Ausgabe 
21.2.1928
 
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Verantwortlich: vr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche Llniversitäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehen.

in aller Form zu begehren. Rechtzeitig gewarnt, verschwand Saint. Germain. Freilich, um bald daraus in Brüssel wieder auszutauchen.

Mit politischen Gaunereien zu schwindeln gab er auf, aber dennoch versprach er sich von den reichen Niederlanden Ersprießliches, wenn er nur den Gimpel sände. der ihm in die Schlingen ginge, die er mit seinen Geheimmitteln so kunstvoll legte. In Graf Karl Cobenzl, dem bevollmächtigten kaiserlichen Minister der österreichischen Biederlande fand er ihn. Diesem gesellte sich als zweites Opfer die Inhaberin eines großen Brüsseler Handelshauses Madame Bettine hinzu, die ihre guten Goldgulden an den alchimistischen Grasen loS wurde. Vergebens warnte Kaunitz, dem Graf Cobenzl begeistert von den für die Erblande unbezahlbaren Künsten des vagierenden Grafen dienstlich berichtete. Saint-Germain hatte dem Grafen ein geheimes Verfahren zur Her­stellung von Farben angeboten, und die Berichte Cobenzls nach Wien wurden immer begeisterter. Kaunitz blieb ungläubig. Aber als schließ- lich der Erfolg da war. der für Saint-Germain nämlich, und 200 000 Gulden, für die die Staatskasse der Madame Bettine haften^ sollte, für die Errichtung einer Manufaktur zur Herstellung der gräflichen Geheimmittel vertan waren, wurden die Rapporte Cobenzls immer Neinlauter. _

Als Graf Cobenzl bis in die Knochen vor aller Welt und der Hof­burg blamiert war, hielt es der abenteuernde Graf an der Zeit, die Grenze der österreichischen Biederlande hinter sich zu bringen. Lind da es mit dem anscheinend so soliden Geschäft einer Tuchfärberei und Farbenfabrik nichts war, so warf er sich wieder auf das Reinigen von Edelsteinen. Als Opfer für diese Künste ersah er sich zuerst den Mark- grafen Alexander von Ansbach. 3m Jahre 1774 erschien Saint- Germain unter der Maske eines russischen Offiziers, der die von Petersburg über Deutschland gehende und für die russische Flotte im Aegäischen Meer bestimmte Post besorgen sollte, in Schwabach.

Sehr geschickt der Markgraf war nicht dumm verstand es der Graf Tzarogy. wie sich der angebliche russische Offizier nannte, in halben Andeutungen von wichtigen Geheimnissen zu sprechen, die er dem Fürsten als einen kleinen Dank für die freundliche Ausnahme im Ansbachischen mitteilen wolle. Eine Handvoll Steine, die wie kostbare Diamanten aussahen, taten ein übriges. Und in Kürze hatte Saint- Germain wieder einmal sein Laboratorium. Diesmal im Sommerschloh Triesdorf. Mit der Erzeugung von allerlei wertlosem Zeug, von schlechtem Leder, gefärbter Seide, von Tüchern und Farben vertat er das w.arkoräfliche Geld. Dabei sprach er von noch wichtigeren Geheim­nissen. etwa vom Goldmachen und vom Lebenselixier, dadurch die Beu- gierde und Aufmerksam des Markgrafen immer von neuem er- weckend. Vielleicht stiegen den Menschen dieses kleinen Hofes auch manchmal Bedenken auf. Aber sie verflogen, als der Seeheld Gras Alexei Orloff, der Türkensieger, durch Nürnberg fuhr und den Grafen Tzarogy durch einen besonderen Kurier zu sich rief. 3n Begleitung des Markgrafen, der den alten Helden sehen wollte, reiste Saint-Germam in russischer Generalsunifvrm nach Bürnberg und wurde dort von Orloff wie ein lieber alter Freund begrüßt. Man kann nur annehmen, daß der Graf Alexei Orloff, der damals durch Bürnberg fuhr, und das Generalspatent, das er Saint-Germain überbrachte und dem seltsamer­weise der Namenszug der Zarin fehlte, ebenso echt waren wie der Graf Tzaroah, also zwei Hochstapler den guten Ausbacher Markgrafen beschwindeltem Lind es wäre eine Weile in Schloß Triesdorf alles in Frieden und Eintracht weiter gegangen, hätte sich der Ansbacher mcht auf eine italienische Reise begeben. .

3n Beapel war es, wo er erfuhr, daß er niemand anderem m die Hände gefallen sei als dem berüchtigten Grafen Saint-Germain. Der Fürst, tiefgekränkt über das Spiel, das der Abenteurer mit ihm ge­trieben, brachte es doch nicht übers Herz, ihm die Türe zu weisen Aber Saint-Germain ging. Er wandte sich nach Leipzig und Dresden und bot ohne Ersvlg seine Dienste dem sächsischen und preußischen Hvs an. 3n Dresden trug sich jene lustige Geschichte zu. die ein Beweis dafür ist, wie immer noch Leute glaubteir, der Graf wäre toinlicp 3ahrhunderte oder gar 3ahrtausende alt. 3n Dresden wurde der Kunscher, der in seinen Diensten stand, einmal gefragt, ob es beim wahr wäre, daß sein Herr vierhundert Jahre alt sei. Da antwortete der Witzbold, er wisse das nicht so genau, aber während der hundert- unddreißig 3ahre, die er ihm nun schon diene, habe der Gras immer so ausgesehen, wie heute.

Schließlich kam Saint-Germain im Jahre 1779 nach Schleswig. Mit einiger Mühe gelang es ihm, der nun der Ruhe schon sehr bedurfte, sich unter den Schutz des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel zu stelten, der dänischer Statthalter der Herzogtümer Schleswig und Holstein war, und zeit seines Lebens der Alchemie und aller mystischen Gaukelei unheilbar ergeben war. 3n Eckernförde an der Ostseebucht gleichen Bamens, wo ihm der Landgraf eine leerstehende Fayancefabru kaufte, sollte Saint-Germainsche Manufaktur zum dritten Male fröhliche Llrständ feiern. Es kam nicht mehr dazu. 3n einem von Weerrauschen und einer einfachen Batur umwehten 3dyll ging sein bewegtes Leven versönlich zu Ende. Trotz seines Lebenselixiers starb der große Vaga­bund vermutlich in seinem sechsundachtzigsten 3ahr. Richt ohne seinen letzten Gönner noch auf eine unschuldige Art beschwindelt zu Hadem Als er ihn nämlich das letztemal sah, und wohl fühlen mochte, vay seine Tage sich neigten, sagte er dem Landgrafen, er werde nach seinem Tode ein versiegeltes Bittet finden, das alles Geheimnis aufkiaren solle, das ihn, den Grafen Saint-Germain, umgebe. Natürlich suwn der Landgraf, dem Saint-Germain angedeutet hatte, daß er eigentlich der letzte Fürst Rakoczy sei, nach dem Tode des Alten das Bill« vergebens. Aber dennoch glaubte er weiter an ihn und blteb nm seinem Glauben nicht allein. 6

3a selbst ein so mächtiger Verstand wie der Friedrichs des Großen spricht von diesem Abenteurer als eine rätselvolle Erscheinung, uver deren Wesen man nie ins klare gekommen sei.

Der tausendjährige Graf. I

®ln Schelmenleben aus dem Rokoko.

Von Alfons v. Czibulka.

An einem Winterabend des 3ahres 1757 sah in einem adeligen Hause zu Paris der entzückendste Lump aller Zeiten bei einem Souper ä quatre. Es war ein wunderlicher Abend. Denn die beiden Damen, in deren Gesellschaft sich Herr Casanova so gut amüsierte, daß er darüber dem vortrefflichen Souper Bescheid zu tun vergaß, waren keineswegs mehr jung. 3a. es konnte vielmehr ein Blinder sehen, dah diesmal nicht volle, weiche Schultern und rosige Gesichter Don 3uan den Andern zu diesem Feste verlockt hatten. Lind es wäre unbegreiflich geblieben, warum der junge Casanova bei diesen Ma­tronen seine kostbare Zeit verschwendete, wäre nicht ihm gegenüber hinter den blitzenden Gläsern und kristallenen Flaschen, vom Lichte der Kerzen umflackert, ein Zeitgenosse Christi gesessen. Ein Bekannter des Kaisers Tiberius auch und ein Duzfreund Seiner Exzellenz des kaiserlich-römischen Statthalters Pontius Pilatus, dem bei seinem vielberufenen Händewaschen zugesehen zu haben, er sich rühmte. Dabei sah dieser neuerstandene Methusalem gar nicht so unwahr­scheinlich alt aus und schien seine achtzehn hundert 3ahre mit Anstand und recht aufrecht zu tragen. 3a, er sprühte nur so von Witz und Lebendigkeit, erzählte aus feinem Leben, in dem er ja einiges erlebt haben mochte, und sprach von Christus und Tiberius, von König Fraiiz I von Frankreich und vom Konzil von Trient, wo er Anno 1549 mit den Eminenzen gespeist hätte, wie heute mit der Marquise und der Komtesse und mit Herrn Casanova, wenn er den Namen richtig verstandmi. ,

Mit offenem Munde, soweit ihrn dies als Weltmann passieren konnte, horchte Casanova auf die sprudelnde Rede und vergaß das Essen, so köstliche Dinge es gab. Dis er für einen Augenblick zwin­kernd das linke Auge schloß, und ein spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte. Einen Augenblick nur, dann hörte er zu wie bisher. Doch nun begann er zu essen. Denn er hatte verstanden. Lind was ihm auf einmal noch weit mehr als das Alter seines kuriosen Gegen- übers imponierte, war, daß er begriff, day ihm hier ein noch viel größerer Filou gegenüber saß als er selbst einer war

Woher dieser rätselhafte Mann stammte, dessen Leben die Zeit vergessen zu haben schien, und der nun schon an. die achtzehn 3ahr- hunderte vergnügt durch das alte Europa spazierte, wußte niemand zu sagen Als einen Grafen von Saint-Germain kannte ihn alle Welt, doch wie er wirklich hieß, hat niemand erfahren. Streiten sich auch nicht sieben Städte um die Ehre seiner Geburt, so ist dennoch die Frage seiner Herkunft nicht zu löseii. Nicht leichter als dre seines Alters, von dem trotz aller Forschung nichts sichereres zu sagen ist, als daß er vermutlich um ein beträchtliches später als Christus geboren wurde. Daß alle Menschen, die über seine Abstammung hätten aus­sagen können, längst gestorben waren, war ein Glück oder auch cm Llnglück, je nachdem man die Sache vom Standpunkt der Forschenden oder von dem dieses famosen Abenteuerers ansieht. Daß er em solcher war, ist so ziemlich das einzige, was einem Zweifel nicht unterliegt. Denn er hat alle Welt düpiert und war in der Heerschar der Adepten. Goldmacher. Erfinder, Abenteuerer und genialen Lum­pen, die sich durch das 3ahrhundert des Rokoko liebten und schwin­delten, einer der berühmtesten. .

Nachdem er da und dort schon von sich hatte reden machen tauchte er um 1755 in Paris auf. Durch seine märchenhaften Schatze an Edelsteinen und Diamanten - ihre Echtheit hat niemand geprüft und durch seine noch märchenhafteren Erzählungen wurde er rasch das Tagesgespräch der Pariser. Er verstand es so meisterlich und anschaulich von den entferntesten Zeiten, Ereignissen und Menschen zu schwätzen, dah die abgebrühte Pariser Gesellschaft vor Verwunde­rung die Mäuler aufriß und willig nach der Erklärung schnappte, dah er eben das Lebenselixier besitze. Bald auch verschaffte er sich den Zutritt zum König. r _. vv

Mehr noch als für das Lebenselixier interessierte sich Ludwig XV. für das angebliche Geheimmittel, das Saint-Germain besah, um Edelsteine von Fehlern und Flecken zu reinigen. Natürlich war dieses Mittel ebenso ein Schwindel wie sein berühmtes Elixier. Doch er erbrachte den Beweis für die Wahrheit seiner Behauptung. Als der König ihm nämlich eines Tages einen Diamanten zeigte und ihm sagte, er werde auf sechstausend Franken geschätzt, wäre aber zehntausend wert, wenn er fleckenlos wäre, verneigte sich Samt- Germain und versprach, den Diamanten nach einem Monat von seinen Flecken gereinigt wiederzubringen. Und als der Abenteuerer den Edelstein zurückgab, wog dieser genau soviel als zuvor, war aber tadellos rein und wurde von einem 3utoelier auf zehntausend Franken geschätzt. Der König war entzückt. Doch ist anzunehmen, dah Saint-Germain in Anbetracht seiner Pläne viertausend Franken darauf verweiidet hatte, den Stein gegen einen ähnlichen und wert­volleren umzutauschen. . .

Aber noch größer war das Aufsehen, als er bald darauf, hinter dem Rücken des allmächtigen Choiseul vom König entsandt, mit der hochpolitischen Mission in Haag erschien, um einen Sonder­frieden mit England zu schließeii und die Allianz mit Oesterreich zu lösen. Es schien unerhört, was da geschah. Ein Abenteurer griff in die kunstvoll, geknüpfte Politik so gewaltiger Staatsmänner und Monarchen, wie Choiseuls, Pitts, Kaunitzens, Friedrichs und Maria Theresias. Als eine gewichtige Persönlichkeit ging er im Hause des französischen Botschafters im Haag aus und ein. Die Herrlichkeit war von kurzer Dauer. Kaurn erfuhr Choiseul von dem Auftauchen des Saint-Germains in der Niederlanden, so befahl er seinem Botschafter, demAbenteurer und Halunken von einem falschen Grafen" das Handwerk zu legen, und dessen Auslieferung von den Generalstaaten