GietzenerZamilienblAter
Unterhaltungrheilage zum Eretzener Anzeiger
Samstag, -en 25. Zebruar
Z rhrgaug <928
Nummer |6
Ab chied.
Bon Eduard M ö r i k e.
Unangeklopft ein Herr tritt abends bei mir ein: „Ich habe die Ehr', Ihr Rezensent zu sein." Sofort nimmt er das Licht in die Hand, Besieht lang meinen Schatten an der Wand, Rückt nah und fern: „Nun, lieber junger Mann, Sehn Sie doch gefälligst mal Ihre Ras' so von der Seite an! Sie geben zu, caß das ein Auswuchs is." — Das? Alle Wetter — gewiß!
Ei Hasen! ich dachte nicht, All mein Lebtage nicht, Daß ich so eine Weltsnase führt' im Gesicht!!
Der Mann sprach noch verschiednes hin und her, Ich weiß, auf meine Ehre, nicht mehr;
Meinte vielleicht, ich sollt' ihm beichten. Zuletzt stand er auf; ich tat ihm leuchten. Wie wir nun an der Treppe sind, Da geb' ich ihm, ganz froh gesinnt. Einen kleinen Tritt
Nur so von hinten aufs Gefäße mit — Alle Hagel! ward das ein Gerumpel, Ein Gepurzel, ein Gehumpel!
Dergleichen hab' ich nie gefehn, All mein Lebtage lucht gefehn, Einen Menschen so rasch die Trepp' hinabgehn!
„Ts waren zwei Königskinder".
Novelle von Theodor Storm.
Es ist ein Erlebnis, das ich heute erzählen will; nicht mein eigenes; es ist mir selbst erzählt woroen, aber von so lebendiger Erinnerung getragen, daß ich nur hätte nachzuschreiben brauchen.
Mckte Juli war es, eine taue Sommernacht; mir sahen mit unseren Gästen auf der Terrasse unseres Landhauses, und so weit die Hellen nordischen Sommernächte es gestatteten, lag um uns her der Garten schon in Duft und Dämmer; nur am Himmel über uns strahlte im Sternbilde des Perfeus der prächtige Algol. Wir hatten lebhaft geplaudert, etwas philosophisch sogar, über kleine Ursachen und große Wirkungen. „Soll es doch geschehen sein," sagte der alte Doktor, „daß nachts eine Maus über die Nase einer königlichen Geliebten gesprungen ist, und der König hat darüber eine große Schlacht verloren!"
Wir lachten; aber das steigende Dunkel löschte das Gespräch allmählich aus. Mein Vetter, der Musiker, der sich die Erlaubnis zu einer langen Pfeife ausgebeten hatte, hielt feine Augen auf den funkelnden Stern gerichtet und blies schon lange schweigend seine Rauchwolken gen Himmel. „Ja," sagte er jetzt, wie zu sich selber, „wenn man nicht näher zusah, so war es auch nur ein Rausch — ein Räuschlein! — Meine nächsten Freunde vom heiligen Konservatorium, wo sind sie? Man soll sich in acht nehmen; es liegt uns überall im Wege!"
„Was faseln Sie da, Fritz?" frug unser Doktor leise.
„Ich fasele, nicht, lieber Doktor, aber es ist so wunderbar um uns; man machte den Toten einmal Gehör geben; ich habe es Ihnen vor Jahren, da es m ch eben stark geschüttelt hatte, auch wohl schon erzählt!"
Der Doktor schwieg einen Augenblick: „Das mit dem jungen Marx?" sagte er bann.
Mein Vetter nickte.
„Sie haben recht, Fritz, und wenn die Erinnerung Sie drängt, so erzählen Sie es jetzt auch den andern; ich mein’, es ist jetzt eine rechte Stunde, und ein gutes Gedenken könnte, wenn man so sagen dürfte, auch denen wohltun, welche nicht mehr sind."
„Wollen mir das annehmen!" erwiderte Fritz, und da auch mir andern in ihn drangen, so begann er:
„Schon fast zwei Jahre war ich auf dem Konservatorium in *** gewesen, da wurde es mir eines Tages klar, daß für hochbegabte Musiker dort vielleicht sehr viel, für Leute meines Schlages aber trotz der besten Musik, die dort gemacht wurde, verzweifelt wenig zu holen sei; denn eine feste, das Ganze beherrschende Methode der Technik fehlte bem Klavierunterricht dort zu jener Zeit — das ist auch heute noch meine Ansicht, und die Anstalt war feit mehreren Dezennien unter der Direktion eines alten Herrn geblieben, der als Klavierlehrer nur die anstellte, die ihm von den besten Sachkundigen nicht empfohlen waren. Jetzt mag das alles ja ganz anders fein.
. „Damals aber — nach Beratung mit Gleichgestimmten und nach emgeholter väterlicher Erlaubnis — ging ich Ostern 187* nach Stutt- gart, wo die Hochschule der Musik unter Faißts Direktion und mit der Lebert-Starkschen Methode viele Schüler hinzog; zumal auch Liszt —
so hieß es — wesentlich nur der dort Gebildeten sich musikalisch annahm. Bald war ich geprüft und aufgenommen und hatte Silberburgftr. Nr. 21 bei einem nachdenklichen Schneider meine Wohnung eingerichtet; die Möbelausstattung war etwas dürst g, aber das Zimmer recht groß, und das Pianino, das ich rasch gemietet hatte, klang in dem leeren Raume prächt.g.
„Noch entsinne ich mich des Morgens, da die erste Stunde für Harmonielehre bevorstand; ein grimmiges Gewitter entlud sich über der Stadt; mir war, als hätte ich solche Donner zuvor noch nie gehört. Ich stand in Zweifel, ob ich gehen sollte; denn ich besaß keinen Regenschirm. Endlich ließ es nach, und ich machte mich auf den Weg. Ein etwas unzufriedener Blick des Lehrers empf.ng mich bei meinem Eintritt: an ein Zufpätkornmen schien man hier nicht gewöhnt zu sein.
„In derselben Reihe mit mir saß ein junger Mann, dessen schönes Antlitz während des Vortrages unwillkürlich meine Aufmerksamkeit auf sich zog; unter dunkel gelocktem Haar wandten zwei milde braune Augen sich ein paarmal zu mir. Als wir nach dem Ende des Unterrichts auf die Straße getreten waren, regnete es wieder. „Sie haben keinen Schirm", sagte er freundlich, indem er auf mich zukam; „wo wohnen Sie? Ich werde Sie nach Hause bringen!"
Ich dankte ihm, und mir gingen unter seinem Schirm meiner Wohnung zu; unterwegs erfuhr ich, daß er der Sohn eines Musikdirektors aus Basel sei, dessen Namen ich später mehrfach in Werken über Musik getroffen habe. Aus feinem Antlitz wie aus feinen Worten sprachen Güte und Verstand; ich fühlte, ich fei bei einem Ueberlegenen, der gleichwohl diese Eigenschaft mir gegenüber nur gebrauchen werde, mir zu helfen, mich zurechtzuweifen. Und so geschah es auch; obwohl ihm später viel Fertigere zur Wahl standen, er spielte am liebsten doch mit mir; ich sah es bald, wie alle, die ihm näherstanden, ihn verehrten.
„Aber" -- unterbrach sich der Erzähler — „ich muß um Nachsicht bitten, daß ich bei ihm verweile, denn von einem andern wollte ich erzählen; es ist nur — er ist nach einem kurzen Glücke jung gestorben, und die Leere, die mir sein Tod gelassen, empfinde ich noch immer.
„Da wir schon meiner Wohnung nahe waren, kam aus einer Nebengasse mit nervöser Hastigkeit, mit stapfigen Schritten ein junger Mann auf uns zu, von gelblicher Gesichtsfarbe und schlichtem, schwarzen Haar; seine dunklen Augen, die er forschend auf mich richtete, schienen fast zu zittern. „Auch ein Konservatorist!" flüsterte mein neuer Freund mir zu; „der Vater ist ein Schwabe, der als angesehener Gelehrter in Metz lebt; daß wenigstens seine Mutter eine Französin ist, sehen Sie wohl selbst".
Indessen stand er vor uns. „Ah, Walter!" rief er, „wen schleppst denn du da mit dir durch die Stadt?" Er zog seinen kleinen Hut, der, wie seine übrige Kleidung, recht durchnäßt war'; denn auch er trug keinen Schirm.
„Kommen Sie, bis der Regen nachläßt, mit in meine Wohnung," sagte ich, ihn begrüßend, „da können wir Bekanntschaft machen, denn auch ich gehöre zu Ihrem Orden."
„Er warf flüchtig den Kopf zu mir herum: „Haben Sie denn auch die Nerven zu dem alleinseligmachenden Anschlag mitgebracht? Es kommt hier auf ein Menschenleben nicht groß an!"
„Ich hoffe", sagte ich lachend; dann fliegen wir die drei Treppen zu meinem Zimmer hinauf. Der Halbfranzofe beguckte, lebhaft mit feinen Fingern spielend, d>e Bilder vom verlorenen Sohn, die nebst König und Königin an der Wand hingen, sah dann durch seine Brille aus dem Fenster in den tröpfelnden Regen, dabei unterteilen den Kopf nach mir zurückwendend; bann trat er plötzlich zu mir, musterte meine lange Figur von den Fußspitzen bis zu meinem blonden, nordischen Haupte und sagte lebhaft: „Sacre nom de Dien, Walter! Wo hast du diesen Senfkerl eingefangen?"
„Was bin ich?" Ich wollte schon aufbrausen, aber Walter trat dazwischen: „Wir haben ein gelindes Rotwelsch unter uns: Senfkerl, Senfmädchen ist bei uns der Superlativ vom Allerbesten, und Marx ober alias Lavendel — denn er kann nicht ohne Wohlgerüche leben — redet gern in diesem Idiom. Darüber dürfen Sie ihm nicht zürnen, er ist mein guter Freund!"
„Sans doute! Sans doute!" rief der Halbfranzofe; „aber siehst du, Walter — kennen Sie den schon?" unterbrach er sich und wandte sich zu mir. „Nun, Sie werden Ihre Freude an ihm haben! Aber ich meine, Sie sind unser vierter Mann; abends für unsere Versammlungen, wenn bei einer Pfeif' Tobak Kopf ud Hände wieder zur Ruhe kommen sollen! Der Franz, unser Dritter, das ist der Humorist, man sieht es kaum bem Blonbkopf an — Sie werben ihn schon kennenlernen! Aber jetzt, sinceres amis, gebt euch bic Hänbe, unb hier ist bie meine! Smollis! Um Entschuldigung, wie ist Ihr Name?"
„Aber, lieber Herr," sagte ich etwas verlegen, nachdem ich mich genannt hatte, „geht das bei Ihnen in Frankreich so geschwinde? Wir haben uns ja erst in diesem Augenblick gesehen."


