Ausgabe 
22.9.1928
 
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Verantwortlich: Dr. 8anä Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts.Vuch. und Steindruckerei, R. Lange, Dießen-

rflen durch drei hintereinandergeschaktete Ber. Funkempfang bekannten Weis« her verstärkt wurden. Die durch diesen Dreiröhrenapparat verstärkten elektrische!, Schwingungen wurden durch einen empfindlichen elektrischen Apparat auf. genommen und ausgezeichnet.

Die Elektrizität des Menschen.

Bon Professor Dr. Paul Kirchberger.

Daß die Elektrizität von alten Naturkräften die bei weitem wichtigste ist, und daß es möglich und sogar naheliegend erscheint, alle anderen Kräfte auf diese Urkraft zurückzuführen, das ist eine Ueberzeugung, dis sich in der wissenschaftlichen Forschung immer mehr Bahn bricht und sich täglich weitere Kreise erobert. Ja, sogar der uns tot erscheinende Stoff, die Materie, besteht nach unserer heutigen Ueberzeugung im wesentlichen aus Elektrizität, wenn diese sich auch im allgemeinen nicht besonders bemerkbar macht. In der tierischen Wett spielt, zumindest in einzelnen Fällen, di« Elektrizität eine unaemein stark in die Augen fallende Rolle, wie dies seit den klassischen Schilderungen A. v. Humboldts über elektrische Aale wohl allgemein bekannt ist. Daß auch, von solchen Ausnahmefällen ab­gesehen, beim gewöhnlichen menschlichen oder tierischen Lebensprozeß elektrische Dorgänge irgendwie mttspielen, wird wohl kaum von irgend jemandem bezweifelt. In einzelnen Fällen hat man bereits feit langem solche elektrischen Wirkungen festgestellt.

Ein ganz neues Licht aber ist auf diese Frage gefallen durch Unter» suchungen, die neuerdings von F. Sauerbruch und W. 0. Schu»

scheint ihm wieder das deutsche Wort von der Lippe zu fließe», desto mehr sieht man ihm die Freude an, daß er sich nach Jahren wieder einmal mit einem deutschen Landsmann aussprechen darf. So erzählt er mir, wie er, unterhalb von Köln zu Haufe, als ganz junger Mensch Mitte des vorigen Jahrhunderts, mit einer größeren Anzahl anderer Deutschen nach Algerien ausgewandert fei, wie sie <ftte unter den un­säglichsten Mühen und Entbehrungen das Land hier urbar gemacht und kultiviert hätten, wie alles und alles mehrere Male durch die Aufstände der Araber vernichtet worden und so mancher deutsche Landsmann im fremden Land elend verdorben und gestorben sei, wie aber die kleine Schar der Ueberlebenden immer wieder unverzagt und unentwegt von neuem begonnen habe, bis endlich die schwere Arbeit die ersehnte Frucht getragen habe. Von ihrer Fünf sei das Dorf hier gegründet worden, von ihm, zwei Rheinpfälzeru, einem Hessen und einem Sachsen. Zweimal sei er auch wieder in Deutschland zu Besuch gewesen. Aber wenn die feuchten, grauen Herbstnebel und die kalten Frostwintertage eingesetzt hätten, habe er sich dort nie mehr wohl gefühlt unb es habe ihn immer wieder rasch nach Algerien zurückgetrieben. Nachdenklich blickte er der tiefer sinkenden Sonne nach.Sie meint es oft gar zu gut mit uns. Aber wenn man sich einmal an sie gewöhnt hat, muß man hier bleiben, ob man will oder nicht. So ist es uns allen Fünf hier im Dorfe, so ist es noch vielen anberen ergangen. Keiner, der hier etliche Jahre gelebt, kehrt so leicht wieder für immer nach Hause zurück/' Er schwieg und fann vor sich hin, als wolle er sein ganzes Leben Generaireoue passieren lassen. $

Als wir in den Weiler zurückkehrten, begann es bereits ein wenig zu dämmern. Auch die Dorfbewohner, von denen wir den einen oder anderen in der Ferne bei der Arbett erblickt hatten, kehrten von, Felde hettn, wenn sie noch nicht, wie schon so manche, bereits in Scheune oder Stall arbeiteten, am Brunnen stehend, ein wenig Abendtoilette machten, oder, wie das die Aelteren taten, plaudernd vor ihren Häusern auf den Ruhebänken saßen.

Bald hatte sich ein großer Kreis von Menschen um uns versammelt, von allen Seiten kamen sie. neugierig heran: man sah deutlich, daß die Ankunft eines Fremden ein großes Ereignis für die ganze Dorffamilie mar. Der Alte stellte mich als Landsmann und Ankömmling aus der früheren Heimat vor, viele sonnverbrannte Hande streckten sich mir bewillkommnend entgegen. Auch der Rheinpfätzer, der letzt« der alten Garde rückte lärmend mit seiner gesamten Familie an. Er begrüßte mich lebhaft mit großem Enthusiasmus als engeren Landsmann. Er war nicht mehr ganz so rüstig als mein Wirt, aber fein gutes, pfälzisches Mundwerk hatte er sich durch Sturm und Drang der Zett vollkommen frisch und intakt erhalten. Nicht nur die Männer, auch einzelne Frauen, Mädchen und Kinder stellten sich ein, durchweg kräftige, gesund und zu­frieden ausseheude Menschen, freilich fast alle in Sprache, Erscheinung, Temperament und der Art, sich zu geben, ganze, fast südliche Franzosen. Mir schien es, als ob ich ebensogut in einem Weindorf ber Gironde oder Provence stehen könne.

Nach ber ersten Begrüßung und Vorstellung zog mein Wirt mich von den anderen weg.Später," meinte er,später. Die laufen uns alle nicht davon." Er "fand, daß zur allgemeinen Unterhaltung noch Zeit genug sein werde, denn es stand für ihn fest, daß ich im- Dorfe über­nachten müsse. Fürs erste und zunächst sei da einmal an das Abend­essen zu denken. Er geleitete mich wieder in seine gute Stube. Wir setzten uns an den appetitlich gedeckten Tisch und nahmen ein reichliches Abendessen aus bester Küche ein, ein Huhn mit prächtigen Gemüsen. Zum Nachtisch wurde frisch gepflöcktes Obst aufgetragen, große, saftige Pfirsiche und aufspringende süße Feigen. Dazu »och ein besserer Weiß­wein, als er mir bereits am Nachmittage gereicht worden war. Wir blieben allein, die Honneurs machte eine junge, 16- ober 17jährige Enkelin meines Wirtes. Wie eine verwunschene Prinzeß aus dem deutschen Märchenwalde mutete sie mich an, als sie mir gegenübertrat. Das deutsche Wort war ihr von einer bösen Fee weggezaubert worden. Aber wenn sie mich aus ihren großen, goldbraunen Augen, die von dunklen feinen Brauen überschattet waren, fragend und verwundert ansah, wenn sie etwas verlegen mit braungebrannter Hand orbnenb über ihr blondes Haar hinwegstrich, ober eine Oleanderblüte darin fester steckte, vermeinte ich deutlich den Pulsschlag verlorenen deutschen Blutes zu mir herüberrauschen zu hören, eine Welle, einen Tropfen, von den vielen taufend Strömen, die aus Deutschlands Herzen nach allen Himmelsgegenden hinausgeflutet sind, um irgendwo spurlos im Sande z« versickern.

mann angestellt worden sind. Es gelang diesen Forscher», gum erstem»., zu zeigen, daß jede Muskelanspannung von ungemein schnell wechselnd»» elektrischen Kräften begleitet ist, deren Sitz an der Haut in ober unmittelbar unter ihrer Oberfläche zu suchen ist. Die Bersuchsanordnung war babd so empfindlich, daß genau nachgewiesen werden konnte, daß die AnsatzstM, des arbeitenden Muskels die Quelle der zutage tretenden elektrischen ist. Es konnte gezeigt werden, daß, wenn beispielsweise sich ein Muskeü arbeit leistender Arm herumdreht, die untersuchte Wirkung nur dann ei», tritt, wenn die Ansatzstelle des Muskels dem elektrischen Aufnahmeapparat zugekehrt ist und schwächer wird oder aufhört, wenn sie abgewandt i» Ein besonders schöner Erfolg war es, daß eine selbsttätige Photographisch, Aufzeichnung der elektrischen Kräfte gelang; eine Anzahl wohlgelunaenn Bilder zeigt im Maßstabe von 40 Millimeter für eine Sekunde ein fdinetl wiederholtes Auf- und Abschwingen der elektrischen Kräfte.

Der untersuchte menschliche oder tierische Körperteil wurde zunächst i» einen großen Käfig gebracht, ber alle äußeren Störungen fernhielt, I, ihm befand sich, sozusagen als Antenne, eine Aufnahmeplatte, deren eiet, irische Weiterleitung isoliert durch den Käfig hindurchgeführt wurde, uich deren elektrische Schwingungen durch drei hintereinandergeschatteteVer. stärkerröhren in der uns vom i ' ' ' " " ~ ' *

Dieser Apparat wurde den mannigfachsten Prüfungen unterzogen. St, bestätigten alle bas Hauptergebnis der Untersuchung: Ein arbeitender Muskel erzeugt schnellwechselnde Schwingungen auf ober unter der Haut. Oberfläche. Gleichgültig ist es dabei, ob die Arbeit des Muskels freiwillig ober unfreiwillig geleistet wird. Aach bei krampfartigen Muskelbewe- gungen zeigen sich die elektrischen Felder. Eine ber wirkungsvollsten Aus. nahmen ist die eines durch Strychnin getöteten, im Krampf liegenden Ka­ninchens. Bald erheben sich die Schwingungen zu gewaltigen Anschlägen, eine halbe ober eine ganze Sekunde lang sind die Ausschläge nur gering, um im Verlaus ber nächsten Sekunde wieder um so gewaltiger emporzro schnellen. Das Spiel wiederholt sich noch ein paarmal, bis ihm der Toi des armen Versuchskaninchens ein schnelles Ziel setzt.

Auch minder gewaltsame Muskelanspannungen, nämlich solche durch normale unb willkürliche Arbeit des betrachteten Muskels zeigen in un­gemein eindrucksvollen Bildern die schnellen elektrischen Schwankungen. Es konnte auch gezeigt werden, daß sich diese auf ber Haut entstehenden Felder weit in den Raum hinaus verbreiten. Selbst in zwei Meter Ent­fernung von der Hautoberfläche sind mit dem emfindlichen Apparat noch Wirkungen nachweisbar.

Fast ebenso wichtig wie das Entstehen ber elektrischen Felder ist die Kenntnis der Umstände, unter denen sie nicht entstehen. Vorab ist be- merfensroert, daß magnetische Felder in keiner Weise beobachtet werden konnten. Wenn man also gelegentlich vomMagnetismus" eines Menschen spricht, worunter man die oft geheimnisvolle Anziehungskraft ober über­haupt feine Wirkung auf andere Menschen versteht, jo findet eine solch« Auffassung zumindest in den hier vorliegenden Versuchen keinerlei Stütze. Vielleicht noch wichtiger ist es, daß das Benetzen der Oberfläche mit Wasser jede Wirkung vollständig ausschließt. Hierdurch ist klar, daß die ganz« merkwürdige Wirkung nur von der Oberfläche der Haut ausgehen kann; denn auf tiefere Schichten würde sich die Wirkung des ja nur oberflächliH aufgetragenen Wassers nicht erstrecken können. Äehnlich wie das künstlich aufgetragene Wasser wirkte auch ber sich bei dauernder Arbeit von selbst einstellende Schweiß, unb es konnte auch die Wirkung einer aufgetragenen Oelfchicht, die bas Verbuchten ber Schweißschicht hindert, nachgewiese» werden. Daß die Wirkung bloßer Erschütterungen und ähnlicher äußerer Bewegungen ausgeschlossen wurde, versteht sich von selbst. Es war auch ganz gleichgültig, ob ber Körperteil behaart ober mit Kleidern bedeckt war ober nicht. Durch schnelle Bewegung behaarter Teile, ja, selbst durch An­blasen etwa eines Katzenfelles mit Luft würbe kein« Wirkung erzielt. Daß Elektrizität entsteht, wenn ein Katzenfell mit einem Hartgummistab ge­rieben wird, wissen wir wohl noch von ber Schule her, machen mir wohl auch mitunter ähnliche Erfahrungen mit unserem eigenen Haar beim Kämmen (besonders bei einem Bubikopfs. Wurde also das Katzenfell, dessen bloßes Anblasen so ergebnislos verlaufen war, mit einem Kamm au« Hartgummi durchgekämmt, so zeigte sich eine Wirkung, die so ungemein stark war, daß die Zerstörung des Apparates nur durch besondere Vor­sichtsmaßregeln verhindert werden konnte, wlewohl die Auffangplatte nicht weniger als zwei Meter von dem Feld entfernt war.

Sv aufschlußreich diese Versuche auch sind, so spricht doch vieles dafür, anzunehmen, daß sie nicht etwa einen Abschluß, sondern erst den Beginn wichtigster Forschungsarbeiten darstellen. Zunächst waren die Schwin­gungen zwar für das Auge sehr schnell, aber um eigentlichhochfrequente Schwingungen handelt es sich dabei vorläufig noch lange nicht. Es spricht aber manches dafür, daß auch solche auftreten. Auch hierüber sind Unter« suchungen von Sauerbruch und Schumann bereits im Gange. Eine andere Frage ist natürlich die nach ber Ursache und auch nach der Wirkung ber elektrischen Kräfte. Sind sie etwa hervorgerufen durch chemischen Umsetzungen, die im Muskel vor sich gehen? Aber chem:sch< Umsetzungen allein liefern wohl unter Umständen einen elektrischen Strom, aber nicht solche elektrische Schwingungen, wie sie hier beobachtet wurden. Wie kommt ferner ein Schwingungskreis, der doch sonst für das Auftreten elektrischer Schwingungen notwendig ist, zustande? Unb schließlich, ®i< wirken biese Schwingungen? Haben wir ein Organ, bas, vielleicht uns selbst unbewußt, für solche Schwingungen empfindlich ist? Treten N ähnlich wie bei Muskelkraft auch bet geistiger Arbeit auf? Haben ® vielleicht in diesen Versuchen einen ober womöglich gar den Grund l» die Wirkung des Menschen auf den Menschen vor uns? ....

Man sieht also es sind zahlreiche und sicherlich ungemein wich 3 Fragen, zu denen sie Versuche von Sauerbruch unb Schumann anceg So ist es erfreulich zu hören, daß die beiden ihre Forschungen noch " abgeschlossen haben, sondern rüstig wetterarbetten. ____