Ausgabe 
20.3.1928
 
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Es kam die Aufführung, welche dieZensur" die es eigentlich nicht gab nur für eine einmalige Mittagsvorstellung gestattete.

Ibsen hatte sich schon zur Generalprobe angemeldet, die vor einem kleinen Kreise von Schauspielern, Kritikern, intimen Freunden des Theaters, die zur Borstellung keinen Platz bekommen konnten, stattfand.

Ueber die Vorstellung selbst will ich mich hier nicht weiter äußern; sie ist nicht nur durch Wort und Schrift noch bekannt, sondern es leben heute noch etliche, die ihr beigewohnt: Die unverwüstlichen Freunde 3. Kaftan, I. Landau, Franz U l l st e i n und Theodor Wolff, Neumann-Hofer, Sudermann, Gerhart Hauptmann wer noch? Alle die Charakterköpfe, welche das damalige literarische und künstlerische Berlin bedeuteten: Spielhagen, Begas, Karl Fren­ze!, Dernburg, Lindau, Hopfen, Stinde, Ludw. Pietsch, S t e t t e n h e i m alle, alle hatte das Ereignis angelockt ein Par­terre von Königen des Geistes.

Ich habe ähnliches nicht wieder erlebt.

Nachdem der Vorhang zum ersten Male gefallen, herrschte sehr ent­gegen der Ansicht Kainzens einige Sekunden tiefste Stille, alles war im Vanne der mächtigen Dichtung, dann aber brach ein Sturm, ein Orkan los widerspruchslos einstimmig wurde der Dichter hervorge­jubelt und willig, siegestrunken und wie in einem Rausch ließ er sich oftmals an dis Rampe ziehen, während ihm die Hellen Freudentränen über die Wangen liefen ... Ich werde diesen Augenblick nie vergessen!

Lindau, Hopsen, Stinde kamen in der kurzen Pause auf die Bühne, beglückwünschten Autor, Direktor und Schauspieler.

Heute kann ich es wohl sagen: die intime Wirkung des Annoschen Zusammenspiels, das Schlenther, der berühmte Kritiker derRassischen" alsungemein zart und vornehm" pries, ist nachmals kaum mehr über­troffen worden.

Gleichfalls widerspruchslos wurde der zweite Akt ausgenommen, nur zum Schluß regten sich einigeSchönheits"fanatiker und versuchten Opposition zu machen, wurden aber von dem Jubel des Erfolges übertönt.

Mit dieser Tat," schrieb später Otto Br ahm,sprang die Pforte zur deutschen Moderne aus!"

Ibsens Köchin.

Eine von A bis Z wahre Geschichte.

Von Larry Brachvogel.

Es ist kein Märchen, das ich erzählen will, und keine Gestalt der Phantasie und Aufschneiderei soll vor den erstaunten Leser hintreten, sondern die strenae Frau, die sieben Jahre lang Ibsens Küche beherrschte. Sieben Jahre lang genau so lang wie der Erzvater um Rahel diente hat sie für ihn gesotten, gebraten, gedämpft, geröstet, aus schwimmen­dem Swmalz, sowie aus der Pfanne oder auch in der Röhre gebacken, hat ihm dis Früchte des Feldes und die Tiere des Waldes zum schmackhaften Opfer zubereitet, so daß nimmermehr ein miserables Mittagessen ihm Laune und Schöpsungskraft verdarb. O, ihr Dichter der alten, und ganz besonders der neuen Zeit, wer von euch kann sich rühmen, solch über­menschliche Weibesliebe empfangen zu haben?

In München geschah es, daß Mino jene bedeutungsvollen Beziehungen anknüpfte, die sie jahrelang mit dem Hause des großen Dichters ver­binden sollten. Als ich Mina kennenlernte, waren jene bedeutungsvollen Beziehungen schon gelöst und es märe mir ein leichtes zu renommieren, daß ich Mina direkt aus feinen Händen empfing. Da aber diese Auf­zeichnungen der strengen Wahrheit entsprechen sollen, muß ich gleich bekennen, daß eine engere Verbindung, eine gemeinsame Häuslichkeit zwischen mir und Mina nie zustande kam, ja, nie ins Äuge gefaßt wor­den war. Immerhin kennte ich sie genügend kennen, um jenen Teil ihres dramatischen Schicksals klarzulegen, der am deutlichsten Jbsensche Ein­flüsse verrät, der am zwingendsten erweist, wie in diesem schlichten Mäd­chen aus dem Volke des Dichters Gebote und Träume in Fleisch und Blut übergegangen waren.

Als ich Mina kennenlernte, hatte sie schon das Ideal aller dienst­baren Geister erreicht; sie war Haushälterin bei einem Junggesellen, und zwar bei einem jungen Arzt mit der harmlosen Spezialität von Ohren-, Nasen- und Rachenkrankheiten. Er verkehrte seit Jahren in meinem Hause und daher wußte ich, daß er dazu vorbestimmt war, von einer Frau, das heißt von seiner Frau verwöhnt, bemuttert, und auch ein wenig pan- tosfelt zu werden. Erstaunlich war, wie schnell Mina die Psychologie ihres Herrn und Gebieters erfaßt hatte ich bin überzeugt, daß die Lektüre vonN o r a" ihr dabei wesentliche Dienste geleistet hat. Bald war der Doktor für siedas Eichkätzchen", das immer munter, liebens­würdig, sorglos zu fein hatte, indes Mina mit eiserner Rute, das Haus, das heißt die Parterrewohnung, regierte. Hausmeister, Wäscherinnen, so­wie das Gesinde, sämtliche übrigen Mietsparteien zitterten vor ihrem Herrscherblick, und vermutlich tat dies im stillen auchEichkätzchen" Dok­tor, der übrigens in seiner Jugend eine Entschuldigung fand für seine furchtsame Hingebung. Er war nämlich um reichlich zehn Jahre jünger als Mina, die konsequent, wie es in ihrer überragenden Natur lag, an der Schwelle der vierzig stehen blieb. Wenn aber auch ihre eine Hand di 'Aeifsrne Rute hielt, so kochte dafür die andere tadellos, hob Mina über das Matz durchschnittlicher Köchinen hinaus. Doch sorgte sie nicht nur für das leiblich«, sondern auch für das geistige Wohl ihres Eichkätzchens, indem sie ihm zeitweise Küchenerinnerungen aus dem Hause Ibsen vorsetzte. Eine davon ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: der Dichter liebte es, das Rindfleisch dick mit Sens zu bestreuen. Jawohl, zu bestreuen, denn er bediente sich zu dieser absonderlichen Handlung nicht etwa angerührten Senfs, sondern trockenen englischen Sensputvers! An dem geistigen Schaffen des Dichters scheint Mina dagegen keinen Anteil genommen zu haben so sehr ich mich auch besinne, fällt mir nichts von Mitarbeit oder Inspiration ein.

Es widerstrebt mir im allgemeinen, bedeutende Frauen auf ihr Aeußeres hin zu kontrollieren, dennoch möchte ich mit ein paar Worten der Seelenhülle Minas gedenken. Sie war eine kleine Blondine, deren ragende Lippen rhetorische Eigenschaften verrieten, und die einst zu Ibsens Zeit Plattfüße gehabt hatte. Ein chirurgischer Kollege und Freund Eichkätzchens hatte sie aber von diesem Fehler befreit, so daß auf Eichkätzchens Nacken ein wohlgesormter Fuß ruhte.

Zu Anfang war mein Verhältnis zu Mina ein harmonisches: wir achteten einander und tauschten Kochrezepte. Später kam ein Mißton in den Wohlklang unserer Seelen und Kasserollen und Mina warf Hatz auf mich: ein Vanillehörnchen, ein einziges, kleines Vanillehörnchen (Re­zept:Vanillehörnchen ohne Ei") war zwischen sie und mich getreten, denn ich nahm mir die Mühe, diese Hörnchen in einem zierlichen Mi­niaturformat herzustellen, während die großzügige Natur Minas Hörn­chen formte, auf denen sogar eine Weltanschauung Platz gehabt hätte. Das Doktor-Eichkätzchen, das gleich vielen Junggesellen den Ehrgeiz der besten Küche" hatte, und dem die Kleinheit meiner Hörnchen gewiß schlaflose Stunden bereitete, nahm einmal, da Mina sich durchaus nicht entschließen wollte, Kleinhörnchen zu backen, eines meiner Duodez-Er­zeugnisse zum Muster für sie und bildete sich ein, daß Mina daraus di» erforderlichen Konsequenzen ziehen würde. Sie zog auch, aber am falschen Strang. Mit wahrem Trollenlächeln erklärte sie dem bestürzten Eich­kätzchen nämlich, daß das Format der Hörnchen mit dem jeweiligen Herd in Zusammenhang stünde, und der Doktor schwieg resigniert, da er doch nicht Lust hatte,' wegenVanillehörnchen ohne Ei" einen neuen Herd setzen zu lassen. Seit jenem Tage aber stand Feindseligkeit in ihrem Auge, wenn ich kam und ich glaube, auch der Doktor büßte an ihrer Liebe und Achtung ein.

An dersittlichen Forderung" im buchstäblichen Sinn sollte dann das Puppenheim zugrunde gehen, in dem Mina sich jahrelang an ihrem Singvögelchen" erfreut hatte. Für ängstliche Gemüter füge ich aber gleich bei, daß nichts, absolut nichts geschah, was Minas, oder Eich­kätzchens Ruf im leisesten hätte trüben können. Das Verhängnis kam nur aus Minas Phantasie, die offenbar von dem großen Skandinavier ge­lernt hatte, wie man aus dem Alltagsleben die tiefen und grausigen Probleme hervorholt. Und wie in einem richtigen Ibsen-Drama fing alles mit scheinbarer Harmonie an.

Da war in unserem Kreis eine hübsche, mollige, lustige, geistig nicht übermäßig ausftaffierte Witwe, mit der Eichkätzchen, ein junger Maler und ich eines Tages eine Landpartie machten. Als wir abends müde, aber immer noch sehr lustig heimkehrten, lud der Doktor uns ein, doch ä la fortune du Pot bei ihm zu Abend zu essen. Ich bestaunte im stillen seinen Mut, denn ich wußte, daß auf la fortune du Pot fast allemal le malheur du lendemain folgt, sintemal Köchinnen, Wirtschaf, terinnen usw. eine unüberwindliche Abneigung gegen Improvisationen hegen. Der Racheakt Minas aber grenzte ansWunderbare".

Zunächst freilich täuschte sie uns durch ein gütiges Lächeln und kulinarische Impromptus, die Beachtung verdienten. Dann ging sie zu Bett, denn der Doktor pflegte stets eigenhändig das Haustor auszu­sperren, um seine Gäste zu entlassen, ein Höflichkeitsakt, der ihm kaum Mühe machte, weil er ja zu ebener Erde wohnte. Nach Minas letztem Auftritt setzte sich der Maler ans Klavier, die lustige Witwe streckte sich auf der Ottomane und ließ sich vom Doktor eine Decke Über die Füße breiten, was sie schon aus Eitelkeit besser unterlassen hätte, denn sie trug Kalblederne Nr. 43. Wir lauschten der schönen Musik, die vom Klavier erklang, schwatzten dazwischen auch zu Vieren, tränten Likör und als wir lang vor Mitternacht das Haus verließen, ahnten wir nicht, welch fin« steren Mächten wir das arme Eichkätzchen überlassen hatten.

Was sich in jener Nacht oder auch in den Frühstunden des nächsten Tages zwischen ihm und Mina zutrug, haben wir nie genau erfahren, aber als die Sonne so hoch gestiegen war, daß man Besuche machen und empfangen konnte, stand Eichkätzchen bleich und erschüttert vor mir: Mina hat mir heute den Dienst gekündigt. Sie kann nicht länger in so einem Haus bleiben."

Eine erfahrene Hausfrau fragt ja nie, wasin so einem Haus" be­sagen will, denn die Antwort oder Erklärung wäre ein gesprochener Un- gezogenheitenkübel, der ihr über den Kopf geschüttet wird. Der Doktor aber mit dem zwiefachen Forschertrieb des Mannes und des Naturwissem schaftlers hatte gefragt, und was er da zu hören bekommen, ließ sich nur mit den Worten erklären:O, welch edler Geist ist hier zerstört!"

Die Ausschweifungen von Minas Phantasie waren ungeheuerlich und gipfelten in der wild-romantischen Behauptung, daß beim Morgengrauen die lustige Witwe aus dem Fenster in den Vorgarten gesprungen sei! Vergebliche Mühe, Mina davon zu überzeugen, daß selbst unter den verfänglichsten Voraussetzungen Großstadttnenschen sich bequemer durch di« Haustüre als durch das Fenster einer Parterrewohnung zu ent­fernen pflegen die springende Witwe blieb der springende Punkt m Minas Anklage und Kündigung. Der Doktor war eben nicht mehrder frohe Adelsmensch", für den sie ihn gehalten hatte. Er, der soeben ein« Decke über Kalblederne Nr. 43 gebreitet hatte, ermangelte derReinheit, die Mina forderte oder (vermutlich!) nur auf ihrem Altar geopfert sehen wollte und so verlieh sie ihr Eichkätzchen,weil sie jahrelang mit einem fremden Mann unter einem Dach zusammengelebt hatte". Das S, ganz so friedlich ging es nicht ab, denn sie schimpfte noch tüchtig larisch woraus der erfreuliche Schluß zu ziehen war, daß das Skandinavische das Bodenständige nicht zu ertöten vermocht hatte.

Das ist die Geschichte von Ibsens Köchin, die ich all seinen Bio­graphen und Kommentatoren gerne zur Verfügung stelle. Was aus Mm« geworden ist, weiß ich allerdings nicht aber vielleicht gibt einmal eine Dissertationsschrift darüber Ausschluß.

Eichkätzchen aber ist inzwischen Hofrat und eine Kapazität in seinem Fach geworden, so daß Minas Tagebuch (sofern sie eines führt) ziehungen zu einer zweiten Berühmtheit verzeichnen darf .

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitäK-Buch- und ©tetniiruderel, D. Lange,