anders. Niemand als ich kann besser überzeugt sein von Brussons Uu* schuld an dem Tode Laroillacs. — Redei, o redet, rief die Seubert, indem ihr die Augen glänzten vor Entzücken. — Ich, sagte Miossens mit Nachdruck, ich war es selbst, der den alten Goldschmied niederstieß in der Straße St. Honorö unfern Eurem Hause. — Um aller Heiligen willen, Ihr — Ihr! rief die Seubert. — Und, fuhr Miossens fort, unb ich schwöre es Euch, mein Fräulein, daß ich stolz bin auf meine Tat. Wisset, daß Car- bUktc der verruchteste, heuchlerischste Bösewicht, daß er es war, der in bet Nacht heimtückisch mordete unb raubte, unb so lange allen Schlingen entging. Ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ein innerer Verdacht sich in mir gegen den alten Bösewicht regte, als er voll sichtlicher Unruhe den Schimick brachte, den ich bestellt, als er sich genau erkundigte, für wen ich den «schmuck bestimmt, und als er auf recht listige Art meinen Kammerdiener ausgefragt hatte, wann ich eine gewisse Dame zu besuchen pflege. Längst war es mir ausgefallen, daß die unglücklichen Schlachtopfer der abscheulichsten Raubgier alle dieselbe Todeswunde trugen. Es war mir gewiß, daß der Mörder auf den Stoß, der augenblicklich töten mußte, eingeübt war unb darauf rechnete. Schlug der fehl, so galt es den gleichen Kampf. Dies ließ mich eine Vorsichtsmaßregel brauchen, die so einfach ist, daß ich nicht begreife, wie andere nicht längst daraus sielen und sich retteten von dem bedrohlichen Mordweseit. Ich trug einen leichten Brustharnisch unter der Weste. Cardillac fiel mich von hinten an. Er umfaßte mich mit Riesenkraft, aber der sicher geführte Stoß glitt ab an dem Eisen. In demselben Augenblick eniwand ich mich ihm und stieß ihm den Dolch, den ich in Bereitschaft hatte, in die Brust. — Und Ihr schweigt, fragte die Scuberi, Ihr zeigtet den Gerichten nicht an, was geschehen? — Erlaubt, sprach Miossens tveiter, erlaubt, mein Fräulein, zu bemerken, daß eine solche Anzeige mich, wo nicht geradezu ins Verderben, doch in den abscheulichsten Prozeß verwickeln konnte. Hätte la Regnie, überall Verbrechen witternd, mir’s denn geradehin geglaubt, wenn ich den rechtschaffenen Cardillac, das Muster aller Frömmigkeit und Tugend, des versuchten Mordes angeklagi? Wie, wenn das Schwert der Gerechtigkeit feine Spitze wider mich selbst getvanbt? — Das war nicht möglich, rief die Scuberi, Eure Geburt — Euer Stand — Oh, fuhr Miossens fort, denkt doch an den Marschall von Luxemburg, den der Einfall, sieh von der le Sage bas Horoskop stellen zu lassen, in den Verdacht des Giftmordes und in die Bastille brachte. Nein, beim St. Dionys, nicht eine Stunde Freiheit, nicht meinen Ohrzipfel geb' ich preis dem rasenden la Regnie, der sein Messer gern an unserer alter Kehlen setzte. — Aber so bringt Ihr ja den unschuldigen Brusson aufs Schaffst? fiel ihm die Scuberi ins Wort. — Unschuldig, erwiderte Miossens, unschuldig, mein Fräulein, nennt Ihr des verruchten Cardillac» Spießgesellen? Der ihm beiftanb in seinen Taten? Der den Tob hundertmal verdient hat? Nein in der Tat, der blutet mit Recht, und bah ich Euch, mein hochverehrtes Fräulein, den wahren Zusammenhang der Sache entdeckte, geschah in ber Voraussetzung, daß Ihr, ohne mich in die Hände der Chambre Siebente zu liefern, doch mein Geheimnis auf irgendeine Weise für Euren Schützling zu nützen verstehen würdet.
Die Scuberi, im Innersten entzückt, ihre Ueberzeugrmg von Brussons Unschuld auf solch entscheidende Weise bestätigt zu sehen, nahm gar keinen Anstand, dem Grafen, ber Eardillacs Verbrechen ja schon kannte, alles zu entdecken unb ihn aufzufordern, sich mit ihr zu d'Anbilly zu begeben. Dem sollte unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles entdeckt werden, : der solle bann Rat erteilen, was nun zu beginnen.
D'Anbilly, nachdem die Scuberi ihm alles auf das genaueste erzählt hatte, erkundigte sich nochmals nach den geringfügigsten Umständen. Insbesondere fragte er den Grafen Miossens, ob er auch die feste lieber« zeugung habe, daß er von Cardillac angefallen, unb ob er Olivier Brusfon als denjenigen würde wieder erkennen können, ber den Leichnam fort- getragen. Außerdem, erwiberte Miossens, daß ich in ber mondhellen Nacht den Goldschmied recht gut erkannte, habe ich auch bei la Regnie selbst den Dolch gesehen, mit dem Cardillac niebergestoßeu wurde. Es ist der meinige, ausgezeichnet durch die zierliche Arbeit des Griffs. Nur eilten Schritt von ihm stehend gewahrte ich alle Züge des Jünglings, dem ber Hut vom Kopf gefallen, unb würde ihn allerdings wieder erkennen können.
D'Anbilly sah schweigend einige Augenblicke vor sich nieder, dann sagte er: Auf gewöhnlichem Wege ist Brusson aus den Händen ber Justiz nun ganz unb gar nicht zu retten. Er will Madelons halber Cardillac nicht als Mordräuber nennen. Das mag er tun, denn selbst, wenn es ihm gelingen müßte, durch Entdeckung des heimlichen Ausgangs, des zufammenge- raubten Schatzes dies nachzuweise», würbe ihn-doch als Mitverbundenen ber Tob treffen. Dasselbe Verhältnis bleibt stehen, wenn ber Graf Miossens die Begebenheit mit dem Goldschmied, wie sie wirklich sich zutrug, den Richtern entdecken sollte. Aufschub ist bas einzige, wonach getrachtet werden muß. Graf Miossens begibt sich nach ber Conciergerie, läßt sich Olivier Brusson vorstellen unb erkennt ihn für ben, ber den Leichnam Cardillaes sortschaffte. Er eilt zu la Regnie unb sagt: In ber Straße St Honorö sah ich einen Menschen niederstoßen, ich stand dicht neben dem Leichnam, als ein anderer hinzusprang, sich zum Leichnam nieber« bückte, ihn, da er noch Leben spürte, auf die Schultern lud unb forttrug. In Olivier Brusson habe ich diesen Menschen erkannt. Diese Aussage veranlaßt Brussons nochmalige Vernehmung, Zusammenstellung mit dem Grasen Miossens. Genug, die Tortur unterbleibt unb man forscht weiter nach. Dann ist es Zeit, sich an ben König selbst zu wenden. Euerm Scharfsinn, mein Fräulein, bleibt es überlassen, dies auf die geschickteste Weise zu tun. Nach meinem Dafürhalten würd' es gut sein, dem Könige das ganze Geheimnis zu entdecke». Durch diese Aussage des Grafen Miossens werden Brussons Geständnisse unterstützt. Dasselbe geschieht melleicht durch geheime Nachforschung in Cardillaes Hause. Keinen Nechisspruch, aber des Königs Entscheidung, auf inneres Gefühl, bas da, wo der Richter strafe» muß, Knabe ausspricht, gestützt, kann das alles begründen. — Graf Miossens befolgte genau, was d'Anbilly geraten, unb es geschah wirklich, was dieser vorhergesehen.
Nun kam es darauf an, ben König anzugehen, und dies war bet schwierigste Punkt, da er gegen Brusson, den er allein für ben entieß. licken Raubmörder hielt, der so lange Zeit hindurch ganz Paris in Ang»! und Schrecken gesetzt hatte, solchen Abscheu hegte, daß er, nur leise erinnert an den berüchtigten Prozeß, in den heftigsten Zorn geriet. Di, Maintenon, ihrem Grundsatz, dem König nie von unangenehmen Dingen zu reden, getreu, verwarf jede Vermittlung, unb so war Brussons Schicksal ganz in die Hand ber Scuberi gelegt. Nach langem Sinnen faßte sie einen Entschluß ebenso schnell als sie ihn ausführte. Sie kleidete sich in eine schwarze Robe von schwerem Seidenzeug, schmückte sich mit Car. billacs köstlichem Geschmeide, hing einen langen, schwarzen Schleier über, unb erschien so in den Gemächern der Maintenon zur Stunde, da eben ber König zugegen. Die edle Gestalt des ehrwürdigen Fräuleins in bi» fern- feierlichen Anzuge hatte eine 'Majestät, die tiefe Ehrfurcht erwecken wußte selbst bei dem losen Volk, bas gewohnt ist, in ben Vorzimmern fetn leichtsinnig nichts beachtendes Wesen zu treiben. Alles wich scheu zur Seite, unb als sie nun einirat, stand selbst der König ganz verwundert auf und kam ihr entgegen. Da blitzten ihm die köstlichen Diamanten de, Halsbandes, ber Armbänder ins Auge unb er rief: Beim Himmel, da, ist Cardillaes Geschmeide! Und bann sich zur Maintenon wendend, fügte er mit anmutigem Lächeln hinzu: toeljt Frau Marquise, wie unsere ichöm Braut um ihren Bräutigam trauert. — Ei gnädiger Herr, fiel btc Seubert wie den Scherz fortsetzend ein, wie würd' es ziemen einer schmerz- erfüllten Braut, sich so glanzvoll zu schmücken? Nein, ich habe mich ganz losgesagi von diesem Goldschmied, und dächte nicht mehr an ihn, träte mir nicht manchmal das abscheuliche Bild, wie er ermordet dicht bei mir vorübergetragen wurde, vor Augen. — Wie, fragte ber König, wie! Ihr habt ihn gesehen, den armen Teufel? Die Scuberi erzählte nun mit kurze» Worten, wie sie der Zufall (noch erwähnte sie nicht die Einmischung Brussons) vor Cardillaes Haus gebracht, als eben der Mord entdeckt worden. Sie schilderte Madelons wilden Schmerz, den tiefen Eindruck, den das Himmelskind auf sie gemacht, die Art, wie sie die Arme unter Zujauchzen des Volks aus Desgrais' Händen gerettet. Mit immer steigendem unb steigendem Interesse begannen nun die Szenen mit l» Regnie, mit Desgrais, mit Olivier Brusson selbst. Der König, hingerissen von der Gewalt des lebendigsten Lebens, das in ber Scuberi Rede glühte, gewahrte nicht, baß von dem gehässigen Prozeß des ihm abscheulichen Brussons die Rede war, vermochte nicht ein Wort hervorzubringen, konnte nur bann und wann mit einem Ausruf Luft machen der inneren Bewegung. Ehe er fich's versah, ganz außer sich über bas Unerhörte, was er erfahren unb noch nicht vermögend alles zu ordnen, lag die । Scuberi schon zu seinen Füßen unb flehte um Gnade für Olivier Brusfon. ! Was tut Ihr, brach der König los, indem er sie bei beiden Händen faßte und in ben Sessel nötigte, was tut Ihr, mein Fräulein! Ihr überrascht mich auf seltsame Weise! Das ist ja eine entsetzliche Geschichte! Wer bürgt für die Wahrheit der abenteuerlichen Erzählung Brussons? — Darauf die Scuberi: Miossens' Aussage — die Untersuchung in Cardillaes Hause — innere Ueberzeugung — ach! Madelons tugendhaftes Herz, das gleich« Tugend in dem unglücklichen Brusfon erkannte! — Der König, im Begriff etwas zu erwidern, wandte sich auf ein Geräusch um, das an ber Tür entstand. Louvois, der eben im andern Gemach arbeitete, sah hinein mit desorglicher Miene. Der König stand auf und verließ, Louvois fol- : penb, bas Zimmer. Beide, die Scuberi, die Maintenon hielten diese Unterbrechung für gefährlich, denn einmal überrascht, mochte ber König sich hüten, in die gestellte Falle zum zweitenmal zu gehen. Doch nach einigen Minute» trat ber König wieder hinein, schritt rasch ein paarmal int Zimmer auf und ab, stellte sich bann, die Hände über ben Rücken geschlagen, dicht vor der Scuberi hin unb sagte, ohne sie anzublicken, halb leise: Wohl möcht' ich Eure Madelon sehen! — Darauf die Scuberi: Oh, mein gnäbiger Herr, welches hohen Glückes würdigt Ihr das arme, unglückliche Kind — ach, nur Cures Winkes bedurft es ja, die Kleine zu Euer» Füßen zu sehen. Und trippelte bann, so schnell sie es in ben schtveren Kleidern vermochte, »ach ber Tür und rief hinaus, ber König wolle Madelon Cardillac vor sich lassen, unb kam zurück und weinte und schluchzte vor Entzücke» und Rührung. Die Scuberi hatte solche Gunst geahnt, und daher Madelon mitgenommen, die bei ber Marquise Kammer- ■ frau wartete mit einer kurzen Bittschrift in den Hände», die ihr d'Anbilly aufgesetzt. In wenig Augenblicken lag sie sprachlos dem Könige zu Füßen. Angst — Bestürzung — scheue Ehrfurcht — Liede unb Schmerz — trieben ber Armen rascher unb rascher bas siedende Blut durch alle Abern. Ihr« Wangen glühten in hohem Purpur — die Augen glänzten non hellen Tränenperlen, die bann unb wann hinabfielen durch die seidenen Wimpern. Der König schien betroffen über die wunderbare Schönheit bes Engelskinbes. Er hob bas Mäbchen sanft auf, bann macht« er eine Bewegung, als wolle er ihre Hand, die er gefaßt, küssen. Er ließ sie wieder und schaute bas holde Kind an mit tränenfeuchtem Blick, der von ber , tiefsten Innern Rührung zeugte. Seife lispelte die Maintenon ber Sc»- der! zu: Sieht sie nicht ber la Balliere ähnlich auf ein Haar, das Meine Ding? Der König schwelgt in den süßesten Erinnerungen. Euer SpM ist gewonnen. — So leise dies auch die Maintenon sprach, doch schien es ber König vernommen zu haben. Eine Röte überflog fein Gesicht, fehl Blick streifte bei ber Maintenon vorüber, er las bie Supplik, die Madelon ihn überreicht, unb sagte bann mild unb gütig: Ich will's wohl glauben, daß du, mein liebes Kind, von deines Geliebten Unschuld überzeugt bist, aber hören wir, was die Chambre Ardente dazu sagt! — Eine sanft« Bewegung mit ber Hand verabschiedete die Kleine, die in Tränen verschwimmen wollte. — Die Scuberi gewahrte zu ihrem Schreck, daß die - Erinnerung an die BalliLre, so ersprießlich sie anfangs geschienen, des Königs Sinn geändert hatte, sowie bie Maintenon ben Namen genannt
(Schluß folgt.)
Derantwsrtlich: Dr. Hans Thyriot. - «ruck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Buch. und Steiubruckerei, R. Lang«, Gießen.


