Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Llniversitäts-Duch- und Steindruckerei, SR. Lange, Gießen.
Die alte Haushälterin merkte, wie die Augen des Heinzelmännchen» böse und gehässig zu funkeln begannen. Sie wollte schon die Scheibe «tnscklagen und ihrem Herrn zurusen, aus seiner Hut zu sein und kein Bündnis mit ihm einzugehen. Aber im selben Augenblick sah der Haus, geist mit einem furchtbaren Blick zu ihr auf. Sie blieb mäuschenstill und wagte keinen Finger zu rühren.
Aber auch Silfverbrandt schien etwas Schreckliches an dem Heinzelmännchen gesehen zu haben. Er zog die Hand zurück und schien im Be- griffe, sich in den Saal zu begeben.
Dann blieb er stehen. „Ich weiß nicht, warum ich dir etwys Böse« zutrauen soll, Altvater, du hast ja immer getreulich für dieses Hau« gesorgt," sagte er. „Du willst gewiß nur mein Bestes. So gib mir die Würfel her! Morgen mag es gehen, wie es will, wenn ich nur heul« nacht Dume ebenso arm machen kann, als er war, da er ehegestern in diesen Hausflur trat."
Jni Augenblick darauf war Silfverbrandt wieder im Saale.
„Jetzt bleibe ich aber nicht länger hier fitzen und höre mir dar Eulengeschcei und den Sturm an, ohne zu spielen," brach Duw« los. „Ich gehe jetzt zu Bette."
„Willst du mir nicht noch zuerst diese Tanneninsel abgewinnen?' fragte Silfverbrandt, indem er sich am Spieltisch niederließ.
Er nahm den kleinen Becher, in dem die Würfel lagen, und schüttelte sie. Dann spielten er und Duwe mehrere Stunden lang, aber Silfverbrandt gewann jedesmal. Unterdessen hörte das Unwetter auf, die Eule fand den Weg in ihr Nest, die alte Haushälterin mußte vor Müdigkeit ihr Lager aufsuchen, aber Silfverbrandt ging nicht zur Ruhe, ehe er nicht Acker um Acker, Weide um Weide, Wald um Wald, Kate um Kate zurückgewonnen hatte, so daß ganz Töreby wieder sein war.
Ein prächtiger Morgen folgte dec Unwetternacht: hoher, blauer Himmel, frische Luft und ein spiegelnder klarer See.
Die alte Haushälterin wurde zu ihrem Herrn hineingerufen, während dieser noch zu Bette lag.
Als sie die Schlafkammertür öffnete, dünkte es ihr, daß etwas Kleine» und Grauens an ihr vorbeihuschte.
Rittmeister Silfverbrandt lag sehr bleich drüben im Bette. „Hat Sie ihn gesehen?" fragte er.
„Nein," sagte die Haushälterin aus alter Gewohnheit. Man glaubte, daß es dem Heinzelmännchen nicht recht war, wenn man sagte, daß man es gesehen hatte.
„Es war der Altvater," sagte der Rittmeister. „Er ging gerade, al» Sie hereinkam. Er war hier drinnen und hat mit mir gewürfelt."
Die Haushälterin stand da und starrte ihren Herrn an. „Altoater ist mit mir nicht recht zufrieden," sagte der Rittmeister. „Er will lieber, daß mein Bruder den Hof bekommt. Und Sie wünscht es sich vielleicht auch.'
Der Rittmeister iah ganz sonderbar aus. Die alte Frau wußte nicht, was sie antworten sollte.
„Ja, den alten Duwe habe ich ja doch vom Hof weggebracht," fuhr Silfverbrandt fort. „Ich wollte Altvater die Hilfe lohnen, indem ich.er hier auf dem Hofe so werden lieh, wie er es haben will, aber er hat kein rechtes Vertrauen zu mir. Er setzt so wunderliche Dinge im Spiel ein, dieser Kobold. Er ist ärger als Duwe."
Die Haushälterin begann zu zittern und zu murmeln wie in der Nacht: „Der Herr bewahre uns!"
Na, stehe Sie nicht so da, Menschenstind, und mache Sie kein so bekümmertes Gesicht," sagte Silfverbrandt, „spute Sie sich lieber und putze Sie mir meine Uniform! Poliere Sie das Bandelier, scheure Sie die Knöpfe und putze Sie die Flecken aus! Das Reitpferd soll auch mit dem besten Zaumzeug gesattelt werden."
Die Haushälterin sah ihren Herrn erstaunt an. Sie ging und kam sogleich mit der Uniform wieder. In einem solchen Hose wie Töreby gab es nichts, das nicht geputzt und gestriegelt, poliert und wohlgepfegt gewesen wäre.
So stand denn Rittmeister Silfverbrandt auf, legte die blaue Uniform an, rückte den dreikantigen Hut auf dem Kopf zurecht, schnallte öen Säbel an die Seite und zog die langen Stulphandschuhe an. Er trat auf die Schwelle und sprang auf sein Pferd, das gesattelt draußen wartete.
Zweimal ritt er rings um den Hof, dann schwenkte er zum See hinab, wo die lange Waschbrücke, die gerade vom Ufer wegragt, schon dazumal stand. Er sah so prächtig und stolz aus, wie er da ritt, daß alles Hausgesinde herauskam, um ihn anzusehen. Und der Kutscher und die Haushälterin sahen alle beide, wie das Heinzelmännchen sich zur Stalluke hinausbog und dem Gutshern nachsah.
Als der Rittmeister zum Seeufer hinabkam, ritt er auf die Brücke hinaus. Er faß hoch und stolz im Sattel wie ein Held, und das Pferd ging mit kurzen, tanzenden Schritten. Als die Brücke zu Ende geritten war, entstand ein kurzer Kampf zwischen Reiter und Pferd. Das Pferd wollte wenden, aber Rittmeister Silfverbrandt zwang es mit Reitpeitsche und Sporen, weiterzugehen. Und mit einem hohen Sprung stürzte sich das Pferd in das Wasser.
Alle, die auf dem Hose gestanden hatten, fingen nun an, zum Se« hinab zu laufen. Ader als sie hinkamen, waren Reiter und Pferd verschwunden. Sie waren sogleich untergegangen, ohne wieder auf den 2Bafferfpiege( hinaufzukommen.
Die jungen Burschen sprangen in die Boote und ruderten auf den See hinaus. Alle sprachen durcheinander und suchten Rat und Hilst zu bringen, aber die alte Haushälterin blieb still. „Es nützt nichts,' jag» sie. „Das ist der Hausgeist. Er hat sein Leben an den Hausgeist verspielt, für die Hilfe, die er ihm heute nacht gebracht hat." s
Als die TOenfdjen, bestürzt und entsetzt, zum Hofe zurückkehrten, stono das Heinzelmännchen von Töreby, allen sichtbar, in der Stalluke un winkte siegesstolz mit seiner roten Mütze. .
Denn nun wußte es, daß Ordnung und Stille und ein ernstes vcoe wieder auf Töreby etnziehen mürbem _
Der Kutscher erhob sich entschlossen. Ec knöpfte seine Jacke zu und nahm den Kienspan aus dem Halter. Man sah deutlich, daß es seine Absicht war, zu gehen und zu versuchen, mit feinem Herrn zu sprechen.
Aber als er den Kienspan hob, hielt er ihn so, daß ein Lichtschein auf die viereckige Oeffnung im Boden fiel, durch die er in den Stall hinunter $u klettern pflegte. Und nun sahen beide, der Kutscher wie die Haushälterin, daß auf der Leiter, die durch das Loch hervorragte, ein Heinzelmännchen stand. Es stand auf der obersten Staffel, klein und grau war es und trug Kniehosen und eine graue Jacke mit Silber« knöpfen. Es lauschte mit solcher Bestürzung und Verblüffung, daß es aussah, als fei es völlig versteinert.
Kutscher und Haushälterin wandten sofort den Blick ab. Keines von ihnen verriet auch nur durch eine Miene, daß sie dos Heinzelmännchen gesehen hatten.
„Ja, nun glaub' ich, ist's das beste, wenn mir alten Leute gehen und uns niederlegen," sagte der Kutscher in einem Ton, den er unbefangen zu machen suchte. „Du weißt, in diesem Hofe braucht man nachts nicht aufzubleiben, auch wenn ein Unglück zu erwarten wäre. Hier ist jemand, der wacht."
„Ja, du hast recht. Hier ist einer, der wacht," sagte die Haushälterin unterwürfig. Ohne ein weiteres Wort nahm sie die Laterne vom Boden auf, kroch durch die Luke hinaus und verschwand über die Bodentreppe.
Als die alte Frau ins Haus zurückkam, mar es ihre bestimmte Absicht, sich ungesäumt zur Ruhe zu legen. Denn einerseits mußte sie, daß unnötiges Nachtwachen dasjenige mar, was das Heinzelmännchen am wenigsten leiden mochte, andrerseits glaubte sie, daß es die Sache ohnehin in Ordnung bringen würde, nun es wußte, was auf dem Spiele stand. Aber sie hatte noch kaum mehr von sich gelegt als den schweren Schlüsselbund, da überkam sie eine so starke, Lust zu erfahren, wie es nun zwischen den Spielenden stand, daß sie sich wieder zur Speisesaaltür schlich. , „
Ms sie sich bückte und das Auge an das Schlüsselloch legte, sah sie, daß Rittmeister Silfverbrandt und Hauptmann Duwe noch am Spieltisch saßen. Der Rittmeister sah furchtbar müde und matt aus. Der Haushälterin wollte es scheinen, als hätte er sich in der kurzen Spanne Zett, die sie fortgewesen mar, völlig verändert. Kc mar nunmehr rneder schön, noch jung, noch stattlich, sondern gebleicht und verstört, mit Säcken unter den Augen, Runzeln auf der Stirn und tastenden Händen.
Die Haushälterin hatte noch keine zrnei Minuten an der Speisesaaltüre gelauscht, als Silfverbrandt den Stuhl zurückschob und rief: „Jetzt ist es aus, Duwe. Jetzt habe ich vom ganzen Hof nur mehr die Tanneninsel dort draußen im »ee übrig. Die mußt du mir lassen, damit es doch noch etwas auf Erden ibt, was ich mein nennen kann."
Duwe lachte, aber er sah nicht zufrieden drein. „Ewig schade, das Spiel abzubrechen," sagte er: „Wenn du all das andere gewagt hast, kannst du uns wohl auch um diesen Steinhaufen würfeln lassen."
Silfverbrandt ging im Zimmer auf und ab. Man sah es ihm wohl an, daß er noch vom Spielteufel besessen war.
„Was setzest du gegen die Insel?" frage er. Duwe bedachte sich einen Augenblick. Die Haushälterin begriff, daß er einen Einsatz ausfindig zu machen suchte, der Silfverbrandt sicher bewegen konnte, weiterzuspielen.
„Ich setze dein Reitpferd," sagte Duwe.
Silfverbrandt liebte sein Reitpferd über alles auf Erden. Er begann, ganz schrecklich zu fluchen. Er fragte Duwe, ob er denn der leib« hastige'Böse märe, da er ihn solchermaßen versuchte.
Die Haushälterin merkte, daß der Rittmeister jedesmal, wenn er auf seiner Wanderung zu einer dunklen Ecke des Zimmers kam, wo Duwe ihn nicht sehen konnte, vor Zorn die Hände ballte.
„Das ärgste ist, daß ich weiß, daß ich dich erschlagen werde, wenn ich dich auf meinem Pferd reiten und auf meinem Hof befehlen sehen werde," sagte er zu Duwe
„Kannst du es einem armen Kerl nicht gönnen, wenn er es auf seine alten Tage ein bißchen sorgenfrei hat?" sagte Duwe und lachte. „Du bist ja jung und stark, du findest schon bald anderswo Pferd und Hof."
Die ganze Zeit, die die Haushälterin da stand, hatte sie sich gewundert, was wohl mit der Tür los sein mochte, die vom Saale in den Flur führte. Einmal ums andere öffnete sie sich ein wenig und schloß sich wieder. Aber jedesmal, wenn Silfverbrandt an dieser Tür vorbeiging, war es, als ob eine kleine Hand sich durch den Spalt hineinsteckte und ihm zuwinkte.
Silfverbrandt ging mehrere Male an der Tür vorbei, ohne etwas zu merken, aber plötzlich blieb er stehen und starrte sie an.
„Na. kommst du jetzt?" fragte Duwe.
„Ich bin im Augenblick wieder da," sagte Silfverbrandt und ging in den Flur hinaus.
Die Hcw-chälterin glitt stumm wie ein Schatten von der Speisefaal- türe fort. Eine Sekunde darauf stand sie in der Vorratskammer, das Gesicht an ein Fensterchen gedrückt, das auf den Flur ging.
Da stand Silverbrandt über das Heinzelmännchen gebeugt. Altvater hielt eine kleine Laterne in der Hand, und von dort verbreitete sich ein venig Licht in den dunklen Raum.
„Was gibst du mir, wenn ich es so einrichte, daß du den Hof zuruck- gewinnst?" fragte der Hausgeist.
„Ich gebe dir, was du willst," sagte Silfverbrandt.
Das Heinzelmännchen fuhr mit der Hand in die Tasche und zog ein paar Würfel heraus. „Wenn ich dir diese Würfel leihe und du heule nacht mit ihnen spielst, so glaube ich wohl, daß du den Hof zurückgewinnst," sagte er zu Silverbrandt.
Silfverbrandt streckte die Hand aus. „Gib her! Gib her!" sagte er.
„Du bekommst sie nur unter der Bedingung, daß du morgen mit mir um einen Einsatz spielst, den ich selbst bestimme," sagte das Heinzel- männchen.
Just in diesem Augenblick schrie die arme Eule laut und schaurig.


