Beil: breit klafft der Riß über Augen, Mund und Hals. Der Bann ist gebrochen. Plünderung bricht los.

Wie riecht es nur'? Das duftet so stark und so winterlich. Bratäpfel sind das, Bratäpfel in der Röhre. Und der Bub hockt am Boden vor.dem Ofen und schaut durch's Fenster dem wirbligen Flockenfall zu. Die Mutter sitzt an der Wiege, die Bibel im Schoß. Ihr Fuß läßt leise das Schwester­chen schaukeln ...

Endlos geht der Marsch. Es ist längst Nacht geworden. Das Dorf liegt schweigend. Im Stiefel steht inwendig ein Nagel heraus. Jeder Schritt wird zur Qual. Aber weiter geht der Marsch, in dumpfer Wut. Hinten versinkt das Dorf. An der Landstraße, zwischen blühenden Bäumen, steht ein Muttergottesbild. Maria lächelt ini blauen Mondlicht. Davor liegt ein struppiger Köter und bellt die leuchtende Scheibe an. Ein Feld­stein fliegt ihm in die mageren Weichen. Aufheulend flieht er ins Dunkel. Marschtritt verklingt. Die Muttergottes lächelt.

Schmächtig steht das Bürschlein vor der Haustür und schaut den Vögeln nach. Bor Wochen schon lief Kriegsgerücht durch's Dorf. Aber alles blieb still. Der Junge hat's längst vergeffen. Da da was ist das? Geschrei dumpfer Hufschlag. .Schlitternd fliegt eine Tür zu. Jetzt: drei, vier, sechs Reiter kommen die Dorfstraße heruntergejagt. Staub wirbelt. Der Bub steht wie festgenagelt. Irgendwo, weit, die angstvoll rufende Stimme der Mutter. Der erste der Kriegsleute beugt sich im Vorüberreiten aus dem Sattel, greift den Knaben, reißt ihn $u sich auf's Pferd. In einer dicken Staubwolke jagen die Mansseldischen weiter, dem Dorsende zu.

Anne Anne Kathrein heißt sie, und hat große blnite Augen und braunes Haar und blitzende Zähne. Abends sitzen sie am Dorfteich in der Wiese und halten sich an den Händen und sprechen kein Wort. Nur die Sterne müssen sie immer anschauen. Es ist windstill und warm. Und die Frösche gröhlen unaufhörlich durch die Helle Sommernacht.

Alles hat er hergegeben, der Bauer, alles Geld und alles Vieh. Kinder hat er nicht mehr. Sein Bub zieht irgendwo beim Tilly im Land umher. Vielleicht ist er tot. Das Weib muß sich versteckt haben. Sie suchen es überall, wie Spürhunde. In der Kammer, km Gang, im Garten, im Keller. Selbst im Misthaufen wühlen sie. Der Bauer duldet alles: bloß ein buntes Kalb will er behalten, fein letztes und liebstes. Hart ist sein Gesicht, wie holzgeschnitzt. Einer will das blökende Tier greifen. Dem fährt die Faust ins Gesicht. Da fallen fünf, sechs über ihn her und werfen ihn nieder im Stall. Das Kälbchen schreit kläglich. Der Bauer liegt gefesselt, wie ein Klotz. Die Kinnladen klaffen weit; zwei Hölzer reißen ihm den Mund auf. Die Soldaten schleppen mit rohem Lachen einen schweren Eimer herbei, voll übler Jauche. Der wilde Schrei er­stickt im Gurgeln. Den schwedischen Trunk heißen sie das.

Drei Tauben sonnen sich auf dem Taubenhaus, golden, grün und blau schillert ihr Hals im Sonnenlicht. Die Augen sind rund und rot, und sie trippeln mit roten Füßen. Da kommt der Tauber dazu, mit klat­schendem Flügeischlag. Der stolziert um die drei Tauben herum und verneigt sich immerfort vor ihnen. Das sieht närrisch aus ...

Die Mansfeldischen fahren wild aus dem Schlaf. Gellend schreit das Horn: Alarm! Was ist geschehen? Niemand weiß es. Silles tobt, flucht, keucht und brüllt in der dunkeln Scheune. Lichter blitzen. Draußen fallen Schüsse. Eine Kommandostimme überschlägt sich kreischend. Vorposten und Wachen fliehen. Wild drängen die Uederfallenen aus der Scheune. Das Tor ist zu eng. Einer wird niedergetreten. Wer hindurch ist, rennt rennt durchs Hoftor, über Hecken und Gärten, durch Geschrei und Hsrnruf, Feuerschein und Kugelwehen, in die finstere Nacht. Rennt, stolpert und stürzt, rafft sich auf, rennt weiter und immer weiter. So weit die Füße tragen.

Einmal, als Kind, hat er ein paar Hutzeln gestohlen. Die hat er der Mutter aus der Küche genommen. Und die Mutter hat ihn darum ge­fragt. Er hat aber gelogen und gesagt, er hätte die Hutzeln nicht. Später ha?s ihm leid getan er hat's bitter Bereut und der Mutter sagen wollen und sie bitten um ein gutes Wort, aber aber da ist der Krieg gekommen.

Die Nacht nimmt kein Ende und der Regen auch nicht. Das Zeltleinen trieft, und der letzte Funke unter dem schwarzen Kessel über der Feuerstelle ist längst verglüht. Den Mansselder überläuft's. Er hat keinen trockenen Faden mehr am Leibe. Das nasse Lederzeug riecht übel. Fernher zerreißt zuweilen der Anruf der Posten das Regenrouschsn, und später ein klagen­der, heiserer Schrei: Wildgänse ziehen nach Süden.

Einmal waren sie halb irrsinnig vor Hunger. Ihrer fünf saßen stumpf und zerschlagen im Zelt und stierten ins Stroh. Nur manchmal zog einer knirschend den Riemen enger. Nach Stunden kamen zwei mit blutigen Händen und brachten Fleisch. Sie fielen darüber her, brietens und fraßen's noch halb roh hinunter. Später hat einer erzählt: in der ge­plünderten Kirche lag ein Erschlagener. Bon dem war das Fleisch.

In der Stube summen die Mücken. Durch die offene Tür kann man in den Garten schauen. Der Junge kniet auf der Erde und spielt mit einem Holzpferdchen. Das hat er vor einen hinkenden Fußschemel gespannt. Weiß war das Pferdchen. Mit schwarzen Tupfen bemalt. Und hatte auch einen Namen. Es hieß es hieß wie hieß es nur? Ach, er wußte den Namen nimmer.

Dann zogen sie an einer Wegkreuzung vorüber. Da saß ein Mensch am Straßengraben unter einem alten Apfelbaum. Der Mensch war ganz zerlumpt, sah niemanden an, ließ einen Rosenkranz durch die Finger gleiten und betete laut. Er war wahnsinnig geworden. Und hatte feine, schmale, weihe Hände, ganz anders als die Soldaten. Einer rief ihn an, da. schaute er auf. Seine Augen waren groß und leer. Er lächelte nur ein wenig und fuhr fort, ernsthaft zu beten:Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns arme Sünder!"

Im Spätsommer tarnen Zigeuner ins Dorf. Die hatten einen großen, braunen Bären mit, der auf den Hinterbeinen gehen konnte und an einem Nasenring geführt wurde. Am Abend spielten die welschen Gäste mit Geige und Tamburin im Dorfkrug zum Tanz. Und einer, ein junger, brauner

Italiener, zog von Haus zu Haus mit große» und kleinen Körben. Darin saßen bunte Singvögel. Die wollte er verkaufen, und die Kinder liefen mit nackten Beinen hinter ihm her. Aber der Bub hatte meinen müssen darum, daß die kleinen, luftigen, zwitschernden Vögel ihre Freiheit verloren hatten. Oben im Norden war das gewesen, irgendwo auf einem verlassenen Herrensitz: im eichenen Saale saßen die Offiziere des Stabes um eine große Tafel beim Trinkgelage. Der Raum war erfüllt von Dunst und Lärm, Gelächter und Pfeifenrauch und einer seltsamen Musik. In der Ecke stand ein leeres Faß, drauf hockte einer mit gekreuzten Beinen und blies den Dudelsack; ein anderer fiedelte dazu. Auf der Tafel aber, zwischen Kannen und Krügen und Leuchtern, drehte sich ein wüstes, halbnacktes Weib im Tanz, mit gelösten schwarzen Haaren. Die Kerzen flatterten und malten verzerrte, hüpfende Gestalten an die Wand. Einer lag auf der Bank und schnarchte. Ein junges Bürschlein aber hockte im Winkel und starrte das schwarze Weib an, das auf dem Tisch tanzte. Dabei liefen ihm helle Tränen über die schmalen Wangen.

An dem Tage, als die Botschaft das Dorf erreichte, daß Krieg sei im Lande, wollte es niemand glauben. Es war alles noch friedlicher als zuvor. Der halbwüchsige Bub lag in der hohen Wiese und sah in den Himmel. Da schwamm eine große, absonderlich geformte Wolke im weiten Blau. Und wenn er die Augen ganz klein machte, dann war es, als ob lauter Engelknaben auf der Wolke durch den blauen Himmel ritten.

Das ist doch das ist das kleine Gewese der Mutter. Das Haus und der Garten. Da knarrt eine Tür: die Magd geht hochgeschürzt mit klappernden Schuhen über den Hof. Sie geht langsam und trägt zwei schwere Eimer. Bei jedem Schritt verspritzt sie ein wenig Wasser. Ach, und da ist ja auch die Küche. Die Mutter steht am Herd. Sie legt den Kops zurück und hat die Augen voll Tränen. Das macht, sie hat eine dicke Zwiebel in der Hand und zieht ihr mit einem Mester die Häute ab. Jede Zwiebel hat sieben Häute. Man hört sie leise knistern.

Immer noch weht die schwarze Fahne, das Feldzeichen der Ligisten, über der Friedhofsmauer. Sie halten den Gottesacker besetzt und schießen herüber wie Tod und Teufel. Endlich endlich legt die große Stückkugel Bresche. Jetzt bricht der Angriff los. Dumpf schlittern die großen Trom­meln hinter uns. Wie kam das alles? Schweres Dröhnen, wüste» Gebrüll, ein blutiges Gesicht, geschwärzte Hände und fallende Körper: dann ist der Friedhof unser. Abseits im Winkel, über verfallenen Gräbern, klettert ein großer Busch wilder Rosen an der Maner hoch. Einer rauft ein paar volle Zweige ab und wirft sie im nächsten Quartier der Marke­tenderin zu. Die lacht über ihr ganzes breites Gesicht.

Die Mutter hält das Schwesterchen auf dem Arm und wiegt es hin und her und singt. Das Kleine greift mit den winzigen Fingerchen nach ihrem Hals und lacht. Die Mutter wiegt es und singt. Immer dieselben Worte. Die fallen ihm nicht ein. Aber die Weise hört er deutlich, ganz leise und ganz deutlich.

Still ist es im Walde. Nur einmal, von ferne, klingt das harte Häm­mern des Spechtes. Etwas Rotes springt im Zickzack über den Weg, im blanken Sonnenschein: ein Eichkätzchen. Jetzt huscht es behend am breiten Stamm hinauf und verschwindet im Grünen.

Vier Tage schon liegen sie in der Stadt im Quartier. Die Leute haben die zitternde Scheu verloren vor dem unheimlichen 'Soldatenhaufen. Gras Mansfeld hält Heuer strenges Regiment, und wen der Profoß unter die Fuchtel bekommt, dem wird das Leder gegerbt, daß er dran denkt. In der Dämmerung geht der Kriegsknecht durch die enge Gasse. Da kommt ein Mädchen vorbei. Er schaut sie an. Sie schaut ihn auch an. Er dreht sich um. Sie auch. Und lacht ganz zutraulich. Da kehrt er um und folgt ihr. Doris heißt sie. Sie geraten in einen alten Garten, wo die Glüh­würmchen fliegen. Und als er spät ins Quartier heimgeht, schwankt er ganz taumelig über die Straße. Das ist wohl die warme, weiche Lust, die macht so müde; oder ist es etwas anderes? Am Tag darauf rückt das Regiment ab. Er Hai sie nimmer gesehen. Doris hieß sie ...

Ms der Vater gestorben war und begraben auf dem kleinen Sauern« friedhof, da hat die Mutter drei Tage lang nicht gegessen und nicht getrunken, nur immer gesessen und den Kopf in den Händen gehalten und geweint. Aber die andern haben nachher lange im Krug zusammen­gehockt. Da ist mehr Bier vergossen worden, als Tränen.

Auf dem Kalbfell tanzen die Würfel. Ihrer drei fitzen um die große Trommel und verspielen den letzten Beutepfennig. Am Ende fallen sie selbander über den her, der gewonnen hat. Dem wollen sie das Fell wieder über die Ohren ziehen. Da kommen die andern dazu und stiften Ruhe. Und hebt mit eins in der Ecke ein böses Raunen und Geiuschel an, denn der Sold ist überfällig, die fünfte Woche schon. Mit heißen Köpfen stehn sie beisammen. Das geht nicht gut ab. Am nächsten Morgen reitet der Helle Aufruhr durch die Lagergasfen. Aber der Graf hält grau­same Mannszuchi und wird, mit den Gutgesinnten der Meuterer Herr. Jetzt bricht ein schweres Strafgericht los. Er läßt sie würfeln, und diesmal gefjts nicht um Geld. Am Ende find die drei Aergsten gehenkt worden. Und ihrer neun Hai der Marisfelder auspeitschen lassen vom Profossen und seinen Knechten, daß die Luft zitterte vom Schmerzgeheul. Und der Graf hat es ein gut Kegelspiel geheißen, meils neune waren.

Drüben treibt die Mühle langsam ihr großes Rad, immer rundum. Schon vorüber. Was ist das? Immer rundum, immer rundum. Was dreht sich im Wirbel über den Wellen? Immer rundum, ein wilder Reigen. Sie halten sich an den Händen: die Magd und der Mansfeld, die Mutter und der.Irre mit dem Rosenkranz, die Anne Kathrein und der braune Zigeuner, und die Doris und die Zeltkameraden und die lächelnde Muttergottes. Und einer schlägt den Takt dazu, und das Kalbfell dröhnt: immer rundum, immer rundum, immer rundum.

Die beiden Offiziere auf der Mühle schauen mit brennenden Augen nach der Brücke. Da stößt auf einmal der eine den Kameraden «n: da treibt etwas im hochgehenden Strom. Wo denn? Da, da! W versinkt es. Die Offiziere wenden sich ab. Ihre Augen suchen wieder die Brücke. Es geht nicht vor und nicht zurück. Nur das Gewühl tft noch dichter geworden.

Verantwortlich: Dr. Hans tThyriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Univerf itätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehe»-