„Geht hin, Generalissimus, in der Stadt Stralsund lauert die Pest, geht hin, nehmt die Werke, sie sind Euer. Aber was Hilst es dem stärksten Kriegshelden, wenn er wenige Wochen danach auf der Bahre liegt, blaß wie der Tod selbst? So reden die Sterne!"
„Und Lambert Steinwich, der Wackere?" fragte Wallenstein fast
Noch dumpfer tönte die Stimme des Gelehrten: „Lambert Steinwich wird leben, wenn Ihr Stralsund nehmt, uralt wird er werden, nehmt Jhr's aber nicht, siegt er, hält er die Stadt, wird er ein Opfer der Pest, er, seine Eheliebste, seine Kinder, in Jahresfrist lebt keines von ihnen mehr, ist fein Name ausgetilgt! Wühle, Feldherr, in Stralsund lauert die Seuche! Ihr oder er! Sa reden die Sterne!"
Gedankenvoll beugt sich Wallenstein nieder auf den Stein, den er eben noch wie ein Stück Gold sorgfältig hergebracht hatte. Run kratzte er mit dem Nagel achtlos darüber, so das; die zarten Gebilde auf der Bruchsläche zerbröckelten, bis Schnecken, Muscheln und Seenadeln mcht mehr erkenntlich waren. .
„In.Süddeutschland zeigte man mir einmal einen Strom, der tief unter dem Flußbett lief, die Wasserrinne war trocken, legte man aber sein Ohr auf die Erde, hörte man innen den Strom rauschen. So ist es mit den Ereignissen und der Wirkung der Sterne: die Wirklichkeiten lassen uns Ja und Nein sagen, das andere Ja und Nein ruht bei dem geheimen Schicksal, wie es die toterne verkünden. Ich will den Wirklichkeiten ins Auge sehen, die Weisheit der Sterne aber soll mich leiten. Ich danke Euch, Doktissime!"
Er zog einen schweren Goldring vom Finger und reichte ihn dem Gelehrten, der ihn, als der Friedländer den Vorhang hinter sich zugezogen hatte, mit einer diebisch schnellen Bewegung in die weite nasche seines faltigen Mantels verschwinden ließ.
Während der Friedländer noch gestern die Siadtgesandten mit unerfüllbaren Forderungen abgewiesen hatte, baute er ihnen in den nächsten Tagen bequeme Brücken, gedeihliche Verhandlungen tarnen in Gang, am 15. Juli verließ er sein Lager im Hainholz, am 22. folgte das Fußvolk, und am 24. war die letzte Stellung vor dem Frankentor vom Belagerer frei. Stralsund war gerettet, unbegreiflich für die Zeitgenossen. Wallenstein saß als Herzog von Mecklenburg in Güstrow und wurde bald vom Kriegssturm weiter getragen.
Als er aber in feiner Residenz in Gitfchm un Winter 1630 erfuhr, daß der tapfere Verteidiger von Stralsund nicht nur selbst, sondern mit Frau
i und beiden Söhnen an der Pest verstorben sei, da erschütterte ihn das nicht einmal, sondern er sah darin nur eine traurige, harte, unabänderliche Notwendigkeit. Und vertraute unverbrüchlich seinen eigenen Sternen.
Flug und Funk.
Bon Frank Warschauer.
Grenzenlos einsam ist der Mensch im Flugzeug. Oben ist, wenn er aus der Kabine herausschaut, der weite Raum des Himmels, m all Der Seltsamkeit seiner Leere oder belebt von Den sich wandelnden Urformen der Wolken. Unten liegt, tief unten, bei klarer Sicht die Erde und weck entfernt ist, was auf ihr an tausendfältigem Leben gedeiht. Vollends aber erst wenn der Blick auf die Erde durch Nebel oder Wolken gehindert ist, wenn alles Irdische außer eben dieser Maschine verschwunden ist, dann fühlt man das Grauen der kosmischen Einsamkeit, in Der die schmale Schicht der Erdrinde nur eine winzige Oase bildet. , ,
Dann wäre jede Verbindung mit der Erde tatsächlich unterbrochen, wenn es die Radiotechnik nicht gäbe. Und tatsächlich find wohl wenige Situationen denkbar, in denen die Möglichkeit der drahtlosen Derstandi- (runq über große Räume von ebenso großem Nutzen und so großer Not- wendiqkeit wäre; es sei denn, man denke an- Die Lage eines Schisses, das in Seenot geraten ist. Der Pilot des Flugzeuges kann durch den Funk aus seiner Einsamkeit erlöst werden.
So ist der Anwendung des Rundfunks auf Die Flugschiffahrt seit jeher viel Aufmerksamkeck und Erfindungsgabe gewidmet worden. Der eine Teck Der technischen Ausgabe, um den cs sich hier handelt, ist noch verhältnismäßig einfach zu löfen: Das Empfangen telegraphi cher oder tele- phänischer Mitteilungen, die von der Ende ausgehen, im Flugzeug. Schon seit geraunter Zeit gibt es empfindliche und selektive Empfangsappavate, die so klein dimensioniert sind, daß ihre Mitnahme im Flugzeug und ihre sichere Verwendung Dort keine Schwierigkeiten bereitet. Damit aber eine wirkliche Verständigung mit dem Flugzeug möglich ist, muh natürlich auch der Pilot oder sein Funker jeder Zeck in der Lage fein, von sich aus mck ber Erde in Verbindung zu treten; das Flugzeug muß zu diesem Zweck also auch eine vollständige Sendeapparatur mit sich führen.
Nicht nur dies: es müssen auch Die für den Betrieb einer solchen Sendeanlage notwendigen elektrischen Energiemengen im ylug$eug erzeugt werden. Dabei muß ein solcher kleiner Sender verhältnismäßig hohen Anforderungen genügen; denn seine Reichweite Darf nicht zu gering i-etn, damit er in jedem Falle, auch bei weiteren Reisen, oder wenn sich Das Flugzeug verirrt hat, in 'ber Lage ist, die nächstgelegene Erdstation zu erreichen. Größere Leistungsfähigkeit eines solchen Senders bringt aber | im allgemeinen auch größeres Gewicht mit sich und erhöht damit die I Schwierigkeit der Mitnahme. . ,
Es ist noch nicht viel länger als ein Jahr her, daß em brauchbar-s Funkgerät dieser Art konstruiert wurde. Es ist entwickelt worDen in enger Zusammenarbeit des Reichsverkehrsministeriums mit den führenden Deut- scheu Firmen ber Funkindustrie, und stellt jetzt eine Art Einheitstyp Dar, der in die meisten Großflugzeuge der Lufthansa eingebaut ift.
I Ein günstiges Moment für Den Betrieb einer solchen Funkanlage ist I der Umstand, daß sich Der Sende- unb Empsangsvorgang unter ^chack nismäßig günstigen Bedingungen absplelt. Bekanntlich sucht man IM bei der Konstruktion von Funktürmen möglichst große ^°hen zu erreichen, um die Ausbreitung Der Wellen zu erleichtern. Dom NuMug aus e schicht diese naturgemäß noch bei weitem ungehinderter, ^^rerfe [ auch gewisse eigentümliche Schwierigkeiten an Bord Des Flugzeuges v
um so etwas zu wissen. So traurig sind Sie auf einmal geworden. Trinken « Sie noch getrost einen Dritten Glühwein. Welchen Weg wollen Sie denn . i heniach einschlagen? Den Abendzug von Holzhausen erreichen Sie noch . ^Skin" jeder Appetit zum Weintrinken war mir vergangen. A4 werde weiter wandern. Ich zahlte. Da ich aus dem Häuschen trat, hatte sich der i Winde Gewalt gelegt. Tiefer war der Nebel in Die -taler gesunken. Rem und verklärt spannte sich über mir Das Gewölbe des weiten Himmels. Ganz schwach erstrahlten die ersten Sterne. Auch in Dem schwarz gebiiüten ! . Kosten des Zuchthauses Drüben waren Lichter angesteckt, viel freundlicher, als sie sonst wohl hier scheinen mochten — wollte mich bebunten....
Man soll immer sein Reifeprogramm einhalten, mochte ich meinen. Man kann nie wissen, wozu es gut ist. Selbst ,venu Das -andere , das immer ganz unerwartet dazwischen kommt, „nur cm zerbrochenes Kinderpferdchen ist...
Wallenstein vor Ärarsund.
Von F. A. F a h l c n. I
Es war ein dunstiger Abend, in Den ersten Öuhtagcn des Jahres 1628. Im Hainholz vor dem Kniepertor lag das Hauptquartier des Friedländers. Rund um die Wälle und Bastionen ber Festung Stralsund stand seine Macht, und da in den letzten Tagen unaufhörlich Regen gefallen war lagerten seine Kürassiere und Arkebusiere m Den Graben zum Teil bis an den Leib im Wasser und saßen „als nasse Katzen un Sumpf. Selbst in der Nähe Des Allmächtigen war deshalb dumpfe Unlust, die | Soldaten hockten mürrisch in ihren Laubhütten und Zelten und knochelten I unwirsch um eine Beute, Die sie noch nicht in der Hand hatten; denn seit Dem Winter, besonders aber feit Dem Mai, war ein Sturm nach Dem anDeren abgeschlagen worden, in der tapfer üerteiDigten Stadt tauchten von der freien Seefeste her immer neue Hilssvolker auf, Danen, Schotten, Schweden, und die Bürger selbst wehrten sich heldenmütig, selbst der Generalsturm unter Wallensteins Augen ward abgeschlagen. |
Nachdenklich schritt der Feldherr aus seinem reichen, durch Balken und Brctterlagen verstärkten Zelt; im Koller von Elendshaut, darüber einen ! vom Regen gebleichten roten Mantel, die beherrschend hohe. Stirn mit dem dunklen Haar frei, den Knebelbart gezwickelt stieg er auf eine nahe Erderhöhung und blickte hinüber; ba lag die Stadt, die er haben wollte unb mußte. Er sah hinter den Bastionen ihren Umriß, das Kmezertor, die Türme von ©L Nikolai, St. Katharinen, St. Jakobi und St. Mana, und auch des Rathauses türmchenreiches Dach zeigte sich. Wallenstein wandte sich ab unb ging zögernd, von dem begegnenben Bewaffneten ehrfurchtsvoll begrüßt, zu einer Huste, bie sorgfältiger als Die anberen I aus gehobelten Brettern aufgeführt, von Baum unb Busch befreit, einen weiten Rundblick auf ben Himmel hatte. Er schob mit verhaltener Bewegung ben bitten Friesvorhang zurück unb trat ein. I
Er befand sich in der stillen Stube eines Sternforschers; auf einer breiten Tischplatte, Die auf Fässer gestellt war, lagen un Licht einer Kerze Sternkarten ausgebreitet, Zirkel, Sextanten unb eine Der ueueriunbenen I Fernröhren, Schreibzeug unb viel bekritzeltes Papier. Aus einem Lehnstuhl, ber wohl einem ber nahegelegenen Herrensitze entstammte, erhob sich geschmeidig ein schlanker, schmächtiger, nicht mehr lunger Dtann man hätte ihn nach seinen Bewegungen für einen Junger ^.oyolas hat- I ten können —, ein dunkler Tuchmantel umhüllte ihn.
Er begrüßte ben Felbhcrrn mit einer Hofverbcugung unb wartete 2lnret)c.
* „Was schafft Ihr in dieser Sünbflut, Doktissime?"
„Da ich wußte, daß Euer Gnaden schwere Wege gehen, habe ich die Nativität mit der Konjunktur der Stunde verglichen unb Die Explikation ""^,Jch"danke' Euch, unb wie lautet Euer Spruch? Was sagen die
Zwiefach, herzogliche Gnaden, zwiefach, zwiespältig, lautet ihre Antwort!"
„Was besagt zwiefach?" . , ,
„An „Wenn" unb „Aber" gebunben, Euer ©naben haben zwei n p | **
„Da seht her, welch ein Schicksalszeichen ich fand!" rief Wallenstein lebhaft dagegen und legte aus seiner linken Faust einen flachen etem in ben stillen Kreis des Lichtes. .
Die mittlere Stange meines Zeltes war mit Feldsteinen feftgeteilt, einer zeigte einen Spalt, spielend zog ich ihn los, spaltete ihn ganz und da seht her, ist das nicht ein Zeichen?"
Auf ber frischen Fläche des Steines waren in braunem Gestein eingebettet eine Menge blintenber Seemuscheln sichtbar, kleine Schnecken, Purpurhörnchen unb feine, weiße Seenadeln. . . .
Betroffen schaute der Astrologe auf ben seltsamen Fund, bann sagte er langsam mit einer Verbeugung: „Des Kaisers Maiestat hat den Herzog von Friedland zum General des Ozeanischen und Baltischen Meeres ernannt. Stralsund wehrte ihm, diesen Titel in Wirklichkeit zu fuhren und den deutschen Namen aus das Meer zu tragen, nach Indien unb Neu- Holland und dem neuen Amerika. Sollte man nicht sagen, daß dieser Stein ein Ruf des Schicksals fei: stürme noch einmal, und ber Schlussel zum Meere ist in beiner Hand!"
„So ist es, so dachte ich es auch." .
„Unb nun die Sterne! Es ist mir gelungen, durch einen Ueberlaufer die Geburtsstunde des Bürgermeisters Lambert Steinwich zu erfahren, der Euch in ber Stadt drüben so mannhaft widersteht!"
Wallenstein beugte sich gespannt vor, und strich sich erregt den Bart, als ob er sich mit dem Kaiser über bie Schicksale der Länder unb Volker unterhalte. .
„Eure Sterne, Herr Herzog unb feine Sterne stehen im Wcchfelmatz, im bösen Winkel des Mars!"
„Fahrt fort!" sagte Wallenstein heiser.
Der Astrologe bämpfte seine Stimme, seine Augen bohrten sich in Die Ferne, sie schienen burch bas Bretterdach in den Himmel zu tauchen, wo das Schicksal ruht.


