Ausgabe 
28.7.1928
 
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Die Frau, die ich zu kennen glaubte, und die George Romncy tm Atelier besuchte, war ein seltsames Wesen, voll Intuition und Energie. Sie bedurfte nicht des Urteils der Menge, um meinen Wert und meine Zukunft zu erkennen. Sie hatte ihre Schönheit zur Schöpfung eines Kunstwerkes dargebracht. .

Diese Frau ähnelt Ihnen nicht. Sie Malversuche eines William Per- kins hätten sie ermüden müssen. Sie wäre nicht einen Augenblick im Zweifel gewesen, wer von beiden der wahre Künstler ist. Ich will zu Ihren Gunsten nicht annehmen, daß Sie uns beide für aussichtsvolle Künstler gehalten haben. Das nicht! Einer von uns beiden muhte auf falschem Wege sein, das werden auch Sie erkannt haben. Meine Auf- fafsung der Malerei ist unvereinbar mit der von William Pcrkins. Und wenn jener wirklich eine schwache Hoffnung hegt, einst ein Maler zu werden, jo hätte ich entschieden Seemann werden sollen..

Nein, nein. Sie sind Ihren Zweifeln erlegen, die durch die mehr bürgerliche Lebensform meines Kollegen noch verstärkt wurden. Und auch heute, vor der beendeten Arbeit, sind Sie sich nicht klar darüber, wer den Sieg erringen wird. Denn gestern luden Sie William Perkins zu !ich ein und heute mich.

Oh, da alles in der Welt möglich ist, wird es William Perkms viel­leicht gelingen, eine Art Eintagsruhm vor mir zu erlangen! Alles ist möglich, ... nur das eine mehr: daß Sie identisch sind mit der Frau, deren Bild ich gemalt habe. Diejenige, die William Perkins zu malen versuchte, sind' vielleicht Sie, wirklich Sie. Mein Bild stellt eine Unbe­kannte dar, die keinen Zweifel kennt und keine Lüge, die sichere Pro­phetin, das Sinnbild meines schon errungenen Sieges.

Sie werden nun begreifen, warum ich nicht zu Ihnen gekommen bin und nicht den Wunsch habe. Sie wiederzusehen. Verzeihen Sie, roenn jcb Ihnen auch nicht das Bild gebe. Es gehört mir allein und bleibt in meinem Besitz als Bildnis einer Unbekannten. Sicherlich wird mein Kollege Ihren Namen unter feine Arbeit setzen, schon um die Identifi­zierung zu erleichtern. Wenn ich das Porträt später einmal auf einer Ausstellung sehen sollte, kann cs inöglich sein, dah ich es nicht erkenne, denn schon jetzt erinnere ich mich kaum mehr Ihres Namens. Und wenn ich Ihnen selbst begegne, werden Sie wahrscheinlich eine Fremde für mich fein, denn ich kann mir Ihr Aeußcres nur noch schwer vergegen­wärtigen, jeneswahre" Aeutzcre, dah ich nie gesehen und das mit Ihren Zweifeln übereinstimmen muh.

Ohne jeden Groll und ohne jede Dankbarkeit

George Romney. Maler.

Trotz eifrigster Nachforschungen, an denen ich selbst mich voll Inter­esse und Ausdauer beteiligt habe, ist es nicht möglich gewesen, festzu- stellen, an wen diese Briefe gerichtet sind, noch das Bild zu tdentifizieren, auf das sie anspielen.

Manch einer, der diese Briefe im Original gelten hat, glaubte sie an Emma Lyon, Lady Hamilton geschrieben, aber diese Vermutung konnte vor den kritischen Nachprüfungen nicht aufrecht ersten werden. Es bleibt uns darum nichts anderes übrig, als, wie auch Romney es wollte, diese rätselhafte Frauengestalt im Dunkel zu belassen.

Die drei Briefe, die ein interessantes Dokument für die Psyche des Künstlers bilden, werden hier zum ersten Male der Oeffentlichkeit über­geben. Sie waren den Biographen des berühmten Malers entgangen.

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(Autorisierte Uebersetzung aus dem Italienischen von Stefanie Feinberg.)

Rasputin und die Romanows.

Don Heinz D r e b e m c t> c r.

3n der nächsten Zeit wird in Paris wieder einmal ein Rasputin« Prozeß an alte Dinge rühren. Allerdings handelt es sich nicht um ein strafrechtliches Verfahren, sondern um eine Privatklage, die Rasputins Tochter gegen den Mörder ihres Vaters, Fürst 3ussupoff, eingeleitet hat.

Eine alte Weissagung desPropheten" Seraphim von Sarow verkündete, dah unter der Regierung des Zaren, der um die Wende des 20. Jahrhunderts herrschen würde, Rußland von Elend, Krieg und Aufständen bedroht sei. Rikolaj II. war abergläubisch, mißtrauisch und ängstlich. Schon von den ersten Tagen seiner Regierung an ver­folgte ihn plnheil. Deine Hochzeit mit der Priinzessin Alle von Hessen siel mit der Trauerfeier für seinen Vater, deir Zaren Alexander HL, zusammen. Das Krönungsfest in Moskau kostete 3000 Menschen das Sehen; beim Empfang in Kiew fanden 300 Menschen den Tod in den Mellen des Dnjepr. Unruhen, Katastrophen und Kriege bewirkten, daß der Zar sich immer mehr von allem -Umgang zurückzog und seiner Familie lebte. Ein starker Ring von Beobachtern, Hütern und Spitzeln schloß das 3dyll von Zarskoje Selo ab von allen Einwirkungen, von Besuchern und ungünstigen Rachrichten.

Doch auch in das sorgsam behütete 3dhll fielen Schatten.

Als nach Jahren des Wartens endlich der ersehnte Thronerbe ge­boren war, zeigte es sich bald, daß Alexej an Hämophilie litt,Bluter" war. Cin kleiner Stoß, ja eine ungeschickte Bewegung, gaben Ver­anlassung, dah sich ein innerer Bluterguß bildete, der mit einer blauen Geschwulst und starken Schmerzen auftrat. Oft schwebte der Thronfolger in Lebensgefahr. Rie durste er, wie andere Kinder, oder die Schwestern, umhertollen und spielen. Stets behütete ihn sein Wärter, der Matrose Derewenko, aus das sorgfältigste.

Die Zarin, deren Gesundheit nach den Erregungen des russisch- japanischen Krieges stark erschüttert war, litt namenlos unter den Qualen ihres Kindes, dem sie das Leiden vererbt hatte, denn in ihrer Familie war die Bluterkrankheit heimisch.

Kein Wunder, wenn in solcher Lage das Herrscherpaar zu jedem Strohhalm griff, der Hilfe versprach. Aerztliche Kunst schien der

Krankheit des Thronfolgers gegenüber oft machtlos. Demütige St» gebung in Gott, Gebete und Andachten vermochten nicht zu helfen bei den zahlreichen Schicksalsschlägen von außen. Der Fatalismus des Zaren und die mystische Veranlagung der Zarin suchten Stützen neben dem strengen Kirchenglauben, der ihnen unzulänglich erschien. Der» wachsene, Fallsüchtige, Idioten, aber auch geschäftstüchtige Wunder­arzte und Zauberer fanden Eingang bei Hofe. Man teilte dort die Anschauung des Volkes, der russischen Bauern, daß Gott in dey Einfältigen und Kranken lebe und ihrer Fürsprache Gehör schenke. An Tolstoi und Dostojewski nur braucht man zu denken, um an reli­giöse Mystik, an Sekten und Sektierer erinnert zu werden und an den Fanatismus, mit dem das russische Volk an eine 3dee glaubt...

Auch in den Petersburger Salons hatte man sich dem Mystizismus und Okkultismus verschrieben, nachdem Rikolaj II. die Politik so ganz und gar links liegen ließ. So kam Rasputin, derWundermönch", der Prophet", derneue Heilige", durch die Großfürstinnen Militza und Anastasia an den Zarenhof.

Grigori Jefimowitsch Rasputin war der Sohu eines Fuhrmannes, Pokrowskoje am Tjumen, Gouvernement Tobolsk, 80 Werst von der Stadt Tjumen entfernt, war seine Heimat. Als Wanderprediger, alsStaretz" war er nach Petersburg gekommen. 3n der Kleidung der Dauern, der Mufchiks, im einfachen Hemde, in weiten Hosen und hohen Stiefeln erschien er in den Salons und am Hofe. Sein Gesicht, von unordentlichem Haar und wirrem Bart umrahmt, zeigte gewöhn­liche, derbe Bauernzüge. Aber Schlauheit und Wollust malten sich in diesem Gesicht, in dem die kleinen, hellgrauen Augen, tief in ihren Höhlen sitzend, das Bemerkenswerteste waren. 3ussupoff spricht von ddr stechenden, lähmenden und durchdringenden Schärfe des Blickes. Selbst der Mörder kam in die Gefahr, der suggestiven Kraft dieses Bauern zu erliegen.

Bei den schweren Erkrankungen des Thronfolgers genügte es, wenn Rasputin erschien und Über em Kranken das Zeichen des Kreuzes machte. Nach den Aussagen der Wyrubowa hörten die Blutungen so­fort auf, die Schmerzen verschwanden; der kleine Alexej fiel in einen tiefen Schlaf. Nicht einmal die persönliche Anwesenheit des Wunder- mönches aber war erforderlich, schon ein Ferngespräch mit dem Kranken ober ein Telegramm an ihn bewirkten Besserung und Heilung. Während der häufigen Erkrankungen des Knaben wendete sich die Zarin stets an Rasputin und auch in anderen Fällen vertraute das Herrscherpaar fest auf die Kraft seines Gebetes. Kein Wunder, wenn man von einem großen Einfluß des einfachen sibirischen Bauern auf Nikolai II. sprach, ja, ihn alsZar über den Zaren" bezeichnete.Wenn ich mit meiner Bauernfaust dreinhauc, dann verkriechen sich alle in ihre Winkel," gibt Jussupoff einen Ausspruch Rasputins wieder. Mitalle" sind sowohl der Zar und die Zarin, wie auch die Minister gemeint.

Alle Briefe und Meldungen über einen ausschweifenden und lieder­lichen Lebenswandel, alle Klatschereien über Rasputin und sein Ver- hältnis zu den Frauen, besonders zu den Damen am Hofe, vermochten nicht, seine Stellung zu erschüttern. Mehrfach wurden Anschläge auf sein Leben unternommen. Gefährlich durch einen Messerstich verletzt, log Rasputin 1914 in seiner Heimat. In einem Telegramm beschwor er den Zaren, es nicht zum Kriege kommen zu lassen. Mehrfach setzte er sich später für den Frieden ein, ohne dann noch die Lawine aushalten zu können. Dem allrussischen Verband und der Entente-Clique war Rasputin damit ein Dorn im Auge. Sie stempelten ihn zum Spion, zum Helsers- helfer der Deutschen. Ihm und der unbeliebten Zarin galt ihr Kampf. Aber nur der gesunde Bauernverstand ließ Rasputin gegen den Krieg, dessen Kosten das Volk zahlen mußte, eintreten.

Fürst Felix Jussupoff, einer der reichsten Männer des zaristischen Rußlands, faßte den Plan, den unbequemen und mächtigen Ratgeber aus dem Wege zu räumen. Die Art und Weife, wie die -rat vor­bereitet wurde, läßt nicht gerade viel Sympathie für den Mörder auf= kommen. Er schlich sich in das Vertrauen Rasputins ein und lockte ihn in der Nacht des 16. Dezembers 1916 in fein Palais. Hier warteten als Mitverschworene der Dumaabgeordnete Purischkewitsch, der Leutnant Suchotin, der Arzt Lalowert und der Großfürst Dimitrij Pawlowckjch. Aus bestimmten Gründen legte ich auf die Mitwirkung des Groß­fürsten an der Verschwörung großen Wert," schreibt Jussupoff in feinem Buck über die Mordtat. Diese bestimmten Gründe betrafen die eigene Sicherheit. Die Teilnahme eines Mitgliedes der Zarenfamilie entzog auq die übrigen Beteiligten der gewöhnlichen Gerichtsbarkeit. In einem oe« sonders für den Zweck herqerichteten Raum im Erdgeschoß des Pa ast» an der Mojka bewirtete Fürst Jussupoff Rasputin mit vergiftetem Ä und Schokoladen- und Mandeltörtchen, die mit einer gehörigen Zyankali gewürzt waren. Rasputin und trank und unterbiet. M mit dem Mörder, der ihm zur Laute traurige Lieder fang. Das wirkte zum maßlosen Ensetzen der Mörder nicht. Fürst Jussupost ging zu den wartenden Komplizen und holte einen Revolver. Ms RyWu ihm im Eßzimmer entgegentrat, schoß er ihn nieder. Die Kugel ou - bohrte das Herz. Man untersuchte die Wunde, aus der nur wenig sickerte und schloß bas Zimmer ab. Der Arzt als Chauffeur fuhr nu Großfürsten und dem Leutnant, den man mit Rasputins Manie mm Mütze bekleidet hatte, um etwa beobachtende Geheimagenten zuz tauw - im offenen Auto des Abgeordneten davon. Als eine geraume Zeit IP Jussupoff zu seinem Opfer zurückkehrte, sprang dieses auf die v - und versuchte, den Mörder zu erwürgen. Der vergiftete und ermi Körper kroch eine Treppe empor und wankte in den Garten.

Kugeln sandte Purischkewitsch ihm nach. Einem herbeieilenden Po 31 erklärte man, es sei ein Hund erschossen worden. Die Leiche wuw dem Stiefelabsatz und dem Gummiknüppel bearbeitet, mit: ©trw et Ketten verschnürt und in die Newa geworfen. Als Taucher JieJ(fn)Cj8 bargen, war der rechte Arm frei und die Lungen voll Wasser, eni ? dafür, daß noch Leben in dem Körper war, als man ihn verfen ' Die Mörder bekannten sich nicht zu ihrer Tat. Fürst Iuflup u sicherte in einem Schreiben der Zarin unter Eid, daß am L Abend Rasputin nicht bei ihm gewesen sei. Der Großfürst und o