Ob ich es war! Alle meine Gedanken waren in einem einzigen begriffen, der Empfindung des Glückes, mich so Zärtlich von der, die ich verhimmelte, geliebt zu sehen. Ja, ich habe das Glück kennengelernt, das köstliche Vergnügen, von einer der schönsten und besten Frauen der Welt wirklich geliebt zu werden. Der Augenblick, da ich cs erfuhr, war ein Augenblick der Trunkenheit und ungetrübten Wonne, der nun weit zurück liegt, den mir aber di« Erinnerung noch lebhaft vor die Sinne ruft.
Herz und Seele von Liebe zu Letitia trunken, einzig beseffen von dieser Liebe, die meinen Blicken die verführerischste Aussicht eröffnete, türmte ich mit der Geliebten Pläne auf Pläne, die uns die vernünftigsten der Welt schienen. Alles, um unsere Vereinigung zu ermöglichen, die uns schon so gut wie vollzogen vorkam. Wir trennten uns entzückt, eines vom andern berauscht, mit dem Versprechen, uns bald wiederzu- kehen und die Pläne, die uns für immer vereinigen sollten, zur Ausführung zu bringen. Kaum war ich zu Hause angelangt, so verflog mein Eden, und die kalte Vernunft zerstörte meinen Taumel. Sie zerwehte ihn, um mich den trübsten Gefühlen auszuliefern. Sie warf mir vor, daß ich mich der Gefahr, die Prinzessin wiederzusehen, ausgesetzt hatte, daß ich sie angehört hatte und ihren Plan, den Vater zu verlassen und mir zu folgen, gutgeheißen. Sie stellte mir Letitias Bild, den Tod auf den Wangen, vor Augen und die Verzweiflung im Schlosse ihres Vaters. Sie zeigte mir ihre Gestalt, gejagt von seinem Fluche und ächzend unter der Last der Gewissensqualen, die sie bis in meine Arme verfolgten. Diese Gedanken gaben mich mir selbst zurück, meine Illusion, meine Hoffnungen schmolzen dahin. Meine Liebe allein blieb.
Der Augenblick, der meinem schmerzlichen Erwachen folgte, war schrecklich. Ich sollte das geliebte Bild Letitias auslöschen, die meine Neigung erwiderte, ja, die mir von sich aus ein Glück hinhielt, wie ich es kaum zu erhoffen gewagt hätte, das ich mit meinem Blute hätte erkaufen mögen. Ich muhte mich entschließen, das junge Geschöpf Erwägungen der Bernunft preiszugeben, ihr vorstellen, welche Schranken uns trennten, mußte in sie bringen, mich zu vergessen und sich den Anordnungen ihres Vaters zu fügen! —
Als ich Letitia wiedersah, war ich in einem Zustand schwer beschreib- lidjer Zerschlagenheit. Meine Augen waren gerötet, ich hatte viel geweint. Denn der Sieg, den ich über mein Herz davontrug, kostete mich doch zuviel, als daß er mir nicht Tränen ab gepreßt hätte. — Meine Niedergeschlagenheit überraschte Letitia. Lachend, da sie die Ursache nicht erriet, empfing sie mich und trieb noch ihren Spatz damit. Was kostete es mich, ihren Irrtum zu zerstören, wieviel Mut, ihr zu jagen, daß ich sie anbetete, um aus einem Mutwillen, der doch von Liebe geboten war, auf sie zu verzichten. Letitia ließ mich mehrmals meinen Entschluß wiederholen. Sie glaubte, ich spiele mit ihrer Neigung, um sie zu prüfen, und sagte mir immer wieder, mit Ausdrücken, die mich der Verzweiflung nahebrachten, daß sie nur mich zum Manne haben wollte. Als sie sich bann aber überzeugt hatte, daß ich im Ernst sprach, wurde sie wütend, nannte mich gemein, herzlos, einen Barbaren, der einen Augenblick Liebe geheuchelt hätte, um später um so sicherer ihr Herz zu zerreißen. Sie meinte, raufte sich die Haare und befahl mir, ihr nie mehr unter die Augen zu kommen. Ihre Amme verfuchte alles, um sie zu beruhigen, während ich in einer anderen Ecke des Raumes die gleiche Szene aufführte. Ich war mindestens ebenso vernichtet wie sie. Die beklagenswerte Verfassung, in der ich sie erblickte, raubte mir endlich das bißchen Besinnung, das ich noch besaß, und von neuem schwor ich zu ihren Füßen, daß ich ihr mein Leben weihen und blindlings allen ihren Wünschen Folge leisten wolle. Dieser Eid beruhigte sie. Aber wir trennten uns, ohne auf Einzelheiten einzugehen, die uns am Abend vorher so beglückt hatten. Wir wagten nicht, sie zu beschwören.
Ich fühlte, daß es mir ausgeschlossen sei, Letitia zu sehen, ohne meiner Liebe zu erliegen. So täuschte ich eine Krankheit vor, die bald Wirklichkeit wurde. Die Glut, die mein Herz verbrannte, entzündete mein Blut, und ein wütendes Fieber ergriff mich. Drei Wochen lang raste es. Als es endlich ausgehört, und meine Jugend die Krankheit niebergerungen hatte, über bis Letitia viele, viele Tränen vergoß, gab ich ihren Wünschen nach und wurde wieder ständiger Gast im Hause ihres Vaters. Dort erwartete man den jungen Grafen P., der ihr zum Gatten bestimmt war. Bedrückt und traurig war unser Wiedersehen. Wir sprachen nicht mehr von Liebe. Nur manchmal verrieten unsere Augen das Geheimnis im Busen.
Am Abend vor dem Tage, an dem man den Grafen erwartete, sagte Letitia, als sie mir seine Ankunft ankündigte: „Es ist also alles aus, niemand ermutigt mich. Ich allein muß mich dem Willen des Vaters ent- gegenftellen ober in ein ewiges Unglück willigen, wenn ich mich füge. Arme Letitia —." Ihr Haupt sank auf bie Brust, und Tränen entströmten ihren Augen. Ihre Amme wollte versuchen, sie zu trösten, während ich mich einer ihrer Hände bemächtigte und überschwenglich küßte. „Liebste Freundin/' rief ich in tiefer Bewegung, ganz außer mir, „reden Sie sich um alles in der Welt nicht so in Verzweiflung! Sie brechen mir das Herz. Um Gottes willen, erwarten Sie doch erst bie Ankunft des Grafen, ehe Sie glauben, bie Heirat fei ein Unglück für Sie. Man jagt ja, er fei gut, liebenswürdig, geistreich." — „Ach, was hilft es mir, wenn er bas alles ist," unterbrach mich Letitia mutwillig, „ich mag ihn nicht, ich mag niemanden ..." Sie entzog mir ihre Hand und ging mit Stoßen Schritten auf und ab. Ich bin überzeugt, wenn ich nicht die Augen fest auf ein Bild des Herzogs gerichtet hätte, das mir gegenüber an ber Wand hing, ich hätte alle meine Vorsätze vergessen und seiner Tochter erneut geschworen, ich wolle meinem Gefühl, das mich blind öu .chr trieb, folgen, und sie könne mein Geschick bestimmen. Der Anblick des Herzogs ließ meine schwache Besinnung wieder aufleben und 9_Qb mir die Kraft, ihr mit zärtlichster Beredtsamkeit zuzusetzen und zum Gehorsam zu mahnen. Und wenn ich es auch nicht dahin bringen konnte, tpr etn Versprechen abzuringen, so hatte ich doch wenigstens die Befriedigung, ihre Betrübnis gemildert zu sehen. Schließlich war ihre Ueber- zeugung, daß ich sie ebenso liebe wie sie mich, wieder gefestigt, und das Ende war, daß sie mich bedauerte. Wir weinten zusammen, und bas schaffte uns Linderung.
Der Graf traf aus seiner Vaterstadt Neapel ein. Er war ein schöner, liebenswürdiger Mann und verständiger und urteilssicherer Kunstliebhaber. Stattlich, groß, edel und in jeder Hinsicht dazu geschaffen, die Wahl einer liebebedürftigen und empfindsamen Frau entscheidend zu beeinflussen. Ich gestehe zu meiner Schande, ich litt anfangs unter allen seinen Vorzügen, die ich mir nicht verhehlen konnte, und dachte mit Bitterkeit daran, daß es ihm ein Leichtes fein würde, seine junge Zu- künftige meiner vergessen zu machen. Ich wurde ihm vorgestellt, er sand Geschmack an meinen Bildern, versicherte mir, man würde eines Tages von ihnen sprechen, und machte mir tausend hochherzige Anerbietungen, die ich ziemlich kalt zurückwies. Ich bemerkte indessen, daß Letitia ihn mit Gleichgültigkeit ansah. Jedesmal wenn von ihrer bevorstehenden Hochzeit die Rede war, füllten sich ihre Augen mit Tränen und bewiesen mir, wie bange sie dem Herannahen dieses Augenblicks entgegensah. Diese Gewißheit bereitete mir einen Kummer, der jedoch für mich, ber ich wider meinen Willen eine starke Eifersucht gegenüber dem Grafen empfand, nicht ohne Reiz war. — Mit dem Entschluß, Rom zu verlassen und nicht länger mißgünstiger Zuschauer dieses Glückes zu sein, begab ich mich zu Letitia, um ihr auf immer Lebewohl zu sagen. Sie hatte gerade ihren Vertrag unterzeichnet. Ich fand sie ganz in Tränen aufgelöst. „Sie hassen also den Grafen," sagte ich zu ihr, „Sie hassen ihn?" — „Nein/ antwortete sie, und dabei reichte sie mir die Hand, „ich fühlte sogar, wenn ich Sie nicht geliebt hätte, so hätte er mir gefallen können. Er hat den Beifall meines Vaters, ich heirate ihn ohne Widerrede. Aber mein Herz gehört Ihnen ..." Letitia schwieg, und ich, unglücklich über ihre, über meine Liebe, kündigte ihr an, daß ich sie für immer verlaßen wolle. „Für immer" wiederholte sie weinend, bann drängte sie ihre Tränen zurück und bat mich, meine Abreise zu verschieben. Sie lieh mich schwören, daß ich eine Bitte, die ihr Vater an mich richten würde, nicht abschlagen wolle. Nachdem sie mein Versprechen erhalten hatte, sprach sie von meinen Angelegenheiten und wollte offenbar ihren Kummer verbergen, indem sie sich mit Dingen befaßte, die ihr fern lagen. .
Einige Tage nach dieser Unterredung bat mich ber Herzog, em Bild seiner Tochter zu malen, bas er seinem Schwiegersohn schenken wollte. Ich erinnerte mich an meinen Schwur und wollte nicht bagegcn ver- stoßen. Aber ich konnte cs nicht über mich bringen, für meinen glück- lichen Nebenbuhler zu arbeiten, unb so schlug ich dem Herzog vor, er möge das Bild, das ich von Letitia malen sollte, für sich behalten, unb feinem Eidam ein anderes geben, das er von einem sehr geschickten Manne hatte anfertigen lassen. Der Herzog versprach es mir, ich malle Letitia. Ich durfte ihre zauberischen Züge ansehen, die ich bald nicht mehr erblicken sollte. Und ich machte ein liebliches Bild, indem ich weiter nichts tat, als mein vollkommenes Modell getreu wiedergab. Heimlich fertigte ich mir eine Kopie davon an, die ich noch besitze unb die mir als Vorlage für bas junge Mäbchen auf meinem Bild „L’Embarras dune couronne" gebient hat. Sie kennen es ja, urteilen Sic selbst, ob sie schon war! LetUia ließ ich nichts davon wissen, daß ich ihr Bild mit- nahm. Mein Herz sagte mir, daß sie es wußte.
Der Graf war von meinem Bild entzückt. Er wollte, ich solle ihm eine Kopie davon machen. Ich weigerte mich aber und schützte die unbe- dingte Notwendigkeit vor, Rom schnell zu verlassen.
Endlich riß ich mich von Rom unb Letitia los. Ihre letzten Worte waren: „Grenze, vergessen Sie mich nicht, unb glauben Sie, bah Letitia stets daran denken wirb, was sie Ihnen bankt." — Eine Haarlocke unb ein kleines Riechkisseir waren bie Psänber, die mir von der reizenden unb anziehenden Prinzessin blieben. Noch lange nach unserer Trennung war ihr verehrtes Bild der einzige Gegenstand meiner Gedanken.
Nach Frankreich zurückgekehrt, blieb ich acht Jahre ohne Nachricht von Letitia. — Zu jener Zeit malte ich das Bildnis eines italienischen Edelmanncs, der mit ihr befreundet war, mir von ihr erzählte und be- richtete, daß sic glücklich fei. Es dauerte lacht lange, so erhielt ich einen Brief von ihr. Von da an unterhielten wir einen ständigen Briefwechsel bis zu ihrem Tode, der vor einigen Jahren eingetreten ist. Sie hinterließ eine zahlreiche Familie, die über ihren Verlust untröstlich ist. Eine prachtvolle Gattin und zärtliche Mutter, wurde sie von jedermann ver- göttert, der mit ihr in Berührung kam. Ihr Tob ist mir sehr zu Herzen gegangen. Stets Huberten ihre Briefe meine Borgen unb brachten mir bie fügen Tröstungen ber Freunbfchaft, bie bei Frauen immer so innig unb sinnreich ist, benn bie Frauen verstehen viel besser als wir, Die Selben der Seele zu mildern. (Deutsch von Wilhelm B o e ck.s
Schwere Stunden.
Von Sofie v. Uhde.
Wenn Pfingsten um die Wege ist, muß jeder ins Grüne hinaus. Cm Ausflug um diese Zeit ist traditionell: auch meine Freundin Heidi W streng daran. Sie hat ihrem Mann bedeutet, daß er einen ganzen Tag nicht heimzukommen brauche — er hat es mit Interesse gehört —, m hat dem Mädchen freigegeben und hat sich und bie Großen zu einer Landpartie nach Werder ausgerüstet. Aber was soll mit dem Baby geschehen? Mitnehmcn? Ausgeschlossen! Und kurzerhand klingelt sie an und lockt mich unter ber Vorspiegelung einer selbstgebackenen Tone von meinem Schreibtisch fort in ihre Wohnung. ...
Diese Torte hat sich später als Käsekuchen herausgestellt, ben ich nicy esse, aber bas war bas kleinere Leiden: denn meine gute Heidi eröffne« mir mit Pathos, daß sie mir für diesen Nachmittag ihr kostbares vM anvertrauen wolle. Na, ich erschrecke nicht schlecht, unb in ehrlicher Eewi- elnschätzung rate ich ihr dringend ab. Aber von der Hohe ihrer dreifache Mütterlichkeit herunter meint sie mitleidig-wohlwollend, so töricht kann ich doch kaum sein, unb überbies werde ber jeder Frau innewohnen Instinkt mich schon beraten. Und sic gibt mir ein blütenweißes, blaue schleiftes, rundes und rojaes Tierchen auf den Arm, erteilt nur n m einige Direktiven wegen Milch und Brei, und geht.
Ich setze das Baby vorsichtig wie ein Venezianer Glas auf ben r pich, setzte mich ihm gegenüber unb wir schauen uns befremdet an. -n überaus peinliche Situation! Geben Sie mir einen ganzen Zwinger


