Irgendwie anzupaffen, und die Empfindung eines ebenfalls unvollkommenen Genusses. Eine Einsicht in die zwei getrennten Quellen des Traumes war also zunächst nicht vorhanden oder sie war entschwunden, und die verbleibenden Empfindungen flössen in einem neuen, ganz merkwürdigen Gemütselixier zusammen. Man hat öfter solche Träume; aber dieser ist vielleicht der einzige, dessen Beschreibung und Erklärung mir völlig befriedigend gelungen ist. Die Analyse ist eben im allgemeinen schwierig; denn die Synthese der Clemente eines solchen „Zustände- mischungstraumes" geht meistens in einem unbewachten Momente ganz plötzlich vor sich. Die Auffassung der Zusammenhänge gelingt dann nur, wenn unser Wille im Einschlafen doch noch einmal so weit sich aufrafft um rück- und vorschauend blitzschnell eine Analyse des Vorgangs zu versuchen, was schon ein Aufmerksamgewordensein auf das Problem und eine Forscherabsicht voraussetzt. Ohne gelungene Analyse ist aber oft sogar der Inhalt des Traumes hinterher kauin mehr erkennbar und benennbar, so fremdartig macht ihn seine Einmaligkeit, und darunter leidet natürlich auch leine Merkbarkeiü
Ich würde den geneigten Lesern für die Mitteilung analysierbarer Zuständemischungsträume dankbar sein. (Anschrift: München, Brienner- straße 36.) Einen reicheren Vorrat zu haben, ist erwünscht, um über ihre mögliche Einteilung in Klassen und über die etwaige Begrenztheit ihres Gebietes ein Urteil zu gewinnen. Wirkt bei allen Mischungen ein starker sinnlicher Reiz — wie in meinem Beispiel die Musik — von außen auf Unsere Vorstellungsbildung mit ein? Ich glaube nicht; vielleicht gibt es kaum zwei noch so unverträglich scheinende Berbalbegriffe, die nicht der Traum zu einem sonderlichen Dritten zusammenzubrauen, zusammenzukneten verstünde. Wenn dem so ist, so hat die Natur im menschlichen Gehirn eine Werkstätte errichtet, in der die abenteuerlichsten Synthesen >urchprobiert werden.
Vereinzelt aber können die Zuständemischungsträume auch eine vernünftige, zweckvolle Idee zutage fördern. Und noch eins: wer selbst solche Mischungsträume erlebt hat — und eigenes Erleben ist zum vollen Verständnis des bisher Gesagten überhaupt nötig — wird selbst dem blödesten Mischungstraum einen gewissen Reiz, sagen wir eine gewisse, mit seinem erfinderischen Charakter zusammenhängende Poesie nicht absprechen. Ja, hat die Poesie, wenn sie zwei völlig verschieden geartete Elemente den Rhythmus — gar den gereimten Rhythmus — und den geistigen Gehalt der Werte zusammenfeffekt, nicht selbst die größte Verwandtschaft mit einem Mischungstraum?
Die Welt im Waffertropfen.
Von R. $). France.
Das folgende Kapitel ist dem lehrreichen und vielseitig anregenden Buche „Welt, Erde und Menschheit. Eine Wanderung durch die Wunder der Schöpfung" von R. H. Franc 6 entnommen, das, mit 267 Seiten Text und 24 Tafeln, im Verlag Ullstein in Berlin erschienen ist.
Wer hat schon einmal einen Tropfen Sumpfwasser unter einem starken Vergrößerungsglas gesehen? Wenn sich die Schulreform nach meinen Vorschlägen einrichten würde, dann käme in jeder Volksschule einmal eine Stunde, in der man schon den Zehn- und Zwölfjährigen auf dem Wandschirm die Welt im Wassertropfen zeigte, was man ganz leicht durch ein Mikroskop bereits mit einer mittelmäßigen Lampe ein« richten kann. Man mühte dazu den Kleinen etwa folgendes sagen: Ihr könnt jetzt so sehen, wie wenn euer Auge alles tausendmal größer erschauen würde, als die Dinge wirklich sind. Ihr könnt daraus erkennen, daß es vw! mehr gibt, als man so im alltäglichen Leben zu sehen glaubt, daß also die Welt ganz anders ist, als man zunächst merkt. Vor allem ist sie viel lebendiger, denn in jedem Tropfen Wasser sind, wie ihr hier seht, Tausende von lebendigen Geschöpfen, die ganze Luft, die ihr einatmet, ist voll von ihnen, in jedem Körnchen fruchtbarer Erde leben sie. Würde man das alles zusammenrechnen und abwieqen, bann würde dieses Kleinleben zusammen einen riesengroßen Berg bilden gegen einen viel klei- "eren, auf dem die bekannten Tiere und Pflanzen zusammengehäuft sind. Es ist also das Kleinleben bedeutsamer als das Großleben. Die kleinen Geschöpfe ersetzen durch ihre Zahl das, was ihnen an Kraft und Größe im einzelnen abgeht. Ihr könnt hier das verschiedenste Kleinzeug bunt durcheinander wirbeln sehen und werdet finden, daß da gar nichts an die bekannten Tiere und Pflanzen erinnert, und daß diese grünen Dinger ost umherlaufen, was doch nicht der Pflanzen Art ist. Viele andere sind gelb oder braun, manche rot, mehrere blau ober blaugrün und die meisten so durchsichtig wie Glas. In die durchsichtigen kann man hinein- sehen und bemerkt bann, daß sie im Inneren andere Kleingeschöpfe haben, aber in einem getöteten und zerstörten Zustand. Die Großen fresien im Wasiertropfen offenbar die Kleineren, und die Größten sind offensichtlich auch die größten Räuber. Jetzt werdet ihr auch verstehen können, warum diese Geschöpfchen durcheinanderlaufen. Die einen sind auf der Flucht, die anderen auf der Jagd.
Eine wunderbare Urwelt ist das, was man da auf dem lebenden Bild gespiegelt sieht. Man braucht dazu nicht weit zu fahren, der Frosch-, graben vor unseren Toren ist eine solche Urwelt, und der Tropfen stammt von seinem grünschlammigen Grund. Furchtbar und wild geht es darin zu, Jagdabenteuer, kühne Flucht, Seltsamkeiten, Leben und Erstaunliches, auch Schönes gibt es darin in Hülle und Fülle.
So sind die Allereinfachsten, die Urpflanzen und Urtiere, beschaffen, unb sie sind von allergrößter Bedeutung für die anderen Geschöpfe. Die in der Erde leben, machen den Boden fruchtbar und rein, weil sie die toten und verwesenden Dinge verzehren und Nahrungsmittel vorbereiten sur die Wurzeln der Waldbäume, der Wiesengräser und der Feldfrüchte. Dre im Wasser leben — auch das ganze Meer ist in den oberen Schichten erfuüt von ihnen —, dienen den größeren zur Nahrung in einer langen Kette, die beim Fischreichtum der Gewässer endet. Und sie wiederum halten alle Flüsse, Seen und Meere rein durch Verzehren der Sinkstoffe, verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. — Druck und Verlag: Brühl
Die Bedeutung der Kleinen im Haushalt von Natur und Mensch kann also nicht hoch genug eingeschätzt werden.
So würde ich im ersten Naturkunde-Unterricht sprechen unb nun alle Bildung über die Natur auf dieses erste Erlebnis aufbauen.
Denn in Wirklichkeit baut sich ja auch das Naturleben so auf, daß überall im Meer und auf dem Festland, auf der ganzen Erde von Nord bis Süd durch die Luft verbreitet, einfachste und kleinste Geschöpfe vor allen Pflanzen und Tieren da sind, die gar nichts zum Leben brauchen, als was das Wasser, die Luft und die nackte unbelebte Erde bieten. Bon ihnen, den absolut Bedürfnislosen, besteht dann die übrige ganze Welt m vielen Stufen bis zum Menschen hinauf.
Cs ist ungemein merkwürdig, wenn man darauf einmal aufmerksam gemorben ist, diese verborgenen Erhalter der lebendigen Welt auf Schritt und Tritt überall wiederzufinden. Natürlich nur mit Hilfe eines stark vergrößernden Vergrößerungsglases, unter das man so wenig von der Substanz, ine man untersuchen will, bringen muß, daß sie durchsichtig ist. Der ©taub unserer Stube enthüllt sich dann als ein ganzer Tierpark von Wundergeschopfen, der Straßenstaub, den wir mit Kleibern und Schuhen hereintrugen, nicht minder, woraus sich bann das erstere ungezwungen erklärt. Auch in jedem Tropfen Faulschlamm unb Sumpf, wasser rollt unb tanzt es von Leben, und ich habe in jahrelanger Arbeit Teiche untersucht in denen sechs- bis siebenhundert verschiedene Arten von kleinsten Lebewesen ihren Unterhalt fanden. Nur begehe man nicht den Irrtum, zu glauben, man schlucke im Trinkwasser ganze Welten Infusorien hinab. Ein solches Trinkwasser wäre unrein im gesundheit- l-chen Sinne und gefährlich. Das von den Gesundheitsbehörden zuge- lassene Wasserleitungs- und Brunnenwasser enthält harmlose Bazillen und kaum da und dort einmal ein Kleinpflänzchen ober Tierchen. Aber ichon im Fluß, namentlich, wenn sich die Abwässer eines bewohnten Orte» in ihn ergossen haben, da wimmelt es wieder, und fischt man mit einem Netzchen mit feinsten Maschen aus einem noch so kristallklaren See ober aus dem Meere fern von allen Küsten, bann bleibt im Netz bald eine ■Urt durchsichtige Gallerte zurück, die sich unter dem Vergrößerungsglase auflost in die entzückendste Vielheit schöner Kleinlebewesen. Auch der Wald- und Ackerboden lebt. Um so mehr Geschöpfe sind in ihm, je mehr Humus er enthält, mit anderen Worten, je fruchtbarer er ist. Ich habe in allen fünf Weltteilen viele hundert Crdvroben daraufhin untersucht und kenne nur einen einzigen Ort, dessen Boden fast so arm an Kleinlebewesen ist wie das Trinkwasser. Das ist die Sandwüste.
Alleben ist also im ganzen genommen auf der ganzen Erde. Und es gibt zweierlei Art von Naturkunde. Eine, von der jedermann mehr ober minber weiß, von ihren Bäumen und Blumen, dem Wild unb den Haus- tieren, dem Getreide, den Vögeln unb Insekten, den Würmern unb Korallen. Und eine andere, mir den Eingeweihten bekannte, die dem Auge des Alltagsmenschen verborgen ist ob der Kleinheit der Geschöpfe und nur manchmal sichtbar wird als grüne Farbe in einem Teiche ober See ober als grüner ober gelber Anflug auf Mauern unb Bäumen, als Trübung im Wasser ober auch als ansteckende Krankheit, wenn sich die Kleinwelt einmal gegen uns kehrt und versucht, in unserem Körper auf unferc Kosten zu leben. Denn auch das gibt es. Nicht alles, was da im Unsichtbaren kreucht unb fleucht, ist harmlos, fonbern es find bie aller- wichtigsten und allerschädlichsten Wesen darunter. Von Bazillen hat schon jeder gehört und denkt bei dem Wort automatisch gleich an Tuberkulose, Cholera, Influenza und Pest. Tatsächlich werden diese auch durch eine kleinste Art von pilzartigen Pflanzen verursacht, bie so leicht sind, daß der Wind sie in der Luft herumwirbelt, daß sie in alle Getränke hineingeraten können, ohne daß man es merkt, unb bie darum auch im Menschenkörper unbemerkten Einzug halten. Sie nähren sich dadurch, daß sie ihn zersetzen. Das merkt man bann gründlichst als Erkrankung, Dahinschwinden und Lebensgefahr.
Man muß an die Kleinheit und Allverbreitling dieser Krankheitserreger denken, um zu verstehen, warum der beste Ratlchlag der Aerzte im Kampf gegen die ansteckenden Krankheiten lautet: Vorbeugen durch Vermeidung der Ansteckung ist leichter als Hellen.
Zum Glück aber hat man bie Gefährlichkeiten dieser Bazillen in der ersten Aufregung bei der Entdeckung übertrieben. Die Bazillen, z. B. bie, der Lungenschwindsucht, sind zwar tatsächlich überall im Staube da. Jeder Luftzug wirbelt sie auf, unb man atmet sie auf Schritt unb Tritt ein. Aber nicht jedermann erkrankt, der sie etnatmet. Nur diejenigen, die auf irgendeine Weise dazu vorbereitet sind. Durch feinen ererbten schwächlichen Körperbau, durch Alkoholmißbrauch, durch ungenügende Ernährung, überhaupt bie Nachteile, welche Armut mit sich bringt? Nur in einem zu Krankheit geneigten Körper vermögen bie Bazillen Fuß zu fassen.
Unb ganz falsch wäre es, nun diese ganze Rotte zu verdammen. Gerade unter den Spaltpilzen, wie man die Bazillen deutsch benennen sollte, befinden sich die wichtigsten unb nützlichsten aller Geschöpfe. Man kann keinen Bissen verdauen ohne sie. Im menschlichen Darm leben welche, die völlig unentbehrlich sind, namentlich bei der Fleischverdauung. Man kann kein Brot backen ohne sie, denn Spaltpilze sind ein wesentlicher Teil des Sauerteiges. Die Getreideernte, überhaupt jeder Pflanzen- bau würde ohne die Im Ackerboden lebenden Spalt- und Vobenpilze ein Ding der Unmöglichkeit fein. Schon diese drei Beziehungen — gar nicht zu gedenken mancher anderer zweiten Ranges — erbeben die Kleinlebe- welt zu einer Großmacht.
Man hat also einen ganz schiefen Begriff von der Natur und den Wirklichkeiten des Lebens, wenn man diese Dinge nicht weiß. Aus einem trotz allen Wissens unb Forschens In vielem noch geheimnisvollen Untergrund baut sich bie sichtbare Welt auf. Sie aber ist nur Blüte, während es auf bie Wurzeln ankommt, soll bas Ganze gedeihen. Noch lange nicht werben wir alle diese Wurzeln und vielverschlungenen Zusammenhänge kennen, darum Ist auch noch lange nicht möglich, auf alle Fragen über bie Entstehung unb Entfaltung des Gebens Antwort zu geben. Im Einfachsten steckt das tiefste Geheimnis. _
sche Univerfitäts^Buch. und Stelndruckeret, R. Lange, Gießen.


