Chor der Toten.
Aus den Kriegsbriesen unserer gesallenen Studenten.
hals! Wir hätten auch nicht einen Pfennig bekommen, wenn er nicht die n™ SSÄ Sä'?X «"M-
Gott über den Undank der Menschen zu klagen. Aber hier erlebte sie Seltsames- Alle Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte, die sie von Gott abgelenkt hatten, wurden wesenhaft und bedrängten sie. Da war ein Vaterunser, kläglich von Profitberechnungen zerrissen, dort ein Bob- gelang des Ewigen, voller Verwünschungen eines Konkurrenten, der nut einer originellen Reklame viel Geld verdiente, da tanzten in emer Wech- rauchwolke Klagen über die Mühsal des Alltags herum, böse Wunsche und Verunglimpfungen des Nächsten, Neid, Scheelsucht, Schadenfreude, und eine alles überschreitende Habgier nach Reichtum, Ehre und Macyt.
Die arme Seele sah mit den Augen der Ewigkeit und floh gepeinigt. Eie ging voll weinender Verzweiflung auf den Kirchhof zurua. Es war umsonst, noch andere Wege zu machen, kein Werk wurde ihre Hande füllen daß sie es vor das Angesicht des Unbestechlichen bringe ... >a, sie waren alle für die Erde getan, sie klebten an der Erde ...
' Da — o Wunder! — auf dem Grabhügel, der voller Kranze lag, kniete ein kleines Müdci-en, das hatte ein ganz dünnes Lichtlein angezündet und hielt nun die Hände um die armselige Flamme, daß der Wind sie nicht auslölche ... Und die Lippen sprachen oft gehörte L.otensonntag- aebete nach, die der kindliche Sinn noch nicht verstand:... und das ewige Licht leuchte ihm ... und aus den Augen fiel eine Trane ^Und diesem Kinde hatte die arme Seele nur einmal, als ein unduldsamer Vater es gezüchtigt hatte, das tränenuberstromte Gesichttem gestreichelt und ihm Worte, ach, seiner verlassenen Kindheit so seltene Worte voll Liebe und aufrichtigen Menschengefühls gesagt.
Erlöste arme Seele! Das kleine dünne Licht aus Kinderhand flammt nun wie eine goldene Sonne auf deinem Weg in die Ewigkeit!
„Und so lösche ich denn mein Dasein aus in Gedanken am Vorabend der furchtbaren Schlacht," bekennt Otto Heineback, „und denke mein Selbst hinweg aus dem teuren Kreise, dem es als geliebtes Glied ange- hören durfte. — Auch die Lücke, die ich hinterlassen wurde, muß sich schließen, — der unendliche Reigen der Geschöpfe läßt sich nimmer beirren — ich segne ihn, ein winziges Glied, das ihm angehörts, in alle Zukunft! Und bis in Eure letzten Tage gedenkt mein, ich bitte Euch, in
9 Und Eugen Röcker jubelt: „Ich bin freudig gehobenen Heizen - Was haben wir zu verlieren? Nichts als unser ärmliches Leben. d'e^ vermögen sie doch nicht zu töten. Was sollten wir uns furchten"^ werdet für mich Kraft zum Ausharren im Granatenhagel erflehen. wci Ihr bie|en Brief in Händen habt. Ihr werdet nicht um mein W Leben bitten, sondern darum, daß mich Gott im Leben und im «t nicht verlassen möge. Näher, mein (Bott, zu dir!
Bleib' mir dann zur Seite stehen, wenn mir Grauen macht der To, als das kühle, scharfe Wehen vor des Himmels Morgenrot!
Wird mein Auge dunkler, trüber, bann erleuchte meinen Geist,,, daß ich fröhlich zieh' hinüber, wie man nach der Heimat reist.
milder Siebe, ehrt mein Gedächtnis, ohne es zu übergolden, und bewahrt mich in treuen, zärtlichen Herzen." „Der Tod ist wohl bitter, schließt Walter Schmidt sein letztes Schreiben, „aber man kann ihn schon vorher innerlich überwinden und dann leuchtet sein Zweck glückbringend durch die Greuel und das Blut: die Rettung des Vaterlandes! Dann imponiert der Tod nicht mehr. Die Illusionen schwinden. — „Wenn wir den Tod er- warten, so erfolgt das aus nüchternen Verlegungen heraus zum Bei- spiel wir rechnen ganz ruhig: September waren es unser 80, Weihnachten 40, Februar nach 12, jetzt erhalte ich Briese: „die Kompagnie hat wieder 50 Mann verloren" — da sind auch sicher wieder 3 bis 4 der Alten dar- unter. So überlegt man ganz ruhig. Beben wollen ° das wollen wir, bewußt und unbewußt, mit unerhörter Intensität. Woher fonst schon die wilde Energie auch völlig erschöpfter Truppen in den Nahkarnpfen!
(Alfred E. Vaeth.)
Und das Todeserlebnis läutert sie, macht sie demütig und fromm. „Es ist nicht wahr," sagt Hero Hellwich, „daß der Krieg verrohend auf bie Menschen wirkt. Wer verroht zurückkommt, roar vorher schon roh. Der Krieg wirkt vielmehr läuternd und vertiefend. Für >eden Tag, den man noch9 erleben darf, dankt man Gott. Sollte ich nach Gottes unermeß- licher Gnade lebendig aus diesem Kriege herauskommen, so will ich mich — so schlecht und ungenügend es mir auch gelingen wird — dieser Gnade würdig zu erweisen suchen. Im Kriege ist keiner Herr über em Geschick, Menschenwitz versagt. Man kann nur sagen: „Herr, dein Wille geschehe. Ich bemühe mich, jederzeit so zu (ein, daß ich, wenn mich ein Einschlager ober eine Kugel trifft, nicht mit unnützen Gedanken im Kopfe verscheide.
Ja, in manchen dieser jungen, so lebensvollen Menschen steigt etwas wie Todessehnsucht heraus. „Oft denkt man an die Erlösung aus diesen Gefahren und Entbehrungen durch einen plötzlichen Tod und dieser Ge- danke ist uns so naheliegend geworden, daß er für uns alle Furchtbarkeit verloren hat. Unsere besten Freunde, die herrlichsten Menschen haben sich diesem Tod in die Arme geworfen, warum sollen wir ihn furchten und meiden? Er ist der schönste, der einem im Beben beschieden fern tarnt; und doch stirbt keiner gern, denn das fühlen wir: wir haben mit dem Leben nicht abgeschlossen, wir stehen seinen Tiefen und Geheimnissen noch fremd gegenüber. (Walter Schmidt.) Erwin S t r a ß m a n n schreibt: Hier im Felde, an der Somme, ist Tod und Trauer etwas ganz anderes. Da weiß jeder: es sterben in jedem Augenblick die Kameraden, die Fahnenträger: Aber die Idee, die Fahne lebt, wird hochgeha»ein Und bas ist bas Wesentliche. Die ihr Beben für uns ließen, sind die, welche uns und unserem Volk das Beben gaben. Sie sind das Fundament der Zukunft. Darum ist der Tod fürs Vaterland höchste Lebensersullung, das sei der Stolz der Trauernden. Ich wünschte, Ihr hattet hettte die letzten Kerls des 5. Garde-Regiments gesehen, die abends in die Graben gehn. Es sind so heilige stille Jungen; aus ihren Augen leuchtet ruhevolle, weltferne Unendlichkeit. - Sie gehen und besuchen noch einmal die gefalle, en Kameraden. Es ist ihnen eine Erholung, bei den einzelnen Kreuzen stehenzubleiben und von dem, der da unten liegt, zu sprechen. Der Gedanke, bald bei ihnen zu sein, gibt ihnen stilles Gluck; denn sie sehnen sich nach Schlaf. Von dem „süß-gruseligen Todesahnen" spricht einer unb em anderer erzählt einen Traum: „Ich lag in e,nein Schloß.auf Vorposten. Ich kam in ein Zimmer, und wie ich eintrete, eilt nur ein schönes, verlockendes Weib entgegen. Ich will sie küßen, und da ich mich ihr nähern will, grinst mich ein Totenschädel an. Einen Augenblick bin ich erstarrt vor Schreck, bann aber küsse ich ihn küsse ihn so heftig und heiß baß mir ein Stuck seines Unterkiefers zwischen den Bippen bleibt. Im selben Augenblick verwandelt sich der Tod in meine Anna — und dann mutz icy aufgewacht sein."
Die Gräber sind ihnen Stätten des Friedens, die sie aussuchen, wie es Hans Spatzl schildert: „Da ist das Grab eines unserer Helden. Ost gehe ich daran vorüber, aber nie ohne mein Haupt zu entblößen unb ein Ave Maria für den Toten zu beten. In der Gruft, die -me schwere Era- nate herausgewühlt hatte, hat ihm ein treuer Kamerad das Grab bereitet Ein regelrechtes Grab hat er dann aufgeworfen ein hübsches Überdachtes Kreuz aufgepflanzt Zwei Kerzenkeuchter stehen zu dessen Füßen. Ein schweres 18-Zentlmetergeschoß thront über dem Grobe. Darauf waren Blumen gepflanzt. Rings um das Grad herum wucherte d.e Natur. Aehren unb Blumen bunt durcheinander neigten sich über Den Rand der Granatengrube. Ein heiliger Friede wohnt dort, und wenn m) am frühen Morgen, da die Sonne ihre ersten goldenen Flammen über dem Grabe flackern ließ, vorüberging, dann zog ich meine Muno- harmonika heraus und spielte dem gefallenen Kameraden eine fromme Weise ins Grab." . ...
So drängt alles in ihnen aus der Wirklichkeit heraus ins Ueberstdlsqe- Himmlische, Ewige. „Wenn ich auch nicht an die bekannte persönliche UN sterblichkeitsidee glaube," gesteht Martin Drescher, „der Anblick der funkelnden Sterne gestern abend und sonstige Erinnerungen und Leo achtungen aus früherer Zeit zumal aus Goethe, haben in mir w » die alte Theorie von der Allseele, in der die Einzelseele aufgehtz be dt Und so habe ich jetzt schon ruhiger die Granaten über mich hmsau Horen. Ich bin der festen Verbeugung, daß ich, d.h. meine Seele, n <9 - bloß dies eine Mal gelebt hat, sondern weiter und weiter leben wir-,
■ wie, male ich mir nicht aus; da es zwecklos ist. So bin ich beruhigt U
Die ergreifendste und erhabenste Sinfonie des Todes, die uns in bleiern Jahr zum Fest der Toten und zur Gedächtnisfeier für die gefallenen Krieger erklingen kann, ist die bei Georg Müller in München vor kurzem erschienene, mit Unterstützung des Reiches und der Bänder von Philipp Witkop herausgegebene Sammlung ,L r i e g s b r i e s e g e- f al len e r Stuben ten". Ein reiner und stolzer Chor jugendlichen Opfermutes, feurigen Aufschwungs, edler Vaterlandsliebe und tapferer Lebensbejahung tönt aus den Briefen dieser mehr als hundert Tot- geweihten, deren Bekenntnissen der große Augenblick, die Erhebung über das gewöhnliche Menschenschicksal oft eine dichterische Schönheit und verklärte Innigkeit verleiht. Die Auffassung des Todes, wie sie hier zum Aufdruck kommt, hat einen durchgehenden gemeinsamen Zug, der un- dem großen Mysterium alles Bebens näher bringt, und uns einen tiefen Einblick gewährt. Wir geben im Folgenden zum Totensonntag einige Auszüge aus dem erschütternden Werk.
Mit einer unheimlichen Klarheit sehen diese jungen Menschen dem Tod entgegen. „Wenn ich jetzt dem Tod ins Antlitz schauen werde schreibt Paul Krebs in seinem Abschiedsbrief, „so wird s mir erst wieder ganz klar werden, ob ich das mir anvertraute Gut meines Bebens gut verwaltet habe und dem Herrn aller Welten offenen Auges-undrmit fröhlichem Dank zurückgeben darf. Viele werden sich letzt dessen.bewußt werden, welch ein köstlicher Besitz eine reine Jugendzeit ist. Mr haben oft kurzsichtig mit ihr getändelt. Ich mochte mit den Etzten Regungen meiner schwachen Kraft die Kämpfenden unterstützen und die Schwankenden vom Abgrund fernhalten. Doch was bm ich? Nur Jesus kann das. Er kann alle führen, wie er mich geführt hat. Unverdient Hali und tragt er die, die sich ihm anvertrauen. Nur in ihm und durch ihn werden Siege erfochten. Und so sagt ein anderer, Walter Limnier, für ewig den Seinen Bebewohl. „Sieber Vater, gute Mutter, herzliebe Geschwister, nehmt es bitte, bitte nicht für Grausamkeit, aber es wird gut fein, wenn auch Ihr Euch schon jetzt voll tapferen Mutes und fester Selb tbe- herrschung mit dem Gedanken vertraut macht, daß Ihr mich oder einen meiner Brüder nicht wiederseht. Kommt dann eine wirkliche Unglucks- nachricht, so werdet Ihr sie viel gefaßter aufnehmen. Kehren wir aber alle wieder heim, so dürfen wir das dann als ein unerwartetes, um so gütigeres und herrliches Geschenk Gottes hinnehmen. Ihr werdet,mir glauben, daß mir die Sache in ihrem Ernst viel zu heilig ist, als daß ich eben etwas Phrasenhaftes ausgesprochen hätte." „Der Tod ist täglicher Genosse," sagt Rudolf Fischer, „der olles weiht. Ma" nimmt ihn nicht mehr feierlich und mit großen Klagen. Man wird einfach, schlicht gegenüber seiner Majestät. Er ist wie manche Menschen, die man liebt, wenn sie auch Ehrfurcht und Schauer einfläßen." „Wie wird man gefühllos gegen den Tod, kaum, daß man sich umdreht, wenn einer zusammen- dricht", gesteht ein anderer.
Der Tod hat seine Schrecken verloren. „Ein Wort kommt mir wieder ta den Sinn," schreibt Walter Horwitz, „das ich vor einiger Zett auch den Meinigen geschrieben habe, damit sie sich daran hatten, wenn der Herr auch mich abberufen sollte: es muß und soll hinweghelfen über Not und Tod unserer Sieben: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg! Tod, wo ist dein Stachel? Holle, wo ist dein Sieg?" Als Brahms sein hmrm- lttches „Deutsches Requiem" dichtete, um sich über den Tod (einer geliebten Mutter zu trösten, machte er dies Bibelwort zum Höhepunkt, weil es ihm alle Kräfte enthielt, die über das Unvermeidliche hinweg-


