Diesseits, in Letztes, Wesenloses starren, erzählen von dem pflichterfüllten Dasein dieser herb verschlossenen und doch so gütevollen Mutter, die achtzehn Kindern das Leben gegeben und sie mit Strenge zu Fleiß und Frömmigkeit angehalten hat.
Andere Töne aus ganz anderen Welten brausen und jubeln in den heißen Liebesliedern, die R u b e n s' Bildnisse der Helene Four- tn e n t in Wahrheit bedeuten. Von dem Tage, da die sechzehnjährige, voll erblühte „vlämische Helena", deren Reize nach eines Zeitgenossen Wort die der griechischen Namensschwester in den Schatten stellten, Rubens als seine zweite Gattin gefolgt war, ward er nicht müde, das hohe Wunder ihrer Schönheit zu preisen. Von dem „Pelzchen" der Wiener Galerie, wohl dem ersten Bildnis, mit dem der stolze Gatte der Mit- und Nachwelt sein Glück verkündete, folgten Bild aus Bild in dem kurzen Jahrzehnt dieser alückerfüllten Ehe, sie bald allein, bald von einem oder mehreren ihrer Kinder wie von anmutigen kleinen Liebesgöttern umgeben, darstellend. Sie alle erzählen von jubelnder Lebensfreude auf des Daseins schönheits- und glanzumstrahlten Höhen. Wie heiß der Gatte sie geliebt hat, dafür zeugt auch sein letzter Wille, nach dem er ihr alles das aussetzte, was er nach dem Gesetze ihr nur zukommen lassen durfte. Und wenn er von jenem Himmel, dessen heiligen Frauen er so oft die Züge der geliebten Frau verliehen hat, nach seinem Tode hätte herabschauen können, dann hätte er sich gewiß in verständnisvoller Liebe des neuen Ehebundcs gefreut, den die so gar nicht zu ewiger Trauer Geborene mit dem Ratsherrn und Schöffen von Antwerpen Joannes Baptista van Broeckhoven geschlossen hat.
Dunkel und leidvoll, aber überstrahlt von dem tiefen, verklärenden Goldton hingebungsvoller Liebe gleich dem warmen, zauberhaften Licht, das je und je ausblitzt aus dem Dunkel Rembrandtscher Bilder — so war das Leben der Hendrikje Stoffels, von der das wundervolle Bildnis im Louvre mit dem schwermutsvollen Blick und den mütterlich gütigen Zügen wohl die ergreifendste Kunde gibt. Es erzählt trotz des von der toten Saskia entliehenen Schmuckes von einer armen Bauernmagd, die statt ihrer Namensunterschrift ein Kreuz malen mußte, und deren Leben ein einziges großes Opfer am Altar selbstvergessener Liebe gewesen. Wie einst Saskia, die Tage des Ruhmes und des Glanzes mit Rembrandt geteilt hatte, so teilt Hendrikje mit dem Manne, dem sie vor der Welt nicht angehören darf, getreulich bitterste Not und Niedrigkeit, trägt um seinetwillen stolz das Brandmal der Schande, das ihr Kirche und selbstgerechte Nachbaren aufdrücken. Und als sie, früh dahinwelkend, ins Grab sank, da lebte ihre unsterbliche Liebesfülle in ihrer Tochter Cornelia fort, der einzigen, die am Totenbett des einsamen Genius trauerte.
Volons bei schöngeistigen Damen umherae un Irrtum. Er leistete dem Großen K
salem wurde, nein, sie ist noch viel, viel älter, denn schon vor unserer Zeitrechnung trank China den köstlichen Trank, den seine Sträucher lieferten, trank ihn mit Behagen und Exklusivität hinter seiner großen Mauer, so daß beinahe ein Jahrtausend verging, ehe er durch ein Löchlein der Mauer nach Japan entwischen konnte. Weitere Fluchtversuche lagen aber offenbar nicht in seiner Absicht, und wenn er auch von der Parole »Asien den Asiaten!" nichts wissen konnte, so blieb er doch im gelben Lande, nährte seine Landsleute und ignorierte Europa.
Doch ach! die europäischen Herren aller Zungen waren immer eine Neugierige und unternehmende Gesellschaft, und ob ihre Schiffe auch nur Nußschalen von etlichen hundert Tonnen waren, so befuhren sie doch bald die großen Meere, entdeckten neue Küsten und brachten neue Schätze aller Art in die Heimat. Da war es auch um die Bodenständigkeit und die gelbe Exklusivität des Tees geschehen, und ob er wollte oder nicht, er mußte sich entschließen, die lang verzögerte Europareise anzutreten. Da berichtet denn im Jahre 1588 der florentinische Jesuit Pietro M a s s e i über ihn und gibt eine ausführliche Beschreibung der Teepflanze. Ums Jahr 1636 herum wird er in Paris eingeführt, wo man ihn — horribile dictu! — zuweilen auch raucht! Dennoch scheint man an der Seine leidliches Verständnis für sein Aroma gehabt zu haben; denn nahezu ein halbes Jahrhundert lang trank man ihn ungemischt, bis ums Jahr 1680 herum die Marquise de Sa l li ö r e auf den dämonischen Gedanken tani, ihn mit Milch zu begießen. Frau von 6 6 t> i g n c erzählt in ihren Briefen über diese epochale Neuerung, wogegen sich ein viel späterer Nachfahre der Gastronomie — Brillat-Savarin — nur karg über Tee und Teebereitung ausläßt. Recht bemerkenswert ist auch, daß England, einer der eifrigsten Teekonsumenten, sein Nationalgetrünk von Frankreich übernahm, aus dem die portugiesische Gemahlin Karls II., Katharina von B r a g a n z a, es mitbrachte, als die Restauration die Stuarts nach England zurückführte.
Wenn man aber glaubt, daß der Tee sich nur in parfümierten Pariser ealons bei schöngeistigen Damen umheraetrieben habe, befindet man sich
»...«in. Mi veiit w t u p c u diurfürften einen Dienst, den
bseser ihm wohl nie vergaß, schwächte einen Feind, der dem Kurfürsten harter zusetzte als irgendein gegnerischer Feldherr oder Vertrag. Dieser Nackende Feind war die Gicht, gegen die ihm erfolgreich der holländische ~‘r3t Buntekoe Tee verschrieb, den dieser Holländer für ein das mciqchljchx Leben verlängerndes Mittel hielt und in einer besonderen ®“)fift anpries. Selbstverständlich fanden sich aber gleich böfe Zungen, 8le behaupteten, Buntekoe fei von der holländischen Kompanie bestochen,
Eine Tasse Tee.
Von Carry Brachvogel.
Eine kleine Anekdote erzählt, daß James Watt, dem wir die Er- sindung der Dampfmaschinen verdanken, zuerst auf die Kraft des Dampfes aufmerksam gemacht wurde, als dieser eigenmächtig den Deckel des Teekessels hob, auf dessen mahnendes Brodeln der tiefversonnene Mann nicht geachtet hatte. Diese Anekdote ist gewiß nichts anderes als eben eine Anekdote; aber es liegt doch ein hübscher Gedanke darin, einen uralten, seinen Aristokraten — den Tee — mit einer neuzeitlichen Erfindung in Zusammenhang zu bringen, wie es ja immer erfreulich anzusehen ist, wenn weit zurückgreifende Tradition den Anschluß an wirtschaftlichen Fortschritt findet. Und die Tradition des Tees ist bereits fo alt, wie Methu-
um den Teeabsatz zu fördern, so daß man also füglich Herrn Dr. Vuntekok als einen der frühesten Reklamechefs betrachten könnte.
Merkwürdigerweise hak der Tee viel mehr Zeit gebraucht als der Kaffee, um sich die europäischen Sympathien zu gewinnen. Geraume ZeÜ galt er vielen als eine Art „Damenmann", über den richtige Männer, so- gar Dichter, spöttelten. Heine, der die Liebe mit einem Flarnrnenpunsch vergleicht, billigt dem Tee ironisch zu:
„Da lob ich mir die stille Wärme der Freundschaft, jedes Seelenweh stillt sie, erquickend die Gedärme wie eine fromme Tasse Tee."
Dieser frommen Tasse stellt nun aber Ibsen in der „Komödie der Liebe" eine bedeutend minder fromme Auffassung des Tees entgegen. Hier hebt der junge Unhand Falk inmitten eines philisterhaften Streifes, der die Liebe mit allerlei Blumen verglichen hat, [eine Teefchale:
„Für Tee und Liebe nehm ich jetzt das Wort! Tee hat fein Heim im fernen Märchenland, Wohin wir auch der Liebe Heim verlegen.
Dem Sohn der Sonne nur ward der Verstand, Das edle Kraut zu warten und zu pflegen.
Und fo ist's mit der Liebe holdem Schein, Ein Tropfen Sonnenblut muß in uns fein, Soll sie in unserer Seele Wurzel schlagen, Dort grünen, wachsen und auch Blüten tragen."
Und weiter:
So sagt ein altes Wort,
Daß auch der Tee den milden Duft verlör' Wenn er den Weg zu uns macht übers Meer. Nein, wandern muß er durch den Wüstensand, Den Zoll erlegen im Kosakenland;
Die stempeln ihn, damit er meiter fahre;
Dann gilt er erst bei uns als echte Ware."
„Muß nicht die Lieb dieselbe Straße ziehn Durch jene Wüstenei des Lebens hin?
£>, sprecht es aus, wie würd' es damit sein, Welch Urteil dieser Welt, wie würd' sie schrein, Wenn einer hier von uns wollt' kühn es wagen, Sie übers Meer der Freiheit hinzutragen! — Wie, sie verlor die Würze der Moral?
Der Duft ist hin, denn sie ist nicht legal!"
Hier merkt man allerdings, daß die „Komödie der Liebe" aus alten Tagen stammt. Der Tee, dieser empfindliche, bezopfte Herr, der früher die Seefahrt schlecht vertrug, hat sich, dank dem vortrefflichen Bau moderner Schisse, die ihn so trocken legen, als wäre er ein Amerikaner, gut an die Meerfahrt gewöhnt, so daß er sich keiner Karawane mehr an- ichließt, sondern behaglich in einem modernen Hafen landet. Und was die Liebe betrifft, und ihre Abstempelung durch die Legalität ... ja, auch hier haben sich Begriffe und Gepflogenheiten merklich gewandelt! Das von Ibsen pathetisch besungene „Meer der Freiheit" ist allmählich zu einem Familienbad und die Nachfrage nach „Würze der Moral" äußerst gering geworden.
Im Laufe der Jahrhunderte und der technischen Entwicklung hat sich der Tee nicht nur an Europa und die Seereise gewöhnt, nein, als gelber Fortschrittler hat er sich gleich ins moderne Leben hineingestürzt und mit raschem Blick begriffen, wo er seinem erfolgreichen Rivalen, dem Kaffee, ein Paroli bieten könnte. Den Five o’clock, den Jour, den Empfangstag großseliger Häuser, hat er sich zum friedlichen Kampfplatz ausgesucht, und hier muß der Kaffee vor ihm die Waffen strecken. Tee läßt sich ja mühelos zu jeder und in kurzer Zeit von Damenhänden im Salon zubereiten, verträgt als Extrakt sogar langes Stehen, während Kaffee erklärt, er habe keine Lust, auf spätkommende oder ab- und zuflutende Gäste zu warten und wenn er stehen müsse, verginge ihm Laune und Aroma. Der Kaffeetisch früherer Tage war die Behaglichkeit, war die Familie, die sich geruhig um ihn versammelte, war wohl auch die berüchtigte „Kaffeeschlacht" der Witzblätter, in der zwischen Kuchengebirgen und Handarbeiten der (lieber noch die!) Nächste kunstgerecht hingerichtet wurde. Der Teetisch dagegen kann wohl ebenso behaglich sein (soweit Welt- und Großstädte eben Behaglichkeit verstehen!) jedoch „Teejchlachten" mit Kuchengebirgen und Handarbeit gibt es nicht. Die Geselligkeit unserer Tag« ist nervöser geworden, als sie ehedem war; man will nicht mehr stundenlang auf demselben Fleck sitzen und den Nächsten zwischen zwei Kuchenstücken meucheln, man willig eilig kommen, eine halbe Stunde, oder eine Stunde bleiben, eine kleine Pikanterie haschen, ein paar kleine Pikanterien aus allen möglichen Gebieten hören oder erzählen, dazu schnell den goldbraunen duftenden Trank trinken, den die Hausfrau immer frisch zubereitet bietet oder zum mindesten bieten kann. Man will sich an keine feste Stunde binden, und der kleine gelbe Herr mit dem Zopf kommt diefem Willen zur Ungebundenheit freundlich entgegen. Denn „der Tee ist der Freund des Menschen", sagt eine der ersten medizinischen Kapazitäten Deutschlands. „Ich habe in meiner langjährigen Praxis nur einen einzigen Patienten gehabt, der von allzu reichlichem Teegenuß Herzbeschwerden bekam, und dieser Mann war eben von Beruf Teekoster." Und vor zweihundert Jahren schrieb der Marburger Professor Dr. W a l d s ch m i e d in einer Abhandlung über den Tee: „Trinket Tee, ihr Damen, daß ihr nicht allzu früh alt werdet; trinket Tee, ihr Herrn Medici, daß an euch nicht wahr werde: indem wir andern aufroarten, werden wir felbften angesteckt und sterben."
Nun, gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, auch das Teekraut nicht! Aber warum an den Tod denken, wenn vom Tee die Rede ist? Wir wollen lieber das Leben bedenken und wieviel Forschungsdrang, Kühnheit, Kraft, Intelligenz und Wille nötig waren, damit, sofern es ihm beliebt, auch der Lappländer den Trank des fernen Märchenlandes schlürfen kann, der einst nur für den chinesischen Kaiser und feine Mandarinen gebraut wurde.


