Ausgabe 
21.2.1928
 
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diesmal den stummen Hofstaat, die Herrschaft führte unbestritten Seine Majestät das Kind- Ihn, huldigten willig die, die sonst selbst nur Huldi­gungen zu empfangen gewohnt waren. .

Die Räume des ganzen Palastes waren so umgestaltet, daß die >ugenb- licken Gäste von Ueberraschungen zu Ueberraschungen geführt wurden, liier harrten ihrer die wundersamen Kunststücke eines Escamoteurs, dort vertrieb ihnen die Zauberwelt der chinesischen Schatten, der Laterna manica die Zeit, bis eine entzückende Kinderquadrille die Freuden des Tames'eröfsnete. Und über all diesen kleinen Wesen, die die verschiedensten Gestalten aus allen Himmelsgegenden und allen Zeiten verkörperten, vulliae Ritter und Türken, stolze Polen und graziöse Neapolitaner, zierliche Rokokodamen und gravitätische Kavaliere, über allen schwebte der Zauber beglückender Kinderanmut und strahlenden Kinderglücks. Aber schon regte tick auch unter diesen scheinbar so engelgleichen, winzigen Geschöpfen der Dämon des Stolzes und der Ueberheblichkeit: ein Pärchen war miteinander in lärmende Fehde geraten, weil eine kleine selbstbewußte Hoheit sich durch die Zuteilung eines ihr unwillkommenen Partners von niedrigerem Range in'ihrer Ehre gekränkt fühlte, und es bedurfte aller diplomatischen Perhandlungskünste, die auf dem Wiener Kongreß geübt wurden, um den Streitfall mit einem Versöhnungskuß zu erledigen.

Die Ankunft der Tiroler Sänger, die damals eben ihre ersten Triumphe in Wien und dann in halb Europa gefeiert hatten, brachten der endlich ausruhenden, tanzmüden Schar angenehme Unterhaltung. Und Abwechslung folgte auf Abwechslung bei diesem Kinderball im Märchenwunderland: die Tür eines bis dahin geheimnisvoll verschlossenen-Saales öffnete sich plötzlich, und vor hundert brennenden Kinderaugen schimmerte em riesiger Baum mit vergoldeten Zweigen, über und über mit lockendem Spielzeug behangen, das bei einer Lotterie verlost wurde. Daß auch eine Festtafel, bedeckt mit allem, was ein Kinderherz und mehr noch ein Kindermagen ersehnt, nicht fehlte, war keiner der geringsten Genüsse dieses Kinderfestes in des Wortes höchster Bedeutung.

Und endlich, ehe die kleine Schar von der Statte der Freude scheiden mußte, um dem schon lange hinausgezögertcm Schlaf sein Recht cmzu- räumen, vereinte sie sich noch einmal zu dem Tanz, der uns heute als Die reinste Inkarnation des Zaubers und der bestrickenden Anmut ,ener Epoche erscheint: zu einem Walzer.Dieses Durcheinanderschwirren der vom Wirbel des Tanzes hingerissenen Kinderköpschen, ihre Schreie, ihr Frohsinn, ihre Lebhaftigkeit klingen zusammen zu einem berückenden Eindruck. So schildert der Chronist des Wiener Kongresses, Lagarde dieses, wenn auch nicht glanzvollste, so doch liebreizendste Fest jener festfrohen Zeit, die so anmutsvoll mit dem Kinde Kind zu sein verstand.

Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts blieb die Freude an Kinder- bällen ungetrübt lebendig. Dann aber machte sich, besonders von Erziehern und Aerzten ausgehend, ein starker Widerspruch geltend, dem Riehl mit den Worten Ausdruck verlieh, die Kinderbälle erinnerten ihn an niederdeutsche Darstellungen des Kindertotentanzes.

Hier Verkörperung der höchsten, lebensbejahenden Iugendluft, dort Synibol des frühen Todesweges und weiter zieht der Reigen tanzender, jauchzender Kinderscharen durch die Jahrhunderte.

Ein Fa chrngsfssl am Wüstenrand.

Von Fritz Löwe.

Zehn Minuten Autofahrt von Kairo entfernt liegt, wie der Phönix aus der Asche neck erstanden, Heliopolis, das die alten Aegypter der «onne geweiht hatten. Mein Auto durchfährt die breite Hauptaoenue dieses Neu- Kairo. Auf beiden Seiten des Weges erheben sich stolze Villen im mau­rischen Stil, verträumte Chalets, umgeben von herrlichen Gärten, präch­tige arabische Paläste.

Plötzlich steigt am Rande der Wüste, inmitten lachender Oasengarren das Heliopolis-Palace-Hotel auf. Wie ein Feen palast wirkt dieser in rein arabischem Stil« errichtete, einer Moschee gleichende Prachtbau. Die ganze Front schwimmt in einem Meer von Licht. Um Erker und Balkons ziehen sich feurige Guirlanden. Ich bin zur richtigen Zeit angelangt. Die nor­met) me Gesellschaft Kairos feiert heut« hier das erste große Maskenfest. Motto:Märchen aus Tausend und einer Nacht."

Die Fenster meines Zimmers blicken auf herrliche Rosen- und Palmengärten. Hvchgewachsene Araber und schlank« Nubier in farbigen Trachten, safranroten Schuhen und weißen Turbanen, lesen mir jeden Wunsch vom Auge ab. Ein erquickendes Bad fpült all« Strapazen der Wüstenreife fort. Mit der festlichen Kleidung hat man auch einen neuen, fröhlichen Menschen angezogen.

Dann sitze ich auf der in Blumen prangenden Hotelterrasie. Rosen und Glyzinen schlingen sich um die Geländer. Palmen neigen chre rauschend« Schönheit über Myrthensträucher und wuchernden Lor- beer. Weiße und rosenrote Blütenschleier umwallen di« breite, mit aus­erlesenen Teppichen belegte Freitreppe. 2tus lichtem Grün leuchten Drangen. Die Natur selbst hat sich in ihr schönstes Festgewand gehüllt.

Der weite Platz vor dem Hotel ist durch hohe Kandelaber tageshell «leuchtet. Aegyptische Gendarmen in kleidsamen Uniformen reiten auf tänzelnden arabischen Rappen ordnend hin und her. Eine Schar von Dienern in roten und blauen Burnussen und scharlachfarbenen Turbanen hat auf der Freitreppe Aufftellung genommen. Zu Taufenden kommen Oie Gäste aus Kairo und den umliegenden Dillenkolonien Heliopolis und Helouan. Auto auf Auto fährt vor. Jugend und Schönheit, gehüllt in duftiges Spitzengeriefel entsteigt ihn«n. Heber einen Teppich aus roten Blüten trippeln entzückende kleine Füßchen. Unter buntfarbigen Abend­mänteln, auserwählten Pelzen leuchten Frühlingsgedicht« von Toiletten. Hinter schwarzen, roten und weißen Masken funkeln erwartungsvolle Frauenaugen.

Di« riesige Empfangshalle ist in Licht getaucht. Am Eingang derselben pnd zwei Reihen Cavassen in farbigen Burnussen als Ehrenwache auf» gestellt. Heber den purpurroten Teppich strömt der Karnevalszug, in den von orientalischen Lampen erleuchteten Ballsaal. Die wundervolle, mit hohen, marmornen Säulen geschmückte Halle ist von einer 55 Meter hohen Kuppel überwölbt. Bis in schwindelnde Höhen recken sich pfeilertragende

Galerien, übersät mit glitzernden Rosetten und Arabesken. Sie scheinst von Zauberhünden gehalten, in der Lust zu schweben. Bis zur Spitze der Kuppel hinauf erstrahlt der weite Raum von tausend farbigen Lichtern Girlanden von roten und grünen Lämpchen umkränzen den Saal. In buntem Edelsteinglanz leuchten die hohen Fenster.

Auf der Mittelgaleri« entwickelt sich faszinierendes, orientalisches Leben. Dort haben die Damen der vornehmen Welt Kairos ihr Haupt», quartier aufgeschlagen. Die langen, weißen und schwarzen duriWchügm Schleier verbergen sie nicht ganz. Man sieht bildhübsche Erscheinung«« mit seingeschnittenen Profilen und blitzenden feurigen Augen. Mit großem Interesse betrachten sie die sich unter ihnen ab rollenden bunten Bilder.

Ein tolles Maskentreiben hat eingesetzt. Heber die mit schwellenden Teppichen und bunten Bronzelampen geschmückten Treppen flutet ein endloser Karnevalszug. Die Nebensäle erstrahlen in rotem Lichte. Beim Klange wilder Zigeunerlieder drehen sich anmutige russische Tänzerinnen in leidenschaftlichem Tanz. Trommeln, Pauken und Kessel wirbeln. Ara­bische Tänzerinnen winden sich wie Schlangen. Bauchtanz ist Trumpft Alte und junge, dünne und dicke Bajaderen zeigen ihre verführerischen Künste. Schrilles Pfeifengekreisch und tolles Händeklatschen treibt sie zu immer wilderen Körperverrenkungen an. Bunter Konfetti-Schnee wirbelt in dichten Flocken aus der Höhe.

Ein schmetterndes Hornfignal. Im großen Kuppelsaal treten Tausend« von Paaren zum Tanzspiel an. Auf dem Parkett find Zahlen einge­zeichnet. Die auf einem Riesenrad« angezeigte Nummer wird laut aus* gerufen. Das Paar, das gerade auf der betreffenden Zahl tanzt, hat «in«« der prächtigen Preise gewonnen.

Sie verstehen sich zu kleiden, die Damen von Kairo. Man sieht die wunderbarsten Modeschöpfungen, zarte Gebilde aus Federn und Spitzen. In den Sälen, auf Treppen und Galerien wogt in den malerischen Trachten des Orients eine froh erregte Menge. Eilfertig drängen sich hochgewachsene Krieger, ernst dreinschauende Priester und schmalsellelig« Aegypterinnen. Stolz tragen rassige Brünetten in« Schönheit ihrer schlanken Glieder. Reizende Blondinen schweben in fliederfarbenen urtb karmoisinroten Kostümen, wahren Traumgebilden, vorbei; die Meine bizarr« Schleppe haben sie kokett über den Arm geschlungen. Jnternatto- nafe Anmut und Eleganz haben sich mit der vornehmen Gesellschaft Kairos auf diesem Fest des Frohsinns urtb Genusses ein Rendesvous gegeben.

In schimmernder, goldüberladener Pracht geht der Märchen-KaM Harun al Raschid auf Abenteuer aus. In übermütiger Stimmung verte» er an die ihn umringenden Odalisken Smaragden, Rubine und Saphir» (importiert aus Böhmen). Vergeblich versuchen der ihn begleitende Groß« vezir und das Gefolge ihn aus dem Ringe der stürmisch herandrängende« Schönen zu befreien.

Sirtdbad, der Seefahrer, scheint sich auf feiner Suche nach derver­lassenen Insel wohl zu befinden. Aber er sucht nicht, wie im Märchen, das Ei des Vogels Rock, sondern ist eifrig bemüht, bas Herz einer süßen Fatme zu gewinnen. Mt seiner Zauberlampe naht Alladin. Eine Schar von Tscherkessinnen stürmt Ijeran. Wie durchleuchtende Glut schimmern ihr« roten Kosakenmäntel. An Silbergürteln klirren funkelnde Wchfen. Immer aufpeitschender wird die Musik, immer wilder der Tanz. Immer aus« gelassener die Stimmung. Wie verstehen die Aegypterinnen und die Damen der europäischen Gesellschaft Kairos zu tanzen! Welcher Rhythmus der Glieder, welche Schönheit in der Bewegung!

Das tolle Maskentreiben hat feinen Höhepunkt erreicht. Aus der Feme klingt schmetternde Janilscharenmusik. In feierlichem Zuge naht, geleitet von ihren Hofdamen, Prinzessin Bsdruibudur. Uni) nun beginnt der Clou des Abends, die Große Polonaise. Heber teppichgeschmückte Treppen, bunft strahlende Hallen und Festsäle, über Galerien und Terrassen windet sich die schillernde Schlange zahlloser übermütiger Masken. Eine Farben- fymphonie ausgelassener Märchengestalten in leuchtenden Kostümen zieht an mir vorbei.

Auf der nach der Wüst« herausgehenden Terrasse ist es still uns lauschig. Ich sitze, ein «infamer Zecher, hinter einer Säule verborgen. Um mich herum singt und klingt es. Schäumende Perlen ftetaen aus kristalle­nen Kelchen. Berauschender Dust strömt aus Rosen- und Fliederbüschen. Einsam liegt di« Wüste.

Manch artig' Märchen aus Tausend urtb einer Nacht spielt sich vor meinen erstaunten Blicken ab. Durch die Büsck)e schimmern wunder- lich bette Gewänder. Unter Palmen erzählen entzückende Scheherazade« den zu ihren Füßen lauschenden Sultanen süße Märchen. Sie müssen wohl inkeressant fein, denn die turbangeschmückten Kavaliere werden des Zuhörens nicht müde. Ali Baba und feine Räuber sind fleißig dabei, den Odalisken den Kopf zu verdrehen. Sie machen reiche Beute. Codam und seine Brüder flirten mit denPrinzessinnen von den Inseln Wack- Wock". Der arglistige Vezir, Hassan der Seiler, König Schermann von Persien, sitzen mit der Prinzessin Gülnare vom Meer« undden zwei neidischen Schwestern" beim schaumenden Sekt.

Aus der nahen Wüste klingt der heisere Schrei eines einsamen vogels. Wie Schatten huschen hinter den Spitzenvorhangen der eneuch- teten Fenster Tänzer und Tänzerinnen vorüber. Aus zerflatternden Dunst- schleiern luqt neugierig der Mond. Weithin hüllt er di« schweigende Wüste in sein silbriges Licht. Bis in unendliche Fernen befjnt ftdjbas Sanb* meer. In gespenstischer Regungslosigkeit leuchten fahlfchimmemde Dunen- ketten. In blauem Dämmerlicht tauchen wie Gespenster aus dem Schoße feer Wüste berittene Patrouillen ägyptischer Wüstenpolizei auf. Lautlos versinken die Hufe der Pferd« im Leichentuch des stäubenden Sandes. In der Ferne glitzern die Lichter von Kairo. Von der Höhe der Zitadelle blinkt, Überragt von fchlanken Minaretts die Alabastermoschee.

Der Ball hat sein Ende erreicht. Ein Gewimmel von Pelzen und seidenen Mänteln auf der Freitreppe. Eilig rollen di« hell erleuchteten Wagen davon. Wie eine lange Reihe von Irrlichtern kann ich bi« Auto- schlänge noch lang« aus der von Heliopolis nach Kairo führenden Straße verfolgen.