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Unterhattungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang;928 ff|---

Dienrlag, den 2\. August

Kummer 67

August,

Inserat von Theodor S t o r m.

Die verehrttchen Jungen, welche Heuer Meine Aepsel uni) Birnen zu stehlen gedenken. Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen Womöglich infowett sich zu beschränken, Daß sie daneben auf den Beeten Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.

Paradiss und Hölle.

Von Erich E b e r m a y e r.

Noch am Morgen war ich ganz unentschlossen; vor dem Hotel in Neapel ging ich in der Sonne auf und ab und erwog, ob das Wetter sich halten würde, und was am besten mit bem Tag anzufangen sei: Vesuv ... Pompeji ... Püstum standen zur Wahl. So, wie man daheim an einem schönen Sonntagmorgen vor dem Haus auf- und abgeht, die stand am Griff des Rades, und nicht recht weiß, ob es bester ist, nach Norden oder nach Süden zu fahren. Aber daheint kommt kein höflicher stotelportier und hilft zum Entschluß wie hier. Er trat näher und brachte einen jungen Menschen mit: Wolfgango Albano, Sohn eines deutschen Universitätsprofessors in Neapel, der bereit war, mich auf den Vesuv zu begleiten, kundig des Weges unb der Sprache. So ent­schließen wir uns schnell. Die schweren Bergstiefel werden heroorgeholt, derLunch" wird eingepackt, und bald trägt uns die ratternde Tram durch die engen Vorstadtstraßen Neapels nach Osten. Wir wollen den ganzen Weg zu Fuß machen und fahren nur ein kurzes Stück an den Berg heran. Er liegt links vor uns, klar, zum ersten Male seit Tagen ohne Wolkenkappe, über ihm steht weiß die Rauchsäule, die aus dem Krater quillt.

Durch Garten steigen wir langsam aufwärts. Nach dem Lärm der wirren Großstadt kommt nun Ruhe und Frieden über mich. Rechts und links des Weges liegen Gärten, weite Gärten; der Weg ist eingefaßt von kleinen, niedrigen, primitiv geschichteten Steinmauern, über die wie silbrig rinnendes Wasser unaufhörlich Eidechsen gleiten. In den Gärten blüht es. Zeilen von rosa blühenden Mandelbäumen steigen am Ab­hang lang, Orangenbäume, schwer tragend unter der Last der Früchte, hangen tief über den schmalen Weg. Diese Vesuvlandschaft soll die frucht­barste Italiens sein; jahraus, jahrein wird hier gesät und geerntet. Ewiger Sammer herrscht in diesem paradiesischen Land. In den Garten arbeiten Bauern, armselige Gestalten, die bettelnd herankommen oder sich als Führer erbieten; sie sind die Herren dieses Paradieses.

Es ist schwül, und der Weg führt steil bergan, langsam fetzt man Schritt vor Schritt, langsam versinkt die Ebene. Ein Bäuerlein lchlreßt sich uns an, nimmt mir, ohne etwas zu sagen, Mantel und Hut vom Arme unb trottet" schweigend voraus. Rur einmal wendet er sich um, breitet beide Arme weit aus, schaut hinunter aufs Meer, .Küste und Land, das in der Mittagssonne glänzt, und sagt:Bella Napoli. Bella, bella Napoli!" Diese Geste und diese Worte werde ich nicht ver- geffen; es war der Stolz des Hausherrn auf seinen herrlichen Besitz, der aus bem armen Schlucker sprach. Bella Napoli! An einem kleinen Weinberghäuschen gibt er Mantel und Hut zurück, bekommt Münze unb entläßt uns mit seinem Segen und der Bitte um einige Zigaretten.

Aus halber Höhe, im Schatten einer steil aufragsnden Zt)preste, wird der Lunch verzehrt. Die ersten Fremden kommen entgegen, deutsche Studenten natürlich, die vor Verirrung warnen und den Weg genau beschreiben. Wie wohl tut es, einmal fünf Stunden lang kein snobtstt- sches müdes Reisepublikum zu sehen! Nun öffnet sich auch nach Suo- vsten der Blick; Pompeji, Sorrent tauchen auf. Es wird kühler, die Tausendmetergrenze ist bald erreicht, und es stergt sich leicht in der dünnen Lust.'

Die Gleise der Cookschen Vesuvbahn, die alle Stunden bte Reijen- ben, während sie in bequemen Sesseln ruhen und Baedeker te;en, an den Kraterrand bringt, dienen uns als Weg. Um zwei liegt der letzte, tz'lfte Anstieg, der eigentliche Kegel, hinter uns. Nun geht es ein «kuck wen, bann öffnet sich auf einmal das Gestein zur Linken: der Krater- ranb des Vesuvs. . ,

Wenn ich ein Dichter wäre, würde ich jetzt eine Schilderung des Arjuvkraters geben, die sich gewaschen hat. Da ich aber ein ehtlicher ^°n ch sein will, muß ich sagen, daß ich nichts, gar nichts !ah, außer liemlich viel gelbweißem Qualm, der greulich stank, ferner einenFührer , der erheblich nach Schnaps roch und mir erkaltete Lavabrocken Mit emgelaffenen 20-Ccntesimi-Stückchen unter großem Stimmenaufwand MN ^fManbot- und endlich einige Engländerinnen in hohen gelbeni st>e- em, die mit langen Hälsen in den Rauch hinuntersahen und mehrmals ingten: «ou, qu, very nice, I like that..

Mein kleiner deutscher Führer beginnt mit den herumlungernden Vesuvführern zu verhandeln, ob einer bereit ist, mich in den Krater hin- unterzuführeil. Man hat keine rechte Lust allerseits, einer würde es wohl tun, aber er verlangt eine Unsumme;molto periculoso", sehr ge­fährlich meint er. Vier Münchener Studenten kommen, und zu fünft gelingt es uns, den Gesellen für 25 Lire zu dingen. Schneller Abschied von meinem kleinen Begleiter, der es vorzieht, Zigaretten rauchend, in der Sonne sitzen zu bleiben, ein mehrmaliges anerkennendesou, no, no ..." der englischen Grazien, dann geht es hinunter in den schwarzgelben Höllenschlund, aus bem alle 30 bis 40 Sekunden bas Krachen einer Explosion, Steingeprassel unb rieselnder Ascheregen ver­lockend heraufklingen. Vorsichtig, zum Teil auf allen Vieren, steigen wir abwärts. Anfangs macht es Freude, Bergsteigerluft erwacht, und muntere Reden begleiten die Arbeit. Der Schwefeldämpf stört zwar etwas, aber ab und zu kommt ein Windstoß, treibt ben Dampf weg, unb man holt tief Atem auf Vorrat. Salb wirb bas Atmen boch ver­dammt schwer. Einer nach dem anderen zückt das Taschentuch, tut zuerst, als müsse er sich schneuzen, hüstelt bann ein paarmal und preßt es schließlich ganz offenkundig fest vor die Nase. Zu sehen ist nichts. Kaum drei Schritte weit ist der Pfad zu erkennen; es wird finsterer und heißer, je tiefer wir kommen. Die Detonationen werden stärker, je mehr wir uns dem Kraterboden nähern. Der Steinregen klingt vertraulich nahe, aber unser Graubart versichert:Nix Stein, nix Asche ..." Plötzlich hört das Kraxeln auf, der Boden wirb eben, verbächtig heiß unb schwarz unb bröckelnd wird es unter den Füßen, sollte dies schon der Krater­boden sein? Schon wird auch der Schwefeldampf dünner, die Sicht

weiter, und, was eben noch Ahnen, wirb zur bewegenben Gewißheit:

Wir stehen auf Lava, auf heißer, eben aus bem Schoße der Erbe

gequollener, nun ertaüenber Lava! Wie ein großes, von schwarzen

Erbschollen wirb aufgewühltes Felb behüt sich ringsum, arenaförmig, vom Kraterranb eingefaßt, der Kraterboben; links im Grauen, Unge­rn ifi en ragt der ewig polternde, zischende, qualmende Zentralkrater auf. Unb ba bie Augen werben irre bicht neben mir zur Rechten ein Schlund, eine Spalte, in der schwarzen Lava, ein Meter breit vielleicht, und aus ihm hervor quillt unb quillt es langsam, unaufhörlich; rot« glühende, flüssige Lava. Wie ein riesiger roter Schlangen- teib mit schwarzen Pünktchen auf der Haut, wälzt sich ber Strom lang­sam, unabänderlich hervor, fließt behäbig ins Breite aus, verrinnt in den Vertiefungen der gestern gequollenen, heute schon zu Stein erkalteten Masse. Welch Schauspiel! Wir Menschlein in der Küche ber Erbe, Zeugen ihres Werdens! Keiner sagt ein Wort; man sieht und schaut, bis ber Plick gebfenbet unb schmerzend abirrt von biefem Spuk ber Zinne.

Wir wandern weiter, wenn dies fiebrige Taumeln von Lavabrocken, dies Gleiten, Rutschen, Kriechen, Wandern genannt werden kann. Die Sohlen brennen, es riecht nach verkohltem Leder, aber keiner achtet darauf. Unmittelbar rechts und links die Schlünde, aus denen der glühende Brei sich herausquetscht, e i n Fehltritt, und man geht wie Zunder in den Flammen auf. Der Dampf wird wieder dichter, bas Atmen schwerer; bas Krachen des Zentralkraters, bas Steingerassel, der Ascheregen, die Sinne werden benommen, aber man steigt weiter, vorwärts; keiner will ber erste sein, ber zur Umkehr rät. Schließlich macht der Führer Halt und eröffnet unter den donnernden Eruptionen und dem Brodeln der Gase seine Tarifverhandlungen. Er meint wohl, jetzt seien wir mürbe genug, um alles zuzugestehen.

" Run geht es rückwärts. Es wird immer schwerer. Die Kräfte lassen nach. Der Dampf und Qualm ist nun so dicht, daß nächtliche Dunkel- beit um uns steht. Ich sehe zufällig, wie ber Führer unsicher zum Himmel" schaut unb ben Kopf schüttelt unbAvanti, avant-! sagt. Auf einmal ein fürchterliches Krachen, prasselnder Steinregen, wir ducken uns einer der Studenten bricht in die Knie und äußert:O Dort, o Gott!"; der Führer beruhigt:Nix Asche, nix Stein", worauf der sich mühsam wieder aufrichtende Herr entgegnet:Bin ausgeruischt, ver- ^"'Nach biesem° Zwischenfall geht es weiter, langsamer als zuerst; beim trotz bes Wettstreits kann keiner mehr so recht Als gar bas Klettern am steilen Kraterranb angeht unb ber Luftbebarf starker, der Schwefel« bnnwf ober nur noch biebter wirb, form mein bic Versuchung luunt mehr bezwingen, sich einfach hinzulegen unb in Gelassenheit die Ohn­macht zu erwarten. Aber man tut es boq> nicht, schleppt sichweiter, klammert sich an Geröll unb Steine, keucht unb stöhnt ganz erbärmlich, ohne sich mehr voreinanber zu schämen, bis endlich es lichter vor ben Auq-M wird und plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, Gestalt^, vor uns stehen, Menschen Stimmen Leben Licht, der Krater« rand die Stelle des Einstiegs! Man begrüßt uns wie Totgeglaubte und erklärt: Während wir im Krater waren, hatte bas Wetter umgeschlagen, Reaen war gekommen. Nebel hatte auf ben Krater gebrückt, und der Schwefelbamps konnte nicht mehr abziehen. Wir Mb alle- ein wemg blNch, beinahe grün im Gesicht, aber guter Dmge und atmen, atmen.