MehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang P28 Samstag, den 28. Juli Nummer 60
Mittägliche Landschaft.
Von Otto E h r h a r t.
lieber den Tälern, Wäldern und Matten Flimmert die grelle, weiß-glutende Luft. Reglos, verhalten dämmert die Welt.
Unter des Ahorns rastlichem Schatten Streckt sich der Schnitter zum Mittagsschlaf. Mohn winkt im Korne ... Hasen und Rehe Grasen vertraulich am Waldesrande ...
Ruhen die Hände, Sensen und Gabeln, Ist aller Wille: Ruhig Gehaben, Stilles Besinnen in süßer Ruh ... Mittag — von fester Arbeit umründet. Mittag — die Hälfte des Schweren getan. Mittag — und nach ihm der kühle Abend ... Seele, bedenke die friedreiche Pause, Stärkend genieße die heilsame Rast.
Daß dir das Ende noch glücklich gelinge, Eh' dich der Abend ins Dunkele ruft ...
Bildnis einer Unbekannten.
Von Alessandro de S t e f a n i.
London, den 11. März 1767. Hochverehrte Lady!
Ich weiß nicht, ob ich den heutigen Tag, an dem es mir endlich vergönnt war, mit Ihnen persönlich bekannt zu roerben, unter die glücklichen ober unglücklichen meines Lebens zählen soll. Wohlwollenden Freunden oerbante ich diese Begegnung; doch meine Verwirrung und Befangenheit war so groß, daß Sie mich sicher für einen Menschen gehalten haben, den man übersehen kann. Ist es so? Vielleicht ist Ihnen nicht einmal mein Raine in Erinnerung geblieben, und ich weiß auch nicht, ob man Ihnen sagte, daß ich Maler sei. Zwar keiner, der in der Mode, und keiner, der berühmt ist. Und da ich Ihnen l)eute kaum ein paar zusammenhängende Worte zu sagen wußte, will ich mich Ihnen hiermit auf etwas weniger banale und eilige Weise nochmals vorstellen. Wie ich bereits erwähnte, bin ich Maler. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, heiße George Romney und stamme aus der Provinz. Seit fünf Jahren lebe ich in London, doch ist es mir bisher nicht gelungen, bekannt zu werden. Es wird mir gelingen. Ich besitze eine unbeugsame Willens- traji, und meine künstlerischen Fähigkeiten genügen, um mir das Morgen zu sichern. Wie Sie sehen, bin ich durchaus nicht bescheiden.
Vor etwa fünf Jahren, an einem Märztag, verließ ich Heimat und Familie, bestieg ein Pferd und kam mit ein paar Sterling in der Tasche nach London. Ich wollte mir Ruhm erwerben und bas Leben kennen- lernen. Beides ist mir bisher nicht gelungen, aber ich verliere nicht den Mut. Ich bin jung, gesund und gehe ohne Zögern meinen Weg.
Während meines Aufenthaltes in der Großstadt habe ich viel Widerwärtigkeiten und Bitternisse erfahren, aber nichts hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht, außer — Ihnen bisweilen zu begegnen. Seit ich Sie das erstemal sah, sucht Sie mein Blick. Ich kannte Ihren Namen nicht, aber ich fühlte, daß ich Sie einst kennenlernen würde, und heute war mir bas Schicksal günstig. Ober sollte es mich auch biesmal zum Narren halten? Cs wird sich zeigen. Indessen wage ich es, das Schicksal herauszufordern und diesen Brief zu schreiben, der das heute geknüpfte Land befestigen ober zerreißen soll.
, Sie werben vielleicht skeptisch über meine Offenherzigkeit lächeln, ober seien Sie überzeugt, es sind keine teeren Phrasen. Es sind Worte der Aufrichtigkeit, die "ein von der Großstadt noch nicht verdorbener "unstler an diejenige richiet, die verstehen müßte, wenn ihre Seele ein ®en,*9 dem Antliß voll Geist und Energie gleicht.
Und bann?
Ich weiß nicht. Mehr kann man bas eigene Schicksal nicht zwingen. «>e werden entweder der Weg sein, der mich zum Ziele führt, ober Witte bitterste Enttäuschung. Beides ist möglich. Rur — lassen Sie mich Mi m Ungewißheit. Ich hasse Ungewißheit wie bie Lüge. Und verzeihen i« die ungestüme Art und meinen unkorrekten Stil. Ich bin nicht chUststeller und stamme nicht aus London.
George Romney. ♦
London, den 21. April 1767.
Teuerste Lady!
> ^n&e. die heute vergeblich zur Weiterarbeit an unserem Bilde ul«»?'« sind nicht gekommen und haben mir auch keine Nachricht
' 1<öt- Warum? Die gewohnten Schwierigkeiten? Und anstatt in
Ihrem Beisein zu arbeiten, schreibe ich Ihnen, um mir vorzutäuschen, ich fei nicht allein.
Doch mein Atelier ist düster und ohne den Glanz Ihrer Augen!
Und meine Kunst — an die ich trotz allem glaube — scheint mir arm, wenn nicht Ihre Stimme mir göttliche Gewißheit gibt. Seit ich Ihnen begegnet bin, habe ich meine frühere Sicherheit verloren, und ich muß nun aus Ihrem Mund bestätigt hören, was ich mir früher selbst sagte, um glauben und kämpfen zu können.
Ist das Siebe?, frage ich Sie. Worte werden wenig zwischen uns gewechselt, und obwohl wir täglich viele Stunden beisammen sind, mir ganz allein, habe ich noch nie Ihre Hand ergriffen, um sie zu küssen, habe ich Sie nie länger betrachtet, als es für den Maler notwendig ist.
Und doch fühle ich, daß Sie mich verstehen und meinem Leben und meiner Kunst unentbehrlich geworden sind.
Aber auch ich verstehe Sie. Ihr Bild gibt mir diese Ueberzeugung. Ich betrachte es, und Sie sind mir nicht mehr fern, ich habe Sie festgebannt durch den Zauber der Kunst.
Bald ist das Werk vollendet, und mit ihm wird mein Aufstieg beginnen. Sie haben es mir oft versichert, und auch ich bin davon überzeugt. Vielleicht werden Sie bann ein wenig stolz sein auf den Künstler, den Sie entdeckt, verstanden und mit ermutigendem Lächeln zum Ruhm geführt haben. Ich werde gleichsam Ihr Werk fein!
Und bann werben Sie mich lieben müssen, wie ich Sie lieb gewann, als Sie mir, unbekannt unb flüchtig, zum ersten Male auf ber Straße begegnet sinb. Aber was schreibe ich ba für törichte Dinge? Wenn Sie gekommen wären, hätte ich nie gewagt, biefe Worte auszusprechen, die zwischen uns nicht gesagt zu werben brauchten ... Aber sie verschweigen, was änbert’s.
Nein, nein — kommen Sie. Alles, was ich für Sie fühle, will ich Ihnen mit Farbe unb Pinsel sagen, nicht mit diesen farblosen Worten, bie jedes Gefühl entstellen und mich anders erscheinen lassen, als ich bin.
George.
London, den 4. Mai 1767. ?
Lady!
Zu meinem Bedauern bin diesmal ich es, ber Sie warten lassen muß. Ich werde heute nicht — wie ich versprochen — Ihrer liebenswürdigen Einladung Folge leisten. Zu vieles hat sich geändert. Sie werden mich für einen Starren halten, aber ich bin heute derselbe, ber ich zum Beginn unserer Bekanntschaft ivar.
In den wenigen Monaten, in denen wir uns nahestanden, hätten Sie meinen Charakter besser kennenlernen sollen. Aber ich mage nichts mehr ovrauszusetzen, feit mir die Binden von den Augen fielen. Sehen Sie mich nicht so erstaunt und fragend an. Nichts Außergewöhnliches hat sich seit gestern ereignet, nur ein kleiner Umstand, der das Wahnbild zerstört, das ich mir von Ihnen gemacht hatte. Sie sind nicht bie, bie Sie scheinen, ober besser, nicht bie, für bie ich Sie hielt!
Die Tatsache ist ganz einfach bie: Ich habe heute morgen durch Zufall erfahren, daß Sie sich in diesem Monat nicht nur von mir, sondern auch von meinem ehrenwerten Kollegen William Perkins malen ließen! Das ist alles.
Die Sache erscheint Ihnen gewiß nicht schlimm. Und sie ist es nicht. Sic haben jenem Maler dieselbe Liebenswürdigkeit wie mir erweisen wollen! Was wäre natürlicher? Und es ist auch verständlich, daß Sie mir gegenüber nie etwas davon erwähnten. Man weiß, daß unter Künstlern nicht immer Sympathie herrscht. Wir hätten über diese Gleick-- setzung gegenseitig mißtrauen und Neid empfinden können. Darum nehme ich an, daß Sie so wenig wie mit mir von William Perkins mit ihm von George Romney gesprochen haben. Alles das ist logisch unb vor allein weiblich, aber es entspricht nicht bem, was die tyraii hätte tun dürfen, deren Bild ich gemalt habe!
Geht Ihre Eifersucht so weit?, werden Sie fragen.
Stein, teure Lady. Das ist es nicht. Zunächst habe ich gar kein Recht, eifersüchtig zu sein unb, wie ich glaube, auch keinen Grund. Ich möchte darauf schwören, daß Sie William Perkins, obwohl fein Wesen bestechender ist als bas meine, nicht mehr zugestanben haben als mir: nämlich nichts.
Und es ist auch nicht Eifersucht des Künstlers, der den Rivalen fürchtet. Ich kenne Perkins Bedeutung und keime die meine. Cs ist nicht möglich uns als Maler zu vergleichen. Heute sind wir beide noch im Dunkel, aber er wird darin bleiben, ich nicht, das ist der Unterfchied.
Sie haben mich in Ihrer Achtung und in Ihrer Zuneigung mit William Perkins auf eine Stufe gestellt! Sie haben zu uns beiden gleiches Vertrauen gehabt! Vielleicht haben Sie ihm mit dem gleichen Lächeln die gleichen "Worte ber Ermutigung gesagt wie mir! Das ist es, was mich kränkt unb mehr noch, unroieberbringlid) das Ideal zerstört, das ich non Ihnen im Herzen trug und mit fo viel Hingebung auf der Leinwand verewigte.


