Ausgabe 
20.10.1928
 
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folgt war,

Glück und

Ich holte meine Dauerwurst heraus, und fraß sie langsam aber stetig aus Ms sie sich am Nachmittag ihrem Ende zuneigte, sah ich keinen Grund, das Abenteuer weiter fortzusetzen, stieg an irgendeiner Station wieder aus, und suhr mit dem nächsten Zug zurück. Am nächsten Abend traf ich wieder auf unserem Gute ein.

Mein Vater war nicht weiter erstaunt und sagte:Siehst du, das ist deine Strafe. Jetzt weiht du, daß es wo anders auch nicht besser ist als hier. Eine sehr unangenehme Wahrheit. Sie bedeutet die Erkenntnis vom Ernst des Lebens, die Erkenntnis von der Unmöglichkeit, sich von irgend etwas mit Vorteil drücken zu können. Von heute ab gehörst du also zur reiferen Jugend. Und das ist schon beinahe so trist, wie zu den Erwachsenen zu gehören."

Der sucht vergebens, der am Ofen hockt, Nur der allein, den Gottes Sonne lockt, Sich zu verschwenden lachend in den Winden, Wird einst das Eiland seiner Seele findenl"

Man ist nie weiser als in der Obertertia.

Die Entscheidung war also da. Freude auf das Unbekannte hob mein Herz Mit Sd)aubern dachte ich daran, daß ich aus Nacys.chtoder Pro­tektion mein Vater kannte den Direktor doch noch hatte versetzt werden können. Die alten Gleise, die alte Tretmühle, deutsche Absätze, Rücksicht auf das Getue der Pauker, erzwungene Lügereien ... nun also, dieser Kelch war vorübergegangen.

Als ich aus der Tür des Gymnasiums trat, erblickte ich meinen Vater. Ehe ich mich drücken konnte, war er auf mich zu, legte feine Hand QUf Jch"wechchßhon Ugd) ^habe den Direktor gesprochen. Du bist sitzenge­blieben' Wamm siehst du denn so blaß aus, du Esel. Ich kann dir ver­raten daß ich auch einmal sitzengeblieben bin. Einem richtigen Jungen ist doch das ganz wurscht. Das holt man doch zehnmal nach. Perm Rennen kommt's nie daraus an, wer beim Start vorne liegt, sondern wer am Ziel gut abschneidet. Dein Ziel ist noch weit mein Junge. Nun, jetzt komm rüber ins Cafe Fahrig, ich habe dir da schon zum Trost ein Stück Apfelkuchen mit Schlagsahne bestellt/

Wie vor den Kopf geschlagen, ging ich mit ihm und verzehrte dumps meinen Apfelkuchen. Die beiden andern warteten letzt am Bahnhof. Ich sand es kläglüh, daß meine Lippen in der weichen Sahne versanken, wahrend meine Freunde unbekannten Wundern, unbekanntem Glanz entgegen- suhren.

Ich fand die Haltung meines Vaters einfach schlapp. Nach meiner Ausfchsung hatte ich glatt und klar väterlichen Zorn zu beanspruchen. Was war das für eine Art, die Generation zu verpantschen und zu ver­manschen! Mein Vater hatte Tyrann zu sein und mir damit das Recht aus Geheimnis, Flucht und eigenes Leben zu geben. Zehn Zir usvorstel- lungen, also eine nicht ermeßbare Summe von Freude, hatte ich darum gegeben, wenn mir mein Vater jetzt eine runtergehauen hatte, so daß ich hätte empört zum Bahnhof flitzen können.

Was suchst du denn eigentlich die ganze Zeit hin und her ... Dort, 3ro<3d) 'töüttette5ben Kopf, außer mir über die profane Deutung meiner seelischen Bedrängnis. Nun war mir nachgerade schon alles egal, und, mit Tränen des Schmerzes über die vereitelte Freude in den Augen, erzählte ich ihm alles herunter, was ich vorgehabt hatte.

Nie habe ich einen Menschen wieder so lachen gesehen. Das Cafe dröhnte. Hinter den Zeitungen tauchten gelbliche, beleidigte Kopfe auf, verschwanden aber wieder, als sie die mächtige Gestalt meines Vaters trb5)ann sah er mich an, und in seinen Augen waren wahrhaftig Tränen:

JugendJugend! So schön ist das nie wiedernie wieder! Spä­testens mit zwanzig Jahren sollte man sich aufhangen. Nachher lang­weilt man sich und die andern, die wirklichen Menschen, die Kinder nur. Ich kann mir schon vorstellen, wie du dich auf die Sache gefreut haben mußt! ... Weiht du, was ich will dir den Spaß nicht verderben reiße ruhig aus. Hier haft du noch zehn Mark verlier aber das Gold­stück nicht du bist jetzt ein vierzehnjähriger Mensch warum sollst du nicht ein bißchen von der Welt sehen. Vielleicht ist das überhaupt bloß Falle daß ich dich hier mit Kuchen traktiere, vielleicht will ich dich bloß sicher machen, um dich dann zu Hause schlecht zu behandeln."

Ich sah mißtrauisch zu ihm auf. Plötzlich begriff ich seine Güte und fing an zu heulen. ...... , . ,

Na," sagte mein Vater,höchste Zeit, daß du dir mal ein bißchen Wind um die Nase rvehen läßt!" A

Er lieh es sich nicht nehmen, mich mit meinem Kosterchen, daß ich bei meinen Großeltern, die in der Nähe des Bahnhofs wohnten, vorher, verstaut hatte, und in bas er noch eine Dauerwurst steckte, zu begleiten. Dieme beiben Reifegenoffen erschienen nicht. Boltenstein, ber Streber, war, wie sich später herausstellte, versetzt worben, unb Tacke hatte sich am kritischen Tage krank ins Bett gelegt, so daß sich der Zorn des alten Herrn nicht auswirken konnte. ,

Ich mutzte also allein losfahren, mein Vater bestand absolut darauf. Er verlangte auch, daß ich mindestens solange fortzubleiben hätte, wie die Dauerwurst reiche. Aus einem Kupeesenster vierter Klasse winkte ich noch lange. , ,

Die Verfassung, in der ich mich befand, war mcht sehr beneidenswert. Mein Vater hatte mir den Wind völlig aus allen Segeln genommen. Je länger der Zug fuhr, desto unheimlicher wurden mir die Mitreisenden und die Landschaft. Melancholische Verse fielen mir ein:

Schöne Heimat,

Dich muß ich lassen, Dich muß ich lieben, Doch immerbar ...

Puntel und lockend, süß anschwellend und jäh verstimmend ist die Weise die dem reizvollsten unb rätselhaftesten Frauenblldnis, die ß e o > narb o s Mona Lisa entquillt. Mit heißerer Sehnsucht ward wohl nie­mals dem Geheimnis eines anderen Bildes nachgeforscht als dem, bas sich hinter biesem sphinxhaften Lächeln, hinter den schweren, muben Auqenlibern unb ben lässig ruhenben, schlanken Frauenhanben ber schonen Neapolitanerin birgt. Doch bie Tochter des Antonio Maria di Nolbo Gherardini, bie dem viel älteren, angesehenen Edelmann Francesco bei Giocondo als britte Gattin aus ihrer Sonnenheimat nach Florenz ge-

schweigt, ihrer nachgeborenen Bewunoerer spottenb, von bern uHuct und Leib ihrer Jugend und ihrer Ehe, der auch der herbe Mutter­schmerz um ein früh entrissenes Töchterchen nicht fremd geblieben ist, schweigt von den vier langen Jahren, durchzittert von nur dunkel er­ahntem Geschehen, da Leonardo nachschaffend mit dem Rätsel ihrer Zuge rang Dichtung und Legendenbildung haben ihre buntesten Ranken um bie[e' Frauengestalt gewoben, die nach Hofmannsthals wunder- vollen Versen inTor und Tod" dem Fragenden nicht mehr vom Leben verrät, als fragend er selbst hineinzulegen vermag.

Ist es die gleiche Lust an Ratselspiel und Irreführung, die das an­mutsvolle Profilköpfchen der Maria BiancaS f o r z a von A m - droaio de Predis lange Zeit zu einer Beatrice d Eft^, der Gattin des Lodovico Moro, und zu einem Werke Leonardos gemacht hat? Dem eigenwilligen Zug um bie fein geschwungenen Lippen ber auch mit zeit­genössischen Schilberungen ihres Charakters uberemstimmt, dem kecken Röschen möchte man es wohl zutrauen, dah es dieser Sforza Freude be­reitet'hat, die Nachwelt zu täuschen. Aber die Lust an Scherz und Spott, bie heitere Lebensfreube sollten halb in liebeleerer Ehe erloschen. Als sie von Mailanb schieb, bas noch heute ihr Bilbnis bewahrt, schieb sie von ihrem Glück. Jenseits ber Alpen erwartete sie em nur aus politischen Erwägungen geschlossenes Ehebünbnis mit Kaiser Maximilian I. Was diefer letzte Ritter" an Romantik und Liebe einer Frau, zum minde­sten seiner Frau, zu geben vermochte, das scheint er in (einer ersten, poesieumflossenen Ehe mit Maria von Burgund erschöpft S» haben Als Maria Bianca mitten im Winter über die Alpen gezogen war ba ß ber ungalante Gatte die junge, ihm burch Vertretung angetraute Fran monatelang harren, ehe er sich entschloß, selbst zur Vermahlung nach Tirol zu kommen. Fremb und unverstanden ging Bianca Sforza durchs Leben, so wie sie selbst die Sprache ihrer neuen Heimat nicht verstand. Vernachlässigt, beiseite geschoben als bie Kinderlose, durch bie ewigen Gelbnöcke bes Kaisers rücksichtslos in bie unwürbigsten Situationen ver- strickt so warb biefe Königin ber Armut zu einer Königin bes Grams.

Und die gleiche trübe Mär von einer Trauernden auf einem der glanzvollsten Throne Europas erzählt das stolze Reiterbildnis der Königin Isabella von Spanien der Gemahlin Philipps IV;. t,on des Valesguez Meisterhand gebildet Einer strahlenden Märchen, tönigin gleich reitet sie auf weißem Zelter durch die Landschaft sie in Wahrheit die Unfreieste in ihrem Lande. Denn einer Gefangenen gleich umlauert und beschrankt der allmächtige Minister Olivarez lebe, fr Schritte, und wie die döse Hexe des Märchens steht neben der schonen Königin die bucklige Gräfin Olivarez, ihre Camarera mayor n ^m lichkeit aber ihre Kerkermeisterin, die ihr mit niedrigsten Mittlerinn fünften das unbeständige Herz des Königs entfremdete. Schweigend und duldend trug Isabella von Bourdon, deren Liebreiz die rornan sch-, M dem Leben bezahlte Leidenschaft des Grafen 93.Ilameb.ana entfesselt hatte, alle Kränkungen unb Vernachlässigungen, bis ihre Stunbegeko ime war, bis sie in den Tagen ber bittersten Not Spaniens als fteltver tretenbe Regentin höchsten Mut unb weiseste Tatkraft bewahren nn , die sie zum Abgott aller Stände machten und ihr die Liebe des K°n^ zurückeroberten. Doch ihre Lebenskraft war gebrochen: ,ah sank sie m

Alle Bilder erzählen ...

Berühmte Arauenporkräks und ihre Modelle.

Von Dr. Hedwig Fischmann.

Seife traumhaft verwehte Töne, wie aus den liefen längst ver- unkener Tage sich emporringend in eine andere Welt, klingel aus jetzt Ügen sie sich zögernd zu Wort und Sinn und Geschehen unb bas Bild beginnt zu erzählen. So warb bie Kunde bern, ber mit fchonheits- gläubigenklugen vor jenen Meisterwerken gestanben, m benen ein Gro­ßer im Reich der Kunst in begnabeten Schopferstunben eines Weibes Gestalt von bern Fluch der Vergänglichkeit erlöst hat. lind sie erzählen von ragenden Daseinshöhen, auf denen diese Frauen lächelnd und sieg, reich gewandelt sind, von schweren, steinigen Lebenspfaden, von heißem Begehren und seliger Erfüllung, von müdem Entsagen und unsichtbaren Dornenkronen auf stolz erhobenen Stirnen. Vieltomg wie des Lebens uraltes und ewig neues Sieb finb die Frauenschicksale, von denen sie

Ein richtiges, wahrhaft phantastisches Märchen mit Ein "et gleichen Aufstieg aus Armut und Niedrigkeit zu «'ner unbeichrann^ wenn auch ungekrönten Königin, das ist die ^bensgefchichte der le Jeanne Antoniette Poiffon, der allmächtigen^Marquise von P pabour, wie sie Bouckers von Selbe unb Ruschen lni|ie Bildnis, nur nicht in schlichtem Märchenton, sondern m der^kapnz^ raffinierten Welse der Rokokokunft erzählt. Doch um bie zie ) .' 9 Stöckelschuhchen gleißt und schimmert es wie ein blutroter SJ)« benb von nahenden Tagen des Schreckens, die den Festestau Königin der Freude gar bald ab lösen sollten. h .nns ist di«

Wärmer und inniger aber, von Herzen zu Herzen i n[t|

Sprache jener Bildnisse, bei denen die Siebe des Malers J JLffen wenn er die Züge der Mutter, der Gattin, der ©ehebten Orcr5 unb aus ber Tiefe eigenen Empfinbens ausgebeutet yai, bjt(ere Mutter! Ein strenges Helbenlied berichtet von Kämpfen 9 » Lebensnot, gegenKrankheit, große Armut, $erfpottung, 9 y hurd)litkn, Schrecken unb große Widerwärtigkeit", die Barbara Dur «ur(jw auf hat. Verfchrumpfte Züge, in die das Leben erbannungsl , ,jjr Furche gezogen, Augen, die müde vom erschauten Leib, 1 r