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Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univerfitäts-kLuch- und Steindruckerei. R. Lange, ®'e$e

Dann hob er Zein Töchterchen auf seine Arme und trug sie in sein Ge­mach.Dagmar, mein Kind," sprach er, indem er sie sanft zu Boden ließ, es ist so hell hier heute, und scheint doch keine ~ Himmel!

.--So war nun Dagmar zwischen dem schweigsamen Vater nttb ihrer

säst siebzigjährigen Base und sah nimmer ihresgleichen. Ihre Welt war die düstere 93urg und, wenn Frühling und Sonne kamen, der Garten, der dahinter lag, wo außer ihr dann nichts war als das Summen der Bienen und Hummeln und drüben jenseits des tiefen Sandweges das Rufen der Drosseln aus dem Walde. Der Ritter hatte seit feines Weibes Tod ihn nimmer wieder betreten: denn seitwärts, vorbei an den Wipfeln des Wal­des, schimmerte der graue Fleck des Pestackers. Dagmars Augen aber sahen gern dort hinüber, oder sie saß auf einer Bank, neben der die hohe Pappel ragte, und unter bem Summen und dem Gesang der Vögel sah sie wie einst den Bruder nach dem Sommervogel schießen.

Meist saß sie freilich droben bei der Base in dem Gemache mit den Butzenscheiben; sie nähte und stickte: auch lernte sie lateinische Vokabeln oder schrieb mit der Feder nach, was ihr die Base vorgeschrieben hatte. Da­zwischen kam wohl einmal der Vater, strich sanft über ihr dunkles Haar und ging dann schweigend wieder fort. Als er ihr dabei eines Tages einen Silberreif ums Haupt gelegt hatte, trug sie ihn ferner an jedem Tag.

Später holte die alte Dame auch ihre Schriftrvllen aus der Truhe; und eines Abends, eigener Jugendstunden denkend, griff sie nach Hartmanns von -AueArmen Heinrich" und begann zu lesen, indessen Dagmar mit offenem Munde ihr zu Füßen saß. Wie kristallene Tröpflein fielen die lichten Worte zu ihr nieder: der junge unheilbare sieche Burgherr im Schwabenland hatte auf seinem Vorwerk bei dem Meier sich verborgen; die Menschen sollten nicht sein Elend schauen, aber mit seinen noch immer schönen Augen streifte er einmal traurig seines Wirtes junge Tochter. Da ließ das Herzeleid um ihren Herrn sie nimmer schlafen; und als an einem Tage ein weiser Mei­ster zu dem Herrn sprach:Ich will Euch heilen; aber schaffet eine Jung­frau, die um Euch den Tod erkieset und aus der Brust sich bas lebendige Herz will schneiden lassen!" da, während der Herr und ihre Eltern sich ent­setzten, rief das Kind:Die Jungfrau bin ich! Nehmt nur das Messer, daß mein Herr genese!"

Ein schwerer Seufzer rang sich aus Dagmars Brust; sie griff nach ihrer Base Hand, als müsse sie den Strom der Dichtung hemmen. Dann aber brach ein so erhaben Leuchten aus des Kindes Augen, daß die Base die Schriftrolle hinwarf und sie mit Hast in ihre Arme zog:Kind, Kind! Ich glaub fürwahr, du wärst zu solchem auch imstande!"

Ja, Bas' War das die Minne?"

O Kind, Gott behüt dich vor der Minne!" Und die Base packte er­schreckt das Schriftwerk an die Seite.

So war Dagmar fast sechzehn Jahre geworden, und noch immer war sie zarteren Leibes, als sonst die Menschen sind. Da sie eines Tages eine Handvoll weißer Anemonen dem Baier in einen Krug ordnete, sah er ihr zu wie eittem Wunder:Du bist wie deine Mutter," sprach er dann;mein Baier, als ich zuerst die Braut ihm zuführte, weigerte mir lächelnd seinen Segen; die sei der Elbinnen eine und würd' nicht bei mir bleiben!" Und als er das gesagt hatte, riß er heftig das Kind an seine Brust.

Einer, der sie noch selber sah, soll einst geäußert haben, ihr Körper sei gewesen, als habe ihre anima candida ihn selber sich geschaffen.

trieben werde:Der König will es," war seine einzige Antwort, wenn sie dagegen über des Volkes Unmacht klagten. Warfen dann die Sinnen sich ihm selber in den Weg, so wandte er schweigend ihnen den Rücken und schritt davon, bis der Schrei des Elends hinter ihm verhallt war.

Da eines Herbsttages, als schon der Duft des gefallenen Laubes durch das offene Tor der unteren großen Halle wehte, war ein Weib hier eingedrungen, als eben der Ritter in das Freie treten wollte. Sie war eine Witwe, tief verschuldet, und um Verschweigung zweier Rinder schwer gebüßt worden. Da sie unversehens ihm in den Weg trat,

herrschte er sie an:Was willst du? Geh mir aus dem Wege!" Das Weib erschrak; sie vermochte nicht zu antworten, aber

Augenlider öffneten sich weit, als gebe sie dem zornigen Blick Mannes ihre Seele preis.Erbarmen!" lispelte sie kaum hörbar warf sich aus die Fliesen nieder.

Der Ritter wollte an ihr vorüberschreiten, aber der Aufschrei einer Kinderstimme machte ihn stille stehen. Als er sich umblickte, sah er sein Kind; sie stand mit einem Fuß noch auf der letzten Stufe der aus dem Treppenturm herabführenden Stiege; die schmalen Händchen, die unter dem schwarzen Aermelsaum des weißen Kleides hervorsahen, hingen schlaff herab; ihre dunklen Augen blickten erschreckt zu ihm hinüber.

Du bist es, Dagmar?" sprach er; er hatte vielleicht in Jahresfrist kein Wort an sie verloren. Sie aber, da sie seine Stimme hörte, war an seinen Hals geflogen und drückte weinend den Kopf an seine Brust.

Der starke Mann bebte und frug mild:Was willst du denn, mein Kind?"

Da sprach auch sie, doch ohne aufzusehen:Erbarmen, Baier!"

Er aber hob die Faust gen Simmet und rief:Fand ich Erbarmen? Die Hände hab ich im Gebet Zerrungen! Gott schwieg, und so tu ich's auch."

Da hob das kleine dunkle Haupt sich zu ihm auf, und aus den Kinder­augen drang so gramvoll süße Bitte, daß er verstummte und den zarten Leib, als müsse er ihn zermalmen, mit beiden Armen an sich preßte:Mein Kind!... Du lebst!... Du lebst!" Und seine Augen tranken den Jugend­glanz der ihren.O, doch ein Glück auf Erden Gott sei mir gnädig!"

Das arme Weib lag noch auf ihren Knien und hatte wortlos diesem Vorgang zugeschaut; jetzt streckte eine Hand sich gegen sie:Bist du noch hier, Weib?"

Ja, Herr!" Und ihre Stimme bebte in Erwartung.

So gehe heim! Die Buße, ich zahle sie für dich!" Und noch ein­mal, da sie schon hinausgeschritten war, rief er sie an:Was ist dein Name, Weib?" und als sie es ihm gesagt hatte, sprach er:Sv gehe heim, Trin Harders, und herze deine Kinder! Du sähest, unser Gott hat auch mit seinem armen Knechte wiederum Erbarmen."

Flitterwochen, in denen die Jungfrau sanft zum Weibe reift, hatte« auf Dorning nicht gegeben; die gehörten dem Toten, der mit zerhauenem Schädel in der Grube lag. Statt dessen war die Leidenschaft des Weibes- doch nur in den Stunden der Minne war Frau Wulfhild ihrem Manne untertan; zu anderer Zeit war ihr eigener Wille schwer zu beugen. Ux kampfgerüstet ging sie schon in der ersten Woche zwischen Gewappneten über alle Teile der Feste; bann schritt sie zu ihrem Eheherrn:Traust du dem Atterdag?" Ich nicht!" und verlangte hier ein Tor ober Fallgitter, bort einen weiteren Graben.

In manchem tat er ihr beu Willen, in anderem blieb er hart und sprach dagegen:Meinem Vater ist's so recht gewesen! Nimm deine Kunkel und sorg für Kinderhemde!" Dann ward sie zornig, und es gab üble Worte: kam es, daß es auch ihm wie Funken aus den Augen sprühte, bann konnte sie sich jäh in seine Arme werfen:Halt, Rolf! Du bist zu schön! Da M bu mich; ich will nichts mehr!"

Dann warb wohl Friebe; aber bem Ritter würbe nicht warm in feinet Ehe; es schien, als sei bie Freude ihm verlorengegangen.

Es war zu Nachmittag im Anfang Juni, und die Luft war lieb, lich; stundenlang waren Frau Wulfhild und ihr Ehegemahl durch ihr Gebiet geritten; aber für ihn war es kein leichter Ritt, denn ihre raschen Augen flogen weit umher, und unter ihrer gewölbten Stirn arbeitete es dabei von neuen Plänen: wo Wald war, wollte sie Ackerfeld, und wo das Feld zu dürr schien, da wollte sie Kiefern- ober Tannenwälber.Wir müssen Schatten säen!" rief sie, ba sie eben in einen Walbbezir! tjineinritten; fühl nur, wie wohl bas tut! Der Pfad war so schmal, daß bie Pferde nut einzeln schreiten konnten; sie ritt voran, ber Schreiber Gasparb, beu sie Berater mitgenommen hatte, war ber letzte. Das Klopsen ber Spechte ober unsichtbar über ihnen ber Schrei eines Raubvogels tvar außer bem Tritt ber eigenen Rosse alles, was sie hörten; unb über Mann unb Weib tarnen die Gedanken, die nicht laut werden; aber ihre Wege gingen nicht zusammen, I

Der Wald hörte auf, und sie ritten aus dem beklommenen Bodenduch wieder in das Freie. Am Westhimmel war schon ein sanftes Not erglonv men; das Geißblatt, das voll Blüten an den Wällen hing, erfüllte bie Luft mit Wohlgeruch, daß sie wie in ein wollüstig Meer von Duft hineiu- zogen. Rolf blickte nach seinem Weibe, das jetzt ein Stütz zurückgeblieben war; dann wandte er wiederum den Kopf und sah ins Abendrot; da sprengte sie plötzlich an seine Seite unb drängte ihren Schimmel hart an seinen Hengst; als aber Rolf die Schwere ihres Hauptes an seiner Brust fühlte, fuhr ein Sporenstich dem Hengste in die Weichen, daß er mit einem Ens zur Seite sprang.Verzeih, Wulfhild!" rief der junge Reiter, indem er das Tier zusammenbrückte,der Hengst ist Menschenminne nicht gewohnt!' Das Weib ritt wieder zu ihm und faßte mit ihrem kräftigen Arm um seine Hüfte, mit ihren funkelnden Augen nach bett seinen suchend»; vor ihm ab et stieg bie zierliche Gestalt eines böhmischen Schätzchens auf, deren Lippen er einst gestreift unb bas er kaum vergessen hatte, unb grollend» sprach er zn sich selber:Die bu freitest, ist kein Weib zum Minnen; unb wenn nicht dazu, wozu denn anders?"

Hinter ihnen ritt schweigend Gaspard bet Rabe; er sah mit seiner Schnabelnase schief -zur Erben unb spielte mit ber Kugel seiner Mütze, ob er an einer Schellenkappe läutete.

Die Pferbe gingen jetzt ruhig, unb wieder nordwärts lag ein Wald vor ihnen. Das Dunkel kam nicht nur von seinen Schatten; die Dämmerung war stark herabgesunken, und im Osten begann ber Mond» beit letzten Tag« schein zu besiegen. Da fuhr eS vor ihnen von einer schwarzen Tanne mit einem Satz zu Boden, daß Rolf Lembeck sich jäh ans seinen Träumen auf* hob.Hatto! Was tvar das, Gaspard?" rief er unb riß seine zierliche Armbrust von dem Rücken.

Eine Wildkatz, Herr! Seht nur, am Stamme sitzt sie noch, der Breit­schwanz, und faucht Euch mit ihren spitzen Zähnen an!"

Ein edel und ein Übel Wild!" sprach der Ritter leis unb sprang von seinem Hengste.Nimm ihn am Zügel, Gasparb I"

Frau Wulfhild griff nach seiner Hand:Laß doch die Katze! Daheim isi besserer Zeitvertreib!"

Es trieb ihn dennoch fort:Reitet nur heim!" rief er;ich komme such genug!" Damit entriß er seine Hand der ihren.

Als aber die Dame, rot vor Zorn, beit Weg nach Dorning eingeschlagen hatte, sprengte Gasparb mit beu beiden Rossen ihr zur Seite:©reifen Euch nicht, edle Herrin! Die Wildkatz ist nächtens nicht zu jagen: lasset den Ritter daheim ein edler Wild im Lager finden!"

--Sie ritten fort. Rolf Lembeck aber drang in den dunklen Walo, aus beit Tannen kam er in beu Buchensorst; er staub an jedem stark" Baum unb lugte nach allen Aesten, ob nicht bie Lichter des Raiwtiett- irgenbwo herunterfmikelten, aber über ihm war jo schwere Waldnacht, Ml nur wie Tropfen das Mondttcht hier und da hindurchfiel; zu hören mr nichts als nur daS Knicken des Unterholzes, das er durchschritt, auch das Zirpen einer Eulenbrut. Er blieb stehen und warf die Armbrust wieder auf den Rücken:Dtr warst ein Narr; hier ist kein Jagen in der FiM>- nis!" Seine Gedanken flogen heim zu seinem Weibe; doch er schüttelte m Kopf:Nein, nein, Frau Wulfhild" er sprach es laut in die einsam Nacht hinauseine Schlachtjungfrau wärst du wohl eher; und hat au? schon ein wundgehauener toter Mann an deinem Leib gehangen V ,

Fast erschrak er über bie eigenen Worte, die bie Stille um ihn her du i brachen; aber er kehrte nicht um, er schritt weiter auf seinem iiäcWky Sirregang. Da, von unweit vor ihm, drang es an sein Ohr, jo M wollte es alle Sehnsucht wecken, die in ihm schlief.O Nachtigall, y 9 j Singerin!" rief er, seine Arme in das Dunkel streckend.

Schon flog der Mai

Vorbei, vorbei, Unb brachte nicht, was minnewert! Willst du sie künden, Soll ich sie finden, Die Frane, die mein Herz begehrt?"

Bald stand er, bald ging er vorsichtig weiter, und immer nur dem nach.Was Hütt' ich bessere Führerin I" sprach er zu sich selber.

(Fortsetzung folgt.) ________--

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