Ausgabe 
20.3.1928
 
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Sterne im Lichtnebel.

Von Henrik Ibsen.

Just unter der Kometfahrt, die in Hast Ich machte, um die Heimat zu erreichen, Wies unverhofft bei Andromedas Zeichen Im Weltenraume sich ein fremder Gast.

Der rat die Botschaft unserer Erde kund: Daß draußen in der hochzeitsstillen Ferne Das Chaos sich geformt zu einem Sterne, Als das Gesetz der Sammlung rings erstund.

Ein andres Chaos fand ich noch ringsum: Geteilte Willen auf zerstreuten Wegen Und ohne Drang, auf gleichen Bahnen stumm Um einen Mittelpunkt sich zu bewegen.

Doch als ich wieder stand in stiller Ferne, Da mußt' ich des gedenken, was geschehn. Erwägen mußt' ich, was ich selbst gesehn: Lichtnebel, die sich bildeten zum Sterne. Lichtnebel sind auch hier im Nord zu finden, Die sich chaotisch wild im Raume drehn.

Sind sie vielleicht ein Sternbild im Entstehn, Laut jenem Weltgesetz, sich zu verbinden?

Ibsenein Erlebnis der Deutschen.

Von DE Paul Landau.

,Zn Deutschland ist Ibsen gelesen, gespielt und studiert worden wie ein eingeborener Dichter, hoher geschätzt worden als ein eingeborener: was das jüngere Geschlecht von ihm gelernt hat, läßt sich nicht ermessen, o schreibt Georg Brandes in seinem Nekrolog und erklärt seine Macht über die deutschen Geister daraus,daß er zugleich Individualist und Sozialist genannt werden kann." Tatsächlich ist wohl seit Shakespeare kein ausländischer Poet so völlig in unserm Schrifttum heimisch geworden wie der große, ebenfalls einer stammverwandten Rasse angehörende Nor­weger; bei Ibsen kommt noch hinzu, daß er deutsches Blut in den Adern hatte, lange, für seine Entwicklung entscheidende Jahre in Deutschland verbrachte und soviel Deutsch konnte, um die Uebertragung feiner Dich­tungen selbst zu überwachen. Recht hat aber Brandes auch, wenn er als das Entscheidende seiner Wirkung sein gesellschaftskritisches Programm, den Inhalt seiner Werke, hervorhebt, denn das eigentlich Künstlerische wäre wohl, zumal in der Abschwächung durch das fremde Gewand, nicht stark genug gewesen, um die große Masse mit fortzureißen. Jedenfalls ist das Ibsenjche Drama um die Jahrhundertwende ein entscheidendes deut- Kes Erlebnis geworden, ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur, wie

!6 soeben Marianne Thalmann in einem BuchHenrik Ibsen, ein Erlebnis der Deutschen" in tiefschürfender Analyse dargestellt hat.

Henrik Ibsens Name war bis vor kurzem außerhalb Skandinaviens völlig unbekannt" schrieb Adolf Strodtmann 1873 in seinem Buch Das geistige Leben in Dänemark", und ein seltsamer Unstern hat cs gefügt, daß das deutsche Publikum zuerst von ihm durch eine Notiz in der ZeitschriftIm Neuen Reich" hörte, die ihn auf Grund einiger Verse des Hasses und Undankes gegen Deutschland anklagte, wo er doch ein gastliches Asyl gefunden." Als Gegner der Gewaltpolitik und Verteidiger der verletzten dänischen Rechte ist Ibsen so zuerst den Deutschen erschienen, aber dieses politische Element seiner Gedichte trat bald zurück. Strodt­mann, der auch die ersten guten Uebersetzungen Jbsenscher Dramen, der Kronprätendenten" und desBundes der Jugend" geschaffen, gab eine warmherzige Darstellung seiner Jugenddichtung und sprach di« prophe- stschen Worte:Die Zeit kann nicht mehr fern sein, da der Ruhm des Dichters über die fernsten Länder erschallen wird." Ibsen lebte damals in Dresden, wo unter starkem Einfluß des deutschen GeisteslebensKaiser und Galiläer" entstand; er zog dann nach München und war 23 Jahre unser Heimatgenosse. Als Dichter erschien er damals den wenigen Deut­schen, die für ihn eintraten, wie ein Nachfahr unserer Romantik und Hebbels, und als man 1876 zuerst in München und dann an der Wiener Burg dieNordische Heerfahrt" und durch die Meininger in Berlin dieKronprätendenten" ausführte, da waren das eben historische Dramen mit prächtiger Ausstattung,, wie man sie damals liebte.

Ibsen aber hatte sich unterdessen dem Gesellschaftsdrama zugewendet. 1878 erfolgte die Uraufführung derStützen der Gesellschaft" in Berlin, und der damalige maßgebende Kritiker der Reichshauptstadt, Karl F r e n- zel, gestand widerwillig zu, daß Ibsen ein Dichter sei, aber kein Dramatiker! Einer der Hauptvorkämpfer des Dichters, Paul Schlen- ther, aber bekannte später, daß in ihm und in vielen seiner Alters- lenossenunter dem Einfluß dieser modernen Wirklichkeitsdichtung die- enige Gcschmackslinie entstand, die fürs Leben entschieden hat". Damals ingen die Stücke Ibsens an, in guter Uebertragung bei Reclam zu er- iheinen, und der Dichter hat selbst erklärt, wie viel er diesen billigen Testen für das Bekanntwerden feiner Werke verdankte. Hatte man die »Stützen" doch noch mehr als ein Stück im Geiste der französischen Salondramatik aufgenommen, so wurdeNora" zur Brandfackel eines Umstürzlers und brachte seinen Namen in aller Munde. Man begann, sich eingehender mit diesemZerbrecher der alten Tafeln" zu beschäftigen; doch -umLiteraturpapst", zum Herold einer neuen, der naturalistischen Kunst wurde er durch die junge Dichterbewegung erhoben. Von dem Münchener Ibsen-Kreis ging dieser Vorstoß aus mit der erstenGespenster"-Auf- luhrung in Augsburg 1885, die nur vor geladenem Publikum stattfinden durste, und er wurde ausgenommen von den Berliner Revolutionären, m !?te.r dieFreie Bühne" gründeten. Die ersten Aufführungen des »Volksfeindes", vonRosmersholm", besonders aber derGespenster" w Berlin wurden zu Ereignissen, die europäische Bedeutung gewannen, Se'cn auch empörte Schmähungen hervor, wie etwa die Kritik Nskar «fnmenthals über dieGespenster".

Alles Fortschrittliche und 'Moderne bekannte sich nun zu dem kühnen Neuerer, der mit Zola und T o l st o i das höchst ungleichartige Drei­gestirn bildete, das der jungen deutschen Dichtung leuchtete. Don Ibsens Bühnenwerken ging ein neuer totil der Schauspielkunst aus, eine natür­liche Darstellung mit feinster Seelenmalerei, von großen Persönlichkeiten, wie Mitterwurzer und Emanuel Reicher, begründet, dann vor allem von Otto B r a h m, dem treusten Schildknappen des Meisters, gepflegt; eine neue Form der Regie, die nüchtern und kühl, aber pointiert und effektvoll war wie seine Kunst. Die deutschen Dichter gerieten unter den Bann des nordischen Zauberers, besonders der größte unter ihnen, Gerhart Hauptmann, der seit denEinsamen Menschen" Ibsens Technik und Psychologie unendlich viel zu verdanken hat. Ibsens Schaffen wird nun in gelehrten Werken und Universitütsvorlesungen behandelt; es wird nachgeahmt und parodiert, es wird zum Allgemeingut der Gebildeten. Seine neuerscheinenden Dramen, wieBaumeister Solneß" (1893),Klein Eyolf" (1895),John Gabriel Borkmann" (1897), Haden große Bühnen­erfolge. An seinem 70. Geburtstag huldigt ihm die ganze zivilisierte Welt, Deutschland voran; als bedeutendste Gabe wird ihm der erste Band einer monumentalen deutschen Gesamtausgabe dargebracht, herausgegeben von Julius Elias und S ch l e n t h e r, in deren Uebertragungen der nor­dische Text alsdeutsche Originaldichtung" wirken soll. Hatten schon vor­her tüchtige Uebersetzer sich in Ibsens Dienst gestellt, so schuf hier Christiän Morgenstern, in enger Zusammenarbeit mit dem Dichter, in der Eindeutschung vieler Gedichte, desBrand" und desPeer Gyni" Vollendetes. Diese Ausgabe fand 1904 mit dem 10., die Briefe enthalten­den Band ihren Abschluß; sie ist das bleibende Denkmal von Ibsens Ein­zug in die deutsche Literatur.

' 1906 starb der Dichter. 1907 erschien eine billige Volksausgabe feiner Werke; aber mit dem Tode begann auch das Nachlaßen feiner Wirkung. Die Prophezeiuna I. V. Widmanns:Dieser Eine, der das 19. Jahr- bundert mit feinem Geist erfüllte wie kein anderer gleich ihm. wird auch der strahlendste Stern des 20. bleiben", erwies sich als falsch. Während Neuromantik und Symbolismus in feiner Kunst noch viele verwandte Züge entdeckten, kehrte sich der nun aufstrebende Expressionismus schroff von ihm ab. Wedekind, der doch das Lehrhafte und Doktrinäre mit ihm gemein halte, verdammte das Spießbürgerliche und Enge feiner Lebensschilderung, das Verstandesmäßige und Nüchtern« das Seelen­los-Mechanische in der Technik. Nun wandte man sich wieder feinen Jugendwerken zu, und besonders die abgründige-unergründliche Peer- Gynt-Dichtung wurde ein großer Theatererfow, wirkte auf die Besten unter den Jungen der Nachkriegszeit, so auf Ersel. Das Problemdrama des alten Ibsen gilt heute für tot, für daskünstlerische Amen des über­lasteten Bürgertums", wie es Marianne Thalmann ausdrückt, für die Abrechnung mit einer ausgelebten Kultur in einer überfeinerten, deka­denten Ausdrucksform. Aberdie Toten reiten schnell", und vielleicht wird auch dieser tote Ibsen noch einmal auferstehen und sich als höchst lebendig erweifen.

Gespenster"-Premiere.

Von Franz W a 11 n e r d. Ä.

Oktober 1886. Abendvorstellung im Berliner Residenz-Theater. Mein Direktionskollege Anton Anno war wohl etwas verwundert, als ich ihm ohne viele Worte, doch mit Dringlichkeit ein rosa Reclambändchen in die Hand drückte und sogleich wieder verschwand. Aber schon nach kurzer Zeit lieh er mich bitten, die Bühnenregie wir spielten Condi- netsGroßstädter" für ihn zu übernehmen. Ich wußte: er las!

Am Schluß der Vorstellung waren mir einig im Enthusiasmus über Ibsen und fein Werk:Gespenster", ein Familiendrama in drei Aus­zügen. Wir blieben diese Nacht noch lange beisammen und beratschlagten. Eine, unserer Ansicht nach vortreffliche Besetzung konnten wir ins Feld führen. Charlotte Frohn, Emanuel Reicher, Würzburg, Helen« S ch ü 1 e sie deckt alle fchon der grüne Rasen nur für die Rolle des Oswald, die so eigenartig, daß wir keinen Darsteller dafür zu nennen wußten. Einzig und allein Josef Kainz. Ich machte mich anheischig, ihn aufzusuchen und zu überreden.

Aber da kam ich schön an. Aus dem Munde des Unvergessenen mußte ich erfahren, daß wir Anno und ich uns bitter getäuscht hatten:Ihr werdet schon nach dem ersten Aktschluß einen Heiterkeits­erfolg haben, einer besseren Sache würdig" das waren seine Worte. Nichts konnte ihn überreden er lehnte ab.

Enttäuscht berichtete ich Anno wir sahen eine Weile recht bedrückt und sahen schon alle schönen Pläne zuschanden werden. Da schlug Anno plötzlich auf den Tisch:Jetzt hab ich's," rief er,weiht du, wer den Oswald spielen wird?"

Also?" fragte ich gespannt und zu neuer Hoffnung erwachend.

Du!"

Nun war ich aber gar nicht zu unpassenden Neckereien aufgelegt und machte daraus auch keinen Hehl, bis ich zu meinem grenzenlosen Er­staunen merken mußte: er meinte es ernst!

Schließlich, ich hatte wohl schon des öfteren auf der Buhne mit pathologischen Charakteren einigen Erfolg; aber ein Darstellungsproblem wie dieser Oswald? t

Ja, wenn Begeisterung ausgereicht hatte! Indes, Anno blieb dabei: wir schaffen es! .

Und so gings an die Vorarbeit. Nächte opferten wir Anno, Char­lotte Frohn und ich wie oft sank mir der Mut im Bewuhtsein der Tragweite meines Unterfangens, wie viele Tränen vergoß die Frohn, ehe sie den Ton ihrem Regisseur und Gatten zu dank traf!

Endlich konnten die Bühnenproben beginnen. Als einzigen hatte ich Paul Schlenther, das Haupt der im Entstehen begriffenen Jbfen- Gemeinde, ins Vertrauen gezogen. Er schrieb mir daraus:Das also ist des Pudels Kern! Plaudite! Plaudite! Jedenfalls bestelle ich schon heute zwölf Plätze nahe Parkett für unsere Gemeinde."

Schlenther, Otto Br ahm und der Unioerfitötsprofeffor Julius Hossory ein Däne waren uns treue Berater.