aller Schönheit. Der Kavalier bemerkte die sehnsuchtsvollen, feurigen Blick« meiner Mutter. Er glaubte jetzt glücklicher zu sein als vormals. Er wußte sich ihr zu nähern, noch mehr, sie von ihren Bekannten fort an einen einsamen Ort zu locken. Dort schloß er sie in seine Arnie, meine Mutter faßte nach der schönen Kette, aber in demselben Augenblick sank er nieder und riß meine Mutter mit sich zu Boden. Sei es, daß ihn der Schlag plötzlich getroffen, oder aus einer anderen Ursache; genug, er war tot. Vergebens war das Mühen meiner Mutter, sich den im Todeskampf erstarrten Armen des Leichnams zu entwinden. Die hohlen Augen, deren Sehkraft erloschen, auf sie gerichtet, wälzte der Tote sich mit ihr auf dem Boden. Ihr gellendes Hilfstzeschrei drang endlich bis zu in der Ferne Vorübergehende, die herbeieilten und sie retteten aus den Armen des grausigen Liebhabers. Das Entsetzen rvarf meine Mutter auf ein schweres Krankenlager. Man gab sie, mich verloren, doch sie gesundete und die Entbindung war glücklicher, als man je hätte hckssen können. Aber die Schrecken jenes fürchterlichen Augenblicks hatten mich getroffen. Mein böser Stern war aufgegangen und hatte den Funken hinabgefchofsen, der in mir eine der seltsamsten und verderblichsten Leidenschaften entzündet. Schon in der frühesten Kindheit gingen mir glänzende Diamanten, goldenes Geschmeide über alles. Man hielt das für gewöhnliche kindische Neigung. Aber es zeigte sich anders, denn als Knabe stahl ich Gold und Juwelen, wo ich sie habhaft werden konnte. Wie der geübteste Kenner unterschied ich aus Instinkt unechtes Geschmeide von echtem. Nur dieses lockte mich, unechtes so wie geprägtes Gold ließ ich unbeachtet liegen. Den grausamsten Züchtigungen des Vaters mußte die angeborene Begierde weichen. Um nur mit Gold und edlen Steinen hantieren zu können, wandte ich mich zur Goldschmiedsprofession. Ich au-beitete mit Leidenschaft und wurde bald der erste Meister dieser Art. Nun begann eine Periode, in der der angeborene Trieb, so lange niedergedrückt, mit Gewalt empor« drang und mit Macht wuchs, alles um sich her wegzehrend. Sowie ich ein Geschmeide gefertigt und abgeliefert, fiel ich in eine Unruhe, in eine Trostlosigkeit, die mir Schlaf — Gesundheit, Lebensmut raubte. Wie ein Gespenst stand Tag und Nacht die Person, für die ich gearbeitet, mir vor Augen, geschmückt mit meinem Geschmeide, und eine Stimme raunte mir in die Ohren: Es ist ja dein — es ist ja dein — nimm es doch — was sollen die Diamanten dem Toten! Da legt' ich mich endlich auf Diebes- künste. Ich hatte Zutritt in den Häusern der Großen, ich nützte schnell jede Gelegenheit, kein Schloß widerstand meinem Geschick und bald war der Schmuck, den ich gearbeitet, wieder in meinen Händen. Aber nun vertrieb selbst das nicht meine Unruhe. Jene unheimliche Stimme lieh sich dennoch vernehmen und höhnte mich und rief: Ho ho, dein Geschmeide trägt ein Toter! Selbst wußte ich nicht, wie es kam, daß ich einen unaussprechlichen Haß auf die warf, denen ich Schmuck gefertigt. Ja, im tiefsten Innern regte sich eine Mordlust gegen sie, vor der ich selbst erbebte. In jener Zeit kaufte ich dieses Haus. Ich war mit dem Besitzer handelseinig geworden, hier in diesem Gemach saßen wir erfreut über das geschloffene Geschäft beisammen, und tranken eine Flasche Wein. Es war Nacht worden, ich wollte aufbrechen, da sagte mein Verkäufer: Hört Meister Rene, ehe Ihr fortgeht, muh ich Euch mit einem Geheimnis dieses Hauses bekannt machen. Darauf schloß er jenen in die Mauer eingefügten Schrank auf, schob die Hinterwand fort, trat in ein kleines Gemach, bückte sich nieder, hob eine Falltür auf. Eine steile, schmale Treppe fliegen mir hinab, tarnen an ein schmales Pförtchen, das er auf- fchloh, traten hinaus in den freien Hof. Nun schritt der alte Herr, mein Verkäufer, hinan an die Mauer, schob an einem nur wenig hervorragenden Eisen, und alsbald drehte sich ein Stück Mauer los, so daß ein Mensch bequem durch die Oeffnung schlüpfen und auf die Straße gelangen konnte. Du magst einmal das Kunststück sehen, Olivier, das wahrscheinlich schlaue Mönche des Klosters, das ehemals hier lag, fertigen ließen, um heimlich aus- und einschlüpfen zu können. Es ist ein Stück Holz, nur von außen gemörtelt und getüncht, in das von außen her eine Bildsäule, auch mir von Holz, doch ganz wie Stein, eingefügt ist, das sich mit samt der Bildsäule auf verborgenen Angeln dreht. Dunkle Gedanken stiegen in mir auf, als ich diese Einrichtung sah, es war mir, als sei vorgearbeitet solchen Taten, die mir selbst noch Geheimnis blieben. Eben hatte ich einem Herrn vom Hofe einen reichen Schmuck abgeliefert, der, ich weiß es, einer Operntänzerin bestimmt war. Die Todesfolter blieb nicht aus — das Gespenst hielt sich an meine Schritte, der lispelnde Satan an mein Ohr! Ich zog ein in das Haus. In Angstschweiß gebadet, wälzte ich mich schlaflos auf dem Lager! Ich seh' int Geiste den Menschen zu der Tänzerin schleichen mit meinem Schmuck. Voller Wut springe ich auf — weise den Mantel um — steige herab die geheime Treppe — fort durch die Mauer nach der Straße Nicaise. Er kommt, ich falle über ihn her, er schreit auf, doch von hinten festgepackt stoße ich ihm den Dolch ins Herz — der Schmuck ist mein! Dies getan, fühlte ich eine Ruhe, eine Zufriedenheit in meiner Seele, wie sonst niemals. Das Gespenst war verschwunden, die Stimme des Satans schwieg. Nun wußte ich, was mein böser Stern wollte, ich mußte ihm nachgeben oder untergehen! Du begreifst jetzt mein ganzes Tun und Treiben, Olivier! Glaube nicht, daß ich darum, weil ich tun muh, was ich nicht taffen kamt, jenem Gefühl des Mitleids, des Erbarmens, was in der Natur des Menschen bedingt fein soll, rein entsagt habe. Du weißt, wie schwer es mir wird, einen Schmuck abzuliefern; wie ich für manche, deren Tod ich nicht will, gar nicht arbeite, ja wie ich sogar, weiß ich, daß am morgenden Tage Blut mein Gespenst verbannen wird, heute es bei einem tüchtigen Faustschlage beivenden lasse, der den Besitzer meines Kleinods zu Böden streckt, und mir dieses in die Hand Liefert. — Dies alles gesprochen, führt mich Cardillac in das geheime Gewölbe und gönnte mir den Anblick feines Juwelenkabinetts. Der König hat es nicht reicher. Jeder Schmuck zeigte durch ein Zettelchen an, für wen es gearbeitet, wann es durch Diebstahl, Raub ober Mord genommen worden. An deinem Hochzeitstage, sprach Cardillac dumpf und feierlich, an deinem Hochzeitstage, Olivier, wirst du mir, die Hand gelegt auf des gekreuzigten Christus Bild, einen heiligen Eid schwören, sowie ich gestorben, alle diese Reichtümer in Staub zu vernichten durch Mittel, die ich
- dir bann sagen werde. Ich will nicht, daß irgendein menschlich Wesen, und am wenigsten Madelon und du, in den Besitz des mit Blut erkauften
i Horts komme. Gefangen in diesem Labyrinth des Verbrechens, zerrissen von Liebe und Abscheu, von Wonne und Entsetzen, war ich dem Verdammten zu vergleichen, dem ein holder Engel mild lächelnd hinaufwinkt, aber mit glühenden Krallen festgepackt hält ihn der Satan, und der frommen Engels Liebeslächeln, in dem sich alle Seligkeit des hohen Him- mels abspiegelt, wirt) ihm zur grinnnigsten seiner Qualen. Ich dachte an Flucht — ja an Selbstmord' — aber Madelon! Tadelt mich, tadelt mich, mein würdiges Fräulein, daß ich zu schwach war, mit Gewalt eine Leidenschaft niederzukäinpsen, die mich an bas Verbrechen fesselte; aber büße ich nicht dafür mit schmachvollem Tode? Eines Tages tarn Cardillac nach Haufe ungewöhnlich heiter. Er liebkoste Madelon, warf mir die freundlichsten Blicke zu, trank bei Tische eine Flasche edlen Weins, mit er j!5 nur an hohen Fest- und Feiertagen zu tun pflegte, fang und jubilierte. Madelon hatte uns verlassen, ich wollte in die Werkstatt: Bleib sitzen. Junge, rief Cardillac, heut keine Arbeit mehr, laß uns noch ein, trinken auf das Wohl der allerwürdigsten, vortrefslichstei, Dame in Paris. Nachdem ich mit ihm angestoßen und er ein volles Glas geleert hatte, sagte er: Sag an, Olivier, wie gefallen dir die Verse:
Un amant, qui craint les voleurs, n’est point digne d’amour.
Er erzählte nun, was sich in den Gemächern der Maintenon mit Euch und dem Könige begeben und fügte hinzu, daß er Euch von jeher verehrt habe, wie sonst kein menschliches Wesen, und daß Ihr, mit solch hoher Tugend begabt, vor der der böse Stern kraftlos erbleichte, selbst den schönsten von ihm gefertigten Schmuck tragend, niemals ein böses Gespenst, Mordgedanken in ihm erregen würdet. Höre, Olivier, sagte er, wozu ich entschlossen. Vor langer Zeit sollt' ich Halsschmuck und Armbänder fertigen für Henriette von England und selbst die Steine dazu liefern. Die Arbeit gelang mir wie keine andere, aber es zerriß mir die Brust, wenn ich daran dachte, mich von dem Schmuck, der mein Herzenskleinod geworben, trennen zu müssen. Du weißt der Prinzessin unglücklichen Tob durch Meuchelmord. Ich behielt den Schmuck und will ihn als Zeichen meiner Ehrfurcht, meiner Dankbarkeit dem Fräulein von Scuberi senden im Namen ber verfolgten Bande. Außerdem, baß die Scuberi das sprechende Zeichen ihres Triumphs erhält, verhöhne ich auch Desgrais und feine Gesellen, wie sie es verdienen. Dii sollst ihr den Schmuck hintragen. — Sowie Cardillac Euren Namen nannte, Fräulein, mar es, als würden schwarze Schleier weg- gezogen, und das schöne, lichte Bild meiner glücklichen frühen Kinberzeit ginge roieber auf in bunten, glänzenden Farben. Es tarn ein wunderbarer Trost in meine Seele, ein Hoffnungsstrahl, vor dem die finstern Geister fchwanden. Cardillac mochte den Eindruck, den feine Worte auf mich gemacht, wahrnehmen und nach seiner Art deuten. Dir scheint, sagte er, mein Vorhaben zu behagen. Gestehen kann ich wohl, daß eine tief innere Stimme, sehr verschieden von der, die Blutsopfer verlangt wie ein gefräßiges Raubtier, mir befohlen hat, daß ich solches tue. Manchmal wird mir wunderlich im Gemitte — eine innere Angst, die Furcht vor irgend etwas Entsetzlichem, dessen Schauer aus einem fernen Jenseits herüb er- wehen in die Zeit, ergreift mich gewaltsam. Es ist mir sodann, als ob das, was der böse Stern begonnen durch mich, meiner unsterblichen Seele, die daran keinen Teil hat, zugerechnet werden könne. In solcher Stimmung beschloß ich, für die heilige Jungfrau in der Kirche St. Eustache eine schöne Diamantenkrone zu fertigen. Aber jene unbegreifliche Angst überfiel mich stärker, so oft ich die Arbeit beginnen wollte, da unterließ ich's ganz. Jetzt ist es mir, als wenn ich ber Tugend und Frömmigkeit selbst demutsvoll ein Opfer bringe und wirksame Fürsprache erflehe, indem ich der Scuberi den schönsten Schmuck sende, den ich jemals gearbeitet. Cardillac, mit Eurer ganzen Lebensweise, mein Fräulein, auf bas genaueste bekannt, gab mir nun Art unb Weise sowie die Stunde an, wie und wann ich den Schmuck, den er in ein sauberes Kästchen schloß, abliefern solle. Mein ganzes Wesen war Entzücken, denn der Himmel selbst zeigte mir durch de» freventlichen Cardillac den Weg, mich zu retten aus ber Hölle, in der ich, ein verstoßener Sünder, schmachte. So dachte ich. Ganz gegen Cardillacs Willen wollt' ich bis zu Euch bringen. Als Anne Bruffons Sohn, als Euer Pflegling, gedachte ich mich Euch zu Füßen zu werfen und Euch alles — alles zu entdecken. Ihr hättet, gerührt von dem namenlosen Elend, das der armen, unschuldigen Madelon drohte bei der Entdeckung, das Geheimnis beachtet, aber Euer hoher, scharfsinniger Geist sand gewiß sichere Mittel, ohne jene Entdeckung der verruchten Bosheit Cardillacs zu steuern. Fragt mich nicht, worin diese Mittel hätten bestehen sollen, ich weiß es nicht -- aber daß Ihr Madelon und mich retten würbet, davon tag die lieber- zeugung fest in meiner Seele, wie ber Glaube an bie trostreiche Hilfe ber heiligen Jungfrau. Ihr wißt, Fräulein, daß meine Absicht in jener Rächt fehlfchlug. Ich verlor nicht bie Hoffnung, ein andermal glücklicher zu fein. Da geschah es, daß Cardillac plötzlich alle Munterkeit verlor. Er schlich ' trübe umher, starrte vor sich hin, murmelte unverständliche Worte, focht mit den Händen, Feindliches von sich abwehrend, sein Geist schien gequält von bösen Gedanken. So hatte er es einen ganzen Morgen getrieben. Endlich setzte er sich an den Werktisch, sprang unmutig wieder auf, schaut« durchs Fenster, sprach ernst unb düster: Ich wollte doch, Henriette von England hätte meinen Schmuck getragen! Diese Worte erfüllten mich mit Entsetzen. Nun wußte ich, daß fein irrer Geist wieder erfaßt war von dem abscheulichen Mordgespenst, daß des Satans Stimme wieder laut worden vor feinen Ohren. Ich sah Euer Leben bedroht von dem verruchten Mordteufel. Hatte Cardillac nur seinen Schmuck wieder in Händen, so wäret Ihr gereitet. Mit jedem Augenblick wuchs die Gefahr. Meine Angst stieg bis zur Verzweiflung, als andern Tages Cardillac von nichts anbertn sprach als von dem köstlichen Schmuck, der ihm in ber Nacht vor Augen gekommen. Ich konnte bas nur auf Euern Schmuck deuten, und es wurde mir gewiß, baß er über irgenbeinem Mordanfchlag brüte, den er gewiß schon in der Nacht auszuführen sich vorgenommen. Euch retten mußt' ich, unb sollte es Cardillacs Leben kosten. (Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Äniversitäts-Duch- und Steindruckrrei, R. Lange, Gießen-


