne hat hier ein steinernes Spinnennetz siezM« das die Löcher der Gaffen und Tore stechen, gerade so breit, um «