Ausgabe 
28.1.1928
 
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inftrumente, welche ein ebenso schwieriges Passagenwerk zu bewältigen haben, wie Constanze in ihrem Gesang aus der Buhne.

Im 19- Jahrhundert führte der geniale Instrumentator Hector B e r - lioz das Orchester auf eine Höhe, die später von Wagner und Strauß noch weiter ausgebaut wurde. Neue Instrumente wurden dem Orchester zugefügt, wie das englische Horn, die Baßklarinette und das Kontrafagott, die Tuba, die Harfe und andere mehr; aber nicht nur durch die immer größer werdenden Kombinationsmöglichkeiten bereicherte man den Orchesterklang, sondern gerade durch die sorgfältige Ausbildung der Musiker und die Verbesserung der alten Instrumente, deren Umfang ver­größert und deren Spielmöglichkeit erweitert wurde, bekam das Orchester einen Glanz, eine Reichhaltigkeit des Tones und eine Abwechselung in der Farbengebung, welche sich die primitiven Kapellen der frühen Zeit nicht hätten träumen lassen. Allen Musikfreunden sind die noch auf Berlioz' Leistungen in derFantastischen" und derHarold"-Sinfonie fußenden berauschenden Orsterklänge Richard Wagners und Richard Straußens be­kannt; alle haben wir uns vom Wehen des Feuerzaubers mit seiner slam- menzischenden Violinfigur, den funkensprühenden Holzbläsern, den leuch­tenden Glöckchen und den gewaltigen Wotanstuben und Posaunen um­brennen lassen, alle sind wir mit den Walküren im schmetternden Galopp der Blechbläser, im Sturmheulen der Streicher fortgerissen worden, oder haben die zauberhafte und heilige Lieblichkeit des Karfreitagszaubers in den stillen Tönen der Holzbläser empfunden. Die sinfonischen Dichtungen Liszts und Straußens sind überreich an überraschenden Effekten, wie dem durch das Orchester klirrenden Peitschenschlag imMazeppa", dem quäkenden Gebelfer der durch Kakophonien der Holzbläser charakterisierten Widersacher imHeldenleben", oder den naturalistischen Effekten imTill Eulenspiegel" und vor allem imDon Quichote", die sich, wie beim Ham­melgeblök der Fagotte, bedenklich ins Imitatorische verlieren.

Es ist ein« gewisse Kenntnis des Orchesters und seiner Instrumente not­wendig, um den Absichten des Komponisten folgen und seinen Ausdruck verstehen zu können. Man muß Klarinette und Oboen im Klang ausein­ander halten können, um der subtilen Jnstrumentalpsychologie Mozarts nahezukommen. InCosi fan tutte" z. B. malt er mit süßen und schwär­merischen, aber nicht ganz ehrlichen Klarinettenterzen die Verliebtheit der beiden Schwestern, während der Ironiker und Zyniker Don Alfonso stets von scharfen Oboen begleitet erscheint. Die Orchesterpartitur eines großen Komponisten bietet in der Zusammensetzung der Instrumente ein buntes und lebendiges Bild, dessen Farbenmischung ebenso wenig zufällig ent­standen ist, wie die Valeurs auf den Gemälden eines großen Meisters der bildenden Kunst. Je klarer man die Fäden eines Jnstrumentalgewebes unterscheiden kann, desto eindrucksvoller wird sich das Hören eines Werkes gestalten; die Gruppen heben sich voneinander ab, bekommen ein eigenes Dasein und schließen sich doch am Ende wieder zum großen Ganzen zu­sammen.

Das Fräulein von Seubert

Don E. T. A. H o f f m a n n.

(Fortsetzung.)

So wie Cardillac nach dem Abendgebet sich wie gewöhnlich eingeschlos­sen, stieg ich durch ein Fenster in den Hof, schlüpfte durch die Oeffnung in der Mauer und stellte mich unfern in den tiefen Schatten. Nicht lange dauerte es, so kam Cardillac heraus und schlich leise durch die Straße fort. Ich hinter ihm her. Es ging nach der Straße St. Honors, mir bebt« das Herz.

Cardillac war mit einem Male mir entschwunden. Ich beschloß, mich an Eure Haustür zu stellen. Da kommt singend und trillernd wie damals, als der Zufall mich zum Zuschauer von Cardillacs Mordtat machte, ein Offizier bei mir vorüber, ohne mich zu gewahren. Aber in demselben Augenblick springt eine schwarze Gestalt hervor und fällt über ihn her. Es ist Cardillac. Diesen Mord will ich hindern, mit einem lauten Schrei bin ich in zwei drei Sätzen zur Stelle. Nicht der Offizier Cardillac sinkt zum Tode getroffen röchelnd zu Boden. Der Offizier läßt den Dolch fallen, reißt den Degen aus der Scheids, stellt sich, wähnend ich fei des Mörders Geselle, kampffertig mir entgegen, eilt aber schnell davon, als er gewahrt, daß ich, ohne mich um ihn zu kümmern, nur den Leichnam untersuche. Cardillac lebte noch. Ich lud ihn, nachdem ich den Dolch, den der Offizier hatte fallen lassen, zu mir gesteckt, aus die Schultern, und schleppte ihn mühsam fort nach Hause, und durch den geheimen Gang hinauf in die Werkstatt. Das übrige ist Euch bekannt. Ihr seht, mein wür­diges Fräulein, daß mein einziges Verbrechen nur darin besteht, daß ich Madelons Vater nicht den Gerichten verriet und so seinen Untaten ein Ende machte. Rein bin ich von jeder Blutschuld. Keine Marter wird mir das Geheimnis von Cardillacs Untaten abzwingen. Ich will nicht, daß der ewigen Macht, die der tugendhaften Tochter des Vaters gräßliche Blut­schuld verscheierte, zum Trotz, das ganze Elend der Vergangenheit, ihres ganzen Seins noch jetzt tötend auf sie einbreche, daß noch jetzt die weli- Üche Rache den Leichnam aufwühle aus der Erde, die ihn deckt, daß noch jetzt der Henker die vermoderten Gebeine mit Schande brandmarke. Nein! Mich wird die Geliebte meiner Seele beweinen als den unschuldig Ge­fallenen, die Zeit wird ihren Schmerz lindern, aber unüberwindlich würde der Jammer sein über des geliebten Vaters entsetzliche Taten der Hölle.

Olivier schwieg, aber nun stürzte plötzlich ein Tränenstrom aus seinen Augen, er warf sich der Scuderi zu Füßen und flehte: Ihr seid von meiner Unschuld überzeugt gewiß, Ihr seid es! Habt Erbarmen mit mir, sagt, wie steht es um Madelon? Die Scuderi rief der MartiniLre, und nach wenigen Augenblicken flog Madelon an Oliviers Hals. Nun ist alles gut, da du hier bist ich mußt' es ja, daß die edelmütigste Dame dich retten würde! So rief Madelon einmal über das andere, und Olivier vergaß fein Schicksal, alles was ihm drohte, er war frei und selig. Auf das rührendste klagten beide sich, was sie umeinander gelitten, und umarmten sich dann aufs neue unb meinten vor Entzücken, daß sie sich wiedergefunden.

Wäre die Scuderi nicht von Oliviers Unschuld schon überzeugt «wesen, der Glaube daran müßte ihr jetzt gekommen sein, da sie die betben be­trachtete, die in der Seligkeit des innigsten Liebesbündnisses die Welt ver­gaßen und ihr Elend und ihr namenloses Leiden. Nein, rief sie, solch seliger Vergessenheit ist nur ein reines Herz fähig.

Die hellen Strahlen des Morgens brachen durch das Fenster. Desgrais klopfte leise an die Tür des Gemachs und erinnerte, daß es Zeit fei, Oli­vier Bruffon forfzufchaffen, da ohne Aufsehen zu erregen das später nicht geschehen könne. Die Liebenden muhten sich trennen.

Die dunklen Ahnungen, von denen der Seuderi Gemüt befangen seit Brussons erstem Eintritt in ihr Haus, hatten sich nun 3um Leben gestattet auf furchtbare Weise. Den Sohn ihrer geliebten Ann« sah sie schuldlos ver­strickt auf eine Art, daß ihn vorn schmachvollen Tod zu retten kaum denk­bar schien. Sie ehrte des Jünglings Heldensinn, der lieber schuldbeladen sterben, als ein Geheimnis verraten wollte, das [einer Madelon den Tod bringen mußte. Im ganzen Reiche der Möglichkeit fand sie kein Mittel, den Aermsten dem grausamen Gerichtshöfe zu entreißen. Und doch stand es fest in ihrer Seele, daß sie keine Opfer scheuen müsse, das himmel­schreiende Unrecht abzuwenden, das man zu begehen im Begriff war. Sie quälte sich ab mit allerlei Entwürfen und Plänen, die bis an das Aben­teuerliche streiften, und die sie ebenso schnell verwarf als aussaßte. Immer mehr verschwand jeder Hoffnungsschimmer, so daß sie verzweifeln wollte. Aber Madelons unbedingtes kindliches Vertrauen, die Verklärung, mit der sie von dem Geliebten sprach, der nun bald, freigesprochen von jeder Schuld, sie als Gattin umarmen werde, richtete die Scuderi in eben dem Grad wieder auf, als sie davon tief bis ins Herz gerührt wurde.

Um nun endlich etwas zu tun, schrieb die Scuderi an la Regnie einen langen Brief, worin sie ihm sagte, daß Olivier Brusson ihr auf die glaub- würdiaste Weise seine völlige Unschuld an Cardillacs Tode bargetan habe, und daß nur der heldenmütige Entschluß, ein Geheimnis in das Grab zu nehmen, dessen Enthüllung die Unschuld und Tugend selbst verderben würde, ihn zurückhalte, dem Gericht ein Geständnis abzulegen, das ihn von dem entjetzlichen Verdacht nicht allein, daß er Cardillac ermordet, son­dern daß er auch zur Bande verruchter Mörder gehöre, befreien müsse. Alles was glühender Eifer, was geistvolle Beredsamkeit vermag, hatte di« Scuderi aufgeboten, la Regnies hartes Herz zu erweichen. Nach wenigen Stunden antwortete la Regnie, wie es ihn herzlich freue, wenn Olivier Bruffon sich bei feiner hohen, würdigen Gönnerin gänzlich gerechtfertigt habe. Was Oliviers heldenmütigen Entschluß betreffe, ein Geheimnis, das sich auf die Tat beziehe, mit ins Grad nehmen zu wollen, fo tue es ihm leid, daß di« Chambre Ardente dergleichen Heldenmut nicht ehren könne, denselben vielmehr durch die kräftigsten Mittel zu brechen suchen müsse. Nach drei Tagen hoste er im Besitz des seltsamen Geheimnisses zu sein, das wahrscheinlich geschehene Wunder an den Tag bringen werde.

Nur zu gut wußte die Scuderi, was der fürchterliche la Regnie mit jenen Mitteln, die Brussons Heldenmut brechen sollten, meinte. Nun war es gewiß, daß die Tortur über den Unglücklichen verhängt war. In der Todesangst fiel der Scuderi endlich ein, daß, um nur Aufschub zu er­langen, der Rat eines Rechtsverständigen dienlich sein könne. Pierre Arnaud d'Andilly war damals der berühmteste Advokat in Paris. Seiner tiefsten Wissenschaft, seinem umfassenden Verstände mar seine Recht­schaffenheit, feine Tugend gleich. Zu dem begab sich die Scuderi und sagte ihm alles, sorneit es möglich mar, ohne Brussons Geheimnis zu verletzten. Sie glaubte, daß d'Andilly mit Eifer sich des Unschuldigen annehmen merbe, ihre Hoffnung mürbe aber auf bas bitterste getäuscht. D'Andilly hatte ruhig alles angehört und ermiberte bann lächelnd mit Boileaus Worten: Le vrai peut quelque fois netre pas vraisemblable*) Er bemies der Scuderi, daß die auffallendsten Verdachtsgründe wider Brusson sprächen, daß la Regnies Verfahren keineswegs grausam und übereilt zu nennen, vielmehr ganz gesetzlich fei, ja daß er nicht anders handeln könne, ohne die Pflichten des Richters zu verletzen. Er, d'Andilly, selbst getraue sich nicht durch die geschickteste Verteidigung Brusson von der Tortur zu retten. Nur Bruffon selbst könne das entweder durch aufrichtiges Geständ­nis oder wenigstens durch die genaueste Erzählung der Umstände bei dem Morde Cardillacs, die bann vielleicht erst zu neuen Ausmittlungen Anlaß geben würden. So werfe ich mich dem Könige zu Füßen, und flehe um Gnade, sprach die Seubert ganz außer sich mit von Tränen halb erstickter Stimme. Tut bas, rief d'Andilly, tut das um des Himmels willen nicht, mein Fräulein! Spart Euch dieses letzte Hilfsmittel auf, bas, schlug es einmal fehl, Euch für immer verloren ist. Der König wirb nimmer einen Verbrecher der Art begnadigen, der bitterste Vorwurf des gefährdeten Volks würde ihn treffen" Möglich ist es, daß Bruffon durch Entdeckung seines Geheimnisses ober sonst Mittel findet, den wider ihn streitenden Verdacht aufzuheben. Dann ist es Zeit, des Königs Gnade zu erflehen, der nicht danach fragen, was vor Gericht bewiesen ist ober nicht, sondern seine innere Ueberzeugung zu Rate ziehen wird. Die Scuderi mußte dem tief erfahrenen d'Andilly notgedrungen beipflichten. In tiefen Kum­mer versenkt, sinnend und sinnend, was um der Jungfrau und aller Hei­ligen willen sie nun anfangen solle, um den unglücklichen Bruffon zu ret­ten, saß sie am späten Abend in ihrem Gemach, als die Martiniere ein« trat und den Grafen von Miossens, Obristen von der Garde des Königs, meldete, der dringend wünsche, bas Fräulein zu sprechen.

Verzeiht, sagte Miossens, inbem er sich mit soldatischem Anstande ver­beugte, verzeiht, mein Fräulein, wenn ich Euch so spät, so zu ungelegener Zeit überlaufe. Wir Soldaten machen es nicht anders, und zudem bin ich mit zwei Worten entschuldigt. Olivier Brusson führt mich zu Euch. Die Scuderi, hochgespannt, was sie jetzt wieder erfahren werde, rief laut: Olivier Brusson? Der unglücklichste aller Menschen? Was habt Ihr mit dem? Dacht ich's doch, sprach Miossens lächelnd weiter, daß Eures Schützlings Namen hinreichen würde, mir bei Euch ein geneigtes Ohr zu verschaffen. Die ganze Welt ist von Brussons Schuld überzeugt. Ich weiß, daß Ihr eine andere Meinung hegt, die sich sreilich nur auf die Beteue­rungen des Angeklagten stützen soll, wie man gesagt hat. Mit mir ist es

*) Das Wahre kann manchmal unwahrscheinlich sein.