GietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang (928
Dienstag, den 21. November
Nummer 95
November.
Von Manfred Hausmann.
Ich glaube, es schneit fu,on wieder, die Nacht ist so neblig und kalt. Du bist meine kleine Geliebte in diesem verschneiten Wald.
Magst du noch weiter gehen? Ich hab dich erst einmal geküßt, du mußt es doch erfahren, du Liebe, wie lieb du mir bistl Ich will auch gar nichts sagen. Das tut dir vielleicht noch weh. Wir haben ja heute dies Schweigen, dies Wandern und Schweigen im Schnee. Und über uns hängen die Föhren, es fängt wieder an zu schnei'n.
Wir wollen nur so ... hingehn und ganz aneinander sein.
Der See.
Von Waldemar B o n s e l 5*).
ffis ging starker warmer West und sang gewaltig. Mario zog ihm ent- aegen das war der Tag, an dem er den See entdeckte. Der Wind machte bemahe unvorsichtig, da man sich nicht wie sonst auf sein Gehör ver- Wen konnte, und der sorglose Aufruhr der Bäume und Büsche übertrug sich auf das eigene Blut. Es flatterte, schrie, raschelte, schwatzte und °^uste^,umher, vom Boden empor bis zu den Gipfeln, alles reckte und oehnte sich aufgemuniert und belebt. Die Bodentiere hielten sich verborgen
die Vogel versteckt, nur ein Elsternpaar lärmte in einer Ulme und Uetz sch schaukeln und zausen. Mario kam so dicht an die Redseligen und scheltenden heran, daß sein Pfeil sie erreicht hätte, aber er senkte den Bogen.
Auf seinem Wege erhoben sich die Ruinen des alten Schlosses, eigent- Uch waren sie das Ziel seines Ausflugs für diesen Tag gewesen; er kannte me blatte schon lange, sie lag etwa eine Stunde von der Waldhütte ent- lernt gegen Südwest. Der Wald rückte an das alte Gemäuer heran und »reit und wuchtig daran empor, er drohte es ganz zu verschlingen, aber noch ragten die Reste der Steingebilde über die Baumwipfel hinaus. Der vlurm sang in den öden Fensterhöhlen der Südmauer, die sich noch wie " graues Felsgerippe in den Himmel erhob. Die Dohlen warfen sich um die Schroffen.
Ein verschütteter Weg, der von der Westseite her wie ein Bachbett in m Trummerwelt emporführte, ließ sich noch erkennen, verwachsen und Überwuchert, ganz zerfurcht von den Sturzbächen der Gewitter, die die «msatzungsmauern eingeriffen und niedergelegt hatten. Der Ginster reckte grünen Zweigbesen struppig aus den Ritzen, Efeu kroch still uno schläfrig aus den Schattentiefen des ehemaligen Burghofs empor, und rmem zerbrochenen Fensterbogen, mitten darin, grünte ein wilder «ittobaum.
Eidechsen blitzten und raschelten an den windgeschützten Sonnen- Mgen auf dem heißen bröckelnden Gestein, und das Heidekraut, hoch in 3‘e' deckte wie mattglühende Wolkenschatten die zerbröckelnden Ge- wowe Dre abgesunkenen Ringmauern wurden vom Wald lautlos qe- JX™, er verschlang ihre von Menschenhänden gebildete Gestalt, zer- 2?» 1 Gefüge, zerfraß und zerlegte Mörtel und Gestein. Die Farnen simatteten breit und dicht die Trümmer int feuchten Grund an den jäh mCn Hungen, wie Decken aus grünem Spitzengewebe, und qe- a~9c Vaumriesen brachen tiefer unten durch die Quadern.
s.., Nuine wurde von den Dohlen beherrscht. Mario, der die Stätte kick »1» Seit und des Verfalls liebte, stöberte nicht umher, sondern legte I unh L. V < wohlgeborgen an den höchsten Platz, den er erreichen konnte, I fiX™. .,tc geduldig auf das Treiben, das sich zeigen sollte. Aber da ge- 7aX e® 'hw, daß der Flug der Dohlen ihn verzauberte.
tonh rJQb halber Höhe des Turmes aus, der sich über einen Mauer- tolnfer m ejtern ^eß, ins Land hinaus nach Süden durch die Baum- | unbN,"8ch. Er war niemals so hoch über die Waldebene gelangt,
njang nahm ihn der lichte helle Ort und sein Blickfeld gefangen. M.' sich wie von Wind und Helligkeit getragen und atmete froh. I fehh«^ItL. voö>get»el£tes, ruhloses grünes Meer wogte unter ihm, unab- *iihL <er. herrliche Teppich des Waldes, von eilenden Wolken- I „__en und dahinfahrenden Sonncnflecken überjagt. Das Geschrei der !
uustalt^Stuttg" ®Uc^e "ri0 und die Tiere", Deutsche Verlags- j
I bewegte f° toi(b unb sonderbar, was ihm das Herz
Aber mehr noch ihr Flug. Nun, da er still und mit seliger Jett ae. nnh^h-L,"1 Ginstergemäuer ruhte und schaute, sah er über sich die Flügge ndStiirze der schwarzen Vogel, die zuweilen stahlblau und violett schim- I Sonne ihr Gefieder abblinkte, als würfe sie ihr Licht
I mit Lust und Jubeltn dies über alle Maßen kühne Himmelstreiben Kum I erstenmal begriff Mario das Element der Luft, die vom Sturm ent- I flammten Bogel lehrten es ihn verstehen und im Bild erschauen.
" Liegen mit regelmäßiger Flügelmühe und sorgsamem ^ker der Schwingen, was die großen Vögel dort oben trieben das war % ®lnÖ0eiftern, oh nein, viel mehr als ein Spiel, es war 1 Mi» Herrschaft über die Luft, voll nie gesehener Berufung und erhabenen I zwischen Himmel und Erde. Sie vertrieben einander von den I Ochsten Zinken und Gipfeln des Gemäuers, immer wie in einem heiteren I ®C3nnfc. Sie Serjagte ließ sich los, als stürzte sie ab — ja, sie fiel wirklich I "Ker da blinkte das Gefieder auf, und jählings riß der Wind sie bock sagenden Luft 3erzLste?FederS/inVr
I »KUnh nn?““ t uc9 .s'ch Nicht empor, sondern überließ sich dem Strömung. trU9 6 aUfmOr S' ro,c Segel stellte sie die Flügel gegen die ®‘en D°hlen überschlugen sich, tauchten hinter die Zinken in den Wind- I m i «r kerzengerade empor oder torkelten windberauscht
«".®8brause. Nein, sie flogen nicht, sie gaben sich dem Winde völlig und I Ehrlos hin, und wenn er sich ihrer bemächtigte, als seien sie seine ver- I L°reneJt oseu Opfer, kam eine mühelose, kleine, kaum sichtbare Wen- I schlanken Körpers, der Steuerfedern, der Schwinge ja nur eines F ugeleckchens, und sie fuhren davon, wohin es ihnen geM und ^omphierten über den Sturm, als wäre er ihr genarrter wiener. Sie I konnten nicht nur hinabstürzen, sondern auch hinauf wabrbaftio hon vermochten sie. Cs war oft, als' schösse sie ein furchckar« Stoß aus der Dwfe empor und grimmig zurück, aber dann aus der Höhe sielen sie «*eb7 ro.ie Sterne, singen sich unmittelbar vor der Felsecke, als prallten
MRr K Unb tQnbetCn unb als Ä I mv % unb. mebr fto9 Marios Seele mit, sie wurde ein Lickt- und Windwe en wie die Tiere über ihm, er verstand und liebte den unsickt- I nhlm Ä der ohne Anfang und Ende, ein singender tragender Welten- odem, zwischen Fels und Sonne die Seinen wiegte und sie zu sich erlckuf ^wurden .o erst in ihm, was ihre sorglosen Kräfte so strahlend machL' Durch die Vogel offenbarte er seine Allmacht und die lichte Freiheit feiner I Ä' jedoch zugleich wurden Mario die Vögel durch den Wind vertraut roa.r',aI® sloge er selbst und als sei er gleichermaßen in Wind und Bogel veremt; er konnte sich vor Glück nicht bergen.
Nun begannen die Dohlen, als sprächen Erinnerung und Traum, xu -hm zu reden: Einmal, Mario, weißt du es noch, verfolgten wilden N Hk, Usb ber königliche Vogel flüchtete. Cs war zur Zeit unserer Brut, als du am Tag zuvor die alten Münzen hier in der Burgruine in unseren Nestern fandest. In wilder Flucht entwich der Mächtige vor ! unserer Schar, du sahst es mit Schrecken unb Verwunderung Du erblicktest auch, wie er sich jählings hoch in der Luft zum Kampf zur Ab- mehr rustete, er schlug sich auf, schoß nieder, stand für einen Augenblick f"" U'eitgespreiztem Gefieder m der Luft, wie ein Wappenbildnis9 iedock Schnabelhieb und Kralle verfehlten uns stets, nicht eine von uns traf ober verwundete er. Er ist stärker und furchtbarer als wir, aber unser Triumph uoer ihn liegt im Flug, unser Flug ist mächtiger als seins Eu U<A 7 wandte sich erneut zur Flucht, als entsetzte ihn se?n Streit mit den schreienden, schwarzen, gespenstigen Luftschatten den un-
6 ft sin9ten Vögeln, mit uns, den Dohlen.
.uom Hobicht, hörst du uns, Mario, von ihm, bei dessen Anblick die kleinen Vogel auf den Aesten vor Entsetzen erstarren, so daß sie wie gelahmt im Gezweige hocken, als seien sie tot. __ °
r,«. • brannte' ®ario erhob sich taumelnd, er brauchte Zeit um
sich in der Gegenwart zurechtzufinden, und feinen blinzelnden Augen die lange ins Licht geschaut hatten erschien die Umwelt für eine Weile schal und farblos. Er schickte sie in die Weite, als habe er erst nun die W?i?e gelernt. Ihr Zauber überflutete ihn als ein Schmerz, wie Heimweh konnte man denn Heimweh nach der Ferne haben? ’
(Er mußte weiter, es trieb ihn davon nach Westen, ja, gehen mußte er, wandern mit feinen Fußen - sie kamen ihm schwer ünVtriwe vor b c behenden — oh, ihr seligen Dohlen I 8
Die Gegend, in die er jetzt gelangte, stellte neues Gebiet für ibn dar unb cs galt umsicht,gund klug vorzugehen. Die Wilbnis schien ihm hi« verwachsener noch und unwegsamer als der vertraute Wald, oft galt es faf) durchs Dickicht zu arbeiten, und er verlor zuweilen die Richtung. Es nunrft ta“m re(f,t bewußt was ihn zog, jedoch ein lichter Gürtel im Gefilde der tferne, wie ein Tal mit blassem Nebellicht darüber, lag ihm n?H<.m7»®Urg3mne ber m Si"n; es zog ihn an und lockte heimlich und


