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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang {928 vienstag, den 24. April Nummer 55

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Wachstum.

Von Leo Sternberg.

Ich liege auf Sternenwiesen weißer Waldesbkumen, im leisen Regen rieselnder Knospenhüllen.

Knisternd singt das Wachstum aus der Erde. . .

Horch, Millionen kleiner l^inbe heben unter Blätterstreu und dürren Reisern Deckel von Särgen um mich her ...

Grünseidene Falter zwischen den Silberstämmen ...

Mit rosa Füßen setzt sich einer auf meine Wimper, trinkt am Brunn meiner Augen...

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Der Pug hat wieder Unglück beim WeibsvolÄ.

Ein Märchen von Hans Friedrich B l u n ck.

Einmal hat ein Nies Pug ein kleines Waschweiblein kennengelernt. Sie hatte in einem hohlen Bräutigamsbaum draußen vorm Stabiler ein Brieflein niedergelegt, darin stand, wie gern sie heiraten mochte und wie ihr Liebster aussehen müßte. Der Pug, der gern in alle Briefkasten guckt, hatte sich auch die Wünsche angesehen, die die jungen Mädchen in der Bräutigamseiche niederlegten. Und er hatte an dem Brief des Wasch­weibchens Gefallen gefunden, hatte gern geantwortet, und es Hai sich sogar herausgestcllt, daß das Weibchen gar nicht weit von ihm, nur ein Swckwerk tiefer, bei einem Maler in Dienst stand, dessen Bodenrummel der Pug oft genug durchgeftobert hatte.

Die Frau jenes Malers aber war sehr schön und klug und verstand sich auf allerhand Künste. Sie hatte damit auch das Waschweibchen zu sich gezogen. Aber sie machte von ihrem Wissen niemals anders Ge­brauch, als zum Wohl ihrer Mitmenschen in der Stadt.

Nun waren die Frau und der Maler oft bei einem berühmten Gelehrten zu Besuch, der in jenem Haus ein Stockwerk unter ihnen wohnte. Der neckte die schone Malersfrau oft m t ihrer schwarzen Kunst, aber er glaubte nicht daran. Eines Tages aber hat er doch allerhand mit eigenen Augen gesehen, und das ist so gewesen.

Wie die Malersleute einmal wieder bei ihm zu Gast sind, nutzt der Pug die Gelegenheit aus und kommt auf eine Pfeife Tabak zu dem kleinen Waschweib. Die schilt ja, was sie alles zu tun und wie wenig Zeit und Lust sie für ihn und seine Art habe. Aber er weiß wohl, daß alles nicht wahr ist, und daß das Waschweibchen glücklich ist, wenn sie fernen Tabakrauch von fern in der Nase hat.

Das muß man allerdings sagen, viel zu tun hat das arme Wiweken. . ibr alles dreifaches Werk, weil sie klein wie der Pugknirps, vielleicht sogar noch etwas geringer ist. Aber es geht ihr alles flink von der Hand, sie will ja rasch fertig werden für ihren Liebsten, und wenn « sie so m tten im Werk einmal umfaßt und sie mit dem nassen Feudel über ihn fährt, ist es im Grunde alles nur Liebe und Sehnsucht in ihrer Art.

Nun kommt das Waschweibchen aber mit den beiden Eimern nicht g.U5> die die Malersfrau ihr hingestellt hat, und das ist sehr ärgerlich, p Aies muh frisches Waffer haben, denn er ist zwar ein armer Pug ohne Wunschkorn, aber er weih doch aus Wasser Wein zu brauen, und Oas^ift etwas wert, wenn man in der Küche zu Gast kommt.

Ales geht deshalb bei und dreht am Kran. Aber der ist verwünscht ichwer zu drehen, die Malersfrau paht aufs Wasser, ehe sie aus dem Yliuse geht. Das ärgert den Pug Was sind das für dumme Weibs- , .cr' die sich gute, kleine Waschwiweken bestellen und das Wasser nicht aufen lassen! Er dreht also noch einmal mit aller Kraft. Es geht nicht. Ciang"^ cht^" ^&el aus einer langen Gardinenstange, aber die

Das Waschwiweken bekommt ein sehr böses Gewissen. Sie fleht den Wg an, die Stange wieder heilzusprechen. Ader der hat inzwischen ein hnrfi*11 cn- Pfunden und eine Leiter dazu. Er will sich weisen und

, wie ein vornehmer Reiter oben aus dem Wasserhahn und bolzt rirfv-r daran herum. Und auf einmal, platsch, geht das Wasser auch Miitze °5' ^ties wirft sich in die Brust und legt die Hand an die ttuihA r Eimer ist bald voll.Maak roebber to," sagt das Wasch-

D» dug sucht nach dem Hahn, aber der Hahn liegt unten,

fittiht Jltes. die Hand unter den Kran, aber das Wasser hat Eile, es bie m >'n k feinen Strahlen dem Waschwiweken und Nies Pug unter sogar im Bogen von oben ins Mehlfaß hinein.

Nies nu* dtzreit bas Waschwiweken.laut bat Water los!" Das tut in c/' 2 . r gleich rauscht es wieder in den Eimer und vom Eimer

Honstein und vom vollen Haustein auf den Fußboden.

Nimm den Ammer weg," ruft die kleine Gelbe noch, bas Waffer [°a fliehen. Aber Wasser ist ein schweres Sing, unb ein armer Nies, ber kein Wunschkorn hat, kann keinen vollen Eimer aus bem Haustein heben. Unb solange ber Eimer im Honstein steht, rauscht bas Wasser über die Kanten. Und es rauscht aus der Külye in den Flur und vom Flur in die gute Stube.

Da rutschr Nies vom Wasserhahn in ben Haustein bis zum Bauch geht ihm bas Wasser und bas arme Waschwiweken hat solche Angst, sie fteigi auch hinein wie in eine Badewanne, unb beide rücken und drehen Eimer aus Leibeskräften, aber sie kriegen ihn nicht vom Abfluß los.

. "A'es. maak den Hahn Webber dicht!" bettelt das Waschweibchen nun in heller Verzweiflung unb fühlt es auf ber Stirn perlen. Nies poltert gehorsam auf ben Fußboden unb holt den abgestemmten Hahn. Unb er halt ihn gegen ben Wasserstrahl unb benkt, ba soll ein Wunder geschehen. Uber er wirb nur bis zum letzten gaben naß unb hat Mut bewiesen, mehr kommt nicht babei heraus.

Sa ist Nies Pug alles einerlei, er tut seinen letzten großen Wurf unb spricht den Weinzauber in bas rauschenbe Wasser. Unb was von ber Leitung strömt, ist fortan gotbgelb unb süß, unb bie beiden Sünder ergeben sich in alles was kommen wird, fetzen sich in bie schwimmende Kochkiste unb lassen sich wenigstens munden, was sie angerichtet haben.

Nun gab bie kluge Malersfrau ein Stock tiefer ihrem Mann zu der Zeit gerade das Zeichen zum Aufbruch. Cs war bald Mitternacht, und die ernsten Gespräche ber weisen Herren unb ihr Knäuel Garn waren zu Enbe. Sa meinte ber Gastgeber plötzlich, jemand habe ihn mit einem Tropfen Wasser gespritzt. Er lächelte höflich, aber in seinem Innern hielt er bergleichen für einen unbedachten Scherz.

Das ist, als wenn's hier einregnete," sagte der Maler jetzt auch und strich sich über seinen kahlen Kopf. Er hob bas Licht gegen bie Decke. Sa waren bie schon bemalten Tafeln von einem dicken gelben Saft über­zogen, ber zäh unb ölig niebertropffe.

Die Wasserleitung," rief die Malersfrau entsetzt und rang bie Hände.

Das ist kein Wasser," sagte ber gelehrte Herr, netzte die Finger und fuhr mit ber Zunge Darüber.Sa läuft ein Faß bei euch teer."

2m nächsten Augenblick sprangen die Gäste von ihren Sitzen auf. Ser Maler klimperte schon mit den Schlüsseln, unb fein Weib sah in Gedanken ihr Waschwiweken mit drei Liebsten zugleich in ber Bein, kammer hausen.

Wie bie Sünder auf ber Kochkiste nun bas Treppenkaufen hören, merkten sie ja, baß ihr Stündlein schlug. Aber während das Wasch, wiweken sich darein ergab, konnte ber Pug von feiner Bosheit nicht lassen. Nein, er steckte rasch noch brei Bohnen ins Schlüsselloch unb sperrte alle Fc»ster von innen zu. So daß, als die erschreckten Leute vor ber Tür standen, kein Schlüssel paßte, wohl aber ein kleiner Fluß unter ber Tür hindurch sich um ihre nassen Füße goß.

Da war es, daß bie Malersfrau zum ersten Male bie Herren bat, Zur Seite zu schauen. Und sie raffte die Kleider zusammen unb rollte sch wie eine kleine Erbse in die Schlüffelöffnung, um nach Drinnen zu kommen. Aber die drei Bohnen ließen keinen Platz, um durchzuschlüpfen, sie mußte umkehren und hatte ihr schönes Zeug zerrissen.

Da bat sie die Herren, noch einmal fortzublicken, tat den Mantel ab, flog wie eine Motte durch das Treppenfenster und suchte bie Fenster ihrer Wohnung ab. Als sie babei in bis Küche blickte, sah sie das Wasch­weib, bas jetzt schon auf bem Tisch hockte, unb den Ries daneben, ber die Motte ba draußen angrinste. Aber bie Fenster waren dicht und fest verstopft.

Währendbessen haben die Herren doch noch einmal ben Wein schmecken müssen, der unter ber Türfüllung herauslief, unb sie haben ihn unge­wöhnlich gelobt, obschon sie nur Fingerproben nehmen konnten. Und ber Maler hat, wie es auch war, viel Neugier auf bie Zauberei in seinem Hause gehabt.

Wie er sich nun noch mit seinem gelehrten Freunb darüber unter­hielt, kam die Malersfrau gerade, außer sich vor Zorn, zurück und er­zählte fliegend, was sie in ber Küche gesehen hatte. Sehr eifrig horchten bie beiden Herren da zu unb stießen sich bedeutungsvoll an. Sann befahl bie Fran ihnen noch einmal, zur Seite zu schauen. Sa wurde sie zu einem Wassertropfen, ber schlüpfte gegen ben Wein blitzschnell unter der Türspalte hinburch unb schwamm biesmal flugs in bie Küche.

Sa war inzwischen den beiben Kleinen benn doch Der Mut ver­flogen. Sie hatten ja bie Motte am Fenster gesehen, unb als sie an ben Wasserhahn, an die drei Bohnen in ber Tür und alle Sünden zugleich badjten unb nicht wußten, als was bie kluge Frau jetzt wohl hereinkommen würde, haben sie es mit ihrem Gewissen plötzlich nicht mehr ausgehalten. Mit einem Husch waren sie kopfüber in die Kochkiste gegangen, gerade einen Augenblick, ehe bie Malersstau in der Küche erschien.