Ausgabe 
24.3.1928
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Glehener Anzeiger

Jahrgang (928

Samstag, Öen 24. Marz

Nummer 24

Am Wasser.

Bon Wilhelm Schüsse ».

Das Schilf nickt leise und gedehnt Der Welle zu, die weiterjagt.

Ich steh' an einen Baum gelehnt Und lausche, was das Wasser sagt.

Ein Lied fliegt bunt den Weg entlang Und weht vorbei der Welle nach Mitsamt dem Munde, der es sang, Und immer weiter jagt der Bach.

Das Schilf nickt her, das Schilf nickt hin, Und auch das Wasser spricht kein Wort, Es hat wohl weiter nichts im Sinn Als wandern, wandern immerfort.

Pierre Grasiou.

Novelle von Honorö de Balzac.

Wer als ernsthafter Betrachter die Kunstausstellungen, die nach der Revolution von 1830 stattfanden, besucht hat, wird sich beim Anschauen der endlosen, überhäuften Galerien kaum eines Gefühls oder Uebehaqens und der Langeweile, vielleicht sogar der Trauer haben erwehren können. Seit 1830 gibt es keinenSalon" mehr. Der Louvre ist ein zweites Mal erstürmt worden durch die Künstler: und sie haben es verstanden, sich dott zu behaupten. Die Zulassung zumSalon" bedeutete ehemals für den kleinen Kreis, der in Frage kam, bereits eine hohe Auszeichnung, und über die bedeutendsten der etwa zweihundert Bilder, die ausgewählt entspann sich beim Publikum und bei der Kritik ein leiden- schaftlicher Widerstreit der Meinungen. Die Ueberflllle der Gemälde, vor die sich heute der Besucher gestellt sieht, erschöpft seine Aufmerksamkeit, und die Ausstellung wird geschlossen, bevor er aus der Menge das wenige Gute ausfindig gemacht hat. Statt eines Ritterspiels Haden wir einen Bolksiahrmarkt, statt eines künstlerischen Ereignisses ein lautes Waren­haus, statt sorgfältiger Auslese alles. Was ist die Folge? In der Menge verliert sich das Genie. Der Katalog ist zu einem dicken Buche angewachsen, in dem mancher Name auch dadurch nicht bekannter wird Satz zehn oder zwölf ausgestellte Bilder dahinter aufgeführt sind. Unter allen aber an, unbekanntesten ist vielleicht derjenige des Malers Pierre nennt 0115 ®OU96rcs' bcn mim in der Künstlerwelt einfach Fougeres

Fougeres wohnte 1832 im vierten Stockwerk eines jener hohen schmalen chäuser der Rue de Navarin, die aussehen wie der Obelisk von Luxor. Sie besitzen einen Hausflur, eine enge düstere, halsbrecherische Wendetrreppe, in ,edem' Stock nicht mehr als drei Fenster, und einen chof, der nicht mehr, als ein viereckiger Schacht ist.

Ueber den drei aber vier Räumen, die Grassou von Fougeres be- lag ein Atelier, dessen Fenster auf Montmartre hinausgingen. .~lCi.77n^ .waren rot gestrichen, der Boden braun gewächst, auf jedem vtuhl lag ein gesticktes Deckchen, das altmodische Sofa war sauber wie das in, Schlafzimmer einer Krämerin. Alles ließ auf das wohlgeordnete 2,,aJ5tt?/inr6 fluten Bürgers von engem Horizont schließen. Das Atelier .Wt. außerdem eine Kommode zum Ausbewahren der Malgeräte, einen Mu Hs tucks tisch, einen Schreibtisch und einen großen Ofen, ferner die zum Drbiw erforderlichen Gegenstände. Alles dies roar sauber und in guter

Eines Tages zu Anfang Dezember, dieses für den Porträtisten bc- l*1® günstigen Monats, war Pierre Grassou frühzeitig aufgestanben, yane den Ofen angezünbet, die Palette hergerichtet, und wartete nun, »ag die Scheibm des Atelierfensters aUftauen würden, um das Tageslicht uugehmdert einzulasfen. Unterdessen verzehrte er gedankenlos fein Früh- fturf, ein in Milch getunktes Hörnchen.

hfa von der Treppe her ein wohlbekannter Schritt. Als der Maler mst der Arbeit beginnen wollte, überraschte ihn Elias Magus, ^E>erhandler und Leinwandwucherer.

ra vlter Halunke?" begrüßte ihn Grassou. Elias nahm ihn,

L< ? Gemälde ab, das Stück für zwei- bis dreihundert Francs. Sie bedienen^' "n miteinander sich des sogenannten Künstlertones zu

Geschäfte," sagte Elias.Ihr Künstler stellt unverschämte ®e,nn i^r für sechs Sous Farbe auf die Leimvand kleckst, lind 1 v .. 9^Ech _ zweihundert Francs dafür. Aber Sie, Fougeres,

kommen "^^""knger'Kerl. Darum lasse ich Ihnen auch etwas Gutes zu- kakeinisch^o Danaos et d°na ferentes," sagte Fougeres:verstehen Sie Nein."

er Kunstliebhaber und Besitzer

WWMLZN

* **" -** Nun und?"

Tochün" fl'r$Um: 3rf brin'9e 2hven einen Vater, eine Mutter und eine »Alle drei auf einen Schlag?"

Meiner Treu, ja! Sie wollen sich porträtieren lallen Diele Kniefi

M für NN.

"n mit. Freuden!" rief Fougeres.

meiner" ° "C" bie 2'0t^ter t,eiri,ten- !° erinnern Sie sich hoffentlich

»Und worin bestand fein Handel»" In Flaschen."

tna£\ t,örw Die auf! Mir ist, als hörte ich schon Pfropfen

Darf ich die Leute Herdringen?"

Drei Porträts ... Ich werde sie in denSalon" schicken Rrfi Kamen!"3 $wträtiftn übergehen. Nun denn,n Sottet

Ser alte Elias entfernte sich, um die Familie Vervelle zu verständigen Werfen wir inzwischen einen Blick auf die Vergangenheit Pierre Grassous ' -c!n erniessen zu können, von welcher Bedeutung ein solcher mi'Jrf-9 Urfein~f°.nte und welchen Eindruck das Ehepaar Vervelle mit feiner einzigen Tochter auf ihn machen mußte.

. ®ei Servin, der in der Künstlerwelt Öen Ruf als Meister des Stiftes genoß, hatte Fougeres zeichnen gelernt und war dann als Schüler mi gegangen, um von ihm in das Geheimnis feiner wunderbaren emgeweihtzu werden. Aber der Meister gab feinem Schüler ""Hks von diesen, Geheimnis preis Pierre entlockte ihm nichts Hier- aus besuchte er das Atelier Sommervieux, um die Gesetze der Komposition abeT sie blieben ihm ein versiegeltes Buch. Er ging zu Grauet hn^m9' Uni l^nen .Technik ihrer effektvollen Interieurs abzu- !A/n, doch vergebens, auch ihnen war nichts zu entreißen Endlich be- leine Studienzeit bei Dnval-Lecamus. Sein stilles ge-

* Wei«n mürbe in den Ateliers zur Zielscheibe des Spottes, doch mb^^k seme Befchecdenheit und rührende Geduld bald die Kame- raden Bei den Lehrern fand er wenig Sympathie: sie bevorzugten das "bermutige, sprühende Temperament, oder aber den ernsten

Eharakter der das Zeichen des Genies ist: bei Fougdres fanden sie nichts als Mittelmäßigkeit.

..Dein Sleußeres Entsprach feinem Namen, er war fett und plump mittelgroß von Gestalt und von blasser Gesichtsfarbe. Er hatte schwarze Haare, braune Augen, lange Ohren, eine aufwärts gebogene Nase und einen breiten Mund. Keinem dieser Merkmale feines gefunden aber aus­druckslosen Gesichtes verlieh fein mildes, leidendes, resigniertes Wesen '^ndwie eine besondere Bedeutung. Ihn beunruhigte weder das leiden­schaftliche Drangen des Blutes, noch die Uebermacht der Gedanken, noch die mächtige Begeisterung, die das Zeichen der genialen Künstler find

Geboren, ein ehrenwerter Bürger zu fein, war dieser junge Mann nad) Pans gekommen, um hier bei einem Farbenhändler Gehilfe zu werden: aber u, seiner bretonischen Hartnäckigkeit hatte er sich in den Kops gesetzt, Maler zu werden, Gott mag wissen, was er aushielt zuwege brachte, sich durch seine Studienzeit durchzudarben. Er durchlit die Entbehrungen der Großen, bie das Unglück verfolgt und die wie wilde Tiere von der Meute der Mittelmäßigen und der Neider ver­folgt werden. Kaum meinte er auf eigenen Füßen stehen zu können, so nahm er em Atelier in der Rue des Martyrs und fing an zu arbeiten

m''3<KXir<ten ?!'' rier Pierre Grassou.Wo ich gewohnt bin aanr fein ßefenf geregelt Ta" M°rgenfonne caufzustehen? Ich? der

äwut; ä ss» - «*« Was für Leute find es?

Der Alte war Kaufmann. Jetzt ist er Kunstliebhaber und Bebber Kente.^a"^aU <5 d'Avvay mit zehn- bis zwölftausend Pfund