Die Dame in Trauer.

Von Carry Brachvogel.

Trotz seines gewaltigen Aufschwungs, seines Reichtums und seiner welt­städtischen Kulturen hatte das neue Deutschland (nicht das allerneuests!) das im November 1918 zu Ende ging, keinen besonderen Damentyp her- Dorgebradjt. Wohl verstanden: es besaß genau so viele echte und Simili- damen wie andere Kulturländer, aber keine, die ihre Prägung von ihm empfangen und weithin sichtbar alsdie deutsche Dame" gegolten hätte. Jede, gleichviel, ob sie echt oder Simili war, tr*g ein undeutsches Ideal im hübsch frisierten Kopfe. Die eine strebte der französischen grande dame nach, um die, angeblich oder wirklich, immer noch die Tradition berühmter Salons schweben soll, eine andere schielte nach der englischen Lady, zu deren prätentiöser Vornehmheit angelsächsische Männer anbetend die Hände heben, eine dritte bevorzugte die österreichische Aristokratin, deren Dialektgeplauder so anmutsvoll über Bildungslücken und unsäglichen Innern Hochmut wegtäuscht. Aber Deutsch, ganz spezifisch deutsch war (eine von all den deutschen Damen, und so ist es nicht zu verwundern, daß wir sie auch in der Literatur, die ja ein Spiegelbild des Lebens ist, nur da und dort, und auch da nicht ganz lebenswahr antreffen, und daß das deutsche Drama keinen Damentyp ausweist, der so unvergänglich deutsches Frauenwesen festhielte, wie etwa das holde Gretchen oder die schwärme­rische Luise Millerin ...

Einmal schreitet uns aber doch aus einem Bühnenwerk eine deutsche Dame entgegen, aus einem Bühnenwerk, dessen Geburtstag sehr weit zu­rückliegt. Eine einzige Szene ist ihr gegönnt, und erst im Verlauf dieser Szene erfahren wir, daß sie Frau von Marlosf heißt. Das Personenver­zeichnis gibt ihren Namen nicht an, nennt sie nurdie Dame in Trauer", geradezu, als ob es sich nicht um ihre Person, sondern um ein Allgemein- Wicksal handele. Wohlbedacht nannte er sie nichtdie Frau", sonderndie Dame in Trauer", obgleichMinna von Barnhelm" ein durchaus bürger­liches Lustspiel ist. Mit dieser feinerwogenen Standesbezeichnung und Namensverhüllung wird die Gestalt im schwarzen Kleide zum ergreifenden Symbol...

Es ist kein ungewöhnliches Schicksal, das Frau von Marlofs erlebt hat. Der Mann, ein Stabsoffizier, ist gestorben, hat ihr und seinem kleinen Sohn nichts hinterlassen können, als den blanken Schild seiner Ehre, mit dem er für das Vaterland focht. Getreu dem Gebot des Ster­benden will die Witwe mit dem ersten Bargeld, das sie in Händen hat, und das aus dem Verkauf von ihres Gatten Adjustierung stammt, eine kleine Schuld zurückzuzahlen, die er bei einem Regimentskameraden un­beglichen gelassen hat. Da der Gläubiger in begreiflichem, wenn auch nicht alltäglichem Edelsinn das Vorhandensein besagter Schuld leugnet und das Geld, das sie pünktlich, wie es einer Offiziersfrau zukommt, auf den Tisch zählt, nicht annimmt, ziert sie sich nicht lange und dankt ihm mit den einfachen rührenden Worten:Verzeihen Sie nur, wenn ich noch nicht recht weiß, wie man Wohltaten annehmen muß"; dann geht sie mit der­selben stillen Würde, mit der sie kam, geben wollte und nahm. Sie wird zu einer Freundin aufs Land reifen, die kaum minder bedürftig ist als sie, aber dennoch der Schwergeprüften für ein Weilchen eine Zuflucht bietet, damit sie sich von Leid und Krankheit erholen und Kräfte sammeln kann, für die Zett, da sie wieder zurück muh ins Leben

Das Leben aber ist kein Lustspiel, großmütige Majore, denen das Glück lächelt, sind dünn gesät und so fragt sich vielleicht manch einer, der gerne über einen Theaterabend hinaus nachdenkt und nachgrübelt, wie es dennder Barne in Trauer" im Leben, im wirklichen Leben, ohne den Major Tellheim wohl gehen mag. Da sieht er denn, wie sie mit Mühsal beladen eine steinige, graue Straße wandelt, wie sie immer noch das schwarze Kleid trägt, das schon damals, als sie zum Major kam, nichts von mondäner Eleganz aufwies und das nun immer fadenscheiniger wird. Die Handschuhe abgetragen, und an den Fingerspitzen weißlich abgeschält, bedecken Hände, die hart geworden sind von schwerer Arbeit, denn das kleine Budget des kärglichen Haushaltes darf nicht durch eine Magd be­lastet werden.Die Dame in Trauer" ist also ihre eigene Magd, erzieht ihren kleinen Sohn unter Sorgen und Entbehrungen aller Art, sieht mit blutendem Herzen, wie ihr einst behäbiger Hausstand immer mehr ver­kommt, weil sie nicht mehr in der Lage ist, die nötigen Auffrischungen und Neuanschaffungen zu bezahlen. Nach einem Tag rastloser Arbeit sinkt sie abends todmüde ins Bett und erwacht doch schreckhaft in der Nacht, Schweiß auf der Stirne, würgende Angst im Herzen, als presse ihr eine grausame Hand die Kehle zusammen. Würgende Angst, daß trotz aller Mühen und Entbehrungen der ach so bescheidene Hausstand nicht mehr zu halten ist, daß sie und ihr Kind in Bettlerarmut versinken müssen. Da sitzt sie dann wohl in ihrem Bett auf, preßt die Hände an die Augen, stöhnt und weint und rechnet sich halb zu Tode, wie sie da und dort ein paar Pfennige sparen und sich so noch mehr Last und Entbehrungen auf- laden könne. Doch, wenn der Morgen graut, und sie aus ihrem Hause unter die Menschen tritt, ahnt niemand, welches Grauen sie Nacht für Nacht erlebt. Ihr fadenscheiniges Kleid ist tadellos gehalten, die Hand- K verhüllen die Schwielen und Schrunden der Damenhand und um mze Gestalt ist immer noch die stille Würde einer vornehmen Armut, die sich nicht schämt und rühmt, sondern sich ausschweigt. Zwei Güter sind ja dieser Armut geblieben, die keiner ihr rauben tonn: der blanke Ehrenschild des toten Gatten und die heiße Liebe zum Vaterlande. Dies kostbare Erbe wird sie unversehrt durch alle Fährnisse des Lebens tragen, wird es an den Sohu weitergeben, mit dem sie vielleicht noch die Schmach von Jena und die Glorie von Waterloo erlebt, um als sterbende Greisin in unbekannte Fernen hin den Segensspruch über tausend und aber tausend Enkelinnen zu sprechen, der das Fazit ihres prüfungsreichen Lebens enthält.

Tausende, Zehntausende von Enkelinnen haben ihn vernommen, haben ihn, jede nach ihrer besonderen Art, nachgelebt, das waren Altpreußens starke Frauen, die Mütter und Gattinnen jener Männer, deren Stolz und Gluck es war, dem Staat zu dienen, ihn zu schützen und, wenn die Stunde tief, für ihn zu sterben. Karg war der Sold, den der harte Staat den opferminigen Söhnen bot, ihnen aber lag es fern, zu feilschen und zu

murren, denn ihr Wahlspruch lautete:Ich diene." Ihre tapferen Ge­fährtinnen waren ihre Frauen, eins mit ihnen in allem, was die Ehre betraf und stolz darauf, daß auch sie berufen waren, diese Ehre zu hüt« und zu mehren. Heldinnen im Entbehren, Künstlerinnen im Sparen.

Im Glanz des wilhelminischen Deutschlands war dies deutsche Samen- ideal untergegangen, im Leid der allerjüngsten Zeit ist es wieder er­standen. Nur sind es jetzt nicht mehr allein Altpreußens Frauen, die sich al» Frau von Marlofss Enkelinnen offenbaren, nein, aus allen Gauen de» Reiches strömen sie herbei und fast jede Frau des gebildeten Mittelstandes bekennt sich zu derDame in Trauer". Viele von ihnen haben noch den Gatten zur Seite ober Söhne, auf die sie sich stützen können, aber dennoch gleichen sie alle der stillen, blassen, harmvollen Ahnfrau, die, einst ver­wöhnt und gehegt, späterhin darbte, Mägdedienste tat, und die Nacht- mar würgend spürte, die Angst vor Bettlerarmut ...

Innerlich verarmt, äußerlich heruntergekommen, haben sie nichts be­wahrt, als den blanken Ehrenschild und in ihrem Herzen die große Liebe und die große Sehnsucht, die auslugen, ob nicht irgendwo ein Sternchen der Hoffnung zu Häupten von Frau Marlofss Enkelinnen aufleuchten will. Ihre Augen mögen verweint, ihre Gesichter blaß, ihre Kleider oft geflickt sein, doch die stille Würde, mit der sie alles tragen, sich willigen Sinnes in alles fügen, schafft eine große Distanz zwischen ihnen und jenen, die winselnd oder zornig ihre wirkliche oder angebliche Armut laut hinaus- schreien. Diese Würde läßt erkennen, daß sie immer noch die geblieben sind, die sie waren und die sie stets bleiben werden, was auch immer über sie verhängt sein mag. Von der Menge gleichgültig übersehen, von vielen schadenfroh belächelt, von einigen ehrfurchtsvoll gegrüßt, schreitet sie voll Anstand und Mut durch Sturrneswetter einer düster verhüllten Zukunft entgegen, die Dame in Trauer, die deutsche Dame ...

Deutscher Totentanz 1626.

Von Hans Thyriot.

Am Ufer der hochgehenden Elbe, seitlich, zwiscl>en dunklen, feucht- glänzenden Ackerbreiten, hockt eine Windmühle. Aus dem oberen Um­gang stehen zwei Offiziere und schauen flußaufwärts nach der alten Brücke.

Gras Mansfeld und Wallenstein kämpfen hier um den Stromüber­gang. Aber die Brücke ist schmal. Der Kampf ist in der Mitte zum Stehen gekommen. Die Gegner hatten sich die Waage. Keiner kann in der Enge feine Kräfte so, wie er will, entfalten. Wild tobt das Gefecht Mann gegen Mann.

Aber es geht nicht vor und nicht zurück. Das Gewühl wird nur noch dichter. Siiebergetretene, Verwundete und Gefallene sperren den Raum. Auf ihren Leibern kämpfen die Nachdringenden,

Auf einmal stößt der eine der Offiziere auf der Mühle einen klingen­den Schrei aus und beugt sich mit vorquellenden Augen über die schwere Holzbrüstung. Das Gemetzel l)at sich gewaltsam Raum geschafft. Die dicken Steinquadern vermochte es freilich nicht zu sprengen, aber jetzt fliegt seitlich ein Klumpen Soldaten über den Brückenbord in den Strom: Mansfelder und Kaiserliche, ineinander verbissen. Schwaches Geheul tönt Sben beiden auf der Mühle. Dann wird es wieder still. Die Lücke ließt sich augenblicklich. Der Menschenklumpen ist im gelben Strudel verschwunden und taucht nicht mehr auf.

Ein einziger hat sich aus dem wilden Svldatenknäuxl freimachen können, ehe die anderen in den Fluß wirbeln: ein junger Mansfeldischer Kriegsknecht.

Der hat sich losgerisien, noch auf dem steinernen Bord. Aber wie er sich aufrichten will und zurückspringen, um wieder Halt und Boden unter sich zu bekommen, da wirft ihn ein schwerer stumpfer Schlag gegen die Schulter, ein paar Atemzüge hinter den anderen her, kopfüber ins Wasser.

Im Fallen sieht er, wie die Mühle drüben die großen Flügel zu drehen beginnt. Er versinkt nicht sogleich, wie die Kameraden vor ihm, aber die Strömung reißt ihn gurgelnd flußabwärts, fort von den Brücken­pfeilern. Weit, endlos und unerreichbar weit dehnen sich seitlich die rettenden Ufer. Er treibt mitten im gelben, eiskalten Strom.

Mit wildem Griff müht sich der Kriegsknecht, das niederzerrende, schwere Wehrgehenk abzustreifen. Wams und Stiefel saugen sich voll. Er wehrt sich mit unbeholfenen Bewegungen gegen die empörte Flut, die über ihm zufammenschlagen will.

Krampfhaft, wie wenn er eine endlose Treppe zu ersteigen hätte, tritt er das Wasser unter sich, um oben zu bleiben. Auf und nieder auf und nieder auf und nieder. Aber das Wasser leckt und klettert unerbitt­lich an ihm empor; das schwer vollgesogene Gewand zieht grausam in die Tiefe. Cs geht zu Ende.

Auf und nieder auf und nieder- auf und nieder. Was ist denn das? Da ist kein Wasser mehr. Die erstarrende Kälte ist geschwunden. Auf und nieder geht es noch immer, auf und nieder. Das Büblein steht in der farbigen Dämmerung der Dorfkirche hinter der Orgel auf zwei ungefügen Bohlen und tritt die Bälge. Auf und nieder wird es getragen von der seltsam nahen, frommen Musik, die durch den leeren Raum schwingt. Morgen ist Sonntag. Schwalben schießen hoch an Wölbung und Säulen vorüber. Durch die Fenster fluten breite Lichtstreifen. Darin tanzen die Sonnenstäubchen. Die Fliesen malen sich bunt Der Organist spielt immerfort. Und der Bub tritt die Bälge.

Einmal ging der Bub im Herbst die Dorfftraße entlang, hinaus ins Freie. Von den alten Kastanien löste sich hier und dort ein vergessenes Blatt und glitt in nachdenklichen Windungen schwankend zur Erde. Die Blätter sahen aus wie große, gelbe Menschenhände.

Feuer Blut beizender Qualm Klirren Weinen Fluchen Geschrei, lieber Treppe und (Bang. Krach, fliegt die Tür auf. Holz splittert. Der Soldatenhaufen steht im Prunksaal des erstürmten Schlosses. Gegenüber hängt, lebensgroß, ein Frauenbild an der Wand. Die Augen im kühlen, hochmütigen, beherrschten Gesicht schauen maßlos verwundert, höhnisch, durchbohrend auf die vertierte Rotte. So furchtbar, daß das Häuflein zerbröckeln will. Da wirst einer mit wildem Fluch eih