Ausgabe 
23.6.1928
 
Einzelbild herunterladen

GiehenerKmiilienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |928 Samstag, den 23. Juni .Nummer 50

Schwarzschattende Kastanie.

Von Conrad Ferdinand Meyer. Schwarzschattende Kastanie, mein windgeregtes Sommerzelt du senkst zur Flut dein weit Geilst, dein Laub, es burftet und es trinkt, schwarzschattende Kastanie! 3m Porte badet junge Brut mit Hader oder Lustgeschrei, und Kinder schwimmen leuchtend weiß im Gitter deines Blätterwerks, schwarzschattende Kastanie! Und dämmern See und Ufer ein uild rauscht vorbei das Abendboot, so zuckt aus roter Schiffslatern' ein Blitz und wandert auf dem Schwung der Flut, gebrochnen Lettern gleich bis unter deinem Laub erlischt die rätselhafte Flammenschrift, schwarzschattende Kastanie!

Abschied.

Don Peter Flamm.

Mein Freund, erlauben Sie, das; ich Sie so nenne, jetzt, da alles vorbei ist, versuchen Sie in dieser Stunde, der unerbittlich letzten ich habe eine große Furcht in mir, was wird denn nun? Wenn der Atem immer beklemmender, wenn diese grauen Funken, die mir über das Papier fliegen, sich zu einem gleichmäßigen Dunkel verdichten ich beschwöre Sie: tuen Sie doch jetzt alles weg, was der Wind dieser Jahre zwischen uns gesetzt, sahen Sie mich so, wie ich jetzt hier liege ach nein, es ist gut, daß Sie mich nicht sehen können, ich bin gar nicht mehr hübsch, mein Haar, über das Sie ein einzigmal ganz zart streichelten an jenem Abend, da ich mit meiner Schwester in der Pause zu Ihnen ins Künstlerzimmer kam aber Sie erinnern sich wohl nicht mehr daran, über wieviel Mädchenkvpfe mögen Sie so hinweggestreichelt haben, aber wir Frauen behalten ja alles, wir tvifsen die Worte und den Ton und das Lächeln und die Art jeden Schrittes, auch wenn Jahre darüber vergehen, auch wenn

Sie müssen es ja doch gemerkt haben, warum merkte es Robert mit seiner kleinen dürren zusammengebeugten Figur?

War ich nicht damals schon eifersüchtig? Er durfte die ganze Zeit bei Ihnen im Zimmer bleiben, er begleitete Sie nachher nach allem Triumph und Beifall wer weiß wohin, ach wohl nur zu Ihnen heim, zurück in Ihre Einsamkeit, während ich mit allem Publikum zusammen mir die Hände rot klatschte, während ich mitten unter Ge­sprächen und Lachen und tausend lustigen Einfällen aber mir war in Wahrheit sehr zwn Weinen. Ich ging die ganzen nächsten Tage wie in einein Traum, ich lachte, und es tat weh, ich stürzte mich in meine Arbeit wie nie zuvor, ich achtete auf meine Kleider, auf meine Schuh, auf mein Haar.

Sie haben Ihr Leben geführt und wissen nichts von dem meinen, wann hätten Sie auch dazu Zeit haben solleir? Sie waren so be- schästtgt mit sich, daß Sie später nur noch das Negative sahen, das Häßliche, die Bitterkeit, die alles zerstört: aber jene Jahre, in denen ich Sog um Tag um Ihr Haus strich, da ich die Stunden wußte, wann Sie vom Konservatorium kamen, wann von der Oper ich tot ja schließlich nichts anderes mehr, all mein Interesse, all mein Dillen, Kraft, Arbeit, Sehnsucht ging da hinein, ich vernachlässigte meme besten Freundinnen, ich ging zu keinen Gesellschaften, in kein Theater, nur in Konzerte, obwohl ich von Musik ja nur so wenig derstand, haben Sie es mir nicht selbst gesagt, als ich an jenem Tage endlich mir ein Herz faßte und am Nachmittag zu Ihnen kam, uni dorzusingen? Mein Herz schlug so, daß ich kaum atmen konnte, meme Knie zitterten, wie konnte ich vor Ihnen singen? Ich bekam imnen Ton heraus, es war alles wie erstickt, besinnungslos stürzte mrf die Straße, nach Hause, in mein Zimmer, ein Weinkrampf xytoi mich, ein Schluchzen, verzweifelt, tagelang kein Wort, meine -Autter was wissen Eltern, was in ihren Kindern vorgeht, essen, icymfen, lernen, anziehen, aber das Eigentliche: da ist jeder allein. , wagte mich nicht mehr auf die Straße, ich hätte Sie treffen Mwen. überall war Ihr Bild, wohin ich scch, was ich arbeitete, Weim ich meine Stickerei auf den Knien hatte, stach ich mit der Nadel

Gesicht, wenn ich auf die Wand blickte, hatte die Tapete da«

'tor Anzugs, wenn ich übermüde endlich auf mein Bett Ibirf üing so nicht weiter, ich war trotz allen Fiebers und Nerven» mfj, Kern ein gesunder Mensch, raffte mich zusammen, ging eines gens vor Ihr Haus, die Treppe hinauf, zog an der Klingel,

es war halb zehn, ich weiß nicht, was ich gewollt habe, es hatte mich nur zu Ihnen getrieben, wie konnte ich Nachdenken und wissen, daß Sie um diese Zeit ja keinen Besuch empfangen konnten, viel» leicht eine Frau bei sich hatten, mit der Sie frühstückten, vielleicht noch gar nicht angezogen waren oder schliefen, ein blinder Schreck« befiel mich plötzlich.Was wollen Sie denn", sagten Sie, die Tür war nur ein Spalt weit offen, nicht einmal die Kette hatten 0ie zurückgezogen,ich habe jetzt keine Zeit", und schnappten die Tür vor meinem Gesicht zu, ich rührte mich nicht von der Stelle, Scham, grenzenlos, stieg in mir hoch, Sie konnten ja nichts dafür, es war eine Torheit von mir, aber das wußte ich damals nicht, der Menschs den ich liebte, schlug die Tür vor mir zu.

Die nächsten Tage vergingen wie im Traum, ich war krank «ach Ihnen, und mein Innerstes verletzt, aber die Wunde war braröia geworden, kein reines Bluten mehr, sondern ein gefährlich giftig« Brennen.

Sie wiffen, daß ich Robert geheiratet habe, einen Krüppel, einst Menschen mir so fern wie der Mond. Auf einer Gesellschaft wurde er mir vorgestellt, wir kannten uns ja schon, ja, natürlich, er fordert« mich zum Tanz auf. er mochte es wohl für seine Pflicht halten, schließ­lich war ich nicht häßlich, er legte feinen Arm um meinen Leib unft ich den meinen auf seinen Buckel, mir wurde schwindlig, ich bitz die Zähne aufeinander, ich dachte an Sie.

Dach dem Tanz führte er mich auf meinen Platz, er war außer Atem, auf seiner Stirn stand Schweiß.SS strengt Sie wohl an, sagte ich und blickte ihm gerade in die Augen, er wußte nicht, 06 es Mitleid war oder Hohn, ich wußte es selbst nicht, eine Leide»» schäft hatte mich plötzlich ergriffen: ich mußte ihn haben und mir erobern, er erzählte von Ihnen, er mußte alles erzählen, aber hinter jedem Satz machte ich meine Bemerkung, oder ich lächelte nur, alle Begeisterung über Sie, alle Neigung, alle Liebe zu Ihnen zer­stach ich erbarmungslos mit Hohn, alles Gefühl von ihm zu Ihne» mußte ausgeblasen werden, eine Raserei hatte mich gefaßt, ich merkte nicht, was um mich herum war, beide saßen wir mit ge­röteten Gesichtern, sprachen aufeinander ein, endlich wurde er müde, schien nachzugeben, machte nur noch leise furchtsame Einwendungen, auch mich ergriff diese Schwäche, plötzlich brach ich in Tränen aus.

Daß damit zum erstenmal etwas wie Liebe in Robert aufbrach, hat er mir erst sehr viel später gestanden, auf dem Heimweg, beim Abschied hielt er lange meine Hand, blickte mich an, seine (Stimmt war leise und verschleiert, sie rührte mich, in diesem Augenblick Wae auch in mir etwas wie ein Gefühl, ich erwiderte den Druck feiner Hand, er nahm es für eine Erklärung.

Was dann in den nächsten Wochen geschah, ich frage mich selbst, woher ich die Kraft zu einem Entschluß gezogen, ein Leben zu opfern, feines und das meine, nur weil ich habe es ihm gesagt, nicht direkt, aber er merkte es doch bald, denn er liebte mich ja, er glaubte, seine Liebe zu mir würde stärker sein als alles, stärker als die meine zu Ihnen, manchmal glaubte ich es selbst, als wir verheiratet waren, am Tage danach, wir saßen im Zug, Berge kamen und eine neue Welt hauchte etwas tote ein Glück über meine Seele, ein Gefühl von Freihett und unendlicher Heiterkeit, wie ich es nie gekannt, überkam mich. Wären wir dort geblieben, in einem anderen Land, mit anderer Sprache, anderen Menschen; alles hätte noch gut werden können, aber Robert drängte zurück, zu feiner Arbeit, zu seinen Be­kannten, zu Ihnen.

Nein, er kam nicht los davon, ich weiß, diese Liebe war rein, er kämpfte darum wie ich um die meine, dagegen wie ich gegen die meine, tagelang ging er nicht zu Ihnen, ich ersann immer neue Gründe, um es zu hindern, drohte, höhnte, machte ihm Szenen, weinte und umschlang ihn mit aller Inbrunst die nicht ihm gatt, sondern einem anderen, war er wieder bei Ihnen, mußte er mir alles er­zählen, ich verschlang seine Worte, faßte feine Hände, sie hatten die Ihren gefaßt, in seinem Haar war der Rauch, das Parfüm Ihrer Stube, ich küßte dies Haar und schloß die Augen, nachts und wen» ich ein Kind gehabt hätte, es wäre doch das Ihre gewesen.

Sie wiffen, tote es endete. Er hat mir nie einen Dorwurf ge­macht, auch Ihnen durfte er es nicht sagen, er wußte wohl, daß dann alles zwischen uns aus fein würde, er trug alles stumm tu sich, manchmal war in seinen Augen ein Flehen, wie von einem Hund, aber ich haßte ihn nur deswegen, warum war er so schwach, er hätte ja hingehen und Sie töten können statt sich selber, ja, ich wüiüchte Ihnen den Tod, aber nicht wie er jetzt über mir ist, sttll und kraftlos mich ankriechend, sondern mit einem Schlag, der

Als ich an jenem Nachmittag die Treppe zu meinem Haus hinauf­ging, stand im Flur ein Fenster auf, eine linde Lust wehte ganz zag nach einem harten hätzllchen Winter mir ins Gesicht, vor blauem Himmel flatterten ein paar kleine, zärtliche Wolken, mir wurde weh «ms Herz, was Hatte ich aus meinem Beben gemacht, ganz klein war