Samstag, den 28. Januar
Nummer 8
Jahrgang <928
SwäroiwSsBcaga«»“» ,r n
DZMMerung.
Von Hans Friedrich B l u n rt.
Wenn's Licht verebbt, wenn all der bunten Dinge Versiegter Schein zu grauen Schatten wird, Wenn letzte, helle Luft in Hecken flirrt,
Erlischt und blaß zum fahlen Wegstaub sinkt. Dann starb der Tag. Licht war des Tages Seele. — Wir spüren tief die Dämmerung, die uns zwingt, Auch uns einst zwingt, wenn unser Blut verschwingt Und unser Geist sich still zum Zwielicht schattet/ Wir spüren trauernd, daß der Tag und wir Uns nicht so fremd. Daß unser all Entstehn Wachsend in jedem Werden und Vergehn Ewiger Wiederkehr verfallen ist.
Wir denken, daß wir elnfttnalg wie der Tag Im Dunkel aufgelöst und nebelNem
Im Mondlicht geistern, nur ein Widerschein Versiegten Leuchtens, nur ein lsiblos Sehnen, Bis uns der Atem einer Mutter trinkt. Ein Ungebornes unsere Seele hascht, Und wollend, ungewollt, halb überrascht Sich unser neuer Lebensweg erhebt.
91« Frsu Tertr«-.
Bon Hermann Hesse.
Im einsamsten Gemach meines Schlosses, unter der Wölbung des schmalen Fensters, sitzest du ost. Freundlichste unter meinen Toten. Heber alles Zusammensein und Händehalten hinaus dauert noch deine unbegreifliche, gütige Gegenwart, wie eines Sternes, der verschollen ist und dessen Strahlen doch lange Zeiten noch zu uns reichen.
Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich unter dem .Himmel der Vita Nuooa gewandelt bin. Ich kann nicht zählen, wie oft ich verzweifelte, ein anderes Bild deiner Erscheinung zu finden.
Keine Schönheit, wenn nicht die jenes süßesten Gedichtes, ist dir zu vergleichen. Mir ist ost, als wärest du die gewesen, die einst an dem entrückten Dante vorüberging, und wärest nur einmal noch über die Erde gewandelt im Schatten meiner sehnsüchtigen Jugend. Daß ich dich mit leiblichen Augen gesehen habe, daß deine Hand in der meinen lag, daß dein leichter Schritt neben dem meinen über der: Boden ging, ist das nicht eine Gnad« der Ueberirdischen, ist das nicht eine segnende Hand auf meiner Stirn, ein Blick aus verklärten Augen, eine Pforte, die mir in das Reich der ewigen Schönheit geöffnet wird?
In Schlafträumen sehe ich oft deine leibliche Gestalt und sehe die fein- gliedrigen weißen Finger deiner adligen Hände aus die Tasten des Flügels ddl^gt- Ddsrist sehe dich gegen Abend stehen, die Farbenwende des erfassenden Himmels betrachtend, mit den Augen, die von der wunderbaren Kenntnis des Schönen voll tiefen Glanzes waren. Diese Aiigen haben nur unzählige Künstlerträume geweckt und gerichtet. Sie sind vielleicht das Unschätzbarste, was meinem Leben gegeben wurde; denn sie sind Sterne »er Schönheit und Wahrhaftigkeit, voll Güte und Strenge, unbetrüglich richtr.,d, be,sernd und belohnend, Feinde und Rächer alles Unwerten, Unwesenhaften und Zufälligen. Sie geben Gesetze, sie prüfen, sie verurteilen, beglücken mit überschwenglichem Glück. Was ist Vorteil, was ist dunst, was ist Ruhm und menschliches Lob ohne die Gewährung und das gnädige Leuchten dieser unbestechlichen Lichteri
Der Tag ist laut und grausam, für Kinder unb Krieger gerecht, und alles Tagleben ist von Ungenügen durchtränkt. Ist nicht jeder eindäm- irrrnde Abend eine Heimkehr, eine geöffnete Tür, ein Hörbarwerden alles Ewigen? Du, Wunderbare, hast mich gelehrt, heimzukehren und mein Ohr oen stimmen der Ewigkeit zu öffnen. Du jagtest, als schon das letzte Tor 55^" war. vor dir die Flügel aufzutun, zu mir die Worte: „Laß dir die «oende heilig sein und dränge ihr Schweigen nicht aus deiner Wohnungi Swigkellte'K b e <5terne denn sie sind die obersten Sinnbilder der
-m wir unsere Freundschaft beschlossen, trat noch einer
r^!^t6aL.unb unbegreiflich, ein Geist und Schutzgott. Mir ist, er
Gebärden eines Segnenden über mich gemacht, und jene aeblteben n^' neÄCnen .eure£ Shönheit. Dieser ist seitdem bei mir 8.E,wben und hat sich vielfältig oft an nur erwiesen, als ein Arm des
„ em Ratfeldeuter, als Dritter eines Glückes. Oft war meine X"? 3“ Übereilungen hingeboten, und er drängte sie zurück; oft war ich .nrM voriibergegangen, und er nötigte mich, still zu stehen und
Ä ’ wollte ich ein grünes Glück vom Ast brechen, und er
«et mir: „Warte noch!"
, versöhnlich und liebenswürdig ist, was holde Stimmen bat und nostliche Bedeutung, was selten, edel und von abgesonderter Schönheit ist hat seitdem eine sichtbare Seite für mich und irgendeinen Weg zu meinen Sinnen. Die Ströme, in der Rachi reden mir deutlicher, die Sterne können mch- mehr ohne mein Mitwissen auf- und niedersteigen.
unsichtbarer Dritter kam auch an einem Tage D. 9lir' .*■>“. wem Herz den Takt verloren hatte und mein Auge zu er- blinden schien. Er glättete meine Stirn, er lehnte zuweilen an mich und Dn ms Ohr er ging vorüber und drückte mir die Hand.
WÄmfL» f 9 outer Teerosen gebettet, voller Frieden, voller «8er* lächeln. Du lagst und rührtest keine Hand, lagst und warst kalt und weiß.
„Dich Stimde erschien mir als eine unergründlich schwarze Nacht. Ich stand in dichter Finsternis und wußte nicht, wo ich war, ohne Nähe und Ifitüte'nnfennfnnr^'Ktern umgeben. Ich stand unbewegt und suhlte auf allen Seiten Abgrunde neben mir offen, spürte nur meine in*
"Nd kalt, und glaubte an keinen Morgen meh,. Da stand der Droster neben mir, umschlang mich mit festen Armen nietebfnmHtm 's”11*31 ?rl«rutfl ^ö..'ch im Zenit eines unsichtbaren Him- mels inmitten ber vollkommenen Finsternis einzig einen hellen, mitten strahlenlosen «tern von jeliger Schönheit stehen. Als ich diesen sah, mußte ich einen Abends gedenken, an dem ich mit dir im Walde ging. Ich hätte unThehfrfte' s'i" bld) fieleäi plötzlich zog ich dich ganz an Mich her d .mmzes Gesicht mit schnellen, durstigen Küssen. Da er* schrakst du, drängtest mich ab unb sähest wie verwandelt aus. Und sagtest:
3d) 6Jn ö!r ^icht zu Umarmungen gegeben. Der Tag ist nicht mehr fern an dern du mich mit Händen und Lippen nicht mehr er» reichen wirst. Aber dann kommt die Zeit, daß ich dir näher sein werde als heute und jemals. Die Nahe überfiel mich plötzlich mit unendlicher Sustin* em völliges Aug in 'Auge, wie ein Kuß ohne Ende. Was ist alle
Liebkosung gegen dieses namenlose Bereinigtsein.
. Wanderungen durch die Orte, an denen wir beisammen waren, kam diele Wonne spater noch manchmal über mich, schon lange Zeit nach tetn iS,im Schwarzwald bergan durch einen dum
wanderte, tat) ich deine helle Gestalt von der Höhe her mir entgegengehen. Du kamst mit deinem alten Händewinken den Berg herab, begegnest mir und warst verschwunden, während zugleich deine Gegenwart mein Inneres süß und tief erfüllte. 8
Ach häufigsten aber trittst du an den Himmel meiner Träume wie am -vag. meiner größten Finsternis, als der milde Stern der Gnade voll ?euger 'schonhert.
An einem Abende, als 'Musik und lautes Gespräch dich bis in die letzten Gartenwege verfolgte, fand ich dich dort auf und nieder gehend, gab dir meinen Arm und begleitete dich. Da sagtest du: „Wenn ich nicht mehr hier sem werde und wenn du selber einmal leiser geworden bist, wird vielleicht dieser vergehende Abend unb mancher, der schon vergangen ist, dir gegen, wartiger und wirklicher fein als deine eigene Hand. Dann wirst du mitter- nachts irgendwo in deinem Zimmer wach fein, vielleicht weit von hier. Vor deinem Fenster aber wird die nahe Welt zurückweichen, und du wirst glauben. atefen Weg und uns beide darauf wandelnd zu sehen"
Heute nun liegt dieser, Abend vor mir, in die entfernte Musik mischen mH wieder untere (elfen stimmen, daß ich nicht weiß, ob jener Abend oder der beute wirklich und vom irdischen Monde erleuchtet ist.
Aus her WerAfL«iL des ErZÄHlers.
Von Felix Spanten.
Man soll sich bisweilen darüber Rechenschaft geben, wie die nach, haltigeren und bleibenderen Eindrücke der Dichtung'entstehen. Was voll- zieyi sich m den Romanen, wie geschieht es, daß manche Gestalten, um deren Veranschaulichung sich der Autor offenbar gemüht hat, nebelhaft bleiben, wahrend andere, denen nicht die gleiche Mühe gilt, plastisch werden und wie Bilder vor das Auge treten, farbig, charaktervoll und Har, dag sie in einer bestimmten Atmosphäre stehen? Hier liegt ein allem ■ßlan und aller Absicht entrücktes gnadenvolles Geheimnis, das man hat oder nicht ha^Geheimnis immer noch, fo viel auch darüber enträtfeü wurde feit Ü erf i n g s „Laokoon", der den aufschlußreichen Vergleich »wischen Materei und Dichtung zog, über die zahllosen klassizistischen „stoetiken , die auf aristotelisch-lessingifcher Grundlage immer noch weiter bauten, bis zu einer der jüngsten und oerdienftoollsten, die nicht mehr hochmütige „Ewigkeitswerte" postuliert, fonbern die Dichtung als reine, Erkenntnismaterial benutzt — Oskar Wa Izels „Wortkunstwerk"
Weil dieses Geheimnis der Berkörperlichung der handelnden Menschen nicht durch eindeutige gottschediantsche Doktrinen zu bezwingen ist, hat es ein jeder auf seine eigene Art lösen wollen. Der Leser, der einen Roman nur zu fluchtiger Kenntnisnahme durcheilt, achtet kaum auf die verschiedenen Masken, hinter Denen sich der Autor selbst in fein Werk hinein-
SietzenerZamüieiibMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


