Neger in Jerusalem weissagte? Er ist von einem guten Stern geleitet worden, so wollte er sagen, der in reifen Jahren ausführen darf, wovon er als Kind geträumt hat. Das ist mein Schicksal gewesen, Sophie, das war mein Glück. Gewiß sind wir zum Aetna gepilgert, du und ich, und tauchten die Augen tief hinein in die glühende Schönheit Italiens. Aber im Kloster der Mönche von Aracoeli aus dem römifchen Felsen fand ich sie wieder, di« Legende vom Jesuskind, wie sie mir einst die Großmutter Lagerlös auf dem Sofa in der alten Eckstube erzählt hatte. Gewiß ritten wir auf den Libanon im Mondenschein. Aber wen fand ich dort? Die Bauern von Dalarne, die ausgezogen waren, um sich im Heiligen Lande die himmlische Heimat zu suchen. Und die Geschichte ihrer Pilgerfahrt wurde für mich zur Geschichte von Ingmars Rückkehr zur Heimat.
So ging's auch mir, Sophie. Als ich heimkehrte aus der weiten Welt, von allen ihren Wundern und allen ihren Gefahren — erst dann fing ich an, durch meine Heimat zu reißen. Ganz Schweden habe ich durchstreift, von Lappland bis nach Schonen. Und die Wildgänse flogen mir zu Haupte n ..."
„Ja, die Wildgänsc — gut, daß du mich an sie erinnerst", sagte die andere, die sich unterdessen gewandt einen Sitz aus dem Schreibtisch erobert halte. „Ihnen verdankst du es, daß ich hergesunden habe Immer vor mir her flogen sie, als wollten sie mir den Weg zeigen, manchmal so tief, als sollte ich sie greifen, manchmal so hoch, als wollten sie mich narren. Und weißt du, was sie riefen? Das sollst du auch noch hören.
Erst aber sollst du wissen, daß noch einer mit mir kam: ein schlanker Mann mit hellen Augen, in denen es ab und zu wetterleuchtete wie von verstecktem Feuer und manchmal hell ausglomm wie von Hochzeitskerzen. Wenn er den Kops schüttelte, so lag allemal ein wirre Locke auf der hohen Stirn. „Wer bist du?" fragte ich ihn unumwunden. „Bist du etwa Gösta Berling, der viel Berusene? Oder Liljekrona, der Geiger? Oder Jan Oester, der Spielmann? Oder bist du gar der Leutnant Lagerlöf, von dem sie mir soviel erzählt hat, der die Bellmanschen Trinklieder so prächtig singen konnte wie kein anderer?" — „Laß gut sein, Sophie Elkan," sagte mein Begleiter lächelnd, „forsche nicht nach meinem Namen. Sie kennt mich wohl, zu der du gehst. Sage ihr, wenn du zu ihr kommst: Er, der immer bei ihr war, grüßt sie und segnet sie — und sagt ihr auch, sie soll den kleinen Zauberstab auf ihrem Tische zur Hand nehmen und die Heimat bamit durchwandern: dann wird auch ferner sich alles in Gold verwandeln, was sie damit berührt."
„Was meinte er? was meinest du?" suhr das Geburtstagskind aus.
„Ich glaube, er meinte dies hier", sagte Sophie Elkan und hielt mit zierlich spitzem Finger den Federhalter hoch.
„Und nun will ich dir auch noch sagen, was die Wildgänse riefen, als sie über Marbacka flogen: Wie heißt der Hof? Wie heißt der Hof! rief Oie eine. Und die andere antwortete: Segens-Hos. Heuer wie im nächsten Jahr!
Das Heinzeimännchen von Töreby.
Boit Selma Lagerlöf.
Ich weiß noch, wie ich einmal als Kind an einem alten Hof vorüberfuhr, von dem man wußte, daß es da ein Heinzelmännchen gab. Dieser Hof lag sehr einsam und unschön an einem flachen Seeufer. Es war kein Garten um das hohe, weiße Wohnhaus, nur ein paar verkrümmte Bäume standen da. Es war der reizloseste Ort, den ich je gesehen. Aber es schien ein reicher Hof zu fein. Die Wirtschaftsgebäude waren wohlgebaut und von großem Zuschnitt, und aus den Feldern stand die Saat so üppig, daß ich mich noch heute dessen entsinne.
Das merkwürdigste war, die Ordnung zu sehen, die überall herrschte. Ich erinnere mich, daß wir ganz langsam vorbeisuhren, um zu sehen, wie gut die Gräben gezogen waren, wie schnurgerade die Wege liefen und wie fest die Brücken gebaut- waren.
Niemand zweifelte daran, daß alles auf diesem Hofe des Heinzelmännchens wegen so war und daß di« Leute, die dort wohnten, an es glaubten. Aus Angst vor dem Heinzelmännchen durfte kein Strohhalm, kein Span auf dem Hofplatz herumliegen, darum war der Viehstall geputzt wie eine gute Stube, und die Felder waren wie Gartenbeete.
Dieses Heinzelmännchen hatte es zu allen Zeiten auf dem Hofe gegeben, und aus allen Zeiten erzählte man sich Geschichten von ihm. Hier will ich eine berichten, die sich vor etwa zweihundert Jahren zugetragen haben mag.
Es war in einer dunklen Herbstnacht, der Regen goß über die grauen Klotzwände, denn damals war der Herrenhof weder bretterverkleidet noch getüncht, und der Sturm peitschte alle Zweige des hohen Holzapfelbaums, der am Giebel stand, gegen den Dachfirst.
Mitten im ärgsten Unwetter kam eine Eule geflogen. Sie batte ihr Nest oben im Dachstuhl, auf einem der großen Böden und pflegte durch ein kleines Loch dicht unter der Dachrinne dort hineinzufliegen. Aber bevor sie noch die Luke finden konnte, packte sie der Wind, blähte ihr dichtes Federkleid auf, fo daß sie wie ein runder Ball aussah, und schlenderte sie ein paarmal gegen die Wand. Da gab der Vogel jeden weiteren Versuch auf, hereinzukommen. Anstatt dessen setzte er sich auf den Holzapfelbaum und schrie die ganze Nacht hindurch.
Drinnen im Hause war es ganz stumm und still, aber aus dem Lichtschein, der durch die Spalten der Fensterläden rieselte, merkte man, daß die Hausbewohner noch nicht zu Bett gegangen waren. Hm und wieder hörte man Lärmen uitd lautes Lachen, gleich daraus wurde es wieder totenstill.
Gegen elf Uhr nachts kam die alte Haushälterin des Gutshofs in den Flur hinaus, sie mar völlig angekleidet und trug ihre schweren Schlussel an dec Seite, von denen sie sich weder Tag noch Nacht trennen konnte. Die schwere Tür war mit vier verschiedenen Schlößern versperrt, und es dauerte geraume Zeit, bis die alte Frau sie öffnen konnte. Sowie sie einen Spalt aufgebracht hatte, war der Wind schon zur Stelle, schwang sie sperrangelweit auf, warf der Haushälterin einen ganzen Regenschauer ins Gesicht und wirbelte unter den Strohmatten des Hausflurs herum, i° daß sie sich krümmten wie die Schlangen.
Die alte Frau schloß die Tür hinter sich zu und wanderte in die Nacht hinaus. Sie ging sehr rasch, wie von einer großen Angst gejagt, und murmelte unaufhörlich: „Der Herr bewahre uns! Der Herr bewahre uns!"
Endlich kam sie zu dem Stallgebäude. Sie stieg die Bodentreppe hinaus, die klein und schmal war und sich an der Außenseite des Hauses entlang schlängelte, und blieb vor dem Türchen zum Heuboden stehen.
Hinter dem Türchen schimmerte ein Lichtschein, und als die Haushälterin sich vorbeugte, konnte sie in ein kleines Stübchen sehen, dessen Wände mit Pferdegeschirr, Zügeln, Sätteln und Riemen behangen waren. Eigentlich war es gar keine Stube, sondern nur eine Abteilung des Heubodens. Das Heu quoll durch die undichten Bretterwände herein, und mitten auf dem Boden war eine große Klappe, durch die man in den Stall hinunterklettern konnte. Auf einem Bett in der Ecke faß der alte Gutskutscher. Der leuchtet« sich mit einem Kienspan und las in Gottes Wort
Die Haushälterin pochte an, und der Kutscher kam und öffnete. Er begann sich sogleich zu entschuldigen, daß er bei offenem Licht dort auf dem Boden saß. Er schien zu glauben, daß sie eigens die Nacht hinaus- gegangen war, um ihn zu ermahnen, achtsam mit dem Feuer zu (ein. „Ich weiß schon, daß es gefährlich ist," sagte er, „aber ich meinte, es täte not, daß jemand in dieser Nacht in Gottes Wort lieft."
Die alte Frau gab darauf keine Antwort.
Der Kutscher saß da und sah sie an, bis der Schrecken, der auf ihr lastete, sich auch ihm mitteilte. Seine alten, matten Hände und feine zahnlosen Kinnladen begannen zu zittern.
„Ist dir der Altvater begegnet?" fragte er flüsternd.
Altvater, das war das Heinzelmännchen. Man kannte ihn dort unter keinem anderen Namen.
„Rein," sagte die Haushälterin, „und vor dem Altvater würde ich mich wohl auch nicht fürchten. Er will uns nur wohl."
„Dessen sollst du nicht so sicher Jein," sagte der Kutscher. „Er ist ein gar gestrenger Herr, und in letzter Zeit haben sich wohl allerhand Dinge aus dem Hose zugetragen, mit denen er nicht einverstanden war."
„Wenn er so streng wäre, wie du glaubst, würde er den Rittmeister wohl nicht so hausen taffen, wie er es tut."
Der Kutscher suchte sie zu beschwichtigen: „Du darfst doch nicht vergessen, daß du vom Herrn sprichst."
„Ich kann darum doch nicht die Augen davor verschließen, daß er sich selbst und den Hof zugrunde richtet/' klagt« sie.
„Der Herr Rittmeister ist nun einmal der Herr im Hanse. Wir sind nur feine armen Diener," wiederholte der Kutscher mit wichtiger Stimme. Aber plötzlich schlug die Stimme um, und er fragte in äußerster Angst: irS)at et nun wieder eine neue Tollheit ausgeheckt?"
„Ich habe den ganzen Abend an der Speisesaaltür gestanden und gehört, wie er all sein Geld verspielt hat," sagte die Haushälterin und wiegte sich mit dem Oberkörper hin und her, wie sie da saß. „Als das Geld zu Enge ging, verspielte er Pferde und Kühe. Als es mit den Tieren zu Ende ging, begann er um den Hof zu spielen. Er setzt Kate um Kote, Wald um Wald, Weide um Weide, Acker um Acker und verliert alles miteinander."
Der Kutscher hatte sich, als er dies hörte, halb von seinem Platz erhoben, so, als wollte er forteilen und all dies Unheil verhindern, dann setzte er sich in einem Gefühl der Ohnmacht wieder hin. „Der Rittmeister ist der Herr", sagte er. „Er kann mit dem, was sein ist, tun, was er will. Aber ich verstehe nicht, daß der Altoater sich nicht ins Spiel mischt."
Er hält sich ja immer hier im Stalle auf, er weih wohl nicht, was sich drinnen zuträgt," sagte die Haushälterin.
„Wer ift's denn, der heute nacht mit ihm spielt?"
„Es ist der Hauptmann Duwe, er, der gewinnt, wie er nur die Würfel anrührt."
„Der Kerl ist ebenso arm an Geld und Gut wi« an Herz und Gemüt", jagte der Kutscher nachdenklich. „Von ihm hat der Herr Rittmeister keine Barmherzigkeit zu erwarten."
„Ich glaube, ich müßte den Verstand verlieren, wie ich fo dastand und ihnen zuhörte", sagte die Haushälterin, so unheimlich war es. Anfangs waren sie luftig, und unser gnädiger Herr lachte über alles, was er verspielte. Aber jetzt sind sie ganz still, nur wenn unser Rittmeister einen neuen Acker verloren hat, dann flucht er, und der andere lacht."
Der alte Kutscher mumelte in sich hinein und las, aber er sprach keine Bibelworte aus. lieber feine zitternden Lippen kam nichts anderes als dies: „Kate um Kate. Wald um Wald, Weide um Weide, Acker um Acker."
„Was hilft es, daß du liesest?", sagte die Haushälterin. „Wenn du ein ganzer Kerl wärest, so gingest du hinein und brächtest ihn im guten oder dösen dazu, aufzuhören, bevor er noch den ganzen Hof verspielt hat."
„Ich habe lang genug in diesem Hause gedient, damit ich weiß, wie leicht es ist, einen Silsoerbrandt dazu zu bringen, mit etwas auszuhören, wenn er einmal im Zuge ist. Geradesogut könnt« ich versuchen, die Toten auszu wecken "
„Ja, dies müßte auch genug sein, um feine Eltern aus dem Grabe zu wecken," sagte die Haushälterin.
Der Kutscher schlug bas Buch zu. „Das ist das Schlimmste an der ganzen Sache, daß er nicht einsieht, daß es nicht angeht, auf diesem Hose ein solches Leben zu führen. Ich weiß noch, wie oft ich zu seinem seligen Vater sagte: ,@ebt Töreby nicht Herrn Henrik', sagte ich, ,er kann nie ein Herr nach Altvaters Sinn werden. Gebt es seinem Bruder, der ist gesetzt und ernst, und laßt Herrn Henrik einen Hof, der keine solche Verantwortung auferlegt.'"
„Ja, jetzt fällt Töreby weder an Herrn Henrik noch an Herrn August. Jetzt kommt es an diesen Hauptmann Duwe, bis er es wieder an einen anderen verspielt."


