Ausgabe 
27.11.1928
 
Einzelbild herunterladen

sellschast schwerwiegender Kunstfreund« an seinem Plast. Ich blieb, wie ich ihn so betrachtete, durchaus unwissend darüber, daß ich chn noch näher kennen lernen und sogar einen kleinen Schriftwechsel mit ihm tauschen sollte. Man kam in die Nähe der großen Objekte; der Mann wachte auf. Bei Franz Hals war er vollends munter; bot nickt mit, aber notierte sich am Rand des Kataloges die neuen Besitzer. Ich hatte von Anfang an meinen Katalog bei Nummer sechsundzwanzig aufgeschlagen; bas war der Rembrandt, das Hauptstück der Versteigerung. Sein Schätzungswert war achthunderttausend, aber er hatte, vor vier Jahren in Paris, wie sich Eingeweihte mitteilten, schon neunhunderttausend gebracht. Ich muß letzt, da wir uns dem Kern der Geschichte nähern, ein wenig psychologisch werden: darf nicht verschweigen, daß ich, trotz aller gespannten Aufmerksamkeit von meinem Nachbarn irritiert war. Er, was weit schwieriger zu erklären, schien auch an meiner Person inter­essierter, als aus den Umständen erklärlich; denn ich sah, meinen Katalog auf den Knien, mitteleuropäisch artig und geheimnislos da. Jetzt beginnen die einleitenden Merkwürdigkeiten.

Er ließ einen Silberstift fallen, hatte Mühe, ihn zu finden und dankte mir, als ich ihn aufhob, mit großartiger Freundlichkeit. Eine Minute später, sich zu mir herüberbeugend, vertraute er mir, daß er den Rem­brandt kaum für echt halte. Darüber äußerte ich in einer Weise mein Erstaunen, die ihn erschreckte; meine Behauptung, das Bild würde sicher einen Schätzungswert übersteigen, machte ihn nachdenklich. Die Auktion tand bei Nummer zwanzig. Es ging eine kleine Zeit leer und langweilig )tn. Nummer fünfundzwanzig war verhandelt; auf der Staffelei erschien der Rembrandt. Es wogte leise im Saale eine gewisse Unruhe auf. Das Bild, ein Porträt, ziemlich groß, unverkennbar die Handschrift des Meisters, wurde mit hunderttausend angeboten. Die Beteiligung war leb­haft. Mein Nebenmann saß, seltsamerweise, ohne den Fortgang zu beob­achten, versunken und nach innen gewendet, da. Das Bild ging, über Stufen von zehntausend bis zwanzigtausend, seinen Weg aufwärts, war bei vierhunderttausend angekommen, stockte ein wenig, als eine Stimme in meiner allernächsten Nähe sünfbunderttausend ansagte.

Ich war über diesen Sprung nicht weniger aufgeregt als die anderen, verlor übrigens ein wenig die Fassung, als ich feststellen mußte was mir bisher nicht klar war, daß dies Angebot von mir kam. Er­geben, mit ernstem Gesicht, ertrug ich die Aufmerksamkeit des Saales und machte mir meine fatale Anlage bewußt, die mich in Augenblicken ber Spannung, der Gefahr, zu gewaltsamem Antrieb brachte; über dies war dieser Fall nicht halsbrecherisch, einfach ein Aussprechen von Ziffern, die einen abstrakten, scharfen Reiz aussandten. Mit dein em Seufzer rich­tete mein Nebenmann sich zusammen; beachtete mich jetzt gar nicht mehr, sondern saß in ununterbrochenem Kontakt mit dem Auktionator ziel­gespannt und abgeschlossen neben mir und überbot rnich.

Ich nahm die Lage so spaßig wie sie war. Ich riskierte nichts; fak­tische Kaufkraft hatte ich für drei Mark fünfzig; konnte aber bis sieben­hunderttausend'ruhig mitgehen. Ein Rembrandt, der vor vier Jahren neunhundert gebracht hatte, war für dieses Abenteuer sicher genug. So wurde es ein ruhiges fachmännisches Duell. Wir waren bei sechshundert­fünfzig; niemand sonst begleitete uns; unsere Summen tarnen in kleineren Stufen, aber prompt und schlaggerecht. Der Auktionator hatte für jeden von uns einen Arm reserviert; für mich den linken, den rechten für meinen treuen Nachbar. Die Aufregung, an der Stille, die tief sich aus- breitere, zu merken, stieg im Tempo mit unseren Nennungen, sechshundert- siebzigtausend fünfundsiebzig achtzig fünfundachtzig neunzig siebenhunderttausend. Pause. Das letzte Angebot war von mir. Man kostete ein wenig die klare durchsichtige Luft dieser Siffer aus; der Ver­steigerer verweilte bei ihr mit sichtlichem ästhetischen Wohlbehagen.

Der alte Herr neben mir, den ich so unnötig echauffierte, der von Amsterdam den Expreß genommen hatte, um mit ausgeruhten Nerven an den Start zu gehen, der schon in seinem Salon einen Platz für den Rembrandt ausgerechnet und leer geräumt, ließ den Kopf finken. Wurde er traurig? Erkannte er meine jüngere, energischere Kaufkraft? Ich war allmählich mit meiner bescheideneren Art, die unerhörten Zahlen zu steigern, ruhig das gegnerische Gebot mit einem höheren zu drücken, zum Symbol eines allmächtigen, amerikanischen Auftraggebers avanciert, und schien mir selbst so, wie ich hier, im Mittelpunkt des schweigenden Saales, und immer von dem linken Arm des Auktionators achtungsvoll einge- läben, ein ernstes Geschäft abenteuerlich erschwerte. Siebenhunderttausend zum Ersten ... Der rechte Arm winkte meinem Nebenmann. Der saß und rechnete, sah nicht mehr auf und schien aus dem Kampf zurück- getreten. Mit Siebenhundert wollte ich abschließen.

Siebenhunderttausend zum Ersten, zum Ersten, zum Zweiten ... Siebenhunderttausend zum Zweiten ...

Eine mächtige Stimme brachte noch einmal die Summe .Mr vollen plastischen Anschauung. Mein Holländer schrak auf, verlor ein Papier, aber befriedigte die allgemeine Erwartung aufs beste mit höherem Gebot.

Siebenhundertfünfzigtausend ...

Ich bückte mich, das Papier auszuheben: und empfand, mir durchaus unerklärlich, schon im Ansichten des Zettels und ohne jedes eigentliche Wissen von seiner Natur, schon ein starkes komisches Behagen. Es war ein Scheck. Ich bot ihn dem Eigentümer an. Der verweigerte höflich die Annahme. , r .

Es war ein Scheck, abhebefertig, über Funszigtausend mit dem Namen eines bekannten holländischen Sammlers unterschrieben. Es war mit jetzt schon leicht, die Situation mitzuspielen; ich faltete das Papier zusammen, ließ oben den linken Arm vergeblich mir zuwinken; wartete noch den dritten Ausrus ab, der ein starkes Zwitschern der animierten Gesellschaft auslöste, erhob mich dann und verlieh diesen segensreichen Ort, den ich Armer und Unschuldiger so ohne jedes Wissen vom nahen Glück betreten hatte. Man soll die Kultur nicht schelten, wenn sie solcher­art auch die Besitzlosen hebt und tröstet. Es gehört, ich will es zugeben, allerdings ein gewisser Wagemut dazu, den Baum mit hochedlen, gol­denen Früchten so energisch zu schütteln, wie ich es getan hatte.

Jetzt sitze ich am Lugano, wunschlos, und sehe eben, wie Mirele die immer reifenden Drangen in ein kleines blaues Strohkorbchen erntet, das ihr schon schwer am Arme hängt.

Der Traum als Dichter.

Von Prof. Dr. Hermann Brunn, München.

Jeder weih, was man unter Addition von Zahlen versteht, und daß es Additionsmajchinen gibt. Jeder Mensch besitzt, ohne sich dessen bewußt zu sein, eine solche Additionsmaschine, sie ist nur weit wunderbarer und vielseitiger als jede andere Maschine. Ich meine, um es mit einem ein­zigen, freilich in seinem landläufigen Sinne hier nicht völlig deckenden Worte zu sagen unsere Phantasie.

Die tausende von Eindrücken, die durch die Pforten unserer Sinne in uns hineinströmen und in unserem Innern in Form von Vorstellungen sich aufspeichern, werden von unserer Phantasie, oder sagen wir: von der Maschine unseres Zentralnervensystems in der mannigfaltigsten Weise hintereinander, übereinander, ineinander und durcheinander addiert, was für uns als Unterlage unserer Begriffsbildung und unseres ganzen Den­kens von der höchsten Wichtigkeit ist.

Teilweise addiert nun diese Maschine die Elemente nach dem Muster der äußeren Natur und des im Leben erfahrenen Geschehens und schließt sich damit der Logik der Tatsachen an. Teilweise aber verfährt sie nach eigener Willkür und bringt dann in gewissem Sinne nur scheinbar, in gewissem Sinne wirklich etwa Neues hervor, das der Logik der Tatsachen oft geradezu ins Gesicht schlägt. Das ist das Wirken derPhan­tasie" im gewöhnlichen, engeren Sinne des Wortes, wie es besonders im Traume feine Blüten treibt.

Sprechen wir zunächst über Additionen von Vorstellungen des Ge­sichtssinnes. Die Vorstellung eines Wesens, das halb Mensch, halb Pferd, ist solch eine durch Addition von Teilen, die in der Natur nicht ver­bunden sind, hervorgebrachte Neuschöpfung der Phantasie. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß sie Im Traume entstanden ist und nicht in der wachen Phantasie eines Künstlers oder Dichters, wie mir denn neulich eine Freundin erzählte, daß sie nach dem Besuche des neuen Münchener zoologischen Gartens von Pinguinen mit Menschenbeinen geträumt habe. Hier liegt beide Male eine verhältnismäßig grobe Addition unterscheid­barer größerer Teile verschiedener Wesen vor. Die Phantasie addiert aber oft viel merkwürdiger, nach kleinsten Teilen, um zu der Vorstellung neuer Mittelwesen zu gelangen. So kann uns Im Traum ein Mann N. N. be­gegnen, den wir nie gesehen haben, der aber in uns durch Addition von zwei Bekannten Franz und Fritz entstanden ist und nun beiden ähnlich sieht, wie ein Sohn sowohl seinem Vater als feiner Mutter gleicht.

Erst jetzt komme ich zu dem eigentlichen Thema meines Aufsatzes, zu der Addition der Vorstellungen von Tätigkeiten, Vorgängen und Zu­ständen zu Phantasieschöpfungen also, die beim Eingehen in unsere Sprache neue Zeitwörter nach sich ziehen müßten. Diese Fälle sind bisher kaum beachtet worden, weil sie seltener und schwerer faßbar find.

Während des Wachens sind unsere Vorstellungen im Allgemeinen vernünftig", weil sie in der Hauptsache durch die sinnlichen äußeren Eindrücke an denen wir eben unsere Vernunft ausgebildet haben und durch unseren zweckbewuhten Willen geregelt werden; auch im eigentlichen Traume kommt dadurch, daß die Vorstellungen größtenteils automatisch, ohne Einfluß unseres Willens ablaufen, meist eine halbwegs vernünftige Einheitlichkeit zustande. Im Halbschlaf dagegen oder im Fieber geschieht es häufiger, daß wir die im Wachen angesponnenen Gedanken weiterzudenken, also die Vorstellungen unserem Willen zu unterwerfen streben, dieser aber schon im Erlahmen und nicht mehr kräftig genug ist, bas Herandringen anderer, automatisch ablaufender Vorstellungen fernzu- halten. Cs entsteht ein Kampf, ein Zusammenstoß und Zusammenfluß zweier verschiedener Vorstellungsrichtungen, und ihm entspringt ost eine ganz merkwürdige neue Vorstellung, oder sagen wir lieber da die Traumoorstellungen uns ja als Wirklichkeit erscheinen ein ganz sonder­bar neuartiges äraumerlebqj. Meist geht es nach kurzer Zest in den traumlosen Schlaf ober einen gewöhnlichen Traum über, und beim Auf­wachen hat man bann nur noch eine unklare (Erinnerung an eitlen außer­gewöhnlichen Zustand, den man vergeblich zu beschreiben, mit ber son­stigen Erfahrung und Gedankenwell in logische Verbindung zu setzen sucht. Man gibt sich schließlich mit der Bemerkung zufrieden: meine Ge­danken haben sich verwirrt.

Es ist mir aber doch gelungen, in ein ober dem anderen solchen Fall etwas klarere Einsicht zu erlangen, und ich will versuchen, an Hand eines glücklich analysierten Beispiels bas Wesen solcher Verwirrung, die Logik solcher Alogik eingehender darzulegen.

Eines Abends auf dem Lande träumte ich im Halbschlafe, daß ich auf einer Karte mit gespreiztem Daumen und Zeigefinger im Takte hin und her zirkelte, ohne zu wissen, warum. Im wachen Zustande würde ich die Herkunft dieser instinktiven Tätigkeit, falls ich mich überhaupt auf sie eingelassen, sofort erkannt, sie als sinnlos verurteilt und abgebrochen haben. Im Halbschlafe aber waren mir die Ursachen meines Benehmens unklar, dabei fühlte ich einen unentrinnbaren Drang und Zwang, die Tätigkeit fortzusetzen, und trotz des Gefühls einer fremdartigen Spannung hatte der Zustand etwas so Rundes und Wirkliches, daß die Kritik die Waffen streckte und ich mich auf einen Standpunkt versetzt sühlte, der am Besten durch den ein klein wenig abgeänderten Hegelschen Aus­spruch gekennzeichnet wird:Alles was ist, ist, insofern es ist, vernünftig", was nichts anderes bedeutet, als daß die Vernunft mit allem, dessen Wirklichkeit sie nicht mehr bestreiten kann, sich abfinden muh und auch wirklich abfindet.

Wie erklärt sich der Traum? Ich hatte mit einem Bekannten die Karte studiert und noch im Bette beim Einschlafen weilten meine, Gedanken bei dem geographischen Bilde vergangener und künftiger Ausflüge, wäh­rend aus einer benachbarten Wirtsstube ländliche Tanzmusik zu mir her­übertönte. Diese Gedanken und dieser sinnliche Eindruck mischten sich nun zu der besagten Traumvorstellung. Dabei verhinderte die Musik das deut­liche Bewußtsein des geographischen Denkobjektes, andererseits ließ mich die Absicht geographischen Denkens nicht zur Auffassung der' Musik als solcher kommen. Vom Geographischen war nur übrig geblieben die Karte und das Gefühl einer unerfüllten Verpflichtung, mich mit ihr zu beschäf­tigen, von der Musik nur der Rhythmus, ber Trieb des Tänzers, sich ihm