GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang ^928 Montag, den 24. Dezember Nummer lv2
Weihnacht.
Von Edmund Finke.
Ueberm See die fernen Berge ragen wie Gebete in die Nacht empor, und in ihren weißen Händen tragen sie die Worte, die die Menschen sagen, an das diamantne Himmelstor.
Kinder, die mit reinen Augen schauen, wie die Erde leise schwankt im Wind, sehen auch die Engel in dem blauen Firmament die Marmorbrücken bauen, die aus lauter weißen Wolken find.
lieber eine dieser Brücken steigen
Jahr um Jahr ins dunkle Tal der Welt Gottes Mutter, und die Sterne neigen vor dem Kinde sich in tiefem Schweigen, das sie selig in den Armen hält.
Liebste, komm! Wir wandern durch die Tannen, Schnee liegt schwer und still auf jedem Baum. Mit dem Leid, aus dem wir Gott ersannen, ist es, daß wir diese Welt umspannen und den ganzen süßen Weihnachtstraum.
Allen Menscben ein Wohlgefallen?
Eine Weihnachtsbetrachtung.
Von Walter o. Molo.
Das Christkind kommt in einer traurigen und kranken Zeit. Die Menschen halten noch immer nicht Frieden, und der Satz: allen Menschen ein Wohlgefallen lebt sehr arg verzerrt und häßlich falsch erfüllt. Was ist denn ein Mensch? Ist das ein Geschöpf, das auf zwei Beinen geht und redet, oder ist er ein solches Wesen, das außerdem eine Seele in sich trägt und daher von Weltgesetzlichkeit weiß und nach dieser handelt? Nur das sind Menschen, nur mit solchen darf und kann man Frieden halten, nur diesen ist die Weihnachtsbotschaft ein Wohlgefallen.
Es ist unserer Tage Fluch, daß die Menschen alles falsch ausheben. Dian darf nicht Frieden halten um jeden Preis, wenn dieser Preis die Aufgabe der menschlichen Existenz umschließt. Das ist Wahnsinn. Man darf mit dem Schlechten, seelisch Verwesenden nicht Frieden halten, man darf nicht! Unsere Zeit bemüht sich, mit den Schlechten Frieden zu halten und führt Krieg mit dem Guten, dem Geist, der Seele, mit der Innerlichkeit, der menschlichen Existenz. Allen Menschen ein Wohlgefallen? Jawohl, allen Menschen! Nicht aber darf man Wohlgefallen suchen bei denen, die keine Menschen mehr oder noch nicht sind. Friede aus Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen? Diese Botschaft gilt nur dem Wertvollen, dem, dem der Mut eignet, offen seine Meinung zu bekennen, danach zu leben, gilt nur, wenn diese Meinung gut, wenn sie ethisch für sein Volk und damit für die Gesamtmenschheit gerichtet ist. Mit den anderen ist Kampf Pflicht, nicht Kampf des Hasses, der Verleumdung, der Bosheit, der Lüge, solches- vermag ein reiner Kämpfer nicht als Waffen zu tragen, Kampf der Art: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
Unsere Zeit ist eine Zeit kläglicher Lauheit, klügelnder Schwäche, der Kompromisse. Ein Kompromißler um egoistischer Ziele willen, dazu gehört auch die innere Scheinruhe, ist kein wertiger Mensch. Man verstehe mich recht: Nicht dem rede ich das Wort, der überall mit dem Kopf durch die Wand fahren will, der nur sich und seine Anschauung besitzt, ich rede dem das Wort, welcher, nach seiner Weltanschauung, Gott oder den Kosmos nicht tierisch materiell, sondern im Geiste und in der Wahrheit anbetet. Der nicht an sich denkt und nur kämpft, um die Werte. der Seele durchzusetzen, um sie wieder blank zu putzen, der um des Guten und Wahren willen allein kämpft, der die ewigen Gesetze des Alls wieder allen erkennbar zu machen strebt, um die anderen zu beffern, ehe sie das Ewige als unrein vernichten muß.
Der Mensch von heute hat vieles, fast alles zerschlagen. Darum hetzt er vor sich davon, darum ist er verzweifelt, daher sucht er, statt diese Verzweiflung einzugestehen, Ausreden, die ihn selbst beschämen, darum hat er zum Zynismus gefunden. Die Zersetzung wird immer ärger, sie greift wie eine tödliche Seuche immer rascher um sich. Die Menschheit von heute ist zum großen Teile schon so verirrt, daß sie auf ihre uneingestandene Verzweiflung anmaßend stolz wird! Wir waren früher vielleicht zu absolut in unserem Urteil, wir waren auch ungerecht und achteten zu wenig die Gefühle derer, die anders dachten und fühlten als wir. Gewiß, darum ist vieles, fast alles, zusammengefallen. Nicht ober zusammengefollen ist die Gesetzlichkeit des Alls, die die Menschen
und Völker werden und vergehen läßt, die über allen einzelnen und irdischen Regierungen herrscht, nicht zusammengestürzt ist das, was letztlich über unser Schicksal entscheidet, was diesem befiehlt. Das wollen die Menschen von heute nicht wahr haben, drum dienen sie einander mit den Lippen, statt mit dem Herzen, drum zetern sie gegen den, der aufrecht blieb, er schafft ihnen Unruhe, drum muß der Verantwortliche immer wieder vor sie mutig hintreten und ihnen sagen: sie würden er gerne wahr haben, daß es einen Gott gibt, aber sie wollen es sich nicht eingestehen, sie sind zu müde, zu verbraucht, zu feig, zu trägherzig dazu. Und doch: Gottes Hand ist noch ausgestreckt! Das erkennt jeder ohne jegliche Ausnahme in feinem Leben, aber fast immer zu spät. Diese Erkenntnis muß endlich in unserem Volk wieder nach oben tauchen, sonst sind wir für lange verloren.
Die Tage der Weihnacht könnten, sollten, müßten Besinnung bringen, daß er etwas über dem verzweiflungsüberfüllten Betäubungsschrei der sog. Vergnügungen, des äußerlichen sog. Erfolges und der Selbst- gefälligkeit gibt, daß wir ein Reich in uns tragen, das nicht zusammenbrach, das uns niemand rauben kann als wir selbst. Was hat denn das Leben des Menschen für einen Sinn, wenn wir höheren Zweck darinnen nicht finden, wenn wir keinen festen Halt suchen und in uns erkennen, wenn wir auf der einen Seite rechthaberisch widereinander wüten, weil wir das Einigende, das Seelische selbstmörderisch zu ersticken versuchen, es übertoben, weil wir menschlich, also in Schwäche, das was göttlich ift, mit unseren elenden Kräften, mit falscher Humanität, die ich elende Kompromißlerei nenne, zu schaffen versuchen. Es ist doch da! Es lebt in jedem von uns! Der Mensch kann nur schaffen was da ist, nur auf dessen Geleisen ist er Entdecker, Erfinder, ist er schöpferisch. Alles, was nicht durch diese Kraft in ihm wird, ist Schall und Rauch, verklingt und verweht gar bald.
Nicht durch äußere Gebärden kommt die Umkehr. Sie kommt aus der Erfahrung jedes einzelnen. Dazu zu helfen, ist unsere Pflicht! Nur so, wenn wir zu diesem Ziele auf den andern einwirken und für ihn wirken, vergessen wir uns selbst, lieben wir den andern mehr als uns selbst. Nicht mit Dank dürfen wir rechnen, wir dürfen ihn nicht verlangen, wahrhaft menschliches Handeln ist immer religiös, es braucht als solches gar nicht gekennzeichnet zu werden. Nur solches Wirken trägt feinen Lohn in sich, nur das schafft Güter, die nicht die Motten oder der Rost fressen.
Beklagenswerte Menschheit, die das Jenseitige, das Ewige aus ihren Tagen zu verbannen strebt, um Scheinruhe zu haben, die dadurch die große Unruhe ist. Wer Ruhe ohne Kampf der feindlichen Gewalten in uns will, der wird nie Ruhe haben. Nur die erworbene Ruhe hält an und ist Ruhe!
Es ist schon so oft gesagt worden und trotzdem hat es nichts genügt, deswegen muß es immer wieder und wieder laut gerufen werden: alles Politisieren im Innern und nach außen, alles Wirken des einzelnen für sich und für die Gesamtheit ist wertlos, ist zu grauenvollem Zusammenbruch verdammt, das nicht ethisch dem Ganzen vor uns. dem Ganzen nach uns verantwortlich getan wird.
Möge in diesen Weihnachtstagen jeder in sich ernsthaft herumgehen, wahrhaft, bis ins Letzte aufrichtig und uneitel, möge er die Resultate vor sich hinlegen und prüfen, ob er glücklich ist, wenn er mit dem Ellenbogen stößt, wenn er verzerrt grinst, um nicht zu meinen. Freudigkeit und Kraft und freimachendes Lachen der Sicherheit durch G l a u • b e n an die Macht unserer Seele — das wünsche ich euch!
Die einsame Kerze«
Eine Weihnachtsgeschichte.
Don Hans Franck.
Niemand wußte, wer den Gedanken zuerst gehabt hatte. Nicht einmal das war widerspruchslos auszumachen, ob er in der Tat zuerst einem gekommen oder in mehreren, in allen zugleich aufgestiegen fei. Gewiß war nur: Am Weihnachtsabend wurde in dem ©ramm» scheu Hause nicht allein was in dem engeren Kreis der Liebe lebte, mit Geschenken bedacht, sondern auch. waS in ihrem weiteren Zirkelschlag atmete. Schnurzel, die weihgraue Kätzin, bekam ein Halsband. Keineswegs das harte, hänfene mit der Schelle, das die Kinder ihr im Frühling umbanden, damit die liedtrunkenen Vögel ihr Kommen rechtzeitig gewährten, sondern ein schmiegsames, schelle»- loses, aus reinster Seide, das sich zu einer kunstvollen Schleiß» schürzen lieft. Trud, der schwarzbraune Schäferhund, der ein Schlew- maul war, erhiell eine Tafel gerippter Schokolade. Den Hühner» streuten vier kleine Hände statt der täglichen Gerste soviel prall« Weizenkörner hin, daß sie fürs ganze Fest zum Futter reichten. Den Meisen wurde ein neuer Schinkenknochen vvrs Spielzimmerfenster gebaumelt und den Spatzen eine Schale mit Krumen und Kartoffeln in den Schnee gestellt. Das Eichhörnchen, um dessen


