„Ach, Frankreich!" sagte er; „mein Vater ist ein Deutscher, aus dem gesegneten Lande Schwaben!" und seine nicht großen Augen leuchteten vor Zärtlichkeit.
Es half eben nichts; ihm war nicht zu wwerstehen, Walter und Marx waren meine Duzbrüder. *
So war der Anfang unserer Bekanntschaft.
Ich hatte bald empfunden, daß hier ein ernster Geist regiere, der jeden nicht gar zu Trägen mit sich reißen mußte; nur die Hebung am Klavier beschäftigte uns je drei, ja wohl gar vier Stunden am Vormittage und ebenso am Nachmittag. Abends waren dann unsere „Versammlungen", die wir wechselweise auf unseren Stuben abhielten; da wurde geraucht und über das, was uns in den theoretischen Stunden vorgekommen war, ein Quantum hingeredet; auch gesungen wurde bisweilen: unser Hauptstück war ein Terzett a cappella, das von Franz, mit dem ich bald zusammsngesührt war, aus seinem Zimmer vorgelegt wurde. „Tropfen von Tau", den milden Anfang hatte es, Melodie "und Komponisten habe ich vergessen, ich meine, es war für Frauenstimmen, und wir stiegen dabei eine Oktave tiefer; aber wir sangen es, wie Franz, unser Dirigent, bemerkte, umstandsverhältnis- mütz.g schon; auch Marx war einer von den toiingern.
Eines Mittsommerabends waren wir bei Franz; die Pfeifen brannten, die schlecht geputzte Lampe hatten wir des Qualms wegen tief hinabgeschraubt; Walter war nicht da, er wohnte bei einer alten Tante und war dadurch mitunter abgehalten. Marx und ich rauchten schon unsere zweite Pfeife, da — klatsch! ging es, und Franz hatte seinen Morgenschuh ausgezogen und ihn über sich gegen die niedrige Decke geworfen. „Hol' der Teufel den Bäcker und seine schwarzen Teufelsdinger!" rief er.
„Was rasest du?" sagte ich und blickte mich in der dämmerigen Stube um; aber Scharen von jenen häßlichen großen Küchenschaben, wie sie bei Bäckern — der Hauswirt war ein solcher — ihren liebsten Heimsitz haben, huschten mit ihrer spukhaften Hastigkeit blitzschnell über Deck' und Wände.
„Potz Himmeltausendsakramenter!" rief ich; wir waren alle aufgesprungen; der eine nahm den Stiefelknecht, der andere riß den Handleiter vom Klavier, Franz zog auch den zweiten Schuh vom Fuß, und nun begann eine Jagd: klitsch, klatsch! und die Schaben, die ihr Loch nicht finden konnten, waren unsere sichere Beute; auf Tisch und Stühlen lagen ihre zerquetschten Leiber, das Bett war völlig übersät. Das Jagdfieber ergriff uns immer mehr; wir sprangen vor- und rückwärts, gegeneinander und um uns selber; das Nachtgezücht rannte an uns empor, über unsere Kleider, auf unser Gesicht, und wir schlugen es auf uns selber tot. Aber schon genügte uns der enge Schauplatz nicht mehr; wir rannten zur Stube auf den Flur hinaus, die Mordinstrumente in den Händen; überall waren Schaben; dann die Treppe hinab; Marx trug die Lampe, der Qualm flog aus dem Glaszylinder — da plötzlich im unteren Hausflur eine Wand, es mag wohl eine Tür gewesen sein, und die dicke Gestalt des Hauswirtes stand im baren Hemde vor uns; das bärbeißige Gesicht mit den buschigen Brauen über den kleinen Augen betrachtete uns voll Grimm und Staunen:
„Hoho, ihr Herre, was geit's denn? Qe alarmieret jo 's ganz Haus! Lasset Se das Zinselwerk und ganget Se hoim!"
Aber Franz legte feierlich die Hand auf seine Schulter: „Mann!" sagte er, „ein Dankgebet wäre Ihrem Munde ziemlicher gewesen als so nichtsnutzige Reden; kommen Sie mit in mein Gemach und inspizieren Sie dort die Leichen; wir haben Ihnen zum mindesten fünfhundert Schaben totgeschlagen!"
„Totg'schlage?" wiederholte der Mann und lachte grimmig. „Die hättet Se kenne lebe laun!"
„Den Teufel auch!" rief Franz. „Ich inag nicht mit ihnen leben."
„Ach, Herr Franz, d' Schwobe hänt mer no nia nex vo meim kurze Schlof abisse!" Damit schlug er verdrießlich seine Tür wieder zu und verschwand dahinter, Gott weiß, wohin.
„Der Mann hat keinen Sinn für Höheres!" sagte Franz, und wir gingen etwas abgekühlt nach seinem Zimmer zurück. „Aber was nun, meine Lieben?" begann er wieder. „Schlafen kann ich nicht unter diesen Toten, und wie mir deucht — sie stinken auch ganz erklecklich! Aber — mich erleuchtet der Geist: die Nacht ist schön, Schaben gibt es draußen nicht — machen wir einen Männerspaziergang!"
„Einen Spaziergang?" wiederholte Marx zögernd, der nach dieser Aufregung recht jämmerlich dreinsah. „Ich bin müde, Franz, und habe morgen vormittag um zehn Uhr Klavierstunde; komm mit mir, du kannst auf meinem Sofa schlafen!"
„Nein, nein, edler Lavendel, gute Gedanken dürfen nicht auf Sofas verschlafen werden. Kommt nur! Durch Kannstatt nach Waiblingen, wo die Wachtturmtreppe so eng ist, daß die Witwe des alten Turmwarts sich anstandshalber mit dem neuen Wachter verheiraten mußte, da sie wegen ihrer Dicke nicht mehr hinunter tonnte1)! Unser nordischer Freund muß nebenbei auch Schwaben kennenlernen!"
Mit einem Wort, er drängte so, daß wir beiden anderen uns endlich bereit erklärten und die Treppe mit ihm hinabstiegen. Als wir unten waren, stürmte er noch einmal hinauf, kam aber sogleich mit einer Notenrolle wieder herab.
„Was hast du denn geholt?" frug ich.
„Das Ällernotwendigste," sagte er und hob die Rolle in die Höhe, „unser Terzett"! '
Run gingen wir auf die Gaste; es mochte nach elf Uhr sein; die Juninacht war schön, einige Sterne funkelten über uns; aber auf Erden roar’s doch dunkel. So marschierten wir zur Stadt hinaus; die Nachtkühle brachte ihrs erfrischende Wirkung, und schon auf der Chaussee rief Franz: „Was meint ihr, mir ist, als müßten wir einmal fingen!"
„Ja, aber was denn?"
H Diese Geschichte erzählt Achim v. Arnim zu Anfang seines Romans „Die Kronenwächter".
weiter
leises
Sie mögens wecken!" ftabt!"
Und
und ein leises L.,.u—r----------- „ „ , , ... - ........
Wanderung scholl ein dumpfer Glockenton zu uns herüber. „Hort ihrs! rief Franz. „Die Glocke von Waiblingen schlägt drei Uhr, nun sind die
Wecken fertig!" _,
„Da halte ich auch mit," sagte Marx; „euer Schwatzen hat mich en
gen Waiblingen."
Der Wächter sah verächtlich nach unseren Stiefeln: „Fahre? Und da hent Se's Schusters Rappe dazue eing’fpannt?“
„Ganz recht, Liebwertester, aber" — und Franz konnte, wenn es ihm nötig schien, ein gar fürnehmes Wesen vortun — „Er kennet uns wohl nicht? Wir sind fahrende Sänger, falls Er von solchen jemals etwas sollte gehört haben; Er aber ist ein ZuberklausH, und wir wünschen Ihm Verstand und gute Wacht!"
Damit schritten wir rüstig weiter und dem anderen Tore zu, aber noch lange hörten wir den Wächter schelten.
Draußen malte jetzt der Mondschein die Schatten der Bäume quer über die Chaussee; hinten aus der Stadt schlug es von ben Türmen eins. Als wir etwa eine Stunbe wacker zugeschritten waren, regte sich etwas in mir, das ich alsbald und zweifellos für Hunger anerkennen mußte, denn seit acht Uhr hatten wir wohl alle nichts gegessen. Aber in Waiblingen! Die Wecken mußten bei unserer Ankunft gerade fertig fein. Ich griff in meine Tasche, fand aber nur vier lose Kreuzer. „Halt! rief ich, „ich spüre einen Männerhunger."
Alle standen still. „Warum redst du nur davon!" sagte Franz. „Der Teufel hol', nun fühl' ich auch dergleichen."
„Aber du hast doch Geld zu dir gesteckt?"
„Versteht sich!" rief er und fuhr zuversichtlich in seine Tasche; aber das geöffnete Portemonnaie ergab nur sieben Kreuzer. „Hm!" sagte er, daß ich bei der Ausfahrt nicht an das schändliche Metall gedacht habe! ÜTber" — und er sah uns lachend an — „im Grunde mär’ es auch egal gewesen, ich führe doch allzeit mein Vermögen in der Tasche."
„Ich- seid auch ewig hungrig!" murmelte Marx
Franz nickte ihm zu: „Das verstehst du nicht, Lavendel, du nähr dich nötigenfalls von Schnecken und Knoblauch, wir mögen das nicht! Sieh lieber einmal nach dem Wesentlichen in deinen Taschen!"
wurden umgekehrt, und als Summe unseres (Sefamtuer- ergaben sich dreizehn Kreuzer. „Das reicht für die Morgen- rief Franz. „Und nun vorwärts auf die alte Hohenstaufen-
zusammen!"
Noch mehrmals sahen wir zurück nach unseren Lichtern, bis die schwache Helle nicht mehr zu uns reichte; bann marschierten wir durch Kannstatt; es muß nach Mitternacht gewesen sein, die Stadt war totenstill. So suchten wir denn einiges Leben hineinzubringen; unsere Stöcke schwingend, tralate jeder von uns seine eigene Melodie. Da schlurfte es heran: „He, Sie! Was machet Se denn für en Heidespektakel? Des sicht hie net der Brauch!" scholl eine rauhe Stimme, und eine Gestalt mit Speer und Tuthorn hatte sich vor uns hingepflanzt.
„Mann der Nacht", sagte Franz. „Lassen Sie uns, mir fahren jetzt
„Was anders als unser Terzett!"
„Aber dazu brauchen wir Licht, mir können's ja nicht auswendig."
„Alles vorgesehen", erwiderte Franz, zog sein Schimpftuch hervor und entwickelte daraus ein Kästchen mit Zündhölzern und einige Stümpfchen Stearinlichts. Wir warfen uns auf einen Haufen von Chaufseesteineii, der am Wege lag; die Lichter wurden angezündet und daraufgeklebt, Franz hatte die Stimmen verteilt und taktierte mit der Hand: „Eins, zwei!" und: „Tropfen von Tau!" — unser Terzett strahlte wie ein Stern durch die einsame Juninacht.
„Schön!" sagte Franz, indem er die Stimmen wieder einsammelte. „Doch nun vorwärts!"
Marx wollte die beiden Lichter ausblasen, aber er wehrte ihm: „Laß!" sagte er. „Zur Freude der Nachtwanderer, die nach uns kommen!"
So ließen wir sie brennen und marschierten weiter. Da stieg zu Osten unten über den Ehlinger Bergen ein gelber Mond empor; zugleich schlug eine Nachtigall, und ein Schauer zog durch die Obstbäume.
De la niet j’aime le silence:
Doux rossignols, chantez pour moi!
fang Marx mit Halder Stimme; dann faßte er mich unter ben Arm, drückte ihn und sagte zitternd: „Nord und Süd! Wir kommen doch
gesteckt!"
Franz klopfte ihm auf die Schulter: „Siehst du, Halbfranzöschen, nun wird dein Vaterteil lebendig."
Bald hatten wir die alte Stabt erreicht; bte finsteren Giebel sähe» auf uns herab, und die engen Gassen führten uns bergauf, bergat Aus einem geöffneten Fenster wehte der lockende Duft von frifchge- backenern Brote auf uns zu, und da ich aufblickte, sah ich zwei Enga eine goldene Brezel uns entgegenhalten; aus dem Fenster drang ein schwacher Lichtstrahl auf die Gasse. „Soin Schritt gang i weiter! sagte ich schwäbelnd und klopfte an die Scheiben des geschlossenen Fen fters. Auch die anderen stützten sich auf ihre Wcmberstabe, des Erfolges gewärtig. Und nach einer Weile fuhr der Kopf eines Mannes durch die Fensteröffnung mit weißer Linnenmütze und gutmütigen, m etwas verschlafenen Augen und sah uns der Reihe nach voll Verwunderung an. „Ah, meine Herre," sagte er bann, „Se fenb ja W’ stüeh auf!" (Fortsetzung folgt)
ging es, unb allmählich begann der Mond zu blassen, Morgendämmern zog durch die Welt. Nach zweistündiger ........ * ' — „Hört ihrs!
Die Goldinseln.
Bon Professor Dr. Walter Bombe.
Abseits der großen Heerstraße, nicht leicht zu erreichen, liegen blauen provencalischen Meer, als di« südlichsten Ausläufer des (rani fischen Festlandes, wenig besucht, und doch in höchstem Grade besuchen»
s) Ein Mensch mit wunderlichen Einfällen.


