armer Mann, Ihr seid an allem Unglück schuld, Ihr müßt dem Könige davon Rechenschaft geben." — Der Kommandant verteidigte sich gegen den Borwurf, daß er etwas dem Basset erzählt habe; dieser gestand, daß er ihn im Selbstgespräche belauscht, und so war die ganze Schuld auf seine Seele geschoben. Der alte Mann sagte, daß er den andern Tag sich vor dem Fort wolle totschießen lassen, um seinem Könige die Schuld mit seinem Leben abzuzahlen, aber Rosalie bat ihn, sich nicht zu übereilen, er möge bedenken, daß sie ihn schon einmal aus dem Feuer gerettet habe. Ihr wurde ein Zimmer im Hause des Kommandanten angewiesen, und sie brachte ihr Kind Pir Ruhe, während sie selbst mit sich zu Rate ging und zu Gott flehte, ihr anzugeben, wie sie ihre Mutter den Flammen und ihren Mann dem Fluche entreißen könne. Aber auf ihren Knien versank sie in einen tiefen Schlaf und war sich am Morgen keines Traumes, keiner Eingebung bewußt. Der Kommandant, der schon früh einen Versuch gegen das Fort gemacht hatte, kam verdrießlich zurück. Zwar hatte er keine Leute verloren, aber Francoeur hatte so viele Kugeln mit solcher Geschicklichkeit links und rechts und über sie hinsausen lassen, daß sie ihr Leben nur seiner Schonung dankten. Den Fluß hatte er durch Signalschüsse gesperrt, auch auf der Chaussee durfte niemand fahren, kurz, aller Verkehr der Stadt war für diesen Tag gehemmt, und die Stadt drohete, ioemt der Kommandant nicht vorsichtig verfahre, sondern wie in Feindesland ihn zu belagern denke, daß sie die Bürger aufbieten und mit dem Invaliden schon fertig werden wolle.
Drei Tage ließ sich der Kommandant so Hinhalten, jeden Abend verherrlichte ein Feuerwerk, jeden Abend erinnerte Rosalie an sein Versprechen, der Nachsicht. Am dritten Abend sagte er ihr, der Sturm sei auf den andern Mittag festgesetzt, die Stadt gebe nach, weil aller Verkehr gestört sei und endlich Hungersnot ausbrechen könne. Er werde den Eingang stürmen, während ein anderer Teil von der anderen Seite heimlich anzuklettern suche, so daß diese vielleicht früher ihrem Manne in den Rücken kämen, ehe er nach dem Pulverturm springen könne; es werde Menschen kosten, der Ausgang sei ungewiß, aber er wolle den Schimpf von sich ablenken, daß durch seine Feigheit ein toller Mensch zu dem Dünkel gekommen, einer ganzen Stadt zu trotzen; das größte Unglück sei ihm lieber als dieser Verdacht; er habe seine Angelegenheiten mit der Welt und vor Gott zu ordnen gesucht, Rosalie und ihr Kind würden sich in seinem Testamente nicht vergessen finden. Rosalie fiel ihm zu Füßen und fragte, was denn das Schicksal ihres Mannes sei, wenn er im Sturme gefangen würde. Der Kommandant wendete sich ab und sagte leise: „Der Tod unausbleiblich, auf Wahnsinn würde von keinem Kriegsgerichte erkannt werden, es ist zuviel Einsicht, Vorsicht und Klugheit in der ganzen Art, wie er sich nimmt; der Teufel kann rücht vor Gericht gezogen werden, er muß für ihn leiden." — Nach einem Strome von Tränen erholte sich Rosalie und sagte: wenn sie das Fort ohne Blutvergießen, ohne Gefahr in die Gewalt des Kommandanten brächte, würde dann sein Vergehen als ein Wahnsinn Begnadigung finden? — „Ja, ich schwör's!" rief der Kommandant, „aber es ist vergeblich, Euch haßt er vor allen und rief gestern einem unserer Vorposten zu, er wolle das Fort übergeben, wenn wir ihm den Kops seiner Frau schicken könnten." — „Ich kenne ihn," sagte die Frau, „ich will den Teufel beschwören in ihm, ich will ihm Frieden geben, sterben würde ich doch mit ihm, also ist nur Gewinn für mich, wenn ich von seiner Hand sterbe, der ich vermählt bin durch den heiligsten Schwur." —- Der Kommandant bat sie, sich wohl zu bedenken, erforschte ihre Absicht, widerstand aber weder ihren Bitten noch der Hoffnung, auf diesem Wege dem gewissen Untergänge zn entgehen.
Vater Philipp hatte sich im Hause eingefunden und erzählte, der unsinnige Francoeur habe jetzt eine große weiße Flagge ausgesteckt, auf welcher der Teufel gemalt fei, aber der Kommandant wollte nichts von seinen Neuigkeiten wissen und befahl ihm, zu Rosalien zu gehen, die ihm beichten wolle. Nachdem Rosalie ihre Beichte in aller Ruhe eines gottergebenen Gemütes abgelegt hatte, bat sie den Vater Philipp, sie nur bis zu einem sicheren Steinwalle zu begleiten, wo keine Kugel ihn treffen könne, dort wolle sie ihm ihr Kind und Geld zur Erziehung desselben übergeben, sie könne sich noch nicht von dem lieben Kinde trennen. Er versprach es ihr zögernd, nachdem er sich im Hause erkundigt hatte, ob er auch dort noch sicher gegen die Schüsse sei; denn sein Glaube, Teufe! austreiben zu können, hatte sich in ihm ganz verloren, er gestand, was er bisher ausgetrieben hätte, möchte >ooh! der rechte Teufel nicht gewesen sein, sondern ein geringerer Spuk.
Rosalie kleidete ihr Kind noch einmal unter mancher Träne weiß mit roten Bandschleifen an, bann nahm sie es auf den Arm und ging schweigend die Treppe hinunter. Unten stand der alte Kommandant und konnte ihr nur die Hand drücken und mußte sich umwenden, weil er sich der Tränen vor den Zuschauern schämte. So trat sie auf die Straße, keiner wußte ihre Absicht, Vater Philipp blieb etwas zurück, weil er des Mitgehens gern überhoben gewesen, dann folgte die Menge müßiger Menschen ans den Straßen, die ihn fragten, was es bedeute. Viele fluchten auf Rosalien, weil sie Fran- coenrs Frau war, aber dieser Fluch berührte sie nicht.
Der Kommandant führte unterdessen seine Leute auf verborgenen Wegen nach den Plätzen, von welchen der ©türm eröffnet werden sollte, wenn die Fran den Wahnsinn des Mannes nicht beschwören könnte.
Am Tore schon verließ die Menge Rosalien, denn Francoeur schoß von Zeit zu Zeit über diese Fläche, auch Vater Philipp klagte, daß ihm schwach werde, er müsse sich niederlassen. Rosalie bedauerte es und zeigte ihm den Felsenwall, wo sie ihr Kind noch einmal stillen und es dann in den Mantel niederlegen wollte, dort möge es gesucht werden, da liege es sicher aufbewahrt, wenn sie nicht zu ihm zurückkehren könne. Vater Philipp setzte sich betend hinter den Felsen, und Rosalie ging mit festem Schritt dem Steinwalle zu, wo sie ihr Kind tränkte und segnete, es in ihren Mantel wickelte und in Schlummer brachte. Da verließ sie es mit einem Seufzer, der die Wolken in ihr brach, daß blaue Heilung und das stärkende Sonnenbild sie bestrahlten. Nun io ar sie dem harten Manne sichtbar, als sie am Steinwalle heraustrat, ein Licht schlug am Tore auf, ein Druck, als ob sie umstürzen müßte, ein Rollen in der Lust, ein Sausen, das sich damit mischte, zeigte ihr an, daß der Tod nahe an ihr borübergegangen. Es wurde ihr aber nicht mehr bange, eine Stimme sagte ihr innerlich, daß nichts untergehen
könne, was diesen Tag bestanden, und ihre Liebe znm Manne, zum Kind^ regte sich noch in ihrem Herzen, als sie ihren Mann vor sich aus dem Festung, werke flehen und laben, das Kind hinter sich schreien hörte; sie taten ihr beide mehr leid als ihr eigenes Unglück, und der schwere Weg war nicht bet schwerste Gedanke ihres Herzens. Und ein neuer Schuß betäubte jh» Ohren und schmetterte ihr Felsstaub ins Gesicht, aber sie betete und zum Himmel. So betrat sie den engen Felsgang, der wie ein verlängert» Lauf für zwei mit Kartätschen geladene Kanonen mit boshastem Geb- die Masse des verderblichen Schusses gegen die Andringenden zusammen, zuhalten bestimmt war. — „Was siehst du, Weib!" brüllte Francoeur „sieh nicht in die Luft, deine Engel kommen nicht, hier steht dein Teufel und dein Tod." — „Nicht Tod, nicht Teufel trennen mich mehr von bii" sagte sie getrost und schritt weiter hinaus die großen Stufen. „Weil/ schrie er, „du hast mehr Mut als der Teufel, aber es soll dir doch nichtz Helsen." — Er blies die Lunte an, die eben verlöschen wollte, der Schweiß stand ihm hellglänzend über Stirn und Wangen, es war, als ob zwei Naturen in ihm rangen. Und Rosalie wollte nicht diesen Kampf hemmen und der Zeit vorgreifen, auf die sie zu vertrauen begann; sie ging nicht vor sie kniete auf die Stufe nieder, als sie drei Stufen von den Kanonen entfernt war, wo sich das Feuer kreuzte. Er riß Rock und Weste an der Brust auf um sich Luft zu machen, er griff in sein schwarzes Haar, das verwildert in Locken starrte, und riß es sich wütend aus. Da öffnete sich die Wunde am Kopse in dem wilden Erschüttern durch Schläge, die er an feine Stirn führte, Tränen und Blut löschten den brennenden Zundstrick, ein Wirbel, wind warf das Pulver von den Zündlöchern der Kanonen und die Teuselz. flagge vom Turm. „Der Schornsteinfeger macht sich Platz, et schreit zum Schornstein hinaus 1" rief er und deckte seine Augen. Damr besann er sich öffnete die Gittertüre, schwankte zu seiner Frau, hob sie auf, küßte sie, endlich sagte er: „Der schwarze Bergmann hat sich durchgearbeitet, es strahl! wieder Licht in meinen Kopf, und Lust zieht hindurch, und die Liebe soll wieder ein Feuer zünden, daß uns nicht mehr friert. Ach Gott, was hab ich in diesen Tagen verbrochen! Laß uns nicht feiern. Sie werden mir nur wenig Stunden noch schenken. Wo ist mein Kind? Ich muß es küssen, weil ich noch frei bin. Was ist Sterben? Starb ich rricht schoir einmal, als bu mich verlassen? Und nun kommst du wieder, und dein Kommen gibt mir mehr, als dein Scheiden mir nehmen konnte, ein unendliches Gefühl meines Daseins, dessen Augenblicke mir genügen. Nun lebte ich gern mit dir, und wäre deine Schuld noch großer als meine Verzweiflung gewesen; aber ich kenne das Kriegsgesetz, und ich kann nun gottlob in Vernunft als ein reuiger Christ sterben." — Rosalie konnte in ihrer Entzückung, von ihren Tränen fast erstickt, kaum sagen, daß ihm verziehen, daß sie ohne Schuld und ihr Kind nahe sei. Sie verband seine Wunde in Eile, bann zog sie ihn die Stufen hinunter bis hin zu dem Steinwalle, wo sie das Kind verlassen. Da sanden sie den guten Vater Philipp bei dem Kinde, der allmählich hinter Felsstücken zu ihm hingeschlichen war, und das Kind ließ etwas aus ben Händen fliegen, um nach dem Vater sie auszustrecken. Und während sich alle drei umarmt hielten, erzählte Vater Philipp, wie ein Taubenpaar vom Schloß heruntergeflattert sei und mit dem Kinde artig gespielt, sich von ihm habe anrühren lassen und es gleichsam in seiner Verlassenheit getröstet habe. Als er das gesehen, habe er sich dem Kinde zu nahen gewagt, „Sie waren wie gute Engel meines Kindes Spielkameraden aus dem Fort gewesen, sie haben es treulich aufgesucht, sie kommen sicher wieder und werden es nicht verlassen." Und wirklich umflogen sie die Tauben freunblidj und trugen in ihren Schnäbeln grüne Blätter. „Die Sünde ist uns ge< schieden", sagte Francoeur, „nie will ich wieder auf den Frieden schelten, der Friede tut mir so gut."
Inzwischen hatte sich der Kommandant mit seinen Offizieren genähert, weil er den glücklichen Ausgang durch sein Fernrohr gesehen. Francoeur übergab ihm seinen Degen; er kündigte Francoeur Verzeihung an, weil seine Wunde ihm des Verstandes beraubt gehabt, und befahl einem Chi« rurgen, diese Wunde zu untersuchen und besser zu verbinden. Francoeur setzte sich nieder und ließ ruhig alles mit sich geschehen, er sah nur Fran und Kind an. Der Chirurg wunderte sich, baß er keinen Schmerz zeigte, er zog ihm einen Knochensplitter aus, der Wunde, der ringsumher eine Eiterung hervorgebracht hatte; es schien, als ob die gewaltige Natur Fraiicoems ununterbrochen und allmählich an der Hinausschaffung gearbeitet habe, bis ihm endlich äußere Gewalt, die eigene Hand seiner Verzweiflung, die äußere Rinde durchbrochen. Er versicherte, daß ohne diese glückliche Fügung ein unheilbarer Wahnsinn den unglücklichen Francoeur hätte aus- zehren müssen. Damit ihm keine Anstrengung schade, wurde er aus einen Wagen gelegt, und sein Einzug in Marseille glich unter einem Volke, bas Kühnheit immer mehr als Güte zu achten weiß, einem Triumphzuge! die Frauen warfen Lorbeerkränze auf den Wagen, alles drängte sich, den stolzen Bösewicht kennenzulernen, der so viele tausend Menschen wöljrcnD drei Tage beherrscht hatte. Die Männer aber reichten ihre Blumenkränze Rosalien und ihrem Kinde und rühmten sie als Befreierin und schwuren, ihr und dem Kinde reichlich zu vergelten, daß sie ihre Stadt vom Untergänge gerettet habe.
Nach solchem Tage läßt sich in einem Menschenleben selten stoch etwa' erleben, was der Mühe des Erzählens wert wäre, wenngleich die WM beglückten, die Fluchtbefreiten erst n diesen ruhigeren Jahren den gnw Umfang des gewonnenen Glücks erkannten. Der gute, alte Kommmwa nahm Francoeur als Sohn an, und konnte er ihm auch nicht seinen xan übertragen, so ließ er ihm doch einen Teil seines Vermögens und lei Segen. Was aber Rosalie noch inniger berührte, war ein Bericht, bet i nach Jahren aus Prag einlief, in Welchem ein Freund der Mutter anze g > daß diese Wohl ein Jahr unter verzehrenden Schmerzen den sluch » , habe, den sie über ihre Tochter ansgestoßen, und bei dem sehnlichen «u u nach Erlösung des Leibes und der Seele sich und der Welt zum Ucce bis zu dem Tage gelebt habe, der Rosaliens Treue und ergebend Gott gekrönt: an dem Tage sei sie, durch einen Strahl aus ihrem ti beruhigt, im gläubigen Bekenntnis des Erlösers selig entschlafen.
Gnade löst den Fluch der Sünde, Siebe treibt den Teufel ans. ____—
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Aniverf itäts-Vuch» und Steindruckerei, 2t.Sange, Dießen-
N den s
Entse kurs i
„8 berfta
wenn lose F Polizi
„L und b<
Na Sorte
müssen ihr Wo! Körper
, „Sc vootes °s nicht
,.Ve »Ke »®ii „ ,,AH vorsichti
_ »Na "euinan geraten. °ls Hunt »ortrefsl


