Ausgabe 
26.6.1928
 
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Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Llniversitäts-Vuch- und Steindruckerei, A. Lange, Gietz««-

in das Tal führte, ein paar Spielleute an der Spitze, Cs war der Sohn des Schultheißen von Ruschenstein, ein Halbwegs fröhlicher Gesell, der aus der Art schlug: von der Schule nach Hause gekehrt, hatte der einige wilde Studenten mitgebracht, worunter ein paar geistliche Schüler und dabei auch ein junger Mönch, sowie Hans Schafürli, der Ratsschreiber von Ruechenstein, eine buckelige, gebogene gestalt mit einem langen Degen, der letzte im Zuge, da sie wegen der Schmalheit des Weges einer hinter dem andern daherkamen.

Als sie jedoch der sangbaren Frauen ansichtig wurden, stellten sie die eigene Musik ein und schienen das Ende des Liedes abwarten zu wollen, welches jene fangen. Indessen verstummten die Frauen ebenfalls; sie waren überrascht und lächelten zugleich erwartungsvoll den Dingen ent­gegen, die jetzt geschehen würden. Violande zeigte sich nicht betroffen, sondern trat aus den Schultheißensohu zu, welcher sie höflich begrüßte und erklärte, wie er mit seinen Freunden einen kurzweiligen Besuch in der fröhlichen Nachbarstadt habe machen wollen, um den Johannistag nicht allzu trostlos zu verleben, wie nun aber hier noch ein schönerer Aufenthalt winke, sofern es gestattet sei, den Jungfrauen einen ehrbaren Tanz anzubieten.

In weniger als drei Minuten war die Angelegenheit geordnet, und sie tanzten alle auf dem großen Flur des Forsthauses, Küngolt mit dem Schultheißensohu, Biolande mit dem Mönch und die übrigen mit den Schülern; aber am gewandtesten und leidenschaftlichsten tummelte sich der Ratsschreiber herum, der trotz feines Buckels mit seinen Beinen weiter ausgriff als alle andern, da sie gleich unter dem Kinn sich zu spalten schienen.

Küngolt war nicht froh und wußte nicht, was ihr fehlte. Als daher Violande ihr zuflüsterte, sie sollte es auf das Schultheihenkind absehen, damit sie Schnltheißin von Ruechenstein würde, blieb sie kalt und teil- nahmlos, bis sie plötzlich den Buckligen mit seinem gewaltigen Tanzen sah und hoch auflachte. Sie begehrte sofort mit ihm zu tanzen, und es sah aus wie ein Märchen, als ihre schöne Gestalt in grünem Kleide und das Haupt mit dunkelroten Rosen geschmückt, am Arme des spukhaften Schreibers dahinflog, der seinen Höcker in Scharlach gehüllt trug.

Doch unversehens änderte sie chre Laune und sie geriet an den Mönch, von diesem an einen der Studenten, und eh' eine halbe Stunde vergangen, hatte sie mit allen anwesenden jungen Männern sich gedreht, so daß alle seltsam aufgeregt die Blicke an ihr haften ließen, indessen die übrigen Frauen allmählich auch wieder zu den Ihrigen zu kommen suchten. Damit das geschehe, rief Biolande die Gesellschaft zum Tische unter den Linden, um sich dort auszuruhen und zu erquicken, indem je ein Jüngling neben eine Jungfer zu fitzen kam und Küngolt zu dem Schultheißensohn.

Küngolt aber war von einer Sehnsucht gequält, alle diese Jünglinge sich unterworfen zu sehen. Sie rief, sie wollte die Schenkin sein, und eilte ins Haus, noch mehr Wein zu holen. Dort schlich sie schnell in Biolandes Kammer und suchte etwas in deren Kleidertruhe. Biolande hatte ihr einst im geheimen ein kleines Fläschchen gezeigt und anoertraut, das sei ein Philtrmn oder Liebestrank,Gang mir nach" genannt; wer es von der Hand einer Weibsperson zu trinken bekomme, der sei derselbigen ohne Gnade verfallen und müsse ihr nachgehen. Es sei in dem Fläschlein zwar nicht das starke und gefährlichere Gift Hippomanes, aus dem Stirngewächs eines erstgeborenen Füllens gebraut, sondern das Tränklein sei aus den Gebeinlein eines grünen Frosches gemacht, welcher in einen Ameisenhaufen gelegt und von diesen zernagt und zierlich präpariert worden sei. Aber es sei immerhin noch stark genug, um einem halben Dutzend unbotmäßiger Männer die Köpfe zu verdrehen. Sie habe das Fläschlein von einer Nonne geschenkt bekommen, deren Geliebter vor der Anwendung plötzlich an der Pest gestorben, so daß sie entsagend ins Kloster gegangen sei. Violande selbst getraue sich weder dasselbe zu ge­brauchen, noch es wegzuwerfen, weil hieraus ein unbekanntes Unheil entstehen könnte.

Dieses Fläschchen fand Küngolt und goß seinen Inhalt schnell und verstohlen in eine frijMe Kanne Wein, mit welcher sie klopfenden Herzens hinauseilte. Sie hisst die Jünglinge alle ihre Gläser leeren, weil sie ihnen einen neuen süßen Trunk einschenken wolle, und sie wußte es so einzu­richten, daß in dem Kruge nichts übrig blieb, nachdem sie alle Gläser der Männer gefüllt und jedem nachträglich etwas zugegossen hatte, wäh­rend sie ihn wie ein Wetterleuchten süß und schalkhaft'miblickte.

In diesen gleichmäßig und unparteiisch verteilten Blicken lag das Zaubergift, ruelches nebst dem starken Wein jetzt die Knaben betörte, daß alle voll Verblendung und Leidenschaft das glänzende Mädchen um­warben mit jener Selbstsucht, welche sich allaugenblicklich stets dahin wendet, wo sie ein von andern gewünschtes oder allgemein erstrebtes Gut locken sieht. Alle ließen die übrigen Frauen stehen, welche blaß aus Aerger vor sich niedersahen oder ihre Verlegenheit unter lautem Ge­plauder zu verbergen suchten. Selbst der Mönch ließ plötzlich ein braunes Dienstmägdlein fahren, das er soeben kosend umfangen hatte, und Schafürli, der Ratsschreiber, drängte sich mit einem langen Schritte vor den Schultheißensohu, der die Küngolt sponsierend an der Hand hielt.

Diese aber ließ keinen aufkommen; kalt wie Eis gegen jeden ein­zelnen in ihrem Herzen, wußte sie rote eine Schlange 'sich unter ihnen umzutun, und als sie sah, daß sie alle umstrickt hielt, selbst die anderen Frauen wieder freundlich zu machen und herbeizulocken.

Es war nun dunkel geworden. Die Sterne funkelten am Himmel und die Mondsichel stand über dem Walde, erbleichte jedoch bald hinter einem hellen Johannisfeuer, das von einer Anhöhe aufflammte, vom jungen Landvolke angezündet.

"Laßt uns zum Feuer gehen!" rief Küngolt,der Weg ist kurz und lieollch durch den Wald! Aber wie es sich geziemt, die Frauen voran und die Knaben hintendrein!" Sv geschah es und sie zogen mit anqe- zundeten Kienfackeln durch den Wald mit lautem Gesänge.

Rur Violande blieb zurück, das Haus zu hüten und den Forstmeister zu erwarten; denn auch sie gedachte heute ihren Fang zu tun. Es dauerte

auch nicht lange, bis er ankam, in starker Stimmung und mit umflorten Sinnen. Aks er die Tische unter den Linden sah, setzte er sich hin und verlangte wohlgelaunt einen Schlaftrunk von Violanden, die ihm den selben davoneilend zu bereiten ging.

Aber auch sie schlüpfte vorher schnell in ihre Kammer hinauf, ha« lang gehütete Fläschlein mit demGang mir nach" zu holen, und li- fanb es nicht. Sie konnte es auch auf dem Wege nicht finden, den , ^Senunb sinnend zurückkam; denn dort, wo es Küngolt hastig unh "^-«geworfen, hatte es bereits das vom Mönche zur Seite qe, l "te Magdlem aufgehoben das sich grollend ins Haus zurückgezogen

Doch Violande besann sich nicht lange. Sie machte den Trank um fo fufcer und starker und gesellte sich, als er ihn trank, nahe zum Forst" me.ster. Es strömte em zärtlich-trautes Wesen von ihr aus; auch tm« sie em blaßgelbes Kleid, das überall rot eingefaßt war und ihr untadelia weißes Fell, rate man damals sagte, am Halse wohl sehen ließ. Di« Blumen hatte sie aus dem Haar getan, um nicht kindisch zu erscheinen und sie wand ihre starken dunkeln Zöpfe frisch um den Kopf.

"El Baft, sagte der Forstmeister, als er sie über den Becher wea von ungefähr erblickt hatte, ganz nahe bei ihm,wie seht Ihr gut aus!" lächelte sie rote selig und sah ibn mit süß funkelnden Augen unverhohlen an, indem sie Jagte:Gefall ich Euch endlich und so spat? Wenn Ihr wußtet, wie gern ich Euch schon gesehen habe, als ich noch ~ Das ging dem guten Mann ein, stärker als ein Liebestrank von Froschbeinchen; wunderliche Vorstellungen, eine dunkle Erinnerung an em schönes Madchenkind zogen durch seine Sinne, während das Kind jetzt als lange schön bleibende Weibesgestalt in Lebensreife bei ihm war roie aus weiter Ferne unversehens herangetreten. Sein großmütiges Her, stteg m das aufgeregte Hirn empor und schaffte dort in aller Eile an allerlei Bildwerk herum. Violande erschien ihin plötzlich als eine durch Leiden und viele Erfahrung höchst wertvoll gewordene Person, mit der man ein bedeutendes und geheimnisreiches Stück Leben in die Arme schlosse und welcher Heimat und Ruhe zu geben dem Schenker selbst ein goldenes Gut verleihen würde.

Er nahm ihre Hand, streichelte ihr die Wangen und sagte:Wir sind mcht alt, Violande, liebe Base! Wollt Ihr noch meine Frau werden'" Und da sie ihm die Hand ließ und sich näher zu ihm neigte, von wirk, lrcher Gluckesgüte erglänzend, machte er den Brautring seiner ersten Frau, den er seit ihrem Tode an einer Verzierung seines Dolchgriffes trug, los und steckte das Kleinod an Biolandes Finger. Sie drückte ihr Gesicht in sein breites blondgraues Löwenantlitz, sie umfingen und küßten sich zärtlich unter den rauschenden Nachtlinden, und der kluge Mann glaubte, den Stein der Weisen gefunden zu haben.

In diesem Augenblicke kam Dietegen mit seinen Waffen nach Hause. Da er quer über den Rasen ging, hörten ihn die Kosenden nicht und er schaute in höchster Betroffenheit, was er da vor sich sah. Beschämt und errötend zog er sich so still als möglich zurück und umging das Haus, um die hintere Tür zu gewinnen. Dort aber hörte er mit einemmal vom Walde her ein lautes Schreien und Rufen, wie wenn Menfchen in Streit oder Gefahr wären. Ohne Zögern ging Dietegen dem Lärmen nach. Bald fand er die so fröhlich ausgezogene Gesellschaft in schrecklichem Zu- stände. Bon Wein und allgemeiner Eifersucht toll geworden, waren die jungen Männer auf dem Rückwege vom Johannisfeuer, als sie mit den Weibern vermischt gingen, hintereinander geraten und hatten sich mit ihren Dolchen angegriffen, so daß mehr als einer blutete. Gerade aber, als Dietegen ankam, hatte der krumme Ratsschreiber wütend den jungen Schultheißen niedergestochen, der, gleichfalls das Schlvert in der Hand, im grünen Kraute lag und eben den Geist aufgab, während die übrigen sich schön paarweise noch an den Gurgeln gepackt hielten und die Weiber entsetzt um Hilfe schrien, mit Ausnahme Küngolts, die totenblaß ober neugierig und mit offenem Munde in das schreckhafte Schauspiel starrte.

Küngolt, was ist das?" sagte Dietegen zu ihr, als er sie rasch er­blickt; es mar das erste Wort, das er feit langem an sie gerichtet. Sie zuckte zusammen, sah ihn aber wie erleichtert an. Doch sprang er jetzt ohne Aufenthalt unter die Streitenden und es gelang ihm mit einigen kräftigen Anstrengungen, die tollen Jünglinge auseinanderzubringen und ihnen den Toten zu zeigen, worauf sie stracks die Arme sinken ließen und ganz vernichtet bald auf die Leiche, bald auf den grimmigen Schafürli schauten, der roie wahnsinnig um sich stierte.

Inzwischen waren Dauern und auch die heimkehrenden Knechte hec- beigetommen, welche die Ruechensteiner einstweilen gefangennahmen und den Schafürli banden.

Das war nun ein schlimmer Morgen, der darauf folgte. Der Forst­meister war mit der bösen Violande verlobt, sein Kopf summte sehr un- leidig, ein toter Ruechensteiner lag im Hause, die andern waren einge­türmt, und eh' es Mittag war, erschien eine Abordnung aus Ruechenstein mit dem alten Schultheißen selbst, um nach dem Unglücke und dessen Entstehung zu fragen und alle Rechenschaft zu fordern.

Aber schon hatte im Turm der gefangene Ratsschreiber, der wußte, daß es ihm als Mörder des Schultheißensohnes an den Kragen ging, grimmige Klage gegen die Weiber von Seldwyla und hauptsächlich gegen Küngolt erhoben, die er der Zauberei und Behexung beschuldigte. Jenes grollende Mägdlein hatte dem Mönch, dem es nun verzieh, das Fläjchf lein mit einigen Worten zuzustecken gewußt und dieser es dem Schafürli gegeben. _ '

Zum Schrecken der Seldwyler drehte sich der Handel noch nm gleiche» Tage gegen das Kind des Forstmeisters und gegen dessen Haus; denn jedermann, in Seldwyla sowohl als in Ruechenstein, glaubte an dis Wirkung der Zaubertränke, und die anwesenden Ruechensteiner traten so drohend auf, daß das Ansehen und die Beliebtheit des Forstmeisters die Gefangensetzung der Küngolt nicht abwenden konnten, zumal er sich in feinen Gedanken roie gelähmt fühlte.

(Fortsetzung folgt.) __