GietzenerZaiiiilieiiblötter
Irhrgang (928
8keitag, den 2\. Dezemder
Nummer (01
Wechnachtsbild.
Von Hc-ns Thyrist.
Dunkelglühnde, volle, sanfte Farve» ...
Schwer gebauschter Faltenwurf des alten Gotischen Gewandes um Gestalte«, Die vor Zeiten lebten, liebten ... ftarbm.
Aus der Lämmerwolke schwingen Engelknaben Zur Mad na selig sich im Kreise,
Die sich mütterlich dem Kinde neigt und leise Lächelnd niedcrschaut auf bunte Liebesgaben, Weihrauchduftende, in Goid getrieben, Huldigung der königlichen Herrn ...
Heber Mutter, Kind und Königen der Stern Der Verkündigung ins tiefe Blau geschrieben.
Weihnachlskeosnde.
Von Nikolaus Gogol.
Eine bisher unbekannt gebliebene, hier zum ersten Male deutsch veröffentlichte Arbeit des großen russischen Dichters. Uebertragung von Alfred M. Balte.
Der arme Sohn der Wüste hatte einen Traum:
Das große mittelländische Meer liegt tveit äusgebreitet zwischen seinen drei glühenden Ufern; dünne Palmen winken von dem einen Gestade, kahl ziehen sich die syrischen Wüsteneien hin, von Wellen zerklüftet ist bas vielbevölkertc Land Europa.
In einer Ecke steht das alte Aegypten an: unberoealichsn Meer. Pyramiden türmen sich nebeneinander. Die Granitblöcke sckrauen mit großen Sphinxaugen um sich: unzählige Stufen führen zu ihnen heran. Boll Hoheit steht Aegypten da, genährt vom großen Nil, mit geheimnisvollen Zeichen und geheiligten Tieren geschmückt; steht unbeweglich, wie ein Verzauberter, wie eine vom Moder unberührte Mttmle.
Das fröhliche Griechenland breitet seine freien Kolonien aus. Aus dem mittelländischen Meer brodelt es von Inseln mit grünen Hainen. Weinstöcke und Feigenbäume grüßen mit ihren grünen Zweigen, und Marmorsäulen, sanft unb weiß, runden sich in der schattigen Dämmerung des Laubes; leidenschaftlich atmen die von einem munderwirkenden Meißel belebten Statuen und bewundern schamhaft ihre eigene herrliche Nacktheit. Mit Reben bekränzt, Stäbe und Schalen in den Händen, stampft das Volk in baechantischem Tanze. Zunge wohlgestaltete Priesterinnen mit flatternden Haaren heften ihre schwarzen Augen verzückt auf die Tänzer. Wie Mücken schwärmen die Schiffe um Rhodos und lassen wollüstig ihre sanft zitternden Wimpel im Winde wehen. Und alles ist unbeweglich, wie in versteinerter Größe.
Umgeben vom Wald seiner Speere steht das eiserne Rom im Glanz des furchtbaren Stahls feiner Schwerter. Steht da, und richtet feine neid° erfüllten Augen auf alles ringsumher. Roms von blauen Adersträhnen durchzogene Hand ist ausgestreckt erhoben zu drohendem Gruß. Allein auch Rom steht unbeweglich wie alle anderen und rührt seine Löwenglieder nicht.
Die Luft des himmlischen Ozeans hängt drückend über dieser Welt. Das große mittelländische Meer beivegt sich nicht. Es ist, als erwarteten die Länder mit angehaltenem Atenr das jüngste Gericht, den Weltuntergang.
Und Aegypten winkt mit feinen dünnen Palmen, und während die Nadeln seiner Obelisken sich ^um Himmel hinaufrecken, beginnt es zu sprechen:
Ihr Bölter, hört mich an! Ich allein bin in das Gel-eimnis des Lebens und in das Geheimnis des Menschen eingedrungen: Alles ist vergänglich!. Die Kunst ist traurig, die Genüsse sind traurig, und noch trauriger' sind Ruhm und Heldentaten. Der Tod allein herrscht über die Welt und die Menschen. Alles frißt der Tod, für den Tod nur lebt alles. Weik, weit ift’s noch bis zu einer Auferstehung. Und wird es denn einst eine Auferstehung geben? — Fort mit den Wünschen und Genüssen. Höher baue deine Pyramiden, armer Mensch, um dein armseliges Dasein wenigstens etwas zu erhöhen."
Sprach die wie der Hirmnel klare und wie der Morgen, wie die Jugend helle Welt der Griechen, und es schien, als vernähme man statt der Worte den Atem eines schönen IüngUngs: „Das Leben ist für das Leben erschaffe». Entwickle dein Leben, and damit auch deine Genüsse. >L>ieh, wie herrlich alles in der Natur ist, wie alles Eintrackt und Harmonie atmet. Alles ist in der Welt zu finden, alles was d'e Götter geben können ist kn ihr, nur lerne es zu finden. Genieße, gottähnUcher tmb
Wer -öeherrsuM der Welt, kröne deine klare Stirn mit dem Laub der Elchen und Lorbeeren. Eile in kunstvoll gelenktem iWagen zu den glänzenden Spielen. Verjage Eigennutz und Gier aus deiner freien und stolzen Seele. Meißel, Palette und Lyra sollen deine Welt beherrschen, und ihre Königin ist die Schönheit. Das Leben ist für das Leben oe- .chafftn und für den Genuß — sei dieses Genusses würdig."
Das eisengepanzerte Rom bewegte den Wald seiner Speere und lieft -eine horch (Stimme vernehmen: „Ich habe den Sinn des Menschenlebens n* kur den Menschen, sie vernichtet ihn in
N selbst. Das Maß der Künste und Genüsse ist für die Seele gering. o*l5 in* ^iWntischen Wollen ist Genuß. Ohne laute Heldentaten ist dos Leben des Menscken und der Völker verächtlich. Nach Ruhm, nach Ruhm allein dürfre, o Mensch. Eile, berauscht vom Klange des Stahls dahirr uukch die Weit auf den Schildern der ruhmreichen Legionen. Hörst dtt, wie sich zu deinen Füßen die ganze Welt sammelt und speerichwingend " ^nen 9taf zufammenelingt? Erfülle alles, was dein Blick zusammen- dem Klang deines siegreichen Namens. Ewig sollst du strebe»: die Well hat keme Grenzen und ohne Grenzen ist das Wollen. Wild und rauh erobere dir die Welt immer weiter und weiter — und du wirst zuletzt den Himmel erobern." .
Doch Rom hielt inne und heftete feinen Adlerblick auf den Osten. Nach Often roanote Griechenland feine von Genüssen feuchlglänzenden herrliche» Augen. Nach Osten sandte Aegypten seinen trüben farblosen Blick
Ein steiniges Land. Ein verachtetes Volk. Die Menschen schmiegen sich an kahle- mge., die nur selten von vertrockneten Feigenbäume» beschattet sind. Hinter einem niedrigen, hinfälligen Zaun steht eine Eselin. Zn der hölzernen Krippe liegt ein Knäbletn. Die jungfräuliche Mutter beugt sich darüber und steht mit tränenerfüllten Augen auf das Kind. Hoch am r-immel steht ein Stern über ihnen, und die ganze Welt erglänzt in wundersamem Licht. '
Das alte mit Hieroglyphen bedeckte Aegypten wurde nachdenklich und neigte seine Pyramiden. Unruhig schaute das herrliche Griechenland drein. Aus seine eisernen Speere senkte Rom die Augen. Das große Asien beugte sein Ohr dem Volke der Hirten zu. Und es beugte kich Ararat, der alte Urahns der Erde.
Weihrrachrstteder.
Von Dr. Alfred Götze,
o. Professor der deutschen Philologie an der Universität Gießen.
Keine Zeit des Jahres war im deutschen Altertum so mit Festen umgeben, wie Weihnachten. Nirgends sind Christentum und Heidentum, Sitte und Kunst untereinander so verschmolzen, nirgends kommen die verschiedenen Bekenntnisse einander so nahe, rote in der trauten Umwelt dieses Festes. Bekannt find die alten Weihnachtsspiele mit ihrer bunten Märchen- ffmmung und ihren? Humor, die den Stoff so völlig in den Bereich der Wirklichkeit ziehen (wie um der Hoheit her Gedanke» ein gesundes Gegengewicht zu geben), und doch wieder so weit von aller Wirllichkcitstreue entfernt, daß z. B. ein hessisches Weihnachtssplel aus unserer Nachbarschaft zum Schluß das eben geborene Christkind mit den andern Kindern um die Krippe herumianzen läßt. Das ist echte Mürchenlust, wie sie kolchc Leute am ehesten ankommt, die den ganzen Tag ernst und schwer gearbeitet haben.
Das Weihnachtslied ist ernsthafter, einheitlicher, getragener in seiner Haltung. Das macht: es ist von Haus aus nicht .für den heiteren Abend und die häusliche Feier des Festes bestimmt, sondern für den feierlichen Gottesdienst und die Kirche. Geistliche Dichtung ist in Deutschland fast ebenso alt, wie die weltliche. Die ehrwürdigsten geistlichen Lieder erklingen als erstes Zeichen dafür, daß das alte Naturvolk beginnt ins eigne Herz hineinzuleuchten, und Worte findet, diesen unermeßlichen Fortschritt der Gesittung künstlerisch zu gestalten. Die Hauptanlässe zu geistlicher Dichtung waren die drei hohen Feste: wir werden bald sehen, wie die Kirche geneigt war, gerade bet diesen Anlässen von der sonst allein aeltenden lateinischen Kirchensprache einmal abzugeben und einen kurzen Auslauf hinüber in die Volkssprache zu gestatten. Am günstigsten ist von alters das Osterftst für die geistliche Dichtung in der Muttersprache gewesen, Es fällt in die Frühlingszeit, in der der Eisstvß geht, auch der Der Herzen, tn der wohl auch auf jedem andern Gebiet die meiste Lyrik geleistet wird, auch heute noch. So ist Ostern von je bevorzugt. Welh- nachtlich bestimmt ist aber doch schon in der ersten Frtihzelt der^deutfchen Lyrik rvenigstens eine deutsche Strophe, sie stammt von dem alten Spiel- mann Spervogel und gehört etwa ins Jahr 1170:
Er ist gewaltig unde stark. Der zu Weihen Nacht geboren ward: Das ist der heilige Krist ...
Lange hat oiese Strophe für das älteste deutsche Weihnachtslied gegolten. Das läßt sich nun bestimmt sticht ausrechlerhalten: alt ist sie gewiß


