Siebener KnnilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang <928 Dienstag, den 24. Januar Nummer r
!n vetnrtopfr Küche heiß auch gleich
In der Frühe.
Von Eduard M ö r i k e.
Kein Schlaf noch kühlt das Ange mir, Dort gehet schon der Tag herfür An meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn Noch zwischen Zweifeln her und hin Und schaffet Nachtgespenster.
— Aengste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu' dich! Schon find da und dorten Morgenglocken wach geworden.
Das zerbrochene Pferd.
Von Alfred Richard Meyer.
Immer wieder sieht man es erst zu spät ein, daß es nichts mit einem vorweg bis in alle Einzelheiten genau ausgearbeiteten Reiseprogramm ist, das man gewissenhaft zu erledigen hat, um dann „restlos befriedigt" wieder heimzukehren. Man macht sich zum Sklaven seiner selbst, wird, ohne es gleich zu wissen, ärgerlich über sich, holt sich eine Erkältung weg — nur weil man starrsinnig ist, nur weil man, da man vielleicht im Leben nie wieder hierher kommt, den oder jenen Ort nicht auslassen darf.
Nobel lag über der weiten, winterlich kahlen, hügeligen Landschaft, da ich mich gleich nach dem Mittagessen aufmachte, meine Wanderung fori- zusetzen, eine Bergkuppe zu ersteigen, deren Aussicht an einem sommerlichen Tag vielleicht gar sehr gelockt hätte, deren „Reiz" heute jedoch allenfalls darin bestehen konnte, in der beträchtlichen Ausdehnung eines alten Schlosses ein unmodernes Zuchthaus eingebaut zu finden. Ein Reiseprogrammpunkt mehr muhte pflichtgemäß erledigt werden, ohne Rücksicht auf Wetter, Wohlbehagen, Sensation.
Zerweichte, nasse Wege, gespenstisch drohende, nackte Batlmäste, unwirklich verschwommene Häuser, Wend schon am Mittag, kalter und scharfer Wind ins Gesicht, Frösteln, Verlorensein — das war mein Wanderthema? Gebot nicht selbstverständliche Vernunft, es kurz entschlossen abzubrechen und resigniert umzukehren, am warmen Ofen des nächsten Bahnhofes irgendeinen Zug geduldig abzuwarten und diese verlassene, verlorene Gegend mit der heimlichen Traulichkeit eines noch so kleinen Städtchens schleunigst einzutauschen? Ja, dreimal ja — und dennoch obsiegte der Starrsinn.
Ich hatte fast die doppelte Zeit gebraucht, wie ich sie mir nach der Landkarte ausgerechnet hatte, den Berg zu erklimmen. Ich hatte es geschafft. Aber selbst des geringsten Triumphgefühls war ich ohnmächtig, da ich in die klein« Schloßschänke stolperte und so gar keinen Sinn für etwaige landschaftliche Reize da tief unter mir aufbringen konnte. Wenn man mich jetzt angesprungen und gefesselt hätte, mich in das Zuchthaus hier einzusperren, keiner Abwehr wäre ich fähig gewesen. Wie ein leerer Sack fiel ich aus den ersten besten Stuhl; und es dauerte eine geraume Weile, bis des alten Wirtes Frage an mein Ohr kam, ob er mir mit etwas Eßbarem oder Trinkbarem dienen könne; ein Rührei mit etwas Schinken und Bratkartoffel könne ich haben, und der junge Rote gäbe einen ganz guten Glühwein ab. Ich nickte stumm, um mich dann langsam zu mir zurückzufinden und meiner näheren Umgebung bewußter inne zu werden.
Nett sah der alte Mann aus; gemütlich und auch ziemlich durchwärmt war dies Stübchen, obgleich ein scharfer Wind am ächzenden Gefüge des altersschwachen Häuschens immer brutaler rüttelte, wie wenn er es mit einem höllischen Hohngelächter am liebsten in der nächsten Sekunde ins nebelwogende Tal herabschmettern wolle. Rein — so ganz, durchwärmt war das Zimmer, trotz' des fast theatralisch schön glühenden Ofens, doch wohl nicht. Ein feiner eisiger Zugwind griff da nach meinen abgestorbenen Beinen; daran konnte auch der prächtige Glühwein — fa, bitte, nvch ein zweites. Glas! vorläufig nichts ändern.
„Es zieht hier, durch die Tür", bemerkte der Wirt sozusagen entschul- gKend, wie wenn er den Grund meines stummen Mißbehagens kenne, „aber dem wird gleich abgeholfen sein. Die abgetretene Schwelle — jeden Augenblick muß der Tischler kommen, den Schaden zu beseitigen. Ist meine schuld, da mir die Reparatur nicht so wichtig erschien. Run haben Winter bekommen. Und der Wind hat uns hier oben gleich doppelt am Wickel. Unsereins hat sich ja schon im Laufe der Jahr- Kynte dran gewöhnt; und vielleicht hätte ich's noch weiterhin vergessen, Sie^wisse e*in>a5 anderes hier der Tischlerhand bedürfte — müssen
f?rs „andere" interessierte mich, offen gestandeu, sehr wenig. Einen desto böseren Blick legte ich dafür auf die schadhafte Türschwelle. So etwas erst letzt einigermaßen wichtig zu nehmen! Ja, die enge Nachbarschaft mit
„Ja — und dann hätte ich hier noch etwas zu reparieren —", kam es da ziemlich leise aus des Wirtes Munde. „Wird wohl noch mal zu machen gehen, denke ich. Kann dann noch einmal unter dem Weihnachtsbaum stehen, mein Enkelchen erfreuen. Weil's doch eigentlich ein ganz hübsches Pferdchen ist, wenn Hals und Beine wieder geleimt find. Den Leimtopf haben Sie ja gottseidank mitgebracht. Kann schnell in der C" ' ' ' gemacht werden. Aber eigentlich müßte das Pferdchen doch___, _____,
tvieder neu angestrichen werden. Dann erkennt's der Friedel vielleicht gar nicht wieder und hat eine doppelte Freude dran, wenn er's nachher doch erkennt."
einem Zuchthause mochte im Laufe der Jahre schon hart machen ... Durfte sich nicht jeder hier nach Belieben einen Glühwein oder auch wohl deren zwei einverleiben. Irrsinn, bei solcher Witterung diese Bergkuppe erklimmen zu müssen! Irrsinn! Den ich wahrscheinlich mit einer tüchtigen Erkältung zu büßen hatte. Und damit baute ich mich in die dampfenden Bratkartoffeln und in das Rührei hinein.
So beschäftigt war ich mit dieser lebenerwärmenden Angelegenheit, daß ich gar nicht bemerkt hatte, wie zwei Männer in die Stube traten. Mit rasselndem Schlüsselbund, mit Revolver und Gummiknüppel — ein Gefängniswärter. Mit einem Brett, mit Nagelkasten und Leimtopf — der Tischler, ein Zuchthäusler, ohne Mütze den kurzgeschorenen Schädel zur Phrenologie darbietend.
Mein Essen schmeckte mir plötzlich nicht mehr. Etwas Dunkles, Schweres, Undenkbares war da ins Zimmer getreten — ein Menschenschicksal, von dem ich nichts wußte und das seine Augen an mir, dem Fremden, wie wenn ich hier gar nicht vorhanden wäre, vorbeigleiten ließ. Das Schicksal, wer mochte sagen, nach wie langer Zeit es sich vielleicht seiner Vergangenheit, die es nach hier brachte, schmerzhaft entsinnen mochte, nun ihr fieberhaft zu entrinnen versuchte, um nur krampfhaft ganz Gegenwart zu sein, die da das und nichts anderes zu bedeuten hatte: schnelle Ausbesserung einer schon lange schadhaften Türschwelle.
Indessen der Mann sich auffallend emsig an seine Arbeit machte, schenkte der Wirt dem Gefängniswärter, der etwas von Nebel und schlechtem Wetter einherredete, ein unwahrscheinlich großes Glas mit Kirschwasser voll. Kluckernd schoß das Feuerwasser aus der Flasche; and bei diesem Kluckern — ja, das war ja auch ein so merkwürdig lustiges Geräusch — drehte sich der Zuchthäusler in jähem Ruck von seiner Arbeit um, sah etwas aufblinken im golden schwimmenden Lichte der Petroleumlampe, was ihm vielleicht schon seit Jahren verwehrt war, was ihm lüek- leicht für immer verboten bleiben sollte. Ja — für immer! Das wußte ich, das las ich aus diesem langen, gierigen Blick. Der sich jetzt langsam und bitter, ach, so namenlos bitter, wieder da umwandte, der Türschwelle zu, vor der er kniete, durch ine es ihn eisigkalt anfuhr.
Wieder hatte sich der Zuchthäusler umgewandt, aber mit einem ganz anderen Blick als eben. Ja — das war ein zerbrochenes Kinderpferd aus Holz! Hals ab, zwei Beine ab. Da stand er auch schon aus seinem Knieen auf, hielt öas Pferd mit groben, ja mit zitternden Händen gepackt, so wie wenn er es gar vollends zerbrechen wolle, und jetzt doch schon wieder jo sanft, so zärtlich, wie wenn er es liebevoll streicheln müsse. „Wenn ich es mitnehmen könnte, es wieder heil zu machen..sagte er dumpf; und seltsam flackernd gingen seine vergrößerten Augen zwischen dem Wirk und dem Gefängniswärter hin und her.
Da aber war auch zugleich ein stummes Spiel zwischen Gefängnie- wärier und Wirt, der noch einmal zu der Flasche Kirschwasser griff, das unwahrscheinlich große Glas noch einmal kluckernd voll zu gießen, freilich doch nicht ganz so sehr voll denn eben. Weder ein Ja noch ein Nein sprang aus dem — ja, ich sah es ganz genau! —, aus dem jetzt ganz weichen Blick des Gefängniswärters. Dann aber nickte er leise.
Hastig ergriff der Zuchthäusler das Glas und leerte es auf einen Zug. Dann machte er sich mit schier noch schnellerem Eifer über die Arbeit an der Türschwelle her, schon hatte er das alles da tadellos fertig, dann nahm er Nagelkasten und Leiintopf und das zerbrochene Pferd, ging durch die Türe hinaus, ohne mir einen Blick zuzuwerfen, ohne sich überhaupt um» zu sehen und ohne hinter sich — -das fühlte ich tief — den ewigen Schattenfluch -des bewaffneten Wärters zu wissen, im Herzen dafür das ach so lange verbannte Licht, das wir Menschen das himmlische nennen und das nun für Tage, da er eines Kindes zerbrochenes Pferdchen wieder leimen und hübsch bemalen würde, die Einsamkeit seiner engen Zelle erhellte ... Brüderlich und freundschaftlich geleitete ich im Seifte diesen Menschen durch Nebel und Kälte; und es war mir, als ob ein Leuchten um ihn wäre...
„Ja", sagte der Wirt, eigentlich mehr zu sich selbst und nicht deshalb etwa, weil er in meinen heißen Augen irgendeine Sensationsgiergelesen haben mochte. „Ja — das war ein Lebenslänglicher. Das war ein SDtorber. Noch keine dreißig Jahre alt. Was wissen wir davon, wie solch einer zu einem Morde kommt! Ist ein guter Arbeiter. Konrmt wohl schon noch einmal hier heraus, macht' ich meinen. Bin doch hier schon lange genug,


