Ausgabe 
22.9.1928
 
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mir reif zu werden begann, merkte ich sogleich, daß ich mich im Gott versündigen würde, wenn ich mich noch länger von anderen würde an der Nase herumführen lassen; ich tat deshalb die Augen meines Geistes auf, damit sie der Glanz menschlichen Ansehens nicht ver­blenden solle und gedachte nicht mehr, was für ein großer vornehmer Mann er sei, der dies oder jenes geschrieben, sondern überlegte nur lediglich die Beweistümer für und wider jede Behauptung." Ein solch' elbständiger Charakter mußte bald Anstoß erregen, aber die eigentliche Empörung über diesesschwarze Schaf" der Leipziger Universität er­hob sich erst, als er einen entscheidenden Schritt in der Geschichte der deutschen Bildung tat: er schlug im Oktober 1687 an das schwarze Brett, das, wie fein Biograph Luden sagt,noch nie durch die deutsche Sprache entweiht worden war," ein Programm, anwelcher Gestalt man den Franzosen im gemeinen Wandel und Leben nachahmen solle," in dem er zu Vorlesungenüber Grazians Grundregeln vernünftig, klug und artig zu leben" einlud. Thomasius führte damit die Heirnat- sprache in den Universitätsunterricht ein und wandte sich überhaupt gegen die Vorherrschaft des Lateinischen, das nur für Gelehrte von Nutzen sei, gegen die Anbetung der Antike, deren Ideale und Ideen in die moderne Zeit nicht mehr paßten. Er nannte die Franzosen als Vorbild, nicht weil man sie etwa nachahmen, sondern weil man wie !ie die eigene Sprache und Kultur hochhalten, pflegen und verbessern olle. In dem geistesgeschichtlichenStreit der Alten und Modernen", der »amals in Frankreich ausgefochten wurde, tritt also Thomasius auf die Seite derer, die stolz für den Wert und die Größe der eigenen Zeit eintraten. Er schlägt jenen hoffnungsfreudigen, kraftgeschwellten, glück- ersüllten Ton an, der die Grundmelodie der Aufklärungszeit bilden sollte und ihre beste Seite charakterisiert. Thomasiusstieß dem Faß den Boden aus, als er das schreckliche und, so lange die Universität be­standen, noch nie erhörte Crimen beging, ein deutsches Programm an das schwarze Brett zu schlagen"; aber die gepuderten Perücken wackelten noch bedrohlicher, als er bald danach in seinenMonatsgesprächen" die erste wissenschaftliche Zeitschrift in deutscher Sprache erscheinen ließ und damit schon denmoralischen Wochenschriften" den Weg wies. Es war eigentlich ein kritisches Organ, das neue Bücher besprach, aber diese bildeten nur den Anlaß, um den Kampf zu eröffnen gegenGleisnerei und Pedanterei", gegen alles, was die freie Entwicklung des Denkens in Deutschland damals hemmte. Diese Kritik ist in Gespräche einge­kleidet, die lebendig geschaute Personen miteinander führen. Trotz der chwerfälligen Sprache, die sich noch nicht aus den Fesseln des Schwul- tes befreit hat, belebt eine echt dichterische, an Mokiere geschulte Kunst >er satirischen Charakteristik die Szenen, mag der Autor nun gegendes Teufels liebstes Schoßkind", die Scholastik, wettern und den Aristoteles sehr unehrerbietig verulken. Es geißelt die Aufgeblasenheit der Theo­logen und die Gesetzesverdrehung der Juristen, die Charlatanerie der Mediziner, den hohlen Formelkram der Philosophen, die Unwissenheit der Naturforscher, die Ungerechtigkeit und Gewissenlosigkeit der Be­amten, die das arme Volk schinden, die Unredlichkeit der Kaufleute und Trägheit der Handwerker, den leichtfertigen Hochmut der Vor­nehmen und diebestialische Versunkenheit" der Studenten.

Wir können heute kaum noch ganz begreifen, welch ein Maß von Mut und Entfchlofsenheit dazu gehörte, einen solchen Kampf gegen die ganze damalige deutsche Welt zu wagen. Den Angriffen feiner Feinde, die vor keiner Verleumdung zurückschreckten und ihn nicht nur des Atheismus, sondern auch der Majestätsbeleidigung beschuldigten, gelang es, ihn aus Leipzig zu vertreiben. In Halle fand er Schutz und Zu­flucht, und durch ihn wurde der Ruf der neugegründeten Universität geschaffen. Der Einfluß des Thomasius war so groß, weil hier zum erstenmal ein Professor nicht als gelehrter Stubenhocker und Pedant, fondern alsMann von Welt im Modekleid mit Degen und zierlichem Gehänge" auftrat, der nicht wieder unpraktische Bücherwürmer, sondern Menschen fürs Leben erziehen wollte. Die Studenten, die er aus ihrem elenden Zustand" erretten wollte, sollten zu einemhonetten und galanten Leben" tüchtig gemacht werden. In Halle hat Thomasius einen Stab vortrefflicher preußischer Beamter herangebildet, die demSol­datenkönig" und noch Friedrich dem Großen den Staat aufbauen und ausgestalten halfen. Aus dem jugendlichen Bilderstürmer und Brause­kopf war nun ein ernster, seiner Verantwortung voll bewußter Mann geworden, der dem Pietismus huldigte, freilich nicht der untätigen Frömmelei, sondern jener Richtung, die auf Befreiung des Gemütes, auf eine persönliche Beziehung zu Gott hinzielte. Vor jedem Verfallen in Mystizismus hielt ihn L o ck e s BuchUeber den menschlichen Ver­stand" fern, das ihm als Grundlage für feineVernunftlehre" die Tatsachen des gefunden Menschenverstandes darbot. Durch seine deutsch geschriebenen Lehrbücher über dieseKunst, vernünftig und tugend­haft zu leben", wurde er der Begründer der deutschen Aufklärung, die Die Wahrheit ohne jede Voreingenommenheit mit den Kräften des menschlichen Verstandes ergründen wollte, und zugleich erwies er sich als der mächtigste Vorkämpfer dieses neuen Geistes. Wie merkwürdig berührt es uns z. B., daß er noch gegen die Vorstellung von der »leibhaftigen Erscheinung des Teufels mit Hörnern, Klauen und Krallen" zu Felde ziehen mußte, daß er erst die Geschichten vom Pakt des Bösen mit einem Menschen ins Reich der Fabel wies und damit die Sage vom Dr. Faust in ein symbolisches Licht rückte, das noch bis zu Goethe leuchtete. Er hat auch erst mit demLaster der Zauberei" den furcht­baren Glauben an die Hexen ausgerottet und die gänzliche Abschaffung ber Hexenprozesse gefordert, die nun aus Deutschland allmählich völlig verschwanden, so daß Friedrich der Große sagen konnte, dem Thorna- 5us verdanke es das weibliche Geschlecht, wenn esin Frieden alt wer-

en und sterben könne". Auch gab er Anregung zur Beseitigung einer anderen Kulturschande, der Folter.

So hat Thomasius segensreich gewirkt. Er besaß zwar keine schöpfe- vlfche und aufbauende Begabung wie sein großer Zeitgenosse Leibniz, dem er soviel verdankt; er war eine kritische, in seinen Anschauungen vielfach unsichere und schwankende Natur, der Mensch einer Uebergangs- W, dessen Kopf wie der des Janus nach der Vergangenheit und der

Zukunft zugleich gewandt war; aber dieser aufrechte, mannhafte, leben» volle Geist besaß einen starken reformatorischen Zug, der ihn instinktiv vorwärtstrieb aus der Bahn des Fortschritts und ihn zum ausgeprägten Vertreter einer ganzen neuen Denk- und Lebensrichtung machte. Daher war fein Einfluß fo gewaltig, und noch auf der Höhe der Aufklärungs­zeit konnte der Historiker S ch l ö z e r von ihm sagen, er habe auf Mit- und Nachwelt mehr gewirkt als alle Philosophen Griechenlands zu- sammengenommen.

Ein deutsches Dors in Algier.

Von Walter von Rummel.

Ein deutsches Dorf mitten in Algier. Zuerst wollte ich es gar nicht glauben, als ich mich da und dort in Algerien herumtreibend, des öfteren dieses von Deutschen gegründete Dorf erwähnen hörte. Zufällig führte mich nun mein Reifeweg in die Nähe dieser Ansiedlung, und ich unter­nahm es, sie aufzusuchen. Ueber versengtes, Glut aussprühendes Land marschierte ich in heilloser Hitze barauflos. Es flimmert wie flüssiges Glas vor den Augen. Bald Hilst mir die französische Karte nicht mehr viel weiter, und an einer perfiden Weggabelung ist meine Weisheit endlich er­schöpft. Kein Mensch in weiter Runde, den ich fragen könnte. Mensch und Tier hat sich vor der erbarmungslos niederstechenden Sonne schon längst in einen schattigen Winkel verkrochen. Langsamer wandere ich, auf gut Glück mich dem einen der beiden Straßenäste anvertrauend, weiter. Nach einer halben Stunde entdecke ich unter einer Kaktushecke, auf der wie dichter Schnee der Staub liegt, ein braunes, verrissenes Arabermädchen. Gegen einige Sous ist sie gernj>ereit, mich zu führen. Schon lauft sie leicht und barfüßig an meiner Seite.

Sie biegt in einen Fußpfad ein. Zwischen Zwergpalmen und Kork- eichen hindurch führt nufer Weg weiter. Allmählich beginnt gut und fleißig angebautes Land dem verbrannten Steppen- und Grasboden Platz zu machen. Aus einem Myrtengebüfch heraustretend, sehe ich unter hohen Eschen einige weißgetüuchte Häuser hervorleuchten. Ein Hund schlägt wütend an. Meine kleine Beduinin stutzt, macht ängstlich Hall und bedeutet mir, daß dies das gesuchte Dorf sei. Kaum sühlt sie die versprochenen Sous in der flachen Hand, als sie auch schon eiligst dankt und davontrabt.

Ich gehe auf die Häusergruppe zu, mache vor dem ersten Hause Halt und öffne das Torgatter. Ein hoch und stämmig gewachsener Greis mit einem glattrasierten, markigen und ausgearbeiteten Bauernschädel, ber von dichtem, schneeweißem Haupthaar umrahmt ist, tritt in die Türe. Seine noch ausrechte, sehnige Gestalt hat in Haltung und Bewe­gung etwas Jugendsrisches. Er mutz sich bücken, um beim Heraustreten den oberen Türpfosten nicht zu greifen. Erstaunt blicken unter dicken, buschigen, ebenfalls weihen Brauen die hellen stahlgrauen Augen auf mich. Sann fragt er auf französisch nach meinem Begehr.

Ich antworte deutsch.

Er horcht überrascht auf, lächelt und antwortet nun ebenfalls deutsch. Ah, ein Landsmann! Das ist aber einmal schön. Kommen Sie nur herein ins Haus!" Ganz langsam und höchst bedächtig hat er gesprochen, als ob er erst mühselig jedes Wort aus feinem Gedächtnis wieder aus» lösen müßte, stockend und mit einem halb französischen, halb platt- deutschen Akzente.

Er führt mich in die gute Stube. Da ist es blitzblank und sauber. Alles sehr behaglich und wohlhabend eingerichtet. An der einen Wand hängt eine große, hübsche Reproduktion des Kölner Domes, wohl aus der Mitte der vierziger Jahre stammend, an den anderen Wänden be­finden sich Jagdtrophäen, Waffen, Bilder von Familienangehörigen. In der Mitte des Zimmers steht ein großer, hellfarbiger Eichentisch, um ihn herum ein paar geschnitzte Stühle. In einer Ecke ein niederer Diwan, mit orientalischen, schweren Decken belegt. Und das Herrlichste von allem: Der Raum ist so wundervoll kühl, wie ich seit langer Zeit keinen mehr betreten habe.

Ich werde zum Sitzen genötigt, und mein Wirt setzt mir eine Karaffe Wein vor, selbstgekelterten, wie er empfehlend beifügt, einen jener weißen, würzigen, nur etwas schweren algerischen Land weine. Dann muß ich erzählen, wie und wieso ich hierhergekommen. Er nickte ver­stehend mit dem Kopfe, der Alte.Das ist aber sehr hübsch von Ihnen, daß Sie uns besuchen. Seit Jahren ist kein Deutscher mehr hier gewesen. Ihrer allzuviele kommen nicht in unser Land, und unser Dorf hinwieder- um liegt so weit abseits von der großen Straße." Er berichtete dies und jenes von seinem Dorfe, dann erhob er sich mit einem Male.Besehen Sie sich doch alles selbst, die meisten unserer jungen Leute sind sowieso noch bei der Arbeit draußen."

Damit ging er voran und zeigte mir gewissenhaft alles. Zuerst das Dorf selbst. Wir würden es Weiler nennen. Sieben oder acht schöne, geräumige, aus schweren Steinen erbaute, gut gehaltene Häuser, jedes von einem Garten umgeben und alle um einen gemeinsamen Dorfplatz gelagert. Großblätterige Winden der verschiedensten Gattungen rankten sich an den Mauern empor, faustgroße, lilafarbene und blaue Blumen­kelche blickten mit tiefen satten Farbentönen aus dem Grün des dichten Blattwerks. In der Mitte des Dorfplatzes war eine reichliche Quelle, ein kostbarer Schatz in diesem ausgedörrten Lande der Trockenheit, in einen Brunnen gefaßt. Rings um das behaglich plätschernde Wasser drängte sich eine tropische Fülle von hohen, rotglühenden Oleandern, von Palmen, von Feigen- und sonstigen Fruchtbäumen. Dazwischen zogen sich üppig» grüne Schlinggewächse.

Mein Mentor führte mich weiter hinaus auf bte Felder, die fast überall die Siebelung umgaben,, zeigte mir mit Stolz, wie prächtig Korn und Mais standen, wie sorgsam gepfelgt die Wein-, Oliven- und Tabak- Pflanzungen waren.Ja, ja," nickte er vor sich hin, mit einem Blick der vollen Befriedigung die schwere Fruchtbarkeit rings umfassend,so etwas können Sie in Deutschland nicht sehen. Ader bis das alles glücklich so weit war, hat es auch viel Schweiß und Mühe, hat es die Sorgen und Mühen eines langen Menschenlebens gebraucht." Weiter spricht er, und je länger er redet, desto rascher spricht er, desto leichter