Ausgabe 
20.11.1928
 
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Die alte Dame mit der silberweißen Haarkrone über dem kraftvollen Gesicht lehnte sich ein wenig ermüdet In den Schreibiischsessel zurück. Gewiß, ein schöner Tag wenn er auch ein wenig anstrengend war, dieser siebzigste Geburtstag. Alle waren sie herbeigeeilt ober hatten Gruße aelckickt. die einst mit ihr gekämpft und gesucht, gelitten und gejubelt

GeburtstQgsbesuch bei Selma Lagerlös

Bon Dr. Bertha Badt-Strauh.

Ium hinzufindet. So wird Selma Lagerlöss Epik zum Mythos: zum Mythos der herrlichenChriftuslegenden", zum Mythos der Gottesliebe, Ker Heimatliebe, der Menschenliebe.

Und so künden ihre Werke die Liebe Gottes zu den Menschen wie die Liebe der Menschen zu Gott. So sind ihre Werke nur dazu geschaffen, diese Liebe auf edelste Weise überall erblühen zu machen: zum Segen des Seins zum Lobpreise Gottes. Das Geheimnis des Wohnens von Selma Lagerlös im Herzen der Menschheit findet in diesem Mittelpunkte, in diesem lebten Sinn und Trieb ihres Schaffens feine endgültige Deutung. Damit aber auch an alle Leser die Verpflichtung des Dankes und der Nachfolge im Geiste und in der Wirklichkeit.

DerGöftcr Verling" als LsbensWerk.

Von Vörries Freiherrn v. Münchhausen.

geschickt, die einst mit ihr gekämpft und gesucht, gelitten und geh hatten: da war Gurli Linder, die Genossin in Freud und Leid dem langvergessenen Lehrerinnenseminar; von ihrem Landsitz kam Bal- borg O l a n d e r, die getreue Mitarbeiterin ihrer frühen Dichteriahre; vor allem Schwester Gerda aus Falun, die treuste der treuen ... Nur eine fehlte: Sophie Sophie Elkan, ihre Lebensfreundin, die treue Begleiterin ihrer Reisen, die Führerin ins Land des Lebens aus dem Märchenreich ihrer Jugend ... .. ..

Sie mochte wohl ein wenig geschlummert haben. Denn als sie die grauen Augen wieder aufschlug mit jenem Blick, der immer in Sie Ferne schweifte, den ihre Freunde an ihr kannten, wer stund vor ihr/ Zwei Schritte von ihr entfernt, leicht an den großen Schreibtisch gelehnt, stand Sophie, die alte Sophie Elkan, ganz wie sie ihr vertraut war: Den Schildpattkamm in*, lockigen Haar, die Schleife am Kleid, dre Perlen­kette wie erkannte sie alles wieder! , . .. ...

Sophie, wo kommst du her?" rief sie verwundert aus. -Habich dich doch mehr als sieben Jahre nicht gesehen. Hob ichs geträumt, daß du toi bist ? Oder bist du wieder gekommen ... zu mir?

, Ja, glaubtest du denn, Selma Lagerlos, ich wurde mein Wort brechen? Weißt du nicht, wie wir einander gelobt haben, beieinander zu bleiben in alle Ewigkeit? Und wenn es uns vergönnt sei, auch dann noch an Freud und Leid des anderen teilzunehmen, wenn Leben oder Tod uns voneinander trennten? Denn wir wußten ,a: keines könnt völlig sroh [ein, wenn ihm das andere fehlte ... Darum wußte ich hm zu dir kommen; gerabfo wie Mamsell Maja Lisa damals zur Horhzeit von Britta kommen mußte du weißt es wohl.

Aber ick muß sagen leicht machtest du es mir nicht, zu dir hinzu- sinden. Weiht du, daß ich in Landskrona suchte, wo ich dich vor Zeiten zuerst kennenlernte als eine arme kleine Lehrerin, ein rechtes häß­liches Entlein: kein Mensch, nicht einmal die tüchtige Eva Fryxell konnte damals deinen zahlreichen Sonetten zum Drucke verhelfen. Dann bin ich nach Falun gewandert, nach dem Heinen H°us hinter den Bäumen, wo ich dich und deine Frau Mutter so oft beacht habe auch vergeblich. Und nun find ich dich nicht in Landskrona und nicht w Falun, sondern in Marbacka wieder, der alten Heimat deiner Ellern und wie hat sich hier alles verändert! Ich wußte ja wohl, du habest m i deinem Nobelpreis die alte Heimat zurückgekauft; aber .allzugenau em sann ich mich des Tages, als wir zwei das alte Haus einmal besucht

,^Jch ^weih °es "wohl." Selma ßagerlöf stützte den Kopf auf die Hand, Schwermut trat in die klaren Augen.

Weißt du aber, daß ich mich nicht einmal hier zurechtfinde, in den Arbeitszimmer, wo wir sooft zusammensaßen? Wo ist der^ schone Mr mor, die Psyche aus Neapel, die wir von unserer Rei'e mitbrachten. un die immer auf deinem Arbeitstische zu stehen pflegte? Wo ist die W die daneben stand? Hier finde ich nur Bucher, und w.edmr Bucher r ö und gradlinig; mehr nach Rechnungsbuchern als nach Dichtermanuskrip sehen sie aus. Ein Glück, daß der vergoldete Ganseriry mit dem llc Niels noch am Ofen steht wie in alter Zeit; sonst hätte ich kaum 8^ daß ich bei meiner Märchenerzählerin eingekehrt bin. Ms ich dich da begehrten deine nimmermüden Augen die weite Welt zu sehen alle ihre Herrlichkeit: den Aetna wolltest du besteigen, den. wolltest du sehen in glühender Pracht; l«n Nil wolltest du A s gleiten; und über den Berg Libanon wolltest du fahren im Mond h Jst's nicht ein weiter Weg von Jerusalem bis zum heu-uW". land, vom Toten Meere bis zum ausgetrockneten See von Mar

Ein weiter Weg gewiß und dennoch kem Umweg! -rwM^^ Hausherrin langsam und nachdenklich, als mußte sie sich sewl v M schäft ziehen.Denkst du noch dran, Sophie, was mir damals

Aufopferung man kann viele Zeilen von Eigenschaften aufschreiben, die gleich echt berlingfd) und echt schwedisch sind. .

Ein weiteres Kennzeichen aller Lebensbucher ist dies, daß sie in der Sprache de« Alltags geschrieben sind. Die klassischen Jamben derJphi. gerne" desTasso" hindern tatsächlich die Osmose solcher Werke durch die Seelen des deutschen Volkes, wogegen die uns natürliche Zurückziehung des Tones auf die Anfangssilbe, die Trochäen Wilhelm Buschs nicht an. ders als dieKnüppelverse" des Fausteingangs uns gleichwestg macht. Diese .Knüppelverse" nämlich, wie die hochmütigen klassischen Schulmeister sie genannt haben, sind das Allerfeinste, was wir in deutscher Sprache haben, sind eine nur im Deutschen mögliche Kunstform, in der die äußere und die innere Form in wunderbarer Einheitlichkeit zusammenklingen.

So hat auch die größte Erzählerin unserer Tage eine Sprache ge- schrieben, die klar ist wie das Wasser ihrer großen Heimatseen. Selma Lagerlök schiebt lächelnd und ein wenig spöttisch die Sprachfatzkereien ihrer, unserer, Zeit von ihrem Arbeitstische hinunter, geradeso wie alle Genies zu allen Zeiten es taten. Gewiß bildet sich die Sprache im Munde aller großen Dichter leise weiter, aber nur in heimlichem Wachstum, nicht tn trampfiger Effekthascherei. Ist es nicht ganz erstaunlich, wie die von den Völkern aller Erdteile vergötterte Dichterin, die die gelesenste Dichterin unseres Jahrhunderts, deren Werke in dreißig Sprachen übersetzt sind, so schlicht schreibt, daß jedes ihrer Werke von einem Kinde verstanden wer. Den kann! < . - ,

Die Welt ist glücklicher gemorccn durch das Werk der Selma Lagerlös Und b e s s e r ist die Welt geworden durch ihr stilles, edeles und feines Werk. Sie war niemals Zweckdichterin und doch ist sie eine bet Führefinnen unserer Zeit. Möchten die atmen Rekordhetzer unserer Tage von dem großen Leuchten dieses Lebenswerkes ein wenig Haltung, ein wenig echte Freunde, ein wenig Vertiefung lernen!

Fast alle Dichter, auch die größten unter ihnen, haben e i n Werk ge­schaffen, das wie der hellste Lichtfunken eines Kristalls die Summe aller leuchtenden Flächen ihres Wesens zu enthalten scheint. Man spricht vom Hauptwerk, aber das ist ein Wort, das allzu sehr am Aeutzerlichen heftet und ein Werturteil ausspricht, das nicht unbedingt richtig zu fern braucht. Rur das bekannteste Werk ist es zumeist, und das ist wunderlich, denn es ist durchaus nicht immer das besteGötz ßTaffo ,Iphi­genie" sind in sich vollkommener als der.Faust". .

Man spricht vom Lebenswerk, und das ist schon bester, da in diesem Buche meist mehr von der Gestalt des Dichters eingefangen ift als in allen anderen. Aber das Werk braucht nicht wie derFaust mi Ver­laufe des ganzen Ledens geschrieben zu fein, derGösta Berling steht am Anfang, derDon Quixote" in der Mitte, das --Verlorene Para­dies" am Ende eines langen Dichterdaseins. Aber auch der hocyfte Ruhm umleuchtet nicht immer dies Werk eines Dichters, derWertster über­traf an Wirkung die späteren Bücher Goethes, vor allem, wenn man die lawinenhaft wachsende Stoßkraft des durch sechs lange Jahrzehntege­steigerten Namens von diesen abzieht. Und doch würden wir denWer- ther" nie ein Lebenswerk nennen.

Selma Lagerlöf ist die Dichterin desGösta Berling" geworden, ob­gleich viele ihrer späteren künstlerisch geschlossener, einige packender sind, vielleicht auch dies ober jenes lebendiger als jenes Erstlingswerk ist. Trotz alledem wird niemand zweifeln, diesem Roman den Namen ihres Ledens- werkes zu geben. Das hat mancherlei Wurzeln, die nicht immer und nicht jedem bewußt zu sein brauchen. Es ist der Roman ihrer Jugend __ fast alle größten Romane sind in etwas Sugenoerinnerungen, und in Men selbstgeschriebenen Lebensbeschreibungen sind die ersten Kapitel die besten. Es ist der Roman ihrer Heimat alle große Kunst ist heimatbedingt, so wenig sie in der.Heimatkunst" steckenbleiben kann und wird. Es ist der Roman ihrer Weltanschauung, dieser pracht­voll gesunden Anschauung von Leben und Menschen, in der es trotz aller Leidenschaft keine Unanständigkeit und trotz allen Aberglaubens keine Un­wirklichkeit gibt.

Der Roman teilt ganz bestimmte Eigentümlichkeiten mit. anderen grö­ßeren und kleineren Lebenswerken. Es ist bei allen biejen, als ob ber Dichter nur dies eine Werk habe schaffen wollen, als ob er deshalb alles, was in ihm an Keimen zu Kunstwerken tag, in dies eine Beet gepflanzt habe. So ist eine fast überraschende Episodik eines der Kennzeichen solcher Bücher, sie bekommen etwas Mosackhaftes. Man kann aus demEkke­hard" fast ganz selbständige Novellen herauslösen (Audisax und Hadumuth, (Sappan), man kann Teile desFaust" wie selbständige Dramen au;- führen, man kann aus FrenssensJörn Uhl" eine Dohnchensammlung herausheben, aus Jmmermanns Lebenswerk fast gewohnheitsmäßig immer nur einen Teil, denOberhof", abdrucken, aus demRasenden Ro­land" ganz eigenlebenbige Stücke vorlesen. So stehen auch imGösta Berling" Teile, die ein ganz eigenes Leben zu haben scheinen, ja, man kann von diesem Werke fast sagen, daß es eine Rahmenerzählung mit eingelegten Bildern sei. . __ -

Diese Erscheinung zeigt aber nicht nur, wie oben gesagt, bah bei Dichter alle sein« Körner auf dasselbe Feld gesät hat, sondern auch, daß in der Rahmenerzählung etwas von seinem eigenen Leben, in Der Haupt- qeftalt etwas von seinem eigenen Blute lebt. Goethe w a r Faust, und dessen Schicksale alle sind mehr ober weniger durchsichtig seine, des Dich- te-s Schicksale. Cervantes abenteuerliches Leben ist ebenso rose sein aus­gezeichneter und edler Charakter in Don Quixote enthalten, und der weh­mütige Spott, wie wenig bei all dem Edelmut für andere, schließlich für den Ritter selber herauskam, gibt einen der tiefsten Akkorde dieses Lebens- werkes. So ist auch die Lagerlös nicht nur geradezu verliebt m Gösta, nein sie ist selber ein Teil von ihm, so wie er ein Teil von ihr ist. Mir widersteht überaus das Herumschnüffeln in eines anderen Gentlemans geben, aber daß diese Frau in ihrer Seele des abgesetzten Pfarrers Schick­sale erlebt hat, glaube ich sagen zu dürfen, ohne unritterlich zu sein.

Das allein wurde aber dem Werke nicht seine beispielhafte beispiel­los beispielhafte! Kraft geben. Wenn ein Volk in seiner Gesamtheit das Werk eines Dichters aufnimmt, so muß dies Werk immer auch ihm in wesentlichen Zügen gleichen. Nicht in allen, gewiß, auch nicht immer in der freundschaftlichsten Form. Aber das ist sicher: Nur wenn das Volk im Helden ein Paradigma, einen Ausbund seiner selbst sieht, asfimilieii es sich das Werk völlig, löerRasende Roland" ist der liebenswürdige weltkluge und abenteuerlichste Italiener um 1500, derDon Quixote ist der ebele, phantastische, erlebnisburftige Spanier. Faust ist eben so ein Paradigma des Deutschen wie der Eulenspiegel ein anderes ist, daß die Niederländer ihn ebenso vollständig übernehmen konnten wie den Rei­necke Fuchs, belegt unsere nahe Verwandtschaft mit ihnen. Nie hatten etwa Italiener, gar Griechen, einen Eulenspiegel ober Reinecke in dieser Form sich einbilden, einlesen, einoerleiben können l

Soist" auch Gösta Berling nicht nur Selma Lagerlos, sondern er ist auch gleichzeitig der Schwede, von denen jeher einzelne in >ym einen Bruder im Guten wie im Bösen zu erkennen glaubt. Seidjtmut, Trunk- liebe, Mitleid, Siiinensteude, Grübelsucht, Aberglauben, Schalkhaftigkeit,