Prachtvoll ist die Küste. Gigantische Felsen springen in die Wogen. Die zornige See umtobt und peitscht sie, und eintönig und in gemessenen Pausen seufzt die Brandung. Davor, unermeßlich, die blaue Flut des Tyrrhener Meers. Zur Linken das zackige Eiland Capri, die Sphinx, die den Eingang des Golfes von Neapel bewacht. Klar und deutlich liegt der zweigipflige Vesuv, über dem Krater eine Rauchwolke zeigend. Wir sind hier in Vulkans Schmiede, wo die Fumarolen gleich verdammten Seelen an zerrissenen Abhängen hin und her zu irren scheinen, flüssiger Schwefel aus der Tiefe quillt und wo es aus hohlem Erdreich leise, aber drohend grollt. Im geodynamischen Observatorium an der Salita Quisisana werden die Erderschütterungen beobachtet und registriert, die Ischia so ost Heimsuchen. Auf dieser Insel der Erdbeben fesselt am meisten der Monte Epomeo, der uralte Unheilstifter.

Von Porto d'Jschia kann man in drei Stunden seinen Gipfel ersteigen. Nach etwa einer halben Stunde erreichen wir in Höhe von 200 Meter das Dorf Fiaiano und den erloschenen Krater des Arso, dem eine Pinien­gruppe malerischen Reiz verleiht. Welch eine Landschaft! lieber chaotisch durcheinander geworfene Felstrümmer und Lavaströme hinweg geht es durch Heidekraut und an mannshohen Ginstersträuchern vorbei. Selbst das spärliche Gras hat die aschgraue Farbe des Gesteins, in dem es wurzelt. Neue Lavamasfen wechseln mit vulkanischem Tuffstein ab. Die ganze Vegetation trägt den Charalter des Verkümmerten und des ewigen Kampfes mit den feindlichen Mächten des Todes. Das alte Kloster San Nicola unterhalb des Gipfels ist von seinen Mönchen verlassen. In den nackten, verräucherten Steinwänden, die sich kaum von dem Tuffstein unterscheiden, in den sie hineingehauen sind, lebt eine Bauernfamilie. Nachdem wir uns mit einem Glase des säuerlichen Landweines erquickt haben, steigen wir durch Gänge und Stufen, die in den Felsen gesprengt und gemeißelt sind, empor zum Belvedere. Ein hinreißend schöner Rundblick lohnt die Mühe des Aufstieges. Wie ein grüner Teppich breitet sich Ischia zu unseren Füßen aus, übersät mit Villen, Dörfern, grauen Bauernhäusern. Wir überschauen die beiden Golfe von Gaeta und Neapel. In weiter Ferne liegt Terracina, dann folgt das Kap Misenum und der Monte Circöo, hinter dem der Vesuv fürstlich thront. Rechts liegt Capri, und die lange Bergkette des Apennin reicht bis zu den Hochgipfeln der Abruzzen. Im Westen aber, aus dem uferlosen Meere, leuchten die vulkanischen Ponzainseln auf, die noch ost von Erdbeben heimgesucht werden.

Der Epomeo-Krater ist schon lange erloschen, doch die alten griechischen Dichter wissen manches von ihm zu berichten. Der Riese Typheus soll darunter liegen, und sein Stöhnen und Aechzen unter der Last des Berges, den der Götterfürst auf ihn gewälzt, ist die Ursache der gewaltigen Erdbeben und Feuerströme. Schon im 8. Jahrhundert hatten sich hier die Ch alkider niedergelassen, aber nach kurzer Zeit vertrieb sie der Epomeo, so daß sie wieder abzogen und Kyme, das heutige Cumae, gründeten. Auch eine spätere Besiedlung durch die Griechen hatte nur kurzen Bestand; ein ge­waltiger Ausbruch des Epomeo zwang sie zur Auswanderung. Fünf große Ausbrüche erfolgten in der Römerzeit und einer noch 1303, wobei sich em riesiger Strom feuriger Lava östlich, nahe der Stadt Ischia, in das Meer hinabwälzte.

Am östlichen Abhang des Epomöo liegt Casamicciola, die ost von Erd­beben heimgesuchte Stadt, deren vereinzelte Häusergruppen bis an die Meeresküste reichen. Fast alle Gebäude sind neu, denn das letzte große Erdbeben des Jahres 1883 hat die ganze Stadt in ein Trümmerfeld Der« wandelt, das 1700 Menschen begrub. Aber als man eben den Ort wieder neu aufgebaut hatte, brachte der Epomeo neues Unheil. Im Oktober 1910 löste ein gewaltiger Wolkenbruch verwittertes Gestein und ungeheure Mengen Schlamm aus dem Gefüge des Berges, und die ganze Masse ergoß sich mit rasender Gewalt über die obere Stadt, alles zerstörend, was Menschenfleiß neu hatte erstehen lassen. Und doch siedelten sich auf der Stätte des Schreckens sofort wieder die Ueberlebenden an, denn mess Insulaner hängen mit leidenschaftlicher Liebe an ihrer Scholle, die schon ihre Väter und Urväter beackert haben. Auch die Badegäste fanden sich wieder ein, nachdem die heißen Quellen des Gurgitello wieder freigelegt waren, und die Zahl der Heilungsuchenden nimmt alljährlich zu.

Daß die ganze Insel vulkanischen Ursprungs ist, sieht man auf Schritt und Tritt. Bei dem Dorfe Fontana, genau in der Mitte von lag der Hauptkrater dieses großen, submarin entstandenen Vulkans. Ser 306 Meter hohe Monte Rotaro hat noch seinen Krater, der durch eine» Flankenerguß von Trachyt den 95 Meter hohen Monte Tabor geschaNen hat. Ein östlicher Flankenerguß des Hauptkraters bei Fontana » den 255 Meter hohen Kegel des Montagnone entstehen. Der Jnselseyen, auf dem das Kastell von Ischia thront, ist der Rest eines anderen Neoew kraters, und der Hasen der Stadt ist nichts anderes als ein kreisrunder Maar, das man künstlich durch Sprengungen aus einem Binnensee m einen Ankerplatz für Seeschiffe verwandelt hat. Alle diese gespenstischen Denkmäler uralter Erdrevolutionen und als Gegensatz das frische Grün der Weinreben und Obstbäume, die überall sich bis dicht an das Meertun selbst an den kahlen Felsklippen hinaufdrängen, und dazu die majestatM Pracht des Meeres, stürmen auf die Seele des Beschauers mit wunderva wechselnden Eindrücken ein. ... t

Auch die benachbarte Insel Procida ist die Ruine unterseeisch standener Vulkane. Dort lagen vier größere und kleinere Krater ne einander, deren Südränder das Meer zerstört hat, so daß hier vier geräumig Buchten liegen. In wenig mehr als einer Stunde kann man von hinüberfahren. Es gibt dort einen vorzüglichen Wein, herrliches Ovl frisch gefangene Fische. Namentlich der Tonno, zu deutsch Thunsiicy, meist durch eine mit Seil versehene Harpune erlegt wird, ist ein . sondergleichen. Das schöne, malerische Kastell, das auf hohem, steilem p emporragt, hat man leider zu einem Zuchthaus herabgewuroigl. ) ist der Blick von diesem Felseneiland auf Ischia mit dem Epomeo uno 1 zackigen Küste. In weiter Ferne werden drei kleine aerripene »s j. sichtbar, für die Zugvögel erwünschte Ruheplätze; dort saßen einst die die Meerjungfrauen, und sangen, goldene Harfen schlagend, dem eilenden Schiffer verführerische Weisen. Der schlaue Odysseus . ,

vorbei und hörte, an den Mastbaum gebunden, dem süßen Gesang O, du ewiges Meer, Mutter der Schönheit!

haben: eine Bucht, vom Schwarzen Meer aus gesehen die erste auf der asiatischen Seite, tief eingeschnitten, mit flacherem Ufer und geschützt gegen Wind. Im Mondlicht ist deutlich zii sehen, daß die Strömung hier scharf vorüberzieht, ohne einzudringen, und so ein Staubecken ruhigen Wassers zurückläßt. Djelal sagt:Das ist der Fischplatz. Hier kommen sie vom Meer herein, um zu laichen." Wir machen drei, vier Ruderschläge in der Bucht gegen Land das Boot liegt im ruhigen Wasser, indes die Strömung nah, rauschend vorüber streicht. Wir warten. Das andere Boot mit den vier Männern schiebt sich weiter vor nach dem oberen Ende des Einschnitts, dessen stilles Wasser nun zwischen den beiden Fahrzeugen liegt. Wir warten noch immer.

Da fällt vom anderen Sandal ein türkischer Ruf herüber, und es ge­schieht dies: Djelal, indes sein Sohn auf der Ruderbank bleibt, geht vor zum Bug und holt dort aus dem kleinen Verschlag eine Flasche. Eine leere Bierflasche offenbar. Aus einem Fetzen wickelt er ein hölzernes Kistchen und schüttet daraus in die Flasche eine weiße, pulverige Masse, bis sie zur Hälfte gefüllt ist. Er hält sie in der Linken und wartet. Vom andern Sandal fällt ein Ruf. Da beugt sich der Mann über Bord, hält die Flasche mit dem weißen Pulver ins Wasser, eine, zwei Sekunden, bis sie sich gefüllt hat, preßt dann mit großer Hast einen Stoppel darüber und wirst. Wirft die verkorkte Flasche in weitem Bogen in das ruhige Wasser hinaus.

Einen Augenblick später hören wir einen dumpfen Knall. Eine kleine Wassersäule zischt hoch gleichzeitig fast eine zweite drüben in Wurfweite neben dem anderen Sandal. Fünf Sekunden, zehn Sekunden. Der Türke reicht mir ein Handnetz mit einer Stange herüber.Was war das?" frage ich. Er ist erregt, sagt knapp:Eine Kalkbombe. Eine Flasche mit gebrann­tem Kalk und mit noch etwas. Und mit Wasser. Warten Sie".

Zehn Sekunden noch, fünfzehn Sekunden. Dann ist neben dem Book etwas Glitzerndes, Weißes. Der Türke hebt es mit seinem Netz über Bord. Ein toter Fisch. Und unversehens ist das mondhelle Wasser ums Boot ein einziges Schillern, Flirren, Leuchten: Fische. Fischleichen. Tote Fische, den Bauch nach oben gekehrt. Wir stehen, stehen zu britt im Boot und fischen die verendeten Tiere mit Handnetzen auf und leeren sie auf die Plan­ken. Um unsere Schuhe glitzern sie, reglos, lang, schlank. Ohne Zeichen einer Verletzung. Durchweg eine Art Kabeljau, nur zierlicher und habet straffer im Fleisch. Zu Dutzenden, zu Hunderten treiben sie in den Strom hinaus, mit schillernden Bäuchen, und verschwinden in Schwärze. Ich frage: Ist das erlaubt?" Der Türke steht auf der Bugbank, in weiten Hosen, breitbeinig, scharf in den Himmel gezeichnet. Er sagt:Erlaubt? Der eine erlaubt der andere verbietet". Er hat ein altes Gesicht. Gesicht vielleicht eines jener genuesischen oder türkischen Räuber, deren Blut noch durch feine Ader geht.

Inzwischen ist, scharf im Strom schießend, das andere Boot zu uns herunter geglitten, wirft sich nun wieder aus der Strömung zu uns ins ruhige Wasser und liegt mit uns an Bord. Es hat weniger Fische als wir. Unter spärlichen Worten wird unsere Beute hinüber geladen, das andere Boot schießt in die Strömung zurück und verschwindet.

Man wartet, bis es nicht mehr zu sehen ist. Dann:Wir fahren noch auf die europäische Seite hinüber". Wir sitzen nun zu britt auf ber Ruder­bank. Gehen schräg in die Strömung. Rudern. Werden getrieben. Werden abgetrieben, einen, eineinhalb Kilometer. Erreichen das europäische Ufer, stilles Wasser, eine sandige Bucht. Häusersilhouetten spärliche Lichter. Das ist Rumeli Kawak. Auf dem Sand ist eine neue Badeanstalt: Mtoum- Koum. Stangen ragen hier aus ber Flut, durch Stricke miteinander ver­bunden, an denen große Schwimmkorks hängen. Netze, Fischnetze. Indes der Knabe scharf durch bas Dunkel späht, bahin unb dorthin, beugt sich ber Alte tief über Borb, zieht ein Netz hoch. Ein einziger, großer Fisch ist da- rinnen. Er wirft ihn ins Boot, läßt bas Netz ins Wasfer zurückgleiten, greift nach bem zweiten. Der Knabe sagt etwas unb weist nach bem Ufer. Dort bewegt sich eine Laterne. Ein Ruf. Wir regen uns nicht. Eine zweite, eine britte Laterne. Geschrei. Man hat uns bemerkt. Ein Knall wie von einem Revolverschuß. Boote knirschen brüben im Sand, werden in das Wasfer geschoben. Wir legen uns in die Riemen, rudern, schießen hinaus in die Strömung. Auf der Küstenbaiterie zuckt ein Scheinwerfer auf, streicht den Strand ab. Beleuchtet eine Gruppe schreiender, drohender, fäusteschüttelnder Fischer, denen die Netze gehören. Wir gleiten weiter. Djelal lacht. Der Scheinwerfer sucht das Wasser ab, sucht uns, hat uns gefunden. Drüben am User Geschrei. Djelal lacht unb wir rubeln ruhig gegen bie anatolische Seite. Niemand folgt uns. Der Mond scheint, weiß über schwarzen Bergen, weiß über schwarzem Wasser. In dem kleinen Ver­schlag Dome am Bug ist eine Flasche Raki und Brot unb eine Melone. Wir gleiten, gleiten. Zackig vor bem nächtigen Himmel steht bie Silhouette der genuesischen Raubritterburg, in deren Schatten das alte Dorf liegt, das unser wartet, mit den alten Schlupfwinkeln ber Boote, von benen eine Kellertreppe aufwärts führt zu Diele unb Schlafgemach.

In Vulkans Schmiede.

Von Professor Dr. Walter Bombe.

Die Fahrt von Capri nach Ischia im Segelboot ober in ber Ruberbarke ist herrlich, aber auch ein wenig anftrengenb, benn bie Ruberer brauchen dazu selbst bei günstigem Winde etwa sechs Stunden. Mit einem ber flinken Segelboote von der Marina Grande geht die Fahrt rascher vonstatteu. Immer weiter entfernt sich Capris Felsenküste. Wie ein Schwan, bet in bie Dunstfelber des Horizontes taucht, versinken schließlich bie Höhen von Anacapri, unb gegenüber, im Nordwesten, erscheint, gleichsam getragen von ber See, bie Insel Ischia in dämmernden Umrissen.

Bald erkennen wir Einzelheiten der felsigen Höhen. Der Monte Epomeo zeichnet sich deutlich ab. Die wild zerrissene Küste wird sichtbar. Wir um­fahren die beiden in das Meer abstürzenden Vorgebirge Capo Grosse und Punta San Panctazio, dann geht bie Fahrt nordwärts an bem Kastell unb ber Stabt Ischia vorbei, zum Hasen, wo wir lanbett. Nachdem wir uns von den Anstrengungen der Fahrt durch ein reichliches Mahl erholt haben, besichtigen wir das malerische Kastell, das einst die fürstliche Residenz der Dichterin Vittoria Colonna, ber Freundin Michelangelos, war, bann den königlichen Park unb bie berühmten warmen Quellen, die von Kranken aus allen Weltteilen aufgesucht werben.