Rheinisch ist in seinem Ursprung noch ein anderes Weihnachtslied, wohl das stimmungsvollste von allen, die jetzt leben:Es ist ein Ros entsprungen". Cs ist wohl im 15. Jahrhundert entstanden und gehört sicher dem Sprengel von Trier an, hat sich aber schon im Itz.Jahrhundert In die von Mainz und Speyer verbreitet. Gesangbücher find dort durch das ganze 16. Jahrhundert noch nicht gedruckt worden, wie aber um 1600 der Druck beginnt, ist mit einem Schlag dasAlt katholisch Tnerjch Christliedlein" überall vorhanden, in Speyer, Konstanz, Mainz, Pader­born, Köln, Würzburg, Andernach. Es wächst bis zu 23 Strophen, immer wird es nach der heute noch gangbaren Weise gesungen. Aus ioldpn Quellen kennt es der protestantische Kantor Michael Pratorius; er nimmt es 1609 in seineMust- Sion" aus und gibt den, Lied den wunderschönen vierstimmigen Tonsatz, der sich bis heute gehalten hat. Den Tert kürzt er aus zwei Strophen und nimmt ihm alles, was dem Lied konsejsionelle Prägung geben, es zum Marienlied stempeln könnte. Wir können uns die Aenderung gefallen lasten als Ausdruck dafür, daß beide Kanfesfionen an dem schönen Lied mitgestaltst haben. In wunder­licher Arbeitsgemeinschaft stehen beide Bekenntniste auch bei dem halb­lateinischen Weibnachtslled des 14. JahrhundertsIn dulci jubilo, Smget und leid froh". Mischung lateinischer und deutscher V-erse ist immer das Zeichen mittelalterlicher Vagantendichtung, chakbgelehrter Ursprung ist un- kerm Lied gero'.f), richtiges Volkslied ist es auch in den Zeiten nicht gewesen, da das Latein In Deutschland eine lebende Sprache war. Aber Geistliche, Studenten und Kirchenchorsänger waren ein Kreis, immer noch groß und kräftig und sangesfroh genug, um ihr Lied durch den Wechsel der Zeiten zu tragen, und so hat es die Reformation erlebt. Die brach mit dem lateinischen Kirchengesang und hat es fertiggebracht, auch aus unserm Lred alles Latein hinauszusingen, womit desten ganze, reizvolle Eigenart zer­stört wurde. Luther selbst war so schonungslos nicht, aber ganz unan­getastet konnte auch er das konfessionelle Lied nicht lasten, als er es 1535 vom Wittenberger Drucker Klug in fein Gesangbuch aufnehmen ließ. Der Katholizismus ist in dem Lled als in einem Werk des Mittelalters selbst­verständlich enthalten, die letzte Strophe leitet geradezu in den Marienkult und seine Stimmung hinüber. Die läßt Luther einfach weg, und mit dem ins Sehnsuchtsvolle umgebogenen Kehrreim der dritten StropheEya, wären wir da", klingt bei Luther das Lied stimmungsvoll genug aus. Als dann Michael Vehe 1537 und Lelfentrit 1567 ihre katholischen Gesang­bücher mit starker Wendung gegen das Luthertum Herausgaben, nahmen fie die von Luther selbst herrührenden Aenderungen arglos mit herüber.

Roch überraschender wirkt die geschichtliche Aufhellung bei dem Weih­nachtslied, das heute von allen das verbreitetste und beliebteste ist:Stille Nacht, heilige Nackt". Seit der Resormation ist kein geistliches Lied so schnell wieder volkkäuflg geworden, wie dieses. Aus dem liebenswerten Herzen eines jungen katholischen Dorfgeistlichen des Salzburger sprengels, Josef Mohr 11792 bis 1848). ist es entsprungen, es Ist gerade 110 Jahre her Am 24. Dezember 1818 hat Mohr als sunger Hilfsgeistlicher zu Obern­dorf an der Salzach sechs Strophen entworfen, drei davon find in den Bolksgesang aufgeiwmmm worden. Den Tert hat man vom Stand­punkt' des katholischen Dogmas hart angefochten. In einer Notlage hat Mohr die sechs Strophen eilig und ganz ohne Hilfsmittel nieder- geschÄebern In die neugebaute Kirche St. Nikola zu Oberndorf war Hoch- woster gedrunaen und hatte die Orgel beschädiat, so daß fie zur Weih- nachk-feier nicht gespielt werden konnte. Den frisch geschriebenen Tejt trug der' Pfarrer zu'seinem Organisten, dem Lehrer Franz Inner Gruber (1787 bi? 1863) Im benachbarten Amsdorf, und bat ihn um eine pa 'ende Weise für zwei Solostimmen samt Chor und eine Guitarrebeoleitung. Gruber setzte fich ans Manier, nahm Mohrs Blatt zur Hand und bald fügten sich ihm die T"r>e zur M-lo^ie. Das war so rasch m glich weil dem out aeichulten Musiker ein Weihvachts-Rastorake des großen Neavo- litaners CImaroja treu im Sinn haftete: Anklänge an das italienische Vorbild find unverkennbar, wenn auch Aufbau und Stimmenftchrung d-s Liedes, meisterhaft in ihrer Schlichtheit, ganz Grubers Eigentum find. Die Weife ist nun wieder vom liturgischen Standpunkt aus nickt ganz emwan^frei Nach am WWg des ?4. Dezembers konnte Lehrer (9ruber seine Noten zu Pfarrer Mohr nach Oberndorf briroen, der erkannte auf den ersten Blick das -Mnzende Gelingen feines Wun,ckes, rief wgkeich feinen Kirchenchor zusammen rmd probte bis Sonnennnternang. In frischer Begeisterung ist das berühmte Lied In der folgenden Nackt zur Christmett"' gesunaen worden. Der priesterliche Dichter sang als Trnor die erste Stimme und beglestete auf der Guitarre, der Komponist als Bah sang die zweite Stimm-, der Chor fiel jedesmal zur Wiederbolunv der Scklnhzeilen ein Beim Heimaeben aber nahm Grubers Frau ihren Mann um' Ann und saate:Franzi, das wird man noch sinnen, wenn wir längst aestorben fi"d" Sie hat re+t behalten, trotzdem die bescheidenen Ber- ffltfer ihr Meisterlied das ihr einziges bst-iben sollte, nie haben drucken Innen Ein paar Wochen später kam der Orp-tbonmelter Mauracker ans Fügen im Zillertal und stellte die zerstirte Orgel vsteder her. Der musi-

Mann härt- das neue Lied, sein g-übtes vdr ernannte wa'eich Hoffen besonderen Wert, durch ihn aelanate es von Salzburg nach Ti'ol. Bon dort kamen damals berufsmäßige Volksfä'wer ins Re ch, vor allem gaben die vier Geschwister Straßer aus dem Zillertal in Lemng regel- mäbio Konzerte, dabei irrigen fie zu Weihnachten 1831 dieStme Nacht i", Gewandhaus vor, bo-t hörte sie Kantor Ascher von der ka ho Ischen Kirche und trug fie nach Berlin. König Friedrich Wilhelm IV. befahl, dah sein Domckor das Lied bei der Christfeier in der Scklohkavelle vor­tragen solle. Wett die Sinaweise vom vielen Abschreiben enffteilt war, schrieben die Berliner M"siker um die rechte W-Ise nach «alzbura. der Brio? kam an de" erzh-sch slichen Char'nspektor Michael Haydn und der hatte zu allem Glück unter seinen Chorknaben den jüngsten So^m des L-hrers Gruber. Durch diesen Zufall kam ht Brief, in die reckten Haribe. Gruber säuberte die entstellte Welle und klärte den Urspnmg des Lieds auf. Sein w'mdervoll bescheidener «rief ist die Grundlage unseres Willens um das Lied geworden. Auch der fnih verstorbene Dick ter fit so vor 38er* gessenbeit bewahrt geblieben; in unseren Tagen hat er fein Denkmal tu Oberndorf erhalten. , .... .. , , .

Jetzt ist b'cStille Nacht" in protestantisck'en ßanlwrn so verbreitet, wie in katholischen. Ihr Ursprung ist denen, die sie singen, gleichgültig

geworden. Die Urheber wären vergesse», hätte sich die ganze Entwicklung nicht in dem geschichtlich geweckten 19. Jahrhundert vollzogen. So ist ein geistliches Volkslied saft vor unfern Augen entstanden und geradezu ein Schulbeispiel des geistlichen Volkslieds geworden, zugleich doch auch ein wunderschönes Beispiel für den lebendigen Jortwachs der Gattung, für dos gesunde, frische Leben, das gerade im Weihnachtslied uns ent- gegenklingt.

Weihnachten.

Von Johannes Heinrich B r a a ch.

Sei stille, Wunsch, nach Werk und Tat, laß Arbeit Arbeit jein und ruhe.

Zur Stadt gekommen ist der grüne Tann, hat bunte Kugeln, Ketten, Kerzen an, von Türmen schallen Glocken, Glocken klingen, Gesänge rauschen, Orgeln, Lieder singen, Choräle, Lieder, Lieder künden, preisen und jo ob du, ein Mensch aus Stahl und Eisen, das Schicksal niederrangst, zu Wohlstand kamst, ob du vom Leben nichts als Wehmut nahmst, ob du gewonnen oder unterlegen, in diesem Christnachtszauber, Weihnachtsjegen vergißt du Rot und Sorgen, die dir waren,, verbirgst du Last und Kämpfe, die dir sind, und willst nicht mehr bedeuten und erfahren als ein vertrauendes, ein frohes Kind.

Set stille, Wunsch nach Werk und Tat» laß Arbeit Arbeit sein und ruhe.

Jst's doch, als ob aus einer alten Truhe Gestalten fast vergehner Märchen drängen und dich in Liebe hüllten.

Als ob aus taufend Himmeln Sterne sprängen, den grauen Wintertag mit Glanz erfüllten und Lust tote Leid in eine Freude zwängen.

Die Si- Vsfts§gioMEN°

Von Charles Dickens.

(Sortierung.)

Ihr sicht, mein Freund," fuhr der Alderman fort,man spricht ds sie? Unsinn von Mangel und ,Sch!echtgehetst nicht wahr, so nennt mans? Ha ha hak aber ich gedenke, das Geschrei zu widerlegen, 's ist nachgerade Mode Diel' über's Verhungern zu deklamieren; aber ich will der Sache einer. Riegel vorschieben. Gott weiß," fuhr der Alderman gegen seins Freunde fort-man kann solchen Leuten alles legen, wenn man nur weiß, wie man's anzugreifen hat!" v

Trotty ergriff Megs Hand und zog fie durch feinen Arm, ohne eigene sich recht zu wissen, was er tat. ,

Eure Tochter, he?", fragte Alderman, fie vertraulich unter das Sinn ff Stets leutselig gegen dis arbeitende Klaffe der Alderman

Wußte, was ihnen gefiel! Kein bißchen stolz!

Wo ist ihre Mutter?", fragte der würdige Gentleman.

Tot", antwortete Toby. Ihre Mutter verfertigte Wäsche und mürbe in den Himmel abberufen, als Meg auf die Welt kam."

Vermutlich wird sie dort keine Wäsche verfertigens bemerkte der Alderman scherzhast. .

Toby kannte oder wollte fich vielleicht auch nicht seine Frau im Himmel ohne ihre gewöhnliche Beschäftigung vorftellen. Die Frage ist: wenn Frau Alderman Tute argen Himmel gefahren wäre, würde sich Herr Alderman Gute seine Gattin jo vorgestellt haben, daß sie dort Staat macht und eine hohe Stellung einnimmt?

,11 nS. Ihr macht ihr den Hof, he?, fragte Cute den jungen Schmied.

,3a", entgegnete Richard hastig, denn die Frage brannte ihn wie eine Nestel.Und wir werden am Neujahrstag heiraten."

Was sagt Ihr da?", ries Herr Filsr scharf.Heiraten?^

Nun ja, wir denken daran, Herr", versetzte Richard.Ihr seht, wir müssen ein bißchen eilen, für den Fall, daß man uns vielleicht unser Vorhaben ,legen1 würde."

,ÄhI", rief Filer mit einem Stöhnen.Jawohl, Alderman, wenn Ihr dies legen könntet, so würdet Ihr etwas tun. Heiraten! heiraten! t Die Unwissenheit dieser Leute in den ersten Grundsätzen der Stoatsökonomie, ihr Unverstand und ihre Gottlosigkeit sind, beim Himmel, genug- um na, seht mir nur einmal dieses Paar an!

ja, man durfte sie wohl ansehen und das Heiraten schien eins jo vernünftige und billige Handlung zu jein, daß fie es wohl in Betracht ^^.Man kann so alt werden wie Methusalem," sagte Herr Uler,und fich sein ganzes Leben über zum Besten solcher Leute abmuhen; man kann berghoch Zahlen von Tatsachen, Zahlen von Tatsachen und Zahlen von Tatsachen aushäufen, aber vergeblich hasst man, sie zu überzeugen, daß fie keine Befugnis und kein Recht haben, zu heiraten ebensowenig als man sie zu belehren vermag, wie ihnen alle Befugnis abgeht, ge-- hären zu werden Und daß dies der Fall ist, wissen wir recht mshk, da wirs langst zu einer mathernatifchen Gewißheit erhoben haben.

Alderman Cute war ungemein aufgeräumt und legte feinen rechten Zeigefinger an die Seite seiner Rase, als wollte er zu feinen beiden Freunden sagen:Seid nun jo gut, aus mich achtzugeben. Richtet euer Augenmerk auf den praktischen Mann!" Dann rief er Meg heran.

Kommt her, mein Mädchen!", jagte Alderman Cute. Das junge W ihres Liebhabers war in den letzten paar Minuten zornig ausgewallk, und er hatte keine Lust, fie gehen zu lassen. Dennoch tat er fich Zwang an trat, als sich Weg näherte, mit einem großen Schritt vor und stellte