Wintervvrrat es trotz seiner sommerlichen Emsigkeit nicht zum Besten bestellt sein muhte, da es bereits wieder die Knospen der Parktanne äbknapperte, beglückte man durch einen Teller, der mit Nüssen überhäuft war.
Wie also hätten die Crammschen Kinder das Schwesterlein, das vor vielen Jahren — 19 Monate alt — vom Tod geholt war, in den weihnachtlichen Wochen bei ihrer Gabenausteilung vergessen können! Sagte doch die Mutter immer und immer wieder, daß Irmgard zwar gestorben, aber deswegen nicht ganz von ihnen fort» gegangen sei: dah sie zwar im Himmel wohne, aber dennoch unter ihnen weile, am Tag mit Gedanken, Wünschen, Bitten, des Nachts, wenn ihre Engelflügel sie wieder auf die Erde herabgetragen hatten, so wie sie einstmals durch die Stuben gepatschelt sei, nur um vieles leuchtender, um vieles schöner. Sobald es mit dem Aufhängen des Adventskranzes im Hause zu Weihnachten begann, Huben die beiden Crammschen Kinder alljährlich an, sich Geschenke für den Gabenteller Irmgards vom Munde abzusparen: Pfefferkuchen und Spekulatius, Nüsse und Mandeln, Schokolade und Marzipan, was eben von nah und fern als Festvorkost zu ihnen kam. Sigrid nähte oder häkelte oder stickte ein Bekleidungsstück, das Irmgard — wenn nicht im Himmel, dann doch auf dem allnächtlichen Fluge zur Erde — unbedingt nötig hatte. Gert, der nicht zurückstehen wollte, hämmerte, hobelte, feilte, sägte ein Etwas zusammen, von dem meistens außer ihm niemand den Namen wußte, geschweige denn den Zweck, das, darum aber doch, nach aller Aeberzeugung, der toten Schwester nicht weniger Freude machen würde, als die Nützlichkeiten Sigrids. An dem Tage, da man mit Fug und Recht das „Morgen, Kinder, wird's was geben!' singen konnte, wurden die ersparten und erarbeiteten Gaben auf zwei Teller gelegt und kurz vor dem Schlafengehen klopfenden Herzens auf die Terrasse gestellt. Liefen die Kinder des anderen Morgens hinaus, so hatte das Christkind die Teller geholt. Aber des Abends, wenn zu Häupten und zu Füßen des ausgereckten Speisetisches die beiden Weihnachtsbäume im Licht der bimten Kerzen sich unter dem glitzernden Behang bogen, dann fanden sich auch die Irmgard zugedachten Geschenke wieder. Unten dem Messingleuchter mit der großen, brennenden Wachskerze, die den Gabenplatz Der toten Schwester kennzeichnete, lagen sie Jahr für Jahr. In der Nacht kam die Beglückte zur Erde hinabgeflogen und holte das Ihre zu dem sternbedeckten Weihnachtsbaum hinauf. Jahr für Jahr.
Aber es lieh sich nicht leugnen, daß im Lauf der Zeit die Cramm- fchen Kinder mit ihrer Schenkfreude für die Verstorbene lästiger wurden. Sie dachten später an den Teller Irmgards. Es wurde ihnen schwerer und schwerer, um einer niemals Sichtbaren willen auf Leckereien zu verzichten. Sigrid vermochte nur noch mit größter Anstrengung etwas auszudenken, das Irmgard wirklich benötige. Gert war von den Basteleien für Vater und Mutter flo sehr in Anspruch genommen, baß er die Weihnachtsgabe für die, welche er einzig durch Bilder kannte, am letzten Tage im Husch-Husch fertigstellen muhte. And als Sigrid ihren elften, Gert seinen neunten Geburtstag hinter sich hatte, da — vergaßen die Crammschen Kinder, ihren Gabenteller für die tote Schwester auf die Terrasse hinauszustellen.
Don Tag zu Tag wartete die Mutter, dah Sigrid — oder zum wenigsten Gert — sich der Heimgegangenen erinnern werde; dah in ihren Herzen, neben der Freude auf bas Kommende, das Gedenken an das Einstige, ein kleines, ein winziges Plätzchen fände. Aber ihre Hoffnung war vergeblich. Die Mutter wollte mahnen. Brachte aber kein Wort über die Lippen. Die Mutter wollte schelten. Stand aber auch davon ab. Denn sie mußte sich, als sie ihr Herz Prüfte, das Recht zur Anklage absprechen. Nicht, bah sie, gleich den beiden Kindern, ihren toten Erstling vergessen hätte! Davor war sie durch die Gröhe des Leides bewahrt. 216er verglittz nicht auch in ihr — nach dreizehn Jahren — schon manchesmal das Ehemalige in das Gegenwärtige? Ließ es sich leugnen, dah sie zuweilen Irmgard als Sigrid, Sigrid als Irmgard sah? Vergessen? Nein! Nein! Jedoch konnte sie sich noch länger der Erkenntnis verschließen, daß der Schmerz um die Geschiedene aufgegangen war in Dem Glück über die Lebenden? Einige Tage war die Mutter willens, es Sigrid und Gert nachzutun: den Erinnerungsleuchter nicht auf den Weihnachtstisch zu stellen. 2lls aber der Weihnachtsabend da war, vermochte die Mutter es nicht. Wieder brannte aus dem Gabentisch die Gedächtniskerze. Einsam. Verlassen. Denn keine von Kinderhand errichtete Geschenkbrücke führte über bas gewellte Weih von den Füßen des Meffingleuchterturmes, wie sonst, nach rechts, nach links zu weihnachtlichem Festland hinüber.
Als die Kinder auf der Schwelle des Weihnachtszimmers standen und — von Kerzenlicht überrieselt — Vers um Vers des lutherischen „Vom Himmel hoch" sangen, eilten Sigrids Augen von Baum zu Baum, von Geschenk zu Geschenk. Mles sah sie. Nur eines nicht: Irmgards Kerze. Gert, dessen Augen sonst während des Singens im Umherschweifen nicht müßiger waren als die ihren, sah keinen der beiden Bäume, keines der zahlreichen Geschenke. Er gewahrte nur eines: Die einsame Kerze.
Mit dem letzten Ton des Liedes eilte Sigrid auf ihren Geschenkplatz zu. Im selben Augenblick rief dicht am Fenster, dessen Läden am Christabend nicht geschlossen wurden, ein Käuzchen. Und Gert, trotz seiner Verwirrung schon bereit, den alljährlichen Weihnachtswettlauf mit der Schwester aufzunehmen, tat keinen Schritt von der Schwelle. „Warum läufst du nicht zu deinen Geschenken?" forschte Der Vater, der noch am Flügel saß.
„Das Käuzchen!" stieß Gert hervor.
„Das ruft doch alle 2lbend!"
„Du — Äuuu! hat es gescholten. Du — Duuu!!"
Noch ehe Unwille den Kopfschüttelnden auf dem Klavierbock ganz herumgerisfen Hatte, lachte Sigrid — die Puppe auf ihrem Arm streichelnd — vom Weihnachtstisch her: „Hu — huuu! hat es gemacht. Wie jeden Llbend: Hu — huuu!!"
„Sein Lebtag wird aus dem Jungen nichts!" knurrte der Vater. „Als Träumer ist er auf die Welt gekommen, als Träumer wird er sie verlassen. Der sieht noch mit vierzig Jahren pommersche Ganse für Märchenvögel aus Tausendundeiner Nacht an."
Die Mutter nahm Gert bei der Hand und führte ihn, an der einsamen Kerze vorbei, zu seinen Geschenken. And es wurde im Crammschen Hause nun doch ein friedlichfroher Weihnachtsabend, wie ihm schon manche voraufgegangen waren; ein Abend, der immer aufs neue vom Spielen übers Singen zum Essen, vom Essen übers Singen zum Spielen führte. Nur wenn draußen das Käuzchen rief — und es klagte öfter und schmerzlicher als je —, durchzuckte eS Gert wie in jener Sekunde, als er mit bloßem Fuß auf den! Stecher der elektrischen Schnur trat, nicht wußte, woher ihm das unbekannte Weh widerfuhr, nicht erkannte, wodurch es endete.
Die Zeiger der Ahr gingen gegen Mitternacht, ohne daß die Kinder sich von ihren Weihnachtsgaben trennen konnten. Immer wieder hatte die Mutter zum Schlafengehen gedrängt. Längst waren die Lichter beider Bäume heruntergebrannt. Selbst die Wachskerze im Messingleuchter war verschwelt. Auf dem Tisch lagen die Gaben drunter und drüber, daß man kaum noch finden konnte, wonach man verlangte. Aber gerade das war ein neuer Grund zum Bleiben. Schließlich fanden Sigrid und Gert sich doch in ihren Betten. Das Käuzchen aber war noch nicht müde. Es durchklagte lauter und lauter die Christnacht.
Plötzlich — hatte sein Rufen ihn aus dem Schlaf heraufgerifseN, oder war er noch nicht in den Schacht der Träume hinabgeglitten? — plötzlich sah Gert in seinem Bett und flüsterte: „Sigrid — Sigrid!"
Von dem Lager am Fenster kam keine Antwort.
Dringender, flehentlicher, lauter bettelte der Knabe: „Sigrid —! Sigrid — —!!“
Nun rührte sich die Angerufene und ein schlaftrunkenes „Nnnn?" kam dem überwachen Gert als Echo zurück.
„Draußen ist Irmgard!" versicherte der Knabe. „Sie weint, weil wir ihr kein Geschenk hingestellt haben. Die ganze Nacht wird sie weinen. Jede Nacht. Sie wird schelten. Da — hörst du's, Sigrid? — da: Du — Duuuu! Du — Summ!! Nicht das Käuzchen ist's. Irmgard! Irmgard!!"
„Ansinn!" eiferte, nun ganz erwacht, Sigrid. „Das Käuzchen ist's. Nicht Irmgard. And es ruft — schon einmal habe ich dir's gesagt — wie jede Nacht: Hu — huuu! Hu — huuu!!"
„Nein! Nein!! Es ist Irmgard. Sie fliegt ums Haus und sucht ihre Geschenke. Ans Fenster hats vorhin geklopft. Am zu erfahren, auf welchen Platz wir sie gestellt haben. Mles kann sie glauben. Nur nicht, daß wir sie vergessen konnten!"
Jetzt sah auch Sigrid im Bett: Das fei Ansinn. Das Käuzchen rufe drauhem Nicht Irmgard. Das Klopfen habe ihm geträumt. Es sei überhaupt alles Ansinn. Sei alles nicht wahr. Es gäbe gar kein Christkind.
„Nu — nujiu?“ mahnte draußen das Käuzchen. „Nu — nuuu??"
Ja, alles nicht wahr. Alles von den großen Leuten ausgedacht. Die Weihnachtsbäume bringe nicht das Christkind. Sie hätte im vorigen Jahr wohl gesehen, wie der Forstarbeiter eine Woche vor Weihnachten mit ihnen unter dem Arm gekommen sei und sie in die Veranda gestellt hätte. And niemals hätte das Christkind Irmgards Teller von der Terrasse weggenommen. Niemals hätte die tote Schwester sich ihre Geschenke vom Weihnachtstisch geholt. Sondern —
„Sondern?" bebte Gert.
Auf diese Frage verweigerte Sigrid die Antwort. Mit hörbarem Ruck warf sie sich, um zu bekräftigen, daß das Gespräch eilt Ende hätte, in die Kissen zurück.
Tiefe Sttlle drinnen. Draußen aber klagte das Käuzchen.
Eine Frage stieg in dem Knaben auf, von deren Antwort das Atmen abhing.
„Zu — zuuu!" drängte das Käuzchen, als er den Mut nicht fand, sie auszusprechen. „Zu — zuuu!" Da faßte Gert sich ein Herz, fragte flüsternd zu dem Bett am Fenster hinüber: „Wenn die großen Leute sich das Christkind ausgedacht haben, gibt es dann auch keinen Himmel? And keine Engel??"
„Latz mich doch schlafen! Ich bin müde!!" wies Sigrid den bebenden Bruder ab und kehrte sich auf die andere Seite.
Sttmd um Stunde saß Gert in seinem Bett und rang um Klarheit. Kein Christkind? Kein Himmel? Keine Engel? Irmgard fort? So weit, so ganz, so für immer fort, dach sie nie mehr zu «ihnen kommen, nie mehr ein Geschenk holen konnte?
Jede Frage ein Wirbel im Strom der Angst, der den Knaben ins Dunkel, ins Nichts hinabzureißen drohte.
And draußen klagte, draußen schrie das Käuzchen.
Wo Rettung? Wo das Afer? Wo festes, sicheres Land? Wo? Wo??
Schließlich tauchte vor dem fiebernden Knaben ein Entschluß auf. Er wußte nicht, ob er Rettung brachte. Er fühlte, er glaubte, er wußte nur: in diese Richtung muhte er sich werfen.
„Tu — tuuu!" bestätigte das Käuzchen. „Tu — tuuu!!"
Gegen Morgen stieg Gert aus seinem Bett. Barfüßig schlich er aus dem KindersHlafzimmer. Ging gut! Sigrid erwachte nicht. 2lber die Ida, das Fräulein, welches tm Zimmer nebenan schlief? Zum Anglück stieß Gert im Dunkeln an einen Stuhl, der neben ihrem Bett stand. Er preßte, um nicht zu schreien, die eine Hand auf den Mund, die andere, um seinen Schlag zu dämpfen, auf das Herz. Ida wühlte sich in den Kissen herum, kehrte stöhnend das Gesicht zur Wand und schlief weiter. Auf den Zehen tappte Gert durch ihr Zimmer. Auf den Zehen die Treppe hinunter, die ihn Stufe um Stufe mit ihrem Knarren quälte. Aus den Zehen durch die Küche, den dunklen Flur ins Weihnachtszimmer. Dort machte Gert Licht. Häufte auf einen Teller, was der nur von seinen Leckereien und Geschenken zu tragen vermochte. Ging zur Haustür. And stellte mit


