einem „Irmgard!", in dem die Bitte um Verzeihung und die Bitte, seine Gaben trotz der Verspätung anzunehmen, sich mischten, den Teller auf die Terrasse.
„Du — duuu!" jubelte in der Ferne das Käuzchen. „Du — duuu! !“ Ms am andern Morgen die Mutter alle Türen offen fand, int Weihnachtszimmer Licht sah, wollte sie — Diebe vermutend — nach oben eilen, um den Vater zu wecken. Aber im selben Augenblick, 6a sie sich angstvoll umwandte, sah sie den Gabenteller Gerts auf 6er Terrasse stehen. Da lief sie hinaus. Hob ihn _auf. Drückte ihn an ihr hämmerndes Herz und weinte. Weinte Tränen der Freude.
Niemanden, nicht einmal dem Vater, erzählte die Mutter von dem IFund dieses Weihnachtsmorgens. Auch Gert schwieg. Selbst das triumphierende „Siehst du!", mit dem -er zunächst Sigrid eines Besseren belehren wollte, als er die Geschenke Irmgards — nachdem er am hellen Morgen erwacht und nach unten gelaufen war — nicht mehr auf der Terrasse fand, unterdrückte er; wenn auch mit vieler Mühe.
Am nächsten ersten Adventsonntag, als in dem Kranz unter der Lampe ein Lichtlein brannte, sagte Gert unvermittelt zur Mutter: „Ich möchte Irmgard dieses Jahr gern eine schöne Kerze zu Weihnachten schenken. Darf ich?"
„Gern, Junge. And wie wär's. wenn — wenn — du selber sie am Christabend neben den Messingleuchter auf Irmgards Platz stelltest?"
„Ja, ja!" stimmte Sigrid jubelnd zu. „Eine Kerze. Jeder. Du und Vater die große in der Mitte. Ich und Gert die kleinen. Selber daneben stellen. Selber. Nicht so tun als —“
„Als — ?“ forschte die Mutter.
Aber Sigrid schwieg.
Am Christabend dieses Jahves und der kommenden Jahre standen die Crammschen Kinder, wenn sie das „Dom Himmel hoch" zu der Begleitung des Vaters sangen, mit brennenden Kerzen auf der Schwelle des Weihnachtszimmers. Die staken in Leuchtern, welche Gert in wochenlanger Arbeit gedrechsell und bemalt hatte. Wenn der letzte Ton ihres Liedes verhallt war, gingen sie Hand in Hand zu dem Platz Irmgards und stellten ihre bunten, kleinen Kerzen neben die gelbe, große Wachskerze, welche die Eltern allweih- Nächtlich dem Gedenken ihres toten Kindes widmeten.
Erst dann liefen Gert und Sigrid zu ihren Geschenken.
Die Meine Mutter.
Von Manfred Hausmann.
Und als es Abend wurde, Maria faß ganz allein, sie faß im dunklen Stalle und wiegte ihr Kindchen ein.
Run schlafe, Kindchen, schlafe! Die Hirten haben gesagt, du wärest ein Königsknabe und ich eine Gottesmagd. ' *
Das mögen sie fingen und sagen.
Nun schlafe, mein Kindchen, schlaf ein!
Ich bin eine kleine Mutter, und du bist mein Jesulein.
Thristbaumvögelchen.
Eine Vogel- und weihnachksgeschichke.
Von Egon von K a p h e r r.
„Hast du den Ständer mit dem Futterhäuschen fertig, Hannes?" Der Herr Forstmeister hatte das Fenster geöffnet und wies mit der Hand auf einen Fleck vor den verschneiten Blumenbeeten, deren letzte Astern längst verfroren und verdorrten. „Jawohl, Herr Forstmeister, stelle ihn gleich auf!" Eine halbe Stunde später standen Pfcchl und bedachtes Futterhäuschen vor dem Kontorfenster und allerlei Gutes war auch schon gestreut: Unkrautsamen, die in der Tenne beim Getreidefegen übriggeblieben waren, lleiner Hafer und geringe Gerste, etwas Hanfsamen und Hirsekörnchen und — wohl eingewickelt in ein kleines Stückchen Netz — an einer Schnur ein Stücklein Talg: Hammel- und Ninberfett, ein wenig gefestigt mit zugeschmolzenem Stearin, ungesalzen und roh: für die Meischen, die ja auch kommen würden und in erster Reihe sich Fett zu Ge« müte führen, wo's solches gibt.
Der Forstmeister legt die Mten beisette und tritt zum Fenster. Draußen wirbelts schon wieder in feinen Flöckchen und das Thermometer weist sieben Grad. „War Zeit, da zu helfen," brummt der Alte, „arme Luderchen, die Vögel, frieren und hungern, wenn unsereins nicht hilft." Er pafft mächtige, blaue Wolken aus seiner Pfeife, schaut dem Schneegeriesel zu. Richtig: da fitzt schon ein Kleiber und hackt am Fettllumpen und — burr — da sind zwei kleine Grünlinge angekommen und drehen die Köpfchen. Sie fürchten sich noch, unter das Dach zu hüpfen. Aber die drei niedlichen Goldammern sind vertrauter: kaum schwirrten sie an. sind sie auch schon im Futterkästchen und picken das Winterkorn auf, und der freche Geldsperling, der nach ihnen kam, sieht sich gar nicht erst die kleine Futterbude an — er hüpft sofort ins Innere, tschilpt kräftig, so daß man's durch die Fenster hört, und beeilt sich, sein Teilchen zu erhaschen.
„Vater, ich bringe den Kaffee", tönt hinter dem Alten eine freundliche Stimme. Lieselotte ist's, die Tochter des Forstmeisters, die dem
Witwer die kleine Wirtschaft führt. Das hübsche Mädchen stellt das Geschirr auf den Tisch und gießt die Tassen voll. „So, Vater — ich habe auch Streuselkuchen, heute ist ja Heiliger 2lbend."
Der Mte lächelt und streicht der Tochter übers Haar: „Recht, mein Kind! Den Daum putze ich dann! Wenn's dunkel wird. Zu Neujahr brennen wir die Lichter dann nochmal an, und dann kommt der Daum hier neben das Futterhäuschen, als Speck- und Fett- ständer für hungrige Meisen, die dann auch ihr Christfest haben sollen."
Der Forstmeister schaut wieder zum Fenster hinaus, hin und wieder nimmt er einen Schluck Kaffee und einen Zug aus der Pfeife hinterher. Seit vielen Jahren ist es so: nach dem frühen Mittagessen gibt’6 im Arbeitszimmer den starken Kaffee. Das ist das Plauderstündchen der kleinen Familie, der zwei Menschen, die zurückblieben, seit die Mutter starb und der Sohn in Sibirien verschollen ist ....
„Sieh' Vater, welch sonderbarer Vogel dort auf dem Futter- häuschen sitzt!" Der Forstmeister macht große Augen: „Wahrhaftig — ein Tannenhäher, und sogar einer von der dünnschnäbeligen Art. Ein Sibirier!"
„Ein Sibirier! . . . Die Augen des Mädchens füllen sich mit Tränen. „Von dort kam vor zwölf Jahren die letzte Nachricht. Sechzehn — aus dem Gefangenenlager von Kainsk — dort war der arme Fritz um die Weihnachtszeit. — Seither haben wir nichts mehr von ihm gehört."
Der Mte seufzte. „Ja — es ist so manch' armer Junge dort verschollen seit den Amfturzzeiten", murmelte er. „Viele sind, Gott weiß wohin, verschleppt worden und in den Eiswüsten um gekommen. Tausende, Abertausende. And manch einer kam erst kürzlich wieder, nachdem man ihn längst verlorengegeben hatte. Hoffen wir immer noch . . .“
Der graubraune, langschnäbelige Vogel trieb es frech genug da im Futterhäuschen. Er schien gutmütig zu fein, denn er tat den kleinen Vögeln nichts zuleide. Aber sein Appetft war gewaltig, und bald war die Hälfte vom Fett und der größte Teil der Sämereien verschwunden. „Kriiiäh!" kreischte der Nußhäher, spreizte den weitz- gebänderten Schwanz, btufterte das wie mit Schneeflocken bestreute, braune Gefieder, schlug mit den Flügeln und flog aufs Fensterbrett. Er llopfte gar ein wenig mit dem langen, spitzen Schnabel, verdrehte das Köpfchen, als ob er ins Zimmer gucken wollte, machte noch lauter „Kriiäh, kriiäh" und „trüllüllüllüll!" und drehte den Schnabel hin und her.
„Das sieht ja ganz so aus, als ob er zu uns herein wollte", meinte der Mte. „Vielleicht ein — sibirischer Bote. . . .“ flüsterte das Mädchen.
Der Forstmeister öffnete vorsichtig das Fenster. Der Vogel rückte ein wenig zur Seite, kam dann mitten in den Fensterraum und — hüpfte mit fröhlichem Krächzen ins Zimmer und auf die Lehne des Schreibtischstuhles. — Vorsichtig machte der Forstmeister das Fenster zu: „Nun haben wir den Boten — hoffentlich ist's ein gute® Vorzeichen. . .“
„KriiiiSH, kriiiäh!" schrie der Vogel. *
Der Alte putzte mit vieler Sorgfalt den hübschen Daum, den er selbst auf einer Waldwiese ausgesucht hatte. Ein wenig Engelhaar, ein wenig Schneewatte auf die Zweige, Lichte: fertig war der Schmuck, glitt ertaub, Nüsse und Hampelmänner verunstalten das edle Bild.
And dann zündete der Forstmeister umständlich die Lichte an, bis sie alle hell aufflammten, rückte noch den Tisch für seine Lieselotte. „Seife — die richtige Sorte, und Kölnisch Wasser — hm — und Hier das neue Nähkästchen und der Sweater, habe ich auch nicht vergessen — nein, auch das Kapuzchen und die Sportstrümpfe sind da. Auch das lleine Schreibzeug und das Thermometer ist hier . . ," Wohlgefällig blickt der alte Herr auf das Geschenktischchen. Dann lugt er lächelnd nach dem verdaten Tischchen: „Was mag nur das Mädel da wieder unter dem Tischtuch aufgebaut haben?" denkt er, und ist fast in Versuchung, das Geheimnis ein wenig zu lüften. . . <
Klingelingeling! Die Glocke schrillt. Nun dürfen sie herein — die Lieselotte und die Magd Marie, der Gärtnerbursche Hannes und Joachim, der Kutscher. —
„Kriiiäh" schreit der Vogel. Erstaunt blinzelt er die Lichter an.
„So — nun seht euch eure Tischchen an! Hier, Lieselotte, ist dein Descherttsch, und dort ist Ihrer. Jochen, und hier deiner, Hannes. And die Marie hat ihren Tisch da neben dem Spinde!"
„Sieh, Vater — hier habe ich auch was für dich: einen neuen TabaksbeutÄ und eine Strickjacke, ein paar Ohrenwärmer und. . ."
„Kriiiäh, trüllüllüllüll!“ Der Vogel kreischte, schlug mit den Flügeln und saß auch schon auf der Schulter des Mädchens. Dann hüpfte er auf den Tisch, holte sich eine Walnuß, flog mit ihr auf den Ofen und begann zu hämmern.
„Sieh doch 'mal an — er tut ganz, als ob er schon jahrelang bei uns wäre!" sagte der Forstmeister erstaunt. „Vielleicht hat ihn schon jemand als zahmen Vogel gehalten? Vielleicht war auch er einmal in Sibirien Gefangener. . Der alte Herr sprach die Worte für sich hin.
„Ein Bote aus Sibirien“, sagte Lieselotte leise. Sie warf dem Bogel noch eine Nuß hin.
Ein leichter Windzug bewegte die Lichter am Daum. Lieselotte wandte sich nach der Tür um, streckte die Hände aus und fiel mit einem Aufschrei in die Knie: „ Fritz!"
Der Forstmeister stand wie vom Donner gerührt, seine mächtige Gestalt bebte, „Alle guten Geister", murmelte der alte Kutscher. —
Da tag Fritz, der längst Totgeglaubte, in des Vaters Armen — bann küßte er die Schwester. „Gott sei dank — daheim!" .
„Kriiäh — trüllüllüllüll!" schrie der Vogel in der Ofenecke.


